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35. SSW

Wieder eine Woche weiter. Inzwischen weckt mich Krümels Strampelei fast jede Nacht. Dazu wach ich garantiert immer noch einmal auf, weil mein linkes Ohr nach einer Weile drauf schlafen tierisch schmerzt… Am Anfang der SS und bei Johanna hatte ich das auch. Nervt ziemlich. Zum Glück schläft Johanna ja gut in letzter Zeit, aber zu wenig Schlaf krieg ich trotzdem. Gestern hat’s dann unsere sämtlichen Gäste außer meinen Papa und Tim mit Brechdurchfall hingehauen. Im ganzen Haus lagen die Sterbenskranken herum. Mein Papa und ich waren die Einzigen, die noch auf den Beinen waren. Johanna war halbwegs fit, hatte aber auch Durchfall. Sie hat auch brav jedes Mal Bescheid gesagt, so daß nur ein paar feuchte Pupse in der Hose landeten. Aber anstrengend war’s so und so. Heute sind die meisten zum Glück wieder fit und ich hab ganz gut Schlaf nachgeholt, weil Tim Johanna früh nehmen konnte.
Ich hab mal wieder vom Baby geträumt. Daß ich Wehen kriegte, aber keinen Platz fand, an dem ich mich genug entspannen konnte und die Wehen wieder weggingen. Irgendwie brach gerade Krieg aus da. Dann träumte ich, Baby war da und ich hab immer sehr deutlich gemerkt, wenn es Pipi mußte und es dann abgehalten. Das war nett. Ich freu mich schon auf windelfrei mit dem kleinen Wurm.
Lange hin ist jetzt nicht mehr und ich überleg immer schon, was ich alles mitnehmen will, wenn ich in den Wald geh, was ich anziehen will. Wie wird wohl das Wetter sein? Werden mich Mücken oder Zecken doch zwingen, im Haus zu bleiben? Werde ich Tim nachts wecken, weils losgeht, damit er auf Johanna ein Augen hat? Wie wird er reagieren, da er weiß, was ich vorhab? Sich einfach rumdrehen und weiterschlafen wie als bei Johanna die Wehen losgingen? Schlußendlich weiß ich, daß ich zwar viel planen kann, aber wenn’s dann soweit ist, muß ich meinen Instinkten folgen. Dann klappt das schon. Ich hoff nur, ich vergess vor lauter Instinkt den Fotoapparat nicht.

34. SSW

Meine Eltern samt Bruder und dessen Kumpel sind zu Besuch gekommen. Dementsprechend ist viel los und Johanna genießt es. Für mich gibt es viel zu tun, aber da ich immer mit Johanna Mittagsschlaf mache, krieg ich genug Schlaf und hab genug Kraft. Mein Bauch ist zeitweise sehr mobil, ich spüre die kleinen Füße auf meiner linken Seite, den Popo rechts unter den Rippen und ab und zu Schluckauf. Tim kann sein Herz schlagen hören, wenn er sein Ohr auf meinen Bauch legt. Sonst geht’s mir rundum gut, nicht mal ein Zwicken oder Zwacken. Nur schwerer bin ich und entsprechend schwerfälliger. Je näher die Geburt rückt, um so bewußter wird mir, wie exklusiv doch die Zeit ist, die ich jetzt noch ganz allein mit Johanna habe. Und das genieße ich auch.

33. SSW

Diese Woche arbeitet Tim und ich bin mit meinen beiden Kleinen allein zu Hause. Die Tage sind unterschiedlich, aber ich bin ganz froh, daß der kleine Zwerg noch so gut im Bauch aufgehoben ist, nicht schreit und allgemein sehr unkompliziert zu pflegen ist. Ordentlich erkältet waren wir auch und da kommt man, selber kraftlos und verrotzt mit einem ebenso verrotzten, quengeligen Kleinkind schon schnell an seine Grenzen.
Die letzten Tage bin ich irgendwie ein bißchen deprimiert. Keine Ahnung, vielleicht weil ich merke, daß meine Schwangerschaft in die Endphase geht und ich das Gefühl hab, als fliege die Zeit nur so an mir vorbei. Durch Johanna hab ich so viel zu tun, daß ich kaum Zeit für mich oder zum Nachdenken habe. Meist denk ich abends im Bett noch eine Runde, wenn ich nicht zu müde bin. Aber dieses Entspannt-durch-den-Wald-spazieren und sich, das Baby und die Welt genießen, davon gibt’s diesmal nicht viel. Wenn, dann hab ich ein Kleinkind im Tragesack auf dem Rücken, das sich bisher mittagsschlafresistent gezeigt hat und auf meinem Rücken bei einem Sapziergang schnell kleinzukriegen ist. Ich hab gelesen, daß am Ende der Schwangerschaft das b-HCG (Schwangerschaftshormon), das im ersten Trimenon sehr hoch ist und einen sich nicht so doll fühlen läßt, auch am Ende wieder ansteigt. Vielleicht ist das ja eine gute Ausrede, ich nur Opfer meiner Hormone. Das Wetter kann’s nicht sein. Draußen ist bester Frühling, Sonnenschein, blauer Himmel, traumhaft! *seufz*

32. SSW

So, gestern nun haben wir den hiesigen Kreißsaal besichtigt. Da es das einzige Krankenhaus weit und breit ist (knapp 1000 Geburten im Jahr), hat hier keine Frau die Wahl. Praktisch alle entbinden hier. Man schaut sich eigentlich nur an, was einen erwartet. Eine nette Hebamme nahm uns in Empfang und in einem der Kreißsäle saßen wir alle (vier Paare plus Hebamme) zusammen und redeten über Schmerzlinderung. PDA, Lachgas, TENS und Akupunktur. Aufrecht sein und herumgehen, Beckenbodenbetäubung. Von Psychoprofylaxe hatte sie keine Ahnung, man konzentriere sich eher auf die medizinschen Verfahren wie PDA. Aha. Dann der normale Ablauf einer Geburt mit allen üblichen Interventionen (Wehentropf, CTG, Kopfschwartenelektrode…) und was das Kind über sich ergehen lassen darf, wenn’s draußen ist. Warum man Vit. K in Schweden dem Neugeborenen spritzt und nicht wie in Deutschland als Tropfen gibt, wußte sie nicht. Daß man Maßnahmen verweigern kann scheint hier (wie an vielen Stellen der Geburtshilfe) noch nicht offiziell. Als ich fragte, was passiert, wenn man eine Beckenendlage spontan bekommen will, meinte sie, das müsse man mit dem Arzt besprechen. Früher hätte man das ja gemacht, aber wegen irgendwelcher Studien mache man jetzt immer Kaiserschnitt. Ich fragte, ein bißchen provokativ, ob bei ihnen auch Frauen nicht im Bett liegend entbinden. Geantwortet hat sie darauf lieber nicht, nur gesagt, daß man natürlich auch stehend oder knieend darf. Johanna war dabei, aber nicht sehr geduldig und wollte schon nach der ersten halben Stunde nach Hause. Sie bekam die Demo-Babypuppe zum Spielen und als das Stillen demonstriert wurde, erkannte sie die Brustattrappe sofort und tat dies lautstark kund, probierte sogar kurz, ob sich daran nuckeln ließ. Die Hebamme ließ uns schwedisch nett verstehen, daß Johanna sie störte und so war Tim mit ihr die meiste Zeit draußen im Flur. Sie zeigte uns dann die Station, Aufenthaltsraum, Untersuchungsraum, Patientenzimmer. Drei Einzelzimmer und zwei Doppelzimmer gibt es, wo, falls Platz ist, auch der Papa nächtigen kann. Nach viel Platz oder Gemütlichkeit sah es aber nirgens aus. So winzige Zimmer und Kreißsäle hab ich in Deutschland nie gesehen. Im Kreißsaal kein einziges Bild an der Wand. Nur ein Bett, eine Babyuntersuchstation, ein Tisch, ein Stuhl und die Technik. Nicht viel besser als eine Knastzelle. Keine Ahnung, wie man da während der Wehen entspannen soll. Johanna teilte meine Meinung. Sie konnte, nachdem sie die ganzen zwei Stunden eingehalten hatte, erst wieder draußen auf dem Parkplatz Pipi machen.
Jetzt, nachdem ich gesehen habe, was mich dort erwarten würde, gibt es für mich noch viel mehr Grund, zu Hause zu bleiben. Ich weiß nicht, was in aller Welt Frauen dazu treibt, so einen tristen, fremdbestimmten Ort für eine Geburt aufzusuchen, wenn nicht die von der Medizin geschürte Angst vor der Geburt und die kulturelle Indoktrination, daß eine Geburt um so sicherer wird, je mehr Technik und Personal man auffährt. Ich freu mich schon auf die Geburt und ich bin so erleichtert, daß ich weiß, daß ich eine Wahl habe. Wo sollte eine Geburt angenehmer und schmerzärmer sein, als dort, wo man am besten entspannen kann?

31. SSW

Wir sind zurück im schönen Schweden (seit einer Woche ist hier Sonnenschein und Frühlingswetter) und ich genieße die Zeit mit Johanna. Bald werde ich mich ihr nicht mehr so ungeteilt widmen können. Bauchzwerg macht ordentlich Rabatz, liegt, wie Johanna schon, Kopf nach unten, Rücken nach rechts. Beim Graben im Garten ist der Bauch schon im Weg, aber wie schon bei Johanna finden alle meinen Bauch klein. Fragen tut mich inzwischen keiner mehr, ob ich schon bei der Hebamme/Arzt war. Ich hab mir ja vorgenommen, in der nächsten Zeit einmal zur Mödravårdcentral gehen, damit die eine Akte von mir haben. Ich denke zwar nicht, daß ich das KH brauchen werde, aber sicher ist sicher, vorallem Tim kann ich damit beruhigen. Richtig Lust hab ich nicht, die Mühle zu betreten. Aber was können sie mir? Habe vor, meine Pläne offen zu legen. Dann werden ihnen die Kinnladen runterklappen, sie werden höflich schwedisch schweigen und tun, was ich von ihnen will. So stell ich mir das momentan jedenfalls vor.
Ansonsten geht’s mir super, merke kaum, daß ich schwanger bin.

30. SSW

Nun ist unsere Zeit in Deutschland herum, morgen geht’s wieder gen Norden. Die letzte Woche haben wir zum Freunde besuchen genutzt und zum Einkaufen. Bei Baby-Walz haben wir einen Buggie erstanden, der sogar mir altem Kinderwagenhasser ganz gut gefällt. Farblich unauffällig und geschlechtsneutral, klein aber mit verstellbarer Liegefläche, gefedert und vorallem leicht. In traumatischer Erinnerung habe ich die wenigen Male, bei denen ich den riesigen Kinderwagen in und aus dem Kofferraum befördert habe. Nein danke. Dann doch lieber Tragetuch. Aber wenn jetzt Nummer zwei kommt und der Papa noch länger mit seinen Sehnenscheiden Probleme hat, ist ein kleines, handliches Wägelchen schon nicht zu verachten. Im Internet haben wir noch etwas ganz Tolles für’s Kleine bekommen: eine Babyhängematte. Ich hoffe natürlich nicht, daß Kind Nr. 2 wieder ein Kolikkind wird, aber für den Fall ist gesorgt. Kind Nr. 1 hat das Teil schon getestet (obwohl offiziell nur bis 12 Monate zugelassen) und war ganz begeistert vom „gauga machen“ (schaukeln). Das war einfach nichts bei ihr, egal wo man sie hinlegte, Schreierei und der alte Stubenwagen mit seinen schiefen Achsen fuhr bei der üblichen hin-her-Bewegung immer weiter nach rechts. So eine Hängematte, so hoffe ich, schaukelt ja fast von selbst.
Gestern hab ich meine alte Hebamme getroffen, die, die es bei Johannas Hausgeburt am Ende doch noch schaffte, das Ende mitzuerleben. Wir haben ihr Fotos aus Schweden gezeigt und ein bißchen geplaudert. Viel Zeit hatte sie leider nicht. Ich konnte ihr noch sagen, daß ich wieder eine Hausgeburt vorhab. Daß ich das ohne Hebamme plane, dazu sind wir dann leider nicht mehr gekommen, obwohl Tim das wohl gern gehabt hätte. Sozusagen um Gedanken einer Fachfrau zu meinen Verrücktheiten zu hören.

Es ist ja schon deutlich, wie viel weniger Kinder es in Deutschland als in Schweden gibt. Schon auf der Fähre hierher war mir das aufgefallen. Gestern beim Stadtbummel war ich dann aber doch ganz angenehm davon angetan, recht viele Kinderwägen zu sehen. Und ich hab auch die Tage (bei Baby-Walz) eine Frau mit Tragetuch gesichtet. Allerdings war ich eher etwas, nun ja, verwundert. Denn wenn ich mich schon zum Tragen entschließe und ich mich schon mal so weit informiere, daß ich auf Babybjörn und Nachbau verzichte, müßte ich doch mitgekriegt haben, daß man das Kind nicht mit dem Gesicht nach vorn tragen sollte. Wegen der Reizüberflutung, der das Kind ausgesetzt ist, ohne sich abwenden zu können und weil die Wirbelsäule in dieser Haltung übermäßig gestaucht wird. Wahrscheinlich wissen die Trageexperten es noch besser, mein kurzes Drüberweglesen im Netz hat mich jedenfalls überzeugt, es nicht so zu versuchen. Ist aber schon irgendwie schlimm, daß Tragehilfen wie Babybjörn und das Nachaußentragen das sind, was den meisten Müttern über den Weg läuft, wenn sie sich zum Tragen entschließen. Dabei gibt es im Netz zum dem Thema echt alles, was man wissen muß. Empfehlen kann ich z.B. das Forum bei www.stillen-und-tragen.de. Da hat es u.a. ein Unterforum zum Tragen und da tummeln sich auch ein paar Experten.
Ich freu mich jedenfalls schon sehr drauf, den kleinen Bauchzwerg bald mit mir herumtragen zu können. So klein und leicht wie die am Anfang sind, merkt man das noch gar nicht. Johanna ist da ja inzwischen schon ein ganz schöner Brocken. Aber wenn sie mal völlig übermüdet gar nicht an Mittagsschlaf denken will, dann pack ich sie mir auch schon noch mal in den Mai Tei auf den Rücken und nach ein paar Minuten Spazieren durch die Natur ist Ruhe da hinten.

29. SSW

Bauchbaby und ich haben den Lernmarathon samt Prüfung gut über- und bestanden. Jetzt bin ich wirklich mit meinem Studium fertig und kann meine restliche Schwangerschaft genießen ohne an Lernen u.ä. denken zu müssen. Bauchzwerg scheint der Stress der letzten Tage nicht beeindruckt zu haben. Strampelt und knufft wie eh und je da drinnen. Eine meiner Mitprüflinge meinte, sie wundert sich, wie ich das mache. Sie hätte schon längst vorzeitige Wehen gekriegt.
Habe in dem ganzen Trubel vergessen, mein alle-4-Wochen-Bauchfoto zu machen. Vielleicht heute abend. Morgen will ich mal zum Zahnarzt. Ich wette, ich hab ein Loch. Ich hoffe, der behandelt mich ganz normal trotz meiner Schwangerschaft.

28. SSW.

Bauchzwerg und ich sind wieder eine Woche weiter. Ich glaub, der Kleine hat einen ordentlichen Schub gemacht. Gestern hat es sich so angefühlt, als ob er einmal komplett umgeräumt hätte. Am Freitag hatte ich meinen letzten Arbeitstag! Morgen fahren wir nach Deutschland und am 9.4. hab ich das 3. und damit letzte Staatsexamen. Dann kann ich das Kapitel Medizinstudium erstmal abhaken und mich ganz auf meine zwei Kinder (außer und inner Bauchs) konzentrieren.
Eigentlich wollten wir heute zur Kreißsaalbesichtigung fahren, aber es wird wohl zu stressig mit der Packerei. Das machen wir also ein andermal, wenn wir wieder zurück sind aus Deutschland. Ich hab ja nicht vor, im hiesigen Kreißsaal zu entbinden, aber neugierig bin ich trotzdem. Nachdem ich einige deutsche Kreißsäle im Rahmen von Praktika von innen gesehen hab, interessiert mich der Unterschied zwischen Schweden und Deutschland.
Die Packerei ist diesmal zäh. Packen für ein Kleinkind und dann noch die Ansichten der Oma, welches Spielzeug aber unbedingt noch mitmuß. Ich hoffe nur, daß ich die 12 Stunden Fahrt ohne viele Wehwehchen übersteh. Bin ja eigentlich noch nicht sooo dick.

Meine 2. Schwangerschaft: 27.SSW

Da ich bisher meine Meinung allgemein gehalten habe, habe ich mich nun entschlossen, etwas mehr über mich zu erzählen. Ich hab eine Weile hin und her überlegt, ob ich bereit bin, mich der Öffentlichkeit in dieser Weise auszusetzen oder ob es zu viel Stress für meine sensiblen Schwangeren-Nerven bedeutet. Ich lasse es auf einen Versuch ankommen. B)Also:

Ich bin mit meinem 2. Kind schwanger und aktuell in der 27. SSW angekommen. Bisher war alles ungefähr genauso wie in meiner ersten Schwangerschaft: ein bißchen Übelkeit und viel Müdigkeit zu Beginn, um die 20. SSW ein bißchen Wasser in den Beinen, in letzter Zeit ein bißchen Sodbrennen, wenn ich abends zuviel gegessen habe. Ansonsten geht’s mir gut, der Bauch wächst und der Zerg strampelt tüchtig. Der einzige wirkliche Unterschied zu meiner ersten Schwangerschaft ist, daß ich beschlossen habe, mich dieses Mal auf meine eigenen Sinne zu verlassen und die Schwangerenvorsorge selbst zu machen. Ich bin ausreichend informiert und ich weiß, daß ich wissen werde, wenn es an der Zeit ist, einen Arzt aufzusuchen. Und was soll ich sagen? Im Vergleich zu meiner ersten Schwangerschaft ist diese viel entspannter, angstfreier und ich fühle mich stark und fähig, ein Kind hervorzubringen.
Keine blank liegenden Nerven vor Ultraschalluntersuchungen (oh Gott, gestaute Nieren! Ein Softmarker für Trisomie 21!), kein Aneinandergeraten mit einer Ärztin wegen unterschiedlicher Meinungen, keine Bevormundung in irgendeiner Form, als wüßte ich nichts über meinen Körper. Einfach nur ich und das kleine Wesen in mir, der sich rundende Bauch, die kleinen Tritte von innen. Und es wächst, einfach so. Sogar ohne daß ein Arzt es erlaubt. 😉

Die Hausgeburt meines ersten Kindes

Nach einigen unschönen Besuchen bei einer Frauenärztin (wo meine Schwangerschaft festgestellt wurde) und den Beobachtungen in den Kreißsälen eines hiesigen halleschen Krankenhauses während meines Praktischen Jahrs als Medizinstudentin stand für mich sehr schnell fest, dass ich, wenn irgend möglich nicht in die Hände von Ärzten geraten wollte, solange Schwangerschaft und Geburt normal verliefen. Ich „kündigte“ also meiner Frauenärztin und teilte ihr mit, dass ich von jetzt an die Schwangerenvorsorge bei der Hebamme machen lassen wollte. Sie erwiderte entsetzt: „Da kann ich aber keine Verantwortung für übernehmen.“ Ich war die ewige Bevormundung durch sie leid und verabschiedete mich mit einem freudigen „Dafür brauchen Sie auch nicht verantwortlich zu sein.“ Ich würde sie nie wiedersehen und war glücklich mit meinem Plan, obwohl ich bis dahin noch gar keine Hebamme hatte. Allerdings eine Empfehlung von einem Kollegen meines Mannes, dessen Frau bei Constanze im Geburtshaus entbunden hat. Ich war im 4. oder 5. Monat und Constanze war noch nicht ausgebucht. So ging ich ab da zu ihr und Schwangersein begann Spaß zu machen. Endlich wurde ganz natürlich mit meiner Schwangerschaft umgegangen und nicht so, als lauerte die Katastrophe hinter jeder Ecke. Ich durfte selbst bestimmen, was ich wollte und was nicht, wurde ernst genommen und niemand kam mit dem erhobenen Zeigefinger und apokalyptischen Szenarien, wenn ich ein CTG nicht wollte oder sonst etwas nicht. Nur zum Ultraschall ging ich zum Frauenarzt, was ich mir im Nachhinein aber lieber hätte schenken sollen. Der Befund zeigte einen leichten, beidseitigen (und wie sich später herausstellte vorübergehenden) Nierenstaus und handelte mir nur unnötigen Stress ein. Ich war zur Fein-Sono und Worte wie „Softmarker für Trisomie“, „Fruchtwasserpunktion“ und „eventuell aus der Schwangerschaft aussteigen“ fielen. Natürlich lässt einen das nicht unberührt, aber ich entschied, lieber ein behindertes Kind zu kriegen, als ein gesundes durch eine invasive Untersuchung zu gefährden. Wie in allem wollte ich Gott vertrauen, dass er die Dinge in der Hand hat. Ich war mir irgendwie auch sicher, dass mein Kind gesund sein würde.

Mir ging es bis zum Schluss blendend, ich fühlte das Baby strampeln und wusste, auch als ich fast eine Woche über den Termin ging, dass alles in Ordnung ist. Ab und zu ging ich in der Zeit, als ich über dem Termin war, dann doch zum CTG. Weil es die Hebammen beruhigte und weil es nett war sie zu sehen.

Der 13. September war der errechnete Entbindungstermin nach der letzten Regel. Da ich in dem Zyklus, in dem ich schwanger geworden bin, die Temperatur gemessen hatte, wußte ich, daß der Eisprung später gewesen war und stellte mich schon darauf ein, daß das Kind länger brauchen würde. Ich rechnete mit dem 17.9., schließlich dauerte es aber noch 6 Tage länger.

Zum Ende hin wurden wir dann doch ungeduldig, da der Urlaub meines Mannes dem Ende entgegen ging und unser Umzug ins Ausland näher rückte.

Am 21. und 22. hatte ich nachts schon mal ein paar Wehen und mein Darm verhielt sich anders als sonst. Es würde also bald losgehen.

Gegen Mitternacht auf den 23. versuchten wir es noch einmal mit natürlichen Prostaglandinen, woraufhin der Schleimpfropf kam. Erstmal sind wir aber schlafen gegangen. Gegen drei kamen die Wehen schon so, daß ich aus dem Bett sprang, um sie zu veratmen. Dann legte ich mich jeweils wieder hin, schlief/döste 10 oder 15 Minuten, um für die nächste Wehe aufzuspringen. Ich wollte keine Pferde scheu machen, schließlich dauert so eine Eröffnungsphase eine ganze Weile. Mein Mann war zwar aufgeregt, schlief aber trotzdem noch ein paar Stunden. Ich hatte mich früh für Hausgeburt entschieden, weil es mir das Natürlichste erschien, das Kind dort zu bekommen, wo es gezeugt wurde. So mußten wir uns auch keine Gedanken über einen Aufbruch irgendwohin machen. Als es draußen hell war, hatte ich endgültig keine Lust mehr auf Bett. Wir standen auf und gingen an diesem stillen, schönen Morgen spazieren. Die Sonne schien und alles war so frisch und friedlich und ich dachte mir: Ein schöner Tag zum Geborenwerden!

Die Wehen waren gut im Laufen auszuhalten, kamen in 10-15 Minuten Abständen. Mein Mann stoppte sie mit seiner Stoppuhr, was mich bald so nervte, dass die Wehen eine Weile in größeren Abständen kamen und schwächer wurden.

Wieder zu Hause war auch meine Schwester wach, die bei uns zu Besuch war, in der Hoffnung, die Geburt noch mitzuerleben. Sie hatte ab Montag Prüfungen und es war schon Samstag. Sie wunderte sich, dass wir so früh auf waren. Normalerweise schliefen wir bis mindestens 10 Uhr. Ich sagte, wir hätten eine kurze Nacht gehabt, aber sie schnallte lange nicht, was wir ihr sagen wollten. Als ich sagte, ich habe Wehen, war sie ganz aus dem Häuschen. Sie würde dabei sein!

Mein Mann ließ mir derweil ein Bad ein. Es war ganz nett, die Wehen im Wasser zu beatmen, aber mir war schnell klar, daß das mit der Geburt nichts ist für unsere schmale, rutschige Wanne. Um 11 rief mein Mann die Hebamme an. Constanze war gerade bei einer anderen Geburt im Krankenhaus und so kam Hebamme Maria vorbei, die ich so vom Sehen kannte. Ich stieg aus der Wanne, sie untersuchte mich. Muttermund war bei 4 cm. Das war doch schon mal was.

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Mein Mann begann also, die Geburtssuppe aufzutauen, die er vorher gekocht hatte und mit Nudeln zu versehen. Maria fragte mich, ob es mir lieber wäre, wenn sie später wiederkäme oder ob sie dableiben soll. Ich sagte: „Ach, geh ruhig. Ich kann das noch eine Weile alleine händeln.“

Sie schrieb mir ihre Nummer auf, damit ich sie anrufen kann, aber dann wurden die Wehen stärker und sie blieb, obwohl ich mir eigentlich wünschte, dass sie wieder ginge. Ich sagte aber nichts und dachte nur: „Augen zu und durch.“ Was keine so gute Idee war, wie sich später rausstellte. Mein Mann kam fast nicht zum Suppe machen, weil er mir in jeder Wehe das Kreuzbein massieren musste. Das half ungemein.

Die Suppe war kaum fertig, da bekam ich richtig Hunger und mit vielen Unterbrechungen zum Wehen veratmen aß ich. Vorsorglich stellte ich mir noch einen Eimer hin, falls es wieder herauskommen sollte (was es aber nicht tat).

Der Geburtsplatz mit meiner Schwester im Hintergrund

In der Stube hatten wir die Geburtsstätte hergerichtet: Die Couch ausgeklappt, davor eine dünne Matratze, alles mit alten Laken bedeckt. Kaum war die Suppe gegessen, ging’s so richtig los. Ich hatte kein Gefühl mehr für Zeit. Eine Wehe nach der anderen kam. Irgendwann war ich bei 8 cm. Eine zweite Hebamme war dazugekommen, weil sie die Geburt nun bald erwarteten. Allerdings stand noch ein Saum vom Muttermund und sie konnten die Pfeilnaht zuerst nicht tasten. Ich bekam irgendwelche Globuli, was nicht half, wohl weil ich auch nicht dran glaube. Mein Mann (ist auch Arzt) legte mir eine Braunüle und sie spritzten mir Buscopan während einer Wehe, in der Hoffnung, es würde den Muttermund weicher machen. Schließlich stellten sie fest, daß der Kopf gerade stand, sich nicht ins Becken gedreht hatte. Sie ließen mich im Wechsel jeweils drei Wehen auf der einen und dann auf der anderen Seite liegen, schüttelten mein Becken und gaben sich optimistisch, daß das Kind sich sehr wahrscheinlich noch drehen würde. Ich merkte trotzdem, daß sie besorgt waren und hatte Angst, im Krankenhaus zu enden. Ich konnte mich erinnern, daß ein hoher Geradstand im Krankenhaus sehr oft Kaiserschnitt bedeutet und den wollte ich auf keinen Fall. Die Wehen waren zu der Zeit sehr schmerzhaft, wohl weil Babys Kopf immer gegen den Muttermundsaum drückte. Ich kämpfte mit dem Schmerz und mein Mann war mit den Nerven fertig, weil ich dauernd jammerte: „Es tut so weh! Wann hört das auf?“

Die zweite Hebamme ging wieder und Maria telefonierte mit Constanze, schilderte ihr den Fall. Constanze kam endlich und irgendwie brachte ihr Erscheinen den Wendepunkt. Sie strahlte so viel Optimismus aus, daß ich wieder sicher war, es schaffen zu können. Ich stand auf (dieses auf der Seite Liegen hatte sich von Anfang an so ineffektiv angefühlt), wiegte mein Becken hin und her und versuchte, trotz der Schmerzen und der anwesenden Leute tief in mich rein zu hören und meinen Instinkten nachzugehen. Irgendwie war mir ab einem bestimmten Punkt bewußt, daß die Hebammen keinen wirklichen Plan hatten und ich selbst aktiv werden mußte. Ich glaube, gespürt zu haben, als der Kopf dann endlich ins Becken kam. Die Wehen waren weiterhin echt übel und ich atmete eine Zeit lang in eine Tüte, weil mir die Hände und das Gesicht vom zu hektischen Atmen kribbelten. Constanze untersuchte mich noch mal und drückte dabei den immer noch stehenden, schmerzenden Muttermundsaum über das Köpfchen weg, was ebenfalls sehr schmerzhaft war. Dann meinte sie, ich solle mal versuchen anzudrücken. Das tat ich und schon waren die Preßwehen da. Ich gab mich den Urgewalten hin, so froh zu wissen, daß das Baby auf dem richtigen Weg war. Ich schrie und machte Laute jenseits von dieser Welt. Die Fenster standen offen, weil mir so warm war, aber mir war es so egal, was die Nachbarn dachten. Mein Mann feuerte mich mit „pressen, pressen“ an, wie er es gelernt hatte, bis die Hebamme meinte, es reiche, wenn ich während der Wehen presse. Am Schluß war ich im Vierfüßler auf unserer Couch und krallte mich in einen dauernd zusammenfallenden Kissenstapel vor mir. Es brauchte ein paar Anläufe, um den Kopf über den Damm zu bringen. Constanze machte Dammschutz und Massage mit Dammassageöl und heißem Kaffee, soweit ich mitbekommen habe. Die Massage fand ich unangenehm und herrschte sie an: „Was machst du da?“

Es brannte, als der Kopf kam und ich dachte: Ist der immer noch nicht draußen? Wie groß ist der denn noch? Ich war ganz ungeduldig, ihn rauszukriegen und schaffte es schließlich, auch weil die Hebamme damit drohte mitzuhelfen, wenn ich’s bei der nächsten Wehe nicht schaffe.

Dann ein Ruckeln und Ziehen. Die Schultern, dachte ich. Und dann lag sie unter mir. Streckte die Arme von sich und guckte mit ihren großen Augen ganz erstaunt in die Welt. Es war 17.13Uhr. 

Ich blutete wohl stärker, so daß die Hebammen sich beeilten, sie abzunabeln (die Nabelschnur durfte der Papa durchschneiden) und die Plazenta zu holen. Aber ich fühlte mich gut und wußte, daß alles in Ordnung ist. Es war ein Scheidenriß, der blutete, wie sich dann herausstellte (wohl vom Pressen außerhalb der Wehen). Ich bekam sie auf den Bauch und war so erleichtert und froh.

Nur mein Zwischenbeinbereich brannte ganz unangenehm und ich war zuerst gar nicht begeistert, als Constanze meinte, daß sie nähen wollte. Ich hatte im Krankenhaus oft gesehen, wie schmerzhaft die Naht für Frauen war, trotz Betäubung. Am Ende hab ich so gut wie gar nichts gemerkt. Johanna Luise wurde gewogen, gemessen, angezogen und ich telefonierte mit meiner Mama, um das freudige Ereignis mitzuteilen.

Dann zogen wir um ins Schlafzimmer. Die anderen räumten ein bisschen auf.

Ich schlief wie ein Stein in dieser Nacht. Mein Mann beruhigte die Kleine, die sich mit dem Absetzten des Kindspechs plagte. Meine Schwester war ganz gerührt. Es war die erste Geburt, die sie gesehen hat und ich freue mich, daß sie dabei sein konnte. Die Nachbarn haben wider Erwarten gar nichts mitbekommen.

Die Maße: 3120 g schwer, 50 cm lang, 35 cm Kopfumfang