Was tun … wenn das Baby im Becken stecken bleibt?

Dies ist der dritte Beitrag zum Thema Geburtsstillstand und Optimierung der Kindslage. (Hier geht’s zu ersten Teil.) Das, was ich hier teile, beruht auf dem umfangreichen Wissensschatz der Hebamme Gail Tully, den sie auf ihrer Webseite und in ihren Workshops teilt. In diesem Beitrag geht es um einen Geburtsstillstand und wie er sich überwinden lässt, wenn das Baby ins Becken eingetreten ist und dort nicht weiterkommt. Meist ist das auf Beckenmitte der Fall, aber auch ein Steckenbleiben im Beckeneingang ist möglich.

Woran erkennt man, dass das Baby im Becken steckengeblieben ist?

  • Geburtsstillstand (2-4 Stunden) mit starken Wehen, mit oder ohne Schmerzen im untere Rücken (Wenn die Hebamme untersucht, ist der Muttermund gewöhnlich bei 5-8 cm, klassischer Stillstand auf Beckenmitte geschieht bei 7 cm Muttermundseröffnung)
  • Die Pfeilnaht (die Rinne zwischen den Schädelplatten, die von vorn nach hinten über Babys Kopf zieht und von der Hebamme getastet werden kann) bleibt quer und der Kopf tritt nicht tiefer. Wenn das Problem der Beckenboden ist, dreht sich der Kopf nach Übungen, die den Beckenboden entspannen und ins Gleichgewicht bringen (z.B. Side-Lying-Release). Wenn der Kopf sich nicht dreht, bleibt er über den Knochenvorsprüngen im Becken hängen, auf die im Bild die Pfeile zeigen (tiefer Querstand). 
  • Der durch den quer stehenden Kopf gefühlte Druck kann zu Panik führen oder dazu, dass die Frau zurückhält und sich dem Prozess nicht hingeben kann.

Welche Ursachen kann das haben? (eine oder mehr sind möglich)

  • Asynklitismus – der Kopf ist ein Stück zur Seite gekippt und kommt deshalb nicht weiter. Meist bei einem Beckenboden, der zu einer Seite hin verspannt ist. Der Beckenboden dient dem Kopf als Führung. Ist die Führung schräg, kippt der Kopf eher schräg.
  • Sternenguckerlage (hintere Hinterhauptslage), evt. plus wenn das Baby das Kinn nicht auf die Brust genommen hat, was aus der Sternenguckerlage häufiger mal passiert. Dann ist das Manövrieren durch das Becken u.a. aufgrund des größeren Kopfdurchmessers erschwert.
  • verspannte Bänder und Muskeln im Becken durch eine ungünstige Körperhaltung/viel sitzen in der Schwangerschaft
  • Unfälle oder andere Ursachen für ein schiefes Becken

Was kann man tun?

Im unteren Bild ist dargestellt, an welcher Station im Becken jeweils der meiste Platz ist und wie das Baby seinen Kopf drehen muss, um durch das Becken zu manövrieren.

Während es den Kopf im Beckeneingang quer drehen muss (gelb), ist auf Beckenmitte der meiste Platz diagonal (grün) und am Ausgang in gerader Richtung zu finden (blau). Der Kopf muss sich also vom Beckeneingang zum Beckenausgang um 90° drehen.

Die meisten Babys drehen sich auch brav so. Die, die das nicht tun, bleiben stecken.

Verschiedene Übungen können helfen, wieder Bewegung in die Situation zu bekommen.

Übungen zur Entspannung des Beckenbodens: 

Sidelying Release: Die dritte Übung der Fantastischen Vier, die ich hier detailliert beschrieben habe: Vier ausgleichende Übungen für Schwangerschaft und Geburt. Sie soll den Beckenboden entspannen und ins Gleichgewicht bringen, da der verspannte Beckenboden eine häufige Ursache für einen Stillstand im Becken ist.

„Das Bäumchen schütteln“ (shake the apple tree): Auch diese Übung soll helfen, den Beckenboden zu entspannen. Mit den Händen oder dem Rebozo-Tuch schüttelt man für ca. 20 Minuten rhythmisch den Po der Mutter – in sanften, schnellen Bewegungen, die es der Frau ermöglichen, Muskeln des Beckenbodens zu entspannen, die sie nicht so einfach bewusst „loslassen“ kann. Die Frau kann sich dazu vorn übergebeugt auf etwas lehnen oder stützen oder sich in der weiter unten beschriebenen offenen Knie-Ellenbogenlage befinden. Wichtig ist, dass das Wackeln als entspannend empfunden wird, denn entspannen soll es.

Das Becken weiter machen:

diagonale Ausfallschritte: Diese Übung soll mehr Platz zu den Seiten im mittleren Becken schaffen, damit ein im tiefen Querstand steckengebliebenes Baby den Kopf drehen kann oder ein Baby, das mit nicht optimal kleinsten Kopfdurchmesser eingestellt ist, passieren kann.

Wie macht man’s?

Die Mutter stellt ihren Fuß auf einen Stuhl, der neben ihr steht und macht leichte Schaukelbewegungen, indem sie ihr Gewicht ein Stück zu dem aufgestellten Fuß hin und wieder zurück verlagert. Festhalten an der Stuhllehne oder einem Helfer erlaubt. Während ca. 10 Wehen wiederholen, auf beiden Seiten oder mehr auf der Seite, wo es sich effektiver anfühlt. Zwischen den Wehen den Fuß herunternehmen, entspannen oder das tun, was sich passend anfühlt.

offene Knie-Ellenbogen-Lage: Wenn das Baby während der Geburt  auf Beckenmitte oder auch im Beckeneingang stecken geblieben ist, kann diese Übung das Baby wieder ein Stück aus dem Becken bewegen, und ihm die Chance geben, sich – mit Hilfe der Wehen – erneut und besser einzustellen.

Wie macht man’s?

Wie der Name schon sagt, befindet sich die Frau dazu auf den Knien und Ellenbögen. Der Hintern ragt in die Luft. Im Gegensatz zur normalen Knie-Ellenbogenlage werden die Knie weiter nach hinten platziert, weg vom Bauch. Ein Helfer kann die Frau von vorn an den Schultern stützen und einer kann von hinten die Oberschenkel  entlasten – das geht am besten mit einem langen Tuch, das um die Oberschenkel gelegt und mit Zug nach hinten gehalten wird.

Die Übung erfordert Ausdauer und Durchhaltewillen, da die Position am besten 40 Minuten gehalten werden sollte, um Erfolg zu bringen. Sind keine regelmäßigen Wehen vorhanden, sollte man die Übung aber nicht länger als 5 Minuten machen. Wenn das Baby noch nicht im Becken ist, sollte man die Übung nicht machen, da ein Baby, dass noch nicht im Beckeneingang fixiert ist, sich dabei in Beckenendlage drehen könnte.

Kombiniert mit dem oben beschriebenen Bäumchen-schütteln wird die offene Knie-Ellenbogen-Lage noch effektiver. Man kann diese Übung übrigens auch in der Schwangerschaft machen, um ein Baby aus Beckenendlage zu drehen. Fotos dazu auf der oben zur Übung verlinkten Seite von Gail Tully.

Beckenpresse: Auch dabei wird das Becken in der Mitte etwas weiter. Ein Helfer (gern ein kräftiger Mann ;-)) presst während der Wehe die Beckenschaufeln oben an den Seiten zusammen. Dadurch öffnet sich das Becken weiter unten. Noch mehr Platz entsteht, wenn die Mutter gleichzeitig die Knie ein Stück einwärts gedreht hält. Die Mutter sollte die Beckenpresse als angenehm und erleichternd empfinden.

Weitere Möglichkeiten:

Periduralanästhesie (PDA) – kann den Beckenboden entspannen und zum Fortschritt führen. Kann aber auch dazu führen, dass das Baby sich falsch positioniert, weil die Führung durch die Beckenbodenspannung verschwindet.

Manuelle Drehung: Es kann versucht werden, den Kopf manuel zu drehen. Dabei benutzen erfahrene Hebammen ihre Hand als Widerlager während der Wehen, denn Babys können sich am besten gegen einen Widerstand drehen.

Nicht hilfreich ist es, die Fruchtblase zu sprengen, wenn das Baby ein Sternengucker ist oder sich im tiefen Querstand befindet. Denn da ist die kindliche Lage die Ursache für den Stillstand. Die gesprengte Fruchtblase beschleunigt in dem Fall nichts und nimmt dem Baby das Wasserpolster vor dem Kopf weg, das ihm eine Drehung erleichtern könnte.  Außerdem tickt ab dann für die meisten Geburtshelfer wegen eines möglichen Infektionsrisikos die Uhr, ab wann die Geburt beendet sein muss.

Funktioniert alles nicht, ist ein Kaiserschnitt der letzte Ausweg.

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