Alleingeburt beim ersten Kind: Wie ein Baby trotz Geburtsstillstand auf die Welt kam

Die meisten Geburten verlaufen unkompliziert, wenn sie einfach geschehen dürfen. Die Geburt im folgenden Bericht allerdings entpuppt sich als nicht so einfach. Das Kind senkt sich vor der Geburt nicht ins Becken und will das trotz heftiger Geburtswehen auch während der Geburt nicht tun. Wie diese Mama es trotzdem geschafft hat, ihr Sternenguckerbaby auf die Welt zu bringen, erzählt sie in diesem Bericht. Geburten, die nicht so einfach sind, sind besonders lehrreich für andere und ich freue mich sehr, dass diese Mutter ihren Bericht mit uns teilt. Am Ende findet ihr noch ein paar Gedanken und Tipps von mir.

Ich stehe auf unserer Pferdeweide und halte meinen Bauch ins Licht des gerade aufgegangenen Mondes. Er ist fast voll. Seit genau neun Mondzyklen bin ich schwanger. Ich lebe mit meinem Mann in Kroatien an einem Ort mitten im Wald. Erst vor kurzem haben wir unseren Camping-Lebensabschnitt beendet und sind in unser selbstgebautes Haus eingezogen, in dem wir nun 16 Quadratmeter Platz und fließendes Wasser haben. In den letzten Monaten und vor allem in den letzten Wochen habe ich mich körperlich und geistig intensiv auf die Geburt unseres ersten Kindes vorbereitet. Vor zwei Wochen ist meine Schwester aus Berlin angereist, um die Geburt zu begleiten. Die 1000-Liter-Regentonne aus dem Garten steht sauber gewaschen in unserem Haus. Es ist alles bereit. Nur mein Kind hat sich noch immer nicht ins Becken gesenkt und so stehe ich hier und zeige ihm den Vollmond. Es sind noch drei Tage bis zu dem von mir errechneten Geburtstermin…

Da in Kroatien Hebammenhilfe bei Hausgeburten illegal ist, habe ich mich von Anfang an auf eine Alleingeburt vorbereitet. Das gleichnamige Buch von Sarah Schmid hatte ich schon in der Vorbereitung auf meine Schwangerschaft gelesen und seitdem keinen Augenblick an meinem Vorhaben gezweifelt. Ich wusste so genau, wie ich vielleicht nur wenige Sachen weiß, dass dies mein Weg ist. Mein Mann stand vom ersten Moment an hinter mir und glaubte uneingeschränkt an meine Fähigkeit, unser Kind ohne professionelle Unterstützung auf die Welt zu bringen. So bekam mich während der ganzen Schwangerschaft weder ein Arzt noch eine Hebamme zu Gesicht und was in meinem Bauch geschah, durfte Teil des weiblichen Mysteriums bleiben, nicht messbar und nicht fassbar.

Zwei Tage vor dem errechneten Termin, einen Tag vor der Geburt, habe ich am Morgen dreimal etwas Durchfall, woraufhin ich im Verlauf des Tages meinen Zervixschleim sehr genau beobachte und immer wieder kontrolliere, ob der Schleimpfropf abgeht. Doch es gibt keine weiteren Anzeichen für eine nahe Geburt. Die leichten Wehen, die ich sehr unregelmäßig habe, identifiziere ich nicht als solche. Sie fühlen sich an wie Schmerzen während der Periode, mal zieht es im unteren Rücken, mal über der Symphyse.

Am frühen Abend streite ich mit meinem Mann. Eigentlich ist es gar kein Streit und nach einem kurzen Moment ist mir das auch klar, aber ich reagiere sehr emotional, habe das Gefühl, dass mir alles zu viel ist und ziehe mich ins Bett zurück. Mein Mann macht mir Musik an, Cat Stevens. Ich liege im Bett und bemerke, dass ich das Gefühl habe zu schweben. Jede einzelne Komponente der Musik nehme ich wahr, als hörte ich sie zum ersten Mal und sie erscheint mir geradezu wie eine Offenbarung.

Für das gemeinsame Abendessen verlasse ich diesen Zustand und das Bett wieder. Danach bringe ich mit meiner Schwester zusammen die Pferde auf die Weide. Wir sehen den Aufgang des Vollmonds wie eine orange leuchtende Laterne durch die entfernten Bäume hindurch. Zurück zuhause schlage ich meinem Mann mehr im Spaß vor, wir könnten ja spazieren gehen, vielleicht würden die Wehen dann starten. Ich glaube nicht wirklich daran. Während des Spaziergangs dann spüre ich tatsächlich häufiger das Ziehen im Unterleib und im Rücken. Während wir den dunklen Waldweg entlanggehen, bewege ich mein Becken sehr bewusst, so, als beschriebe ich mit meinen Hüften eine weit ausladende Schlangenlinie. Als wir zurück sind, überrascht mich die erste Wehe, die so stark ist, dass ich mich gerade noch am Tisch festhalten kann, töne und in die Knie gehe. Es ist etwa 23 Uhr. Was war denn das?! Vielleicht muss ich einfach mal zur Toilette, denke ich und begebe mich auf den Weg dorthin. Allerdings nicht ohne vorher in derselben Schlangenlinien-Art noch ein paar kleine Runden über unser Grundstück zu laufen und dabei auch sicher zu gehen, dass ich in Rufweite bleibe. Irgendwo in mir weiß ich schon seit einigen Stunden, dass heute noch die Geburt beginnt, aber ich realisiere es immer noch nicht. Zurück vom Kompost-Klo im Wald lege ich mich zu meinem Mann ins Bett und lese nochmal nach, woran man Geburtswehen erkennt. Dabei schaue ich immer wieder auf die Uhr. Die Wehen kommen in Abständen von 5-10 Minuten und dauern zwei tiefe Atemzüge lang, wobei ich mich schon sehr auf das Atmen konzentrieren muss. Sind zwei langsame Atemzüge schon 40-60 Sekunden? Ich habe immer noch Zweifel. Mein Mann ist in der Zwischenzeit unbekümmert neben mir eingeschlafen. Als ich ihn jetzt vorsichtig wecke, sieht er mir sofort direkt in die Augen: „Geht es jetzt los?“

Ich sage ihm, dass ich es nicht weiß, rufe meine Freundin an und sage ihr das Gleiche, als sie fragt, ob sie sich jetzt auf den Weg zu mir machen soll. Die Wehen sind stark aber sie sind nicht regelmäßig. Ich schlage vor, dass ich den Badewannentest mache und sie dann nochmal anrufe. Ich wecke meine Schwester im Wohnwagen und frage sie, ob sie zu uns rüber kommen will. Ihre Antwort leuchtet förmlich in der Dunkelheit. Ja! Kurz darauf rufe ich wieder meine Freundin an, teile ihr erneut meine Unsicherheit mit und sie sagt schlichtweg, dass sie jetzt kommen wird. Es ist Mitternacht.

Wir beginnen mit den Vorbereitungen. Das heißt, mein Mann und meine Schwester beginnen damit, denn ich bin dazu nicht mehr in der Lage. Während sie einen Rest Badewasser der letzten Tage aus der Regentonne ablassen und den Raum vorbereiten, liege ich die ganze Zeit im Bett und beatme meine Wehen, die sich vor allem im unteren Rücken bemerkbar machen. Um 0:55 Uhr beginnt mein Mann, die Regentonne wieder zu füllen und zehn Minuten später trifft meine Freundin ein, die sich sofort zu mir ins Bett setzt und mich, das heißt vor allem meinen Rücken, mit Shiatsu behandelt. Die Wehen, die ich inzwischen schon vertönt hatte, werden wieder erträglicher und es reicht, dass ich sehr konzentriert atme. Meine Schwester schreibt in den Geburtsbericht, dass mein Mann währenddessen draußen vor unserem Haus ein Lagerfeuer entzündet und dass die Wirkung magisch ist. Ich bekomme davon gar nichts mit. Aber ich merke, dass scheinbar alle, gleich Mitgliedern einer Mannschaft, genau wissen, was sie zu tun haben. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob ich das auch weiß, aber ich tue das einzige, was ich kann. Ich steuere unser Schiff weiter in den Sturm. Meine Schwester schreibt ins Logbuch. Um 2:00 Uhr sind 150 Liter in der Regentonne. Eine knappe halbe Stunde später sind es 200 Liter. Das Leitungswasser muss in Töpfen auf verschiedenen Gaskochern erwärmt werden, damit es badewannentauglich ist. Ich vertöne die Wehen inzwischen so deutlich, dass meine Schwester es aufschreibt, es sei sehr passend zu den sphärischen Klängen der Musik, die im Hintergrund läuft. Irgendwann zwischendurch hatte mein Mann gefragt, ob er die Musik für die Eröffnungsphase anmachen solle oder lieber schon die für danach. Die für danach! Ich weiß zwar, dass ich noch nicht in der Übergangsphase sein kann, aber nach Eröffnung fühlt sich das hier nicht an. Da ich so sehr mit den Wehen beschäftigt bin, dämmert mir noch nicht so richtig, was los ist, und ich erfasse nur die einzelnen Teile, nicht aber die Gesamtdiagnose. Auch wenn ich noch nie Wehen hatte, bin ich mir sicher, dass sie stärker sind, als sie in der Eröffnungsphase sein sollten. Die Abstände dazwischen sind nach wie vor unregelmäßig, manchmal folgt auch auf eine Wehe direkt die nächste. Der Fundus steht immer noch ganz hoch, mein Baby hat sich nach wie vor nicht ins Becken gesenkt. Um 2:33 Uhr übergebe ich mich. Da es mir auch während der letzten Wochen der Schwangerschaft nie gelungen war, den Rücken oder Kopf meines Kindes sicher zu ertasten, waren meine Parameter zur Bestimmung der Kindslage vor allem die Höhe des Fundusstandes und der Ort des Herzschlags und des Schluckaufs gewesen. Der Fundus war, nachdem er den höchsten Stand erreicht hatte, einfach dort geblieben. Herzschlag und Schluckauf waren zuletzt immer ein paar Finger breit unterhalb meines Bauchnabels gewesen. Da sie außerdem ziemlich mittig waren, ging ich davon aus, dass mein Kind in Vorderer Hinterhauptslage liege und ich einfach zu unerfahren sei, um den Rücken und den Kopf deutlich ertasten zu können. Nun sucht mein Mann mit dem Pinard-Rohr erneut die Herztöne. Sie sind immer noch mittig. Um 2:45 versuche ich meine Telefon-Joker Hebamme in Hamburg zu erreichen. Ich weiß nicht, wie ich die Öffnung des Muttermunds erkenne. Entweder es gibt noch keine oder ich taste daran vorbei. Ich dachte, ich würde es schon erkennen, wenn der Muttermund sich öffnet, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich erreiche meine Hebamme nicht und mein Mann schickt ihr in meinem Namen eine SMS mit der Bitte um Rückruf. Ich hätte mich selbst nicht genug sammeln können, um ihr zu schreiben. Wir hatten ausgemacht, dass ich der Hebamme Bescheid sage, wenn es Anzeichen für einen möglichen baldigen Geburtsbeginn gibt. Aber da es keine gegeben hatte, hatte ich ihr auch nichts gesagt. Und mit den einsetzenden Wehen war ich aufgrund ihrer Heftigkeit nur noch damit beschäftigt gewesen und hatte alles, was getan werden muss, auf das absolute Minimum runterreduziert. Um kurz vor 3:00 Uhr werden die Wehen noch stärker. Ich töne lauter als zuvor, aber habe nicht das Gefühl, dass mir das irgendwie dabei hilft, sie zu bewältigen. Ich will in die Regentonne, aber das Wasser ist zu heiß und mein Mann muss erst kaltes nachfüllen. Darum bitte ich meine Freundin, mich noch einmal mit Shiatsu zu behandeln, während ich versuche, die Beine über die Bettkante zu hängen, um meinem Kind den Eingang ins Becken zu öffnen. Kurz danach gebe ich die Position wieder auf, da sie alles andere als angenehm ist und ich mir zwischen all den Informationen, die ich gelesen habe, nicht sicher bin, ob sie in diesem Moment tatsächlich das Mittel der Wahl ist. Stattdessen gehe ich endlich ins Wasser, das nun nicht mehr zu heiß ist. Ich lege mich bäuchlings ins Wasser und hänge die Füße über den Rand der Tonne, wie ich es ebenfalls gelesen habe. Aber der Rand ist zu hoch dafür. Um 3:30 Uhr notiert meine Schwester, dass die Wehen im Abstand von drei Minuten kommen. Aber sie sind nach wie vor unregelmäßig und gehen teilweise direkt ineinander über. Da ich unaufhörlich friere, gießt mein Mann nun wieder mehr und mehr heißes Wasser in die Tonne. Meine Freundin massiert Punkte an meinen Händen und Füßen, aber nichts scheint eine Erlösung zu bringen.

Mir wird klar, dass ich die Einzige bin, die es fühlen kann und der es bewusst ist, dass nichts vorwärts geht und dass die Geburt die ganze Zeit auf derselben Stelle hängen bleibt. Während die anderen davon ausgehen, alles einfach nur weiterlaufen lassen zu müssen, spüre ich eine starke Unruhe in mir und das drängende Gefühl, eine Lösung finden zu müssen. In diesem Moment der Alleingeburt fühle ich mich tatsächlich alleine. In mir sind Angst und Verzweiflung. Es sind existenzielle Gefühle und sie verbinden sich in dem einen immer wiederkehrenden Gedanken: „Ich kann nicht mehr.“ Ich fühle Ohnmacht und Überforderung und Ausweglosigkeit. Und trotzdem sind all diese Gefühle unendlich irrelevant angesichts der absoluten Klarheit, dass ich diese Geburt nur hier und nur aus eigener Kraft zu einem guten Abschluss bringen werde. In all dem Chaos und Sturm beschließt etwas in mir, organisiert vorzugehen. Irgendwie muss ich die anderen mit in meine Realität ziehen. Irgendwie muss ich koordiniert kommunizieren und das erscheint mir wie eine fast übermenschliche Anstrengung. Aber es gelingt mir, meine Schwester jeweils zwischen zwei Wehen zu instruieren, den Laptop hochzufahren und im Internet auf der Seite von Sarah Schmid den Artikel aufzurufen, der sich mit dem Geburtsstillstand beschäftigt. Um 3:55 Uhr probieren wir die Übung Abdominal Lift and Tuck, aber sie fühlt sich sofort völlig verkehrt an. Zehn Minuten später beginnt mein Mann bei mir mit der Beckenpresse, was mir sehr hilft und ihn bald sehr anstrengt, sodass meine Freundin ebenfalls zu Hilfe kommt und die beiden nun jeder von einer Seite während der Wehen mein Becken zusammenpressen. Schon bald kann ich mir nicht mehr vorstellen, auch nur noch eine einzige Wehe ohne die beiden durchzustehen. Aber auch viele Wehen und Beckenpressen später hat sich weder am Fundusstand noch am Muttermund irgendetwas verändert. Ich bin immer noch unsicher, ob ich vielleicht einfach unfähig bin, eine Muttermundsöffnung als solche zu identifizieren und habe das Gefühl, es wäre wichtig, darüber Bescheid zu wissen. Gegen 4:30 Uhr verlasse ich die Tonne und lege mich noch einmal mit den Beinen über den Rand hängend ins Bett, diesmal mit genau nachgelesener Anleitung. Die Übung ist zwar sehr unangenehm, fühlt sich sonst aber richtig an. Meine Freundin sagt, ich solle meinem Körper vertrauen und aufhören über die Lösung nachzudenken. Sie sagt, ich solle mich nicht gegen den Schmerz wehren sondern alles zulassen, was mein Körper macht. „But it hurts so much!“ „I know.“ Ich versuche mich dem Schmerz zu öffnen. Dann übergebe ich mich und bei der nächsten Wehe im Vierfüßlerstand geht blutiger Schleim ab. Es ist 4:45 Uhr. Kurz danach bin ich wieder in der Tonne und die Wehen sind schwächer. Es kommt für 20-30 Minuten zu einer Wehenpause, in der ich halb im Schlaf im über dem Wasser befestigten Tragetuch hänge, das Kommen und Gehen der Wehen wie im Traum verfolge und mit ihnen atme. Auch mein Mann und meine Freundin schlafen. Um 5:34 werden die Wehen wieder etwas stärker. Ich knie im Wasser und kann sie gut aushalten. Inzwischen habe ich auch nochmal nach meinem Muttermund getastet und festgestellt, dass in mir plötzlich alles wie eine einzige riesengroße Öffnung ist. Um 5:47 werden die Wehen wieder sehr stark und meine Schwester schreibt auf, dass sie länger als zuvor andauern. Meine Freundin ist wieder an meiner Seite und hält meine Hand. Da ich weiß, dass sie selbst schon ein Kind auf die Welt gebracht hat, erlebe ich ihre Anwesenheit als besonders unterstützend. Die Wehen werden so stark, dass ich laut schreie, und dann fühlt sich die erste Wehe am Ende nach Pressen an. Ich will alles nur noch so schnell wie möglich hinter mich bringen und verschiebe die Hypnobirthing-Geburtsatmung auf eine spätere Geburt. Ich schreie so viele Gefühle und so viel von meinem Allerinnersten aus mir heraus, dass es mich selbst in diesem Kreis vertrauter Menschen eine Millisekunde der Überwindung kostet, all das zu zeigen. Mit meinem ganzen Bewusstsein befinde ich mich innerhalb meines Körpers, es gibt nichts anderes mehr. Mein Körper wird zu allem, was ist, wird zum Universum. Und ich merke, dass ich in diesem Moment nicht mehr auswählen kann zwischen dem, was ich hinauslassen, und dem, was ich in mir behalten will. Dass es in diesem Moment meinem Empfinden nach nicht mal ein Kind gibt, das in mir ist und das ich hinauslassen könnte. Was ich in mir wahrnehme ist nur eine überwältigende Menge komprimierter Energie und ein unendliches Meer von Gefühlen. Wo auch immer ich mit meinem Bewusstsein gelandet bin, es ist wohl nicht der anatomische Teil meines Körpers.

Als ich das Gefühl habe, den Austritt von einer großen Menge Fruchtwasser zu spüren, fasse ich in mich hinein und kann den Kopf fühlen, was allerdings ziemliche Schmerzen auslöst und ich sofort wieder lasse. Nach insgesamt zwei oder drei Presswehen wird der Kopf geboren. Er ist vollständig von der Fruchtblase umhüllt und drängt wie ein Ballon an die Wasseroberfläche. Wahrscheinlich aufgrund der Mischung aus Adrenalin und dem nach oben drängenden Kopf habe ich das Gefühl, ihn aus dem Wasser bringen zu müssen. Doch der Versuch aufzustehen führt zu so starken Schmerzen, dass ich es bleiben lasse. Ich finde zunächst keine passende Position, begebe mich aber schließlich in eine halb aufrechte Rückenlage und dann wird sie mit einer letzten Presswehe geboren: Um 6.01 Uhr schwimmt meine Tochter zwischen meinen Beinen im Wasser und mein Mann hält sie in seinen Händen.

Die Fruchtblase ist nun nicht mehr um ihren Kopf und sie schwebt zwischen uns. Plötzlich ist sie einfach da. Ein Mädchen. Mein Gefühl hatte gestimmt. Ich bringe ihren Kopf über Wasser. Sie schaut hellwach zu uns und bewegt sich kräftig. Dann erst fällt uns auf, dass sie ja als Sternengucker geboren wurde. Trotz dieser Lage und trotz des starken Pressens blieb ich völlig unverletzt. Nach meiner Vorbereitung mit dem Epi-No war ich allerdings auch völlig überzeugt davon gewesen, dass mein Kind in jedem Fall problemlos durch mich hindurchpassen würde. Ob das Training tatsächlich einen physischen Unterschied gemacht hat, weiß ich nicht, auch wenn ich es vermute. Aber während der Geburt einerseits zu wissen, was mein Körper bereits ohne den Einfluss von Geburtshormonen kann, und andererseits das Ausmaß der maximalen Dehnung schon so ziemlich zu kennen, anstatt im entscheidenden Moment nicht zu wissen, wieviel stärker sie vielleicht noch werden kann, das beides hat jede potenzielle Angst in mir vollständig durch Selbstvertrauen ersetzt.

Mit ihrer rosigen Gesichtsfarbe und ihren, für uns überraschend, kraftvollen Bewegungen im Wasser macht unsere Tochter in jedem Fall vom ersten Moment an einen sehr gesunden Eindruck. Da sie aber beim Atmen zunächst etwas röchelt, sauge ich mit meinem Mund probeweise ihren Mund und ihre Nase ab, doch sie scheinen weitgehend frei zu sein. Trotzdem scheint sie sich über das Atmen zu beschweren und ist nicht zufrieden im Wasser, weshalb wir nach wenigen Minuten von der Regentonne ins Bett umziehen. Dort trinkt sie nach etwa einer halben Stunde zum ersten Mal aus meiner Brust, so selbstverständlich, als hätte sie nie etwas anderes getan. Weil die Nachwehen sehr stark sind, rufe ich meine Freundin, die zwischenzeitlich draußen war, wieder zu mir und sie behandelt mich erneut mit Shiatsu. Um entspannter stillen zu können, würde ich die Plazenta gerne schneller gebären, doch sie lässt sich Zeit. Obwohl ich keinen Pressdrang spüre, hocke ich mich ein paarmal im Bett hin, um zu sehen, ob sie einfach rauskommt, und ziehe auch ganz leicht an der Nabelschnur, doch nichts passiert. Zweieinhalb Stunden nach der Geburt probiere ich es ein letztes Mal erfolglos und dann kommt schließlich doch noch der Moment für die Geburtsatmung aus dem Hypnobirthing. Nur wenige Augenblicke nachdem ich mit der Atmung beginne, gleitet die Plazenta einfach aus mir heraus. Wir untersuchen sie auf Vollständigkeit und legen sie dann in ein Sieb, da wir die Nabelschnur vorerst nicht durchtrennen wollen. Danach fühle ich mich großartig und überhaupt nicht nach im Bett liegen. Nach ein paar Minuten auf den Beinen meldet sich dann aber doch mein Kreislauf mit der Bitte, wieder ins Bett zu gehen. Unsere Tochter liegt wie ein kleiner Buddha auf dem Rücken mitten im Bett und scheint in vollkommenem Frieden mit sich und der Welt zu sein.

Sie ist 48cm groß, wiegt 3600g und wurde mit einem Kopfumfang von 34cm geboren.

Am vierten Tag durchtrennen wir mit einer Zange die Nabelschnur, nachdem sie so fest geworden ist, dass sie beim Dagegenstrampeln zu sehr am Nabel zieht.

Im Rückblick auf die Geburt hätte ich mir tatsächlich jemanden an meine Seite gewünscht, der mich durch alles hindurch geführt hätte, um den Geburtsstillstand früher und innerlich gelassener auflösen zu können. Allerdings hätte der Kopf dieser Person hinsichtlich all ihrer Entscheidungen ein genaues Abbild meines eigenen Kopfes sein müssen. Denn ich bin gleichzeitig unendlich froh, dass eben niemand da war, der es vermeintlich besser gewusst und mich zu irgendeiner anderen als der von mir getroffenen Entscheidungen gebracht hätte. Ich bin, was eine Geburt betrifft, nicht bereit, jemandem die Verantwortung zu geben, der am Ende vielleicht etwas anderes tut, als ich selbst tun würde. Ebenso wenig passt es aber zu mir, mich ganz auf mich gestellt nur von meinem Gefühl durch eine Geburt leiten zu lassen. Tatsächlich brauche ich für mein Glück eine Synthese von Kopf und Gefühl. Und die kann ohne „Datenverlust“ nur innerhalb einer einzelnen Person stattfinden. Der Mensch, den ich mir für eine entspanntere Geburt an meine Seite wünschen würde, kann daher nur ich selbst sein. Aus diesem Grund werde ich für eine zukünftige Geburt das Wissen, das ich im Vorfeld sammele, so tief in mir verankern, dass ich es auch unter ‚erschwerten Bedingungen‘ noch abrufen kann, anstatt dann vielleicht nur noch sicher zu wissen, wo es geschrieben steht.

Insgesamt gesehen feile ich damit aber an einem Detail. Das wirklich Wichtige ist, dass geburtsrelevantes Wissen bereits heute in unglaublichem Umfang zur Verfügung steht, und mir zur Verfügung gestanden hat, um unabhängig vom medizinischen System zu sein und meine Tochter gut auf die Welt zu bringen. Für diese Entwicklung bin ich zutiefst dankbar und möchte einen Teil zu ihr beitragen, indem ich diesen Bericht veröffentliche.

Ich wünsche allen Frauen, dass sie sich ihrer Kraft bewusst sind und sich die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden, unter welchen Bedingungen sie ihre Kinder auf die Welt bringen. Und ich wünsche der Welt, dass eine neue Ära anbricht, in der das Wunder des Lebens wieder mehr geachtet und weniger gefürchtet wird. Mögen wir Frauen zusammenwirken, um, indem wir endlich die Geburt heilen, die Welt zu heilen …

Anmerkung: Es ist ungewöhnlich, dass ein Baby sich – wenn es das erste Kind ist – vor der Geburt nicht ins Becken senkt. In dem Fall würde ich immer versuchen, möglichst vor der Geburt die Kindslage zu bestimmen, was diese Mutter auch versucht hat. Sie hat dabei keinen Rücken getastet, was ganz typisch für ein Baby in Sternenguckerlage (hintere Hinterhauptslage) ist, da der kindliche Rücken in dieser Situation nach hinten im Bauch gedreht liegt. Mit einfachen Übungen, wie ich sie hier und in meinem Buch „Alleingeburt“ beschrieben habe, kann man einem solchen Baby schon vor der Geburt helfen, in eine bessere Ausgangslage zu kommen. 

Ein Baby in Sternenguckerlage stellt sich schwerer ins Becken ein, weil es – die Wirbelsäule und das Kreuzbein der Mutter im Nacken – das Kinn nicht weit genug auf die Brust nehmen kann, um mit dem optimal kleinsten Durchmesser ins Becken einzutreten. Die Übung, mit der es dieser Mutter doch noch gelang, das Baby ins Becken zu bekommen, findet ihr hier.

Noch ausführlichere Informationen und Übungen zur Optimierung der Kindslage gibt es  – allerdings auf englisch – unter www.spinningbabies.com.

2 Gedanken zu „Alleingeburt beim ersten Kind: Wie ein Baby trotz Geburtsstillstand auf die Welt kam“

  1. Einfach großartig und absolut mitreißend geschrieben. Ich war von Anfang an, bis zum Schluss gefesselt, ergriffen und zwei Jahre zurück katapultiert, zu der letzten AG meiner Tochter im Wasser.
    Danke fürs teilen ♡

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