Alleingeburt im Krankenhaus – Geht das? (2)

Ihr erinnert Euch vielleicht an den Bericht einer Alleingeburt im Krankenhaus, den ich vor nicht langer Zeit hier gepostet habe. Leider machen die Krankenhäuser selten so großzügige Zugeständnisse. Im Folgenden berichtet eine Mama, die ihre Alleingeburt im Krankenhaus hart erkämpfen musste und deshalb immer noch das Jugendamt an der Backe hat. Es zeigt, wie viel sich noch tun muss, damit das Recht auf Ablehnung medizinischer Interventionen auch unter der Geburt respektiert wird. 

Am 16.07.2017 ist meine Fruchtblase um 19.00 Uhr geplatzt. Ich war sehr aufgeregt, da ich wusste, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ich meine Kleine in den Armen halten kann. Ich wusste nicht, ob es sich um ein Blasenriss oder ein Blasensprung handelt. Abwarten war noch angesagt. Am liebsten wollte ich Zuhause bleiben. Aber da ich mit mein Mann einen Kompromiss eingegangen bin und dachte, ich könnte eventuell eine selbstbestimmte Geburt auch im Krankenhaus erleben, da ich in der Hebammensprechstunde erwähnte, dass ich weder ein CTG noch irgendwelche Muttermundkontrollen haben möchte – von wegen. Aber nun weiter. Nach ca. einer halben Stunde hatte ich periodenartige, leichte Wellen mit starkem Ziehen im Unterleib. Die Wellen kamen nach ca. eine Stunde lang im 10-Minuten-Abstand und es floss noch mehr Fruchtwasser. Also wusste ich, dass es tatsächlich ein Blasensprung war. Ca. 2,5 Stunden fuhren wir ins Krankenhaus. Da kamen dann die Wellen alle 5 Minuten. Als wir im Krankenhaus ankamen, legte sie mich ans CTG und unterzogen mich einmalig einer Muttermundkontrolle. Befund: Gebärmutterhals komplett verstrichen und Muttermund bei 1 cm. Ich hatte mich gefreut. Wir gingen an die frische Luft und gegen 22.30 Uhr kamen die Wellen alle 2 Minuten und nach einer halben Stunde jede Minute. Ich lehnte mich entweder an oder ging in die Knie, um es zu veratmen. Sie wurden immer stärker. Gegen 23.30 Uhr ging ich in die Badewanne. Die Wellenabstände wurden länger. Nach einer Weile überkam mich eine starke Welle und es ging voran. Irgendwann spürte ich ein Druck. Es wurde immer unerträglicher. Ich schwitzte und tönte sehr laut und schrie immer „Ya Allah, Ya Karim, Ya Waduud, Ya Rahmen saidny“, ich sagte: „Ya ALLAH, ich weiß, dass ich sündig bin“. Ich sagte meinem Mann immer wieder: “ Ya Muhammad, wenn Du nur wüsstest, was ich gerade durchmache, wenn Du nur wüsstest, ich sterbe. Er fragte: „Du hast Schmerzen, ne?“ Er schaute mich bemitleidenswert an und sah in meinen Augen die Hilflosigkeit. Das zerbrach sein Herz, mir nicht helfen zu können und meinem Leid. Ich fühlte, wie sich der Kopf immer mehr den Weg nach unten ebnet. Ich tastete und fühlte den Kopf. Ich wurde für ein Moment schwach, wo ich Schmerzmittel nehmen wollte, war nur ein Gedanke und dachte mir, ich will nie wieder Kinder haben! Mein Mann rief die Hebamme. Ich sagte, dass ich das nicht will. Sie kam und wollte mir während den Presswellen ein CTG anlegen und nach mein Muttermund tasten! Ich lehnte ab, ich wollte gar nichts, nur meine Ruhe. Mein Mann versuchte mich zu überreden aber vergebens. Ich legte die ganze Zeit meinen Finger vor den Mund, damit er ruhig ist. Er zog mir dann das Tuch an, damit sie mir CTG anlegen und ich zog es nach oben und schrie ihn an: „Ich habe gerade Schmerzen und Du ziehst mir das Zeug an?“ (Er wollte nur mitspielen und es mir danach wieder ausziehen, da er Angst um uns beide hatte. Er sagte es auch immer wieder, aber ich nahm ihn nicht ernst.) In dem Moment kam die Ärztin rein und wurde ein wenig laut und sagte mir: „Hey, schreien Sie doch nicht so!“ Ich wollte, dass alle raus gehen, weil diskutiert wurde. Die Hebamme sagte mir, selbstbestimmt muss nicht unkontrolliert heißen und, wenn das Kind tot auf die Welt kommt, wäre ich dran, usw. Ich sagte nur: „Hören Sie doch endlich auf mit ihren pessimistischen Äußerungen!“ Ich hatte keine Kraft mehr. Sie drohten mir mit der Polizei und dem Jugendamt und angeblich wären die dran, wenn dem Baby was passieren würde. Ich ignorierte sie, mir war alles egal, ich wollte doch nur meine Ruhe haben. Das nennt man psychische Gewalt unter der Geburt. Ja, tatsächlich gibt es Gewalt unter der Geburt, was ich mir früher gar nicht vorstellen konnte. Irgendwann ließen sie mich in Ruhe und ließen mich machen. Ich merkte, wie der Kopf langsam raus kam und spürte einen starken Pressdrang. Ich presste mit aller Kraft und ich kam mir wie eine Löwin vor. Ich schrie laut: „Oh mein Gott, oh mein Gott.“ Es brannte und ich suchte Trost und Zuspruch. Das fehlte mir. Ich fragte die Ärztin: „Sie kennen das doch bestimmt oder, wenn das so brennt?“ Sie bejahte. Ich fragte weiter, ob ich es denn bald geschafft hätte, daraufhin fragte die Hebamme: „Haben Sie denn das Gefühl es bald geschafft zu haben?“ Ich bejahte. Ich hielt die Hand meines Mannes ganz doll fest und plupps war der Kopf draußen und der Körper flutschte. Ich nahm sie und begrüßte sie. Puuh, was für eine Erleichterung. Ich war überwältigt und konnte kaum glauben, aus eigener Kraft meine Tochter alleine geboren zu haben. „Ich habe es geschafft, ich habe es geschafft“, sagte ich voller Freude. Mein Mann weinte und konnte es kaum fassen, dass ich es geschafft haben. Er war stolz auf mich und die Leistung, die ich vollbracht hatte. Nach einer halben Stunde durchtrennte mein Mann die Nabelschnur. Im Anschluss hatte ich sehr starke Rückenschmerzen und einen Druck, aber ich wollte nicht loslassen. Nach einer Stunde half mir die Hebamme, indem Sie mich motivierte zu pressen und die Plazenta kam. Was für eine Erleichterung! Die Rückenschmerzen waren weg! Jetzt ist erstmal das Trauma verarbeiten angesagt. Ich werde so Allah will, nie wieder im Krankenhaus entbinden. Trotzdem soll man ja in allem das Positive sehen, ich hatte desto trotz eine Alleingeburt. : )

 

Ergänzung: Ich muss natürlich dazu sagen, dass mein Mann mich keine Sekunde allein gelassen und in keinem Moment an mir gezweifelt hat! Er glaubte und vertraute fest an mich! Er streichelte, massierte und sprach mir positiv zu und sagte immer wieder, dass ich es schaffen würde. Nur in der Pressphase wollte ich absolut nicht angerührt werden. Trotz Druck seitens des Krankenhauses, blieb er standhaft und wollte einfach nur mitspielen, da er um mich und seine Tochter sorgte, deshalb zog er mir dann das Tuch für das CTG an, damit die denken, dass wir uns doch an die „Spielregeln“ halten wollen. Das alles sagte er mir, aber ich nahm es einfach nicht wahr und dachte, dass das alles echt wäre. Er schmiss sogar die Hebamme raus vor der Pressphase. Der Arzt rief ihn so oft nach draußen und drohte mit dem Jugendamt. Er beschwerte sich beim Chefarzt und die Oberärztin bekam eine Abmahnung. Er kämpfte genauso wie ein Löwe für uns. Ich bin im Großen und Ganzen stolz auf ihn!

 

28 Gedanken zu „Alleingeburt im Krankenhaus – Geht das? (2)“

  1. Ich muss sagen, dass ich diesen Bericht sehr befremdlich finde! !!
    Was macht die Leserin damit, wenn sie nicht das vollständige Bild bekommt? Mich würde schon sehr interessieren, was die GeburtshelferInnen im Krankenhaus zu dieser Frau zu sagen hätten. Ständig werden hier in den Postings Geburtshelfer pauschal als böse, schlecht, inkompetent, ja gewalttätig verunglimpft. Diese Frau suchte Beistand unter der Geburt in einem Krankenhaus – was erwartet sie dann als Beistand?! Sehr unfair diese Darstellung.
    Wenn eine Frau im Krankenhaus sämtliche Untersuchungen ablehnt, muss sie das vorher genau besprechen. Da gibt es immer Möglichkeiten und Alternativen: eine Beleghebamme, Hausgeburt, Klinikgeburt mit ausgehandelten Bedingungen. Aber da muss man vorher genau planen und das absprechen.
    Ich finde diesen Bericht abstoßend und unfair – er hilft in keinster Weise, Frauen Mut zu ihrem eigenen Weg zu machen. Diese Frau wertet andere nur ab, es gibt keine konstruktive und faire Auseinandersetzung.
    Es wäre auch wichtig für Sarah Schmid, solche Berichte genauer anzuschauen und eventuell in einer konstruktiven Kommentierung zu bringen. Ständig wird nur schwarz-weiß gemalt. Bedenklich.
    PS: Ich kenne einige Frauen, die mit Hilfe einer Beleghebamme wundervolle Geburten im KH hatten.

    1. Ich stimme dir total zu.
      Und ich hatte zwei wunderbare Geburten in einer Uniklinik (böse,böse) mit einer Beleghebamme und würde es immer wieder so tun.

    2. Ich musste leider auf die schlimmste Art erleben, dass es in unserem Geburtssystem nicht sehr viele Alternativen gibt und dass man, egal, wie gut man plant und sich Unterstützung durch eine Hausgeburts-/Beleghebamme sucht, am Ende auch sehr allein dastehen kann. In meinem Fall endete das leider, im übrigen ohne echte medizinische Gründe, nach einem Erlebnis, das ich nur als stundenlangen Missbrauch bezeichnen kann, und nach zahlreichen Lügen der „Geburtshelfer“ im Krankenhaus und nach dem was man als psychische und physische Gewalt bezeichnen kann unterm Messer. Ja, wer in diesem Land in dem deutschen Geburtssystem und unter unseren „Leitfäden“ mit Geburtshilfe sein Geld verdient, tut dies meiner Meinung nach nicht um wirklich Geburtshilfe zu leisten. Menschen, die Geburtshilfe als ihre Berufung sehen und wirklich helfen wollen, haben doch in diesem System gar keine Chance. Von daher muss ich dir da total widersprechen. Dass die Krankenhausbelegschaft immer als schlecht dargestellt wird hat Gründe und ist vermutlich in 99% der Berichte auch absolut richtig.

      1. SuMa, ich bin gewiss nicht blind gegenüber den teils skandalösen Zuständen in den Geburtsabteilungen der Krankenhäuser, die ja nicht zuletzt etwas mit der skandalösen Unterbesetzung zu tun haben. Und die wiederum hat bei den Hebammen etwas mit der skandalös schlechten Bezahlung zu tun. Ja, ich habe vor dem Hintergrund dieser Zustände, die ja sogar zunehmend in der Tagespresse thematisiert werden, in letzter Zeit zunehmend Verständnis für das Konzept Alleingeburt.

        Aber was du da schreibst, kann ich nicht unwidersprochen stehen lassen. 99% der Krankenhausbelegschaft sind also deiner Meinung nach an einer guten Geburtshilfe gar nicht interessiert, sondern wollen nur Kohle machen? Wie das??? Ärzte, Krankenschwestern und fest angestellte Hebammen erhalten ein Gehalt und können also mit Geburten kein extra Geld verdienen (außer in der Konstellation Chefarzt/Chefärztin – privat versicherte Patientin). Beleghebammen und freiberuflich in Krankenhäusern arbeitende Hebammen bekommen bekanntlich eine lächerlich niedrige Fallpauschale. Gerade den unterbezahlten Hebammen (sind in den 99% ja wohl eingeschlossen) nun vorzuwerfen, sie hätten kein Interesse an guter Geburtshilfe, finde ich einfach gemein. Das gleiche gilt aber auch für Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonal, die du hier so pauschal und arrogant abkanzelst.

        Ich weiß ja nicht, was du so beruflich machst. Aber wenn man mir sagen würde, dass 99% meiner Kolleginnen und Kollegen gar kein Interesse an ihrem Job haben und nur Kohle machen wollen, wäre ich ziemlich angep….. .

        Ulrike

        PS: Ja, ich weiß, in diesem Forum haben Mütter immer Recht und Ärztinnen und Ärzte fast immer Unrecht. Das finde ich weder sachlich noch menschlich nachvollziehbar.

        1. Ulrike, nur um das nochmal klar zu stellen. Ich habe nicht geschrieben, dass 99% der Geburtshelfer nur auf Geld aus wären, sondern dass ich nach meiner Erfahrung davon überzeugt bin, dass 99% aller Frauen, die von miesen Erfahrungen mit Krankenhaus- oder Geburtshilfepersonal berichten, recht haben. Und ich habe auch dir und deinen Kolleginnen nicht Geldgeilheit unterstellt, sondern nur geschrieben, dass wirkliche Geburtshilfe, also Hilfe und Unterstützung bei einer Geburt meines Erachtens in Deutschland gar nicht möglich ist. Und dass jemand, dem das am Herzen liegt in diesem Land dazu gar keine Chance hat. An der Stelle würde ich mir von den Menschen, die in der Branche arbeiten tatsächlich mehr echte Selbstreflexion wünschen anstatt immer nur zu mauern. Damit wäre vermutlich schon viel gewonnen. Immerhin habt ihr mit Menschen in ihrem schwächsten und hilflosesten Moment zu tun. Menschen, die Beistand und echte Unterstützung brauchen und wahnsinnig häufig das Gegenteil finden.

    3. Geburtsberichte sind nie objektiv. Aber meiner Meinung nach dürfen sie in all ihrer Subjektivität dastehen. Denn so hat es die Frau erlebt. Wenn du aufgepasst hast, dann habe ich auch einen genau gegenteiligen Bericht von einer Alleingeburt im Krankenhaus gepostet.

      1. Ich habe auch diesen Bericht gelesen. Das ist eine Ausnahme. Im Großen und Ganzen nehme ich eine generell stark abwertende Haltung gegenüber Geburtshelfer wahr.

  2. Ich stoße mich auch schon seit Längerem an Berichten, in denen das medizinische Personal des Krankenhauses durchweg als inkompetent hingestellt wird. Oder dass Ärzte und Hebammen, die unter bestimmten Voraussetzungen eine Hausgeburt nicht befürworten, in den Augen der Mutter einfach keine Ahnung haben (siehe den vorletzten Bericht über die Zwillingsgeburt).

    Warum geht man in ein Krankenhaus, wenn man sich grundsätzlich nicht untersuchen lassen will? Und ein Vater, der im Krankenhaus die Hebamme aus dem Kreißsaal „schmeißt“? Wie muss man sich das vorstellen?

    Und wofür soll die Oberärztin, die ansonsten im Bericht gar nicht vorkommt, eine Abmahnung erhalten haben? Ohnehin würden solche Personalangelegenheiten vertraulich behandelt und nicht an Patienten weitergegeben. Außerdem erfolgt eine Abmahnung schriftlich und nach einem bestimmten Procedere. Kann alles gar nicht sein.

    Ich verstehe auch nach wie vor nicht, was an dieser Geburt so traumatisch gewesen sein soll. Es lief doch alles sehr glatt und ohne nennenswerte Interventionen, mal abgesehen von einer einzigen Kontrolle des Muttermundes und einem kurzen CTG. Eigentlich eine Bilderbuchgeburt. Dass die Hebamme, wenn der Muttermund anfangs nur 1 cm geöffnet war, später noch einmal tasten will, kann ich ziemlich gut nachvollziehen. Und auch das CTG hätte ja nun – soweit ich es verstehe – den Geburtsverlauf nicht beeinflusst. Warum also muss man sich so aufführen?

    Und dass die Hebamme zur Verantwortung gezogen wird, wenn Mutter oder Kind etwas zustößt und sich dann herausstellt, dass sie die vorgeschriebenen Routinen nicht durchgeführt hat, ist doch eine Tatsache.

    Ich meine: Wenn die Mutter eine Alleingeburt durchgeführt hätte, hätte sie auch die Verantwortung für die Geburt übernehmen müssen. Aber einerseits ins Krankenhaus gehen und damit Ärzte und Hebammen Verantwortung übernehmen lassen, sie dann aber daran hindern, ihren Job zu machen – das finde ich nicht fair.

    1. Ich sehe das ganz genau so. Dieser Bericht ist sicher eine selbstbestimmte, aber doch keine Alleingeburt! Wer komplett ohne Interventionen, Ortswechsel oder medizinisches Personal gebären möchte bleibt einfach alleine zuhause. Ich bin absolut pro Haus-/Alleingeburt, hatte selber zwei und plane jetzt die dritte (davon zwei Alleingeburten, sofern alles klappt im Oktober), aber für mich klingt das alles sehr unstimmig.

  3. Herzlichen Glückwunsch zur Geburt eurer Tochter! Und Gratulation, dass du es geschafft hast trotz Diskussion, Herumgeschreie, Angstmacherei und Drohungen bei dir zu bleiben und zu gebären. Mein Körper hätte „zu“gemacht. Respekt!

  4. Ich glaube auch nicht, dass die unschönen Seiten der Klinikgeburtshilfe grundsätzlich auf bösem Willen oder Ignoranz der Geburtshelfer beruhen. Ich sehe 2 Hauptprobleme:
    1.) in der Ausbildung sowohl der Ärzte als auch der Hebammen gibt es dramatische Defizite, was die Physiologie der Geburt anbelangt. Klar, der grobe Geburtsmechanismus ist bekannt, aber die Feinheiten vor allem auf hormoneller Ebene, der ständige Balanceakt zwischen Oxytocin und Stresshormonen und der Aktivitäten der unterschiedlichen Gehirnareale, die nunmal einfach auf kleinste Störungen sehr sensibel reagieren, aber gleichzeitig für die Steuerung der Geburt zuständig sind, sind oft völlig unbekannt – in meiner eigenen Hebammenausbildung kamen sie schlicht nicht vor. Der Schwerpunkt in der Ausbildung liegt im Erlernen von Interventionen, ohne wirklich die tiefgreifenden Wirkungen dieser Handlungen zu verstehen.
    2.) der forensische Druck. Die Geburtshilfe ist der Bereich in der Medizin, in dem die meisten Klagen gibt. Zunächst von den Eltern und ihren Anwälten selbst initiiert, inzwischen aber hauptsächlich von den Krankenkassen, die sich um ihre Leistungspflicht bei geschädigten Kindern drücken wollen (grob vereinfacht).
    Selbst wenn ich als Hebamme meine beste Freundin zu einer möglichst interventionsarmen Geburt in den Kreißsaal oder auch zuhause begleite und das Kind geht in irgendeiner Weise beeinträchtigt aus dieser Geburt hervor, dann habe ich, selbst wenn meine Freundin überzeugt ist, dass es kein Fehler meinerseits war, eine Klage der Krankenkasse am Hals, die versuchen will, die Kosten für die Behandlung des Kindes auf meine Haftpflicht abzuwälzen.

    Die Geburtshilfe gerade in der Klinik steckt also in einem riesigen Dilemma. Ich habe diesem Druck etwa 10 Jahre lang stand gehalten. Ich habe versucht, diesen Spagat zu leisten, nämlich Geburten so zu betreuen, dass sie eine Chance haben, physiologisch abzulaufen und gleichzeitig zu wissen, dass ich durch das strikte Unterlassen schwachsinniger Interventionen ständig mit einem Bein im Knast stehe und schlimmstenfalls ein Berufsverbot erhalte.

    Ja, es gibt grottenschlechte Hebammen und auch Ärzte – aber sie sind nicht in der Überzahl. Die Mehrzahl sind Menschen, die in einen inzwischen komplett unmenschlichen System irgendwie versuchen, ihren Job gut zu machen – was aber in Bezug auf die Physiologie der Geburt schlicht unmöglich ist.
    Wer ist jetzt Schuld daran?
    Die schlechte Ausbildung?
    Der schlechte Charakter?
    Die klagefreudigen Eltern?
    Die klagefreudigen Kassen?
    Das Fallpauschalensystem in der Abrechnung, das nunmal nur für Interventionen bezahlt, aber nur lächerliche Summen für unkomplizierte Geburten?
    Die Erwartungshaltung der Eltern, die ‚das perfekte Kind‘ haben wollen und nicht akzeptieren können, dass Natur auch Vielfalt und Auslese bedeuten kann?

    Einseitige Schuldzuweisung bringen uns da nicht weiter. Wir brauchen Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung und dringend eine Verbesserung der Ausbildung, was die Feinheiten der Geburt anbelangt.
    Aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis sich nachhaltig etwas ändert, fürchte ich.
    Und solange müssen die Frauen, die jetzt ihre Kinder gebären, irgendwie klarkommen…
    Bitte, liebe Frauen, versucht im Vorfeld der Geburt in den Dialog zu gehen, wenn ihr in die Klinik geht. Macht Euch klar, dass die Menschen dort keine Monster sind, sondern vermutlich gerne anders handeln würden, wenn die Rahmenbedingungen es zulassen würden. Ihr werdet mit vielen Eurer Anliegen auf offene Ohren stoßen, wenn ihr nicht gleich mit innerlich ausgefahren Krallen in ein Gespräch hinein geht.

    1. Hallo Iris,
      deinem Beitrag ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ich bin aber über diesen Passus gestolpert:
      „Die Erwartungshaltung der Eltern, die ‚das perfekte Kind‘ haben wollen und nicht akzeptieren können, dass Natur auch Vielfalt und Auslese bedeuten kann?“
      Meinst du damit, man sollte Behinderungen oder den Tod des Kindes in Kauf nehmen, auch wenn sie durch Interventionen möglicherweise verhindert werden könnten?
      Ich denke mal, dass du das nicht meinst. Aber vielleicht kannst du es noch mal klarstellen.

      1. Wenn die Natur Vielfalt und Auslese vorgesehen hat kann das keine Intervention verhindern. Rockenschaub (und der ist, liebe Ulrike, sogar Arzt-Gynäkologe 😉) schreibt in seinem Buch „Gebären ohne Aberglaube“ dass das Geburtsergebnis zu Beginn der Geburt bereits feststeht und wer meint mit Maßnahmen irgendein Unheil abwenden zu können in den Bereich „geburtsmedizinische Adepten“ einzureihen ist

        1. So ein Schwachsinn. Ganz grundsätzlich steht im christlichen Glauben von jedem Mensch sein Lebensverlauf schon fest.
          Aber natürlich kann ein Kind bei z.B.vorzeitiger Plazentalösung durch Intervention mit einem Kaiserschnitt gerettet werden und stirbt ohne Intervention.
          Und natürlich kann ein Kind bei grünem Fruchtwasser tief abgesaugt werden vor dem ersten Schrei und damit eine Mekoniumaspiration verhindert werden. Und so gibt es unzählige weitere Beispiel wie in den Geburtsverlauf zum Vorteil von Kind oder auch Mutter eingegriffen werden kann um schlimmes zu verhindern.
          Das in der Form natürlich nur wenn man sich nicht im Wald alleine versteckt um zu gebären.

          1. Da verstehe ich den christlichen Glauben aber anders. Der Lebenslauf ist nicht festgelegt, sondern ein Mensch kann sich für verschiedene Wege entscheiden: mit Gott oder ohne ihn. Und genauso ist der ganze Lebenswandel von Entscheidungen geprägt. Gott hat zwar einen Plan für jedes Leben, aber man kann dazu ja oder nein sagen, Gottes Weg gehen oder seinen eigenen.
            Sicherlich gibt es Fälle, bei denen die Medizin Leben rettet. Frauen bei Alleingeburten spüren erfahrungsgemäß ziemlich genau, wenn etwas nicht stimmt und suchen dann auch ein Krankenhaus auf. Das sind die Geschichten, die meist nicht öffentlich gemacht werden, weil sie gern dafür herangezerrt werden, wie gefährlich eine Geburt in Eigenregie ist. Eigentlich zeigen sie aber das Gegenteil, denn diese Geschichten gehen gut aus. Eben dann mit Interventionen oder auch Kaiserschnitt. Wenn es tatsächlich notwendig ist, DANN ist es super, dass eingriffen werden kann. Wer sich mit meiner Arbeit beschäftigt hat, weiß, dass ich nie etwas anderes propagiert habe.

        2. Sorry, S, aber das halte ich für gefährlichen Unfug. Wenn man das zu Ende denkt, kannst du auch jede Behandlung deiner kranken Kinder und auch deiner selbst unterlassen (also auch keine lindernden Tees, Wadenwickel etc.). Oder auch ein Kind mit einer akuten Blinddarmentzündung nicht ins Krankenhaus bringen. Wenn das Kind dann schlimmstenfalls stirbt, hat die Natur das eben so gewollt. Ist das deine Ansicht? Ich halte ja viel davon, bei Bagatellerkrankungen die eigenen Abwehrkräfte arbeiten zu lassen, aber so eine Einstellung fände ich kriminell.

        3. Und noch ein Nachtrag: Es sollte mich wirklich sehr wundern, wenn Rockenschaub irgendwo den Geburtsvorgang mit „Auslese“ in Verbindung gebracht hat. Er wendet sich mit guten Argumenten gegen routinemäßige Interventionen unter der Geburt und gegen leichtfertig durchgeführte Kaiserschnittentbindungen. In besonders gelagerten Fällen hat er aber auch selbst schon Schnittentbindungen durchgeführt.

          Für mich gehört das Wort „Auslese“ – im biologischen Sinn und auf den Menschen bezogen – auch zum typischen Vokabular von Eugenikern und Rassetheoretikern der Nazizeit.

  5. Zum Kommentar von „S“: Endlich offenbart hier eine der Alleingebärerinnnen ihre wahre geistige Haltung!
    Das ist genau der Grund, warum ich vor diesem Hype „Alleingeburt – das neue Heil“ eindringlich warne. Weil er Frauen in die Irre führt. Es wird den Frauen nämlich verheimlicht, dass führende Gurus dieser Szene in letzter Konsequenz ein totes Kind als natürliche Auslese, als Schicksal oder Wille Gottes akzeptieren würden.
    Und viele Frauen sehen nur das Romantische an einer Alleingeburt – wie schön allein im Wald oder auf einer Blumenwiese gebären oder bei Kerzenschein im Wohnzimmer. Und wie grausam in einem KH-Kreißsaal.
    Und übersehen komplett, was diese Ideologie zu Ende gedacht aussagt (bei manchen der Gurus): nämlich eine extreme Auslegung von Natürlichkeit.
    Diese Sicht kann man vertreten! Aber man sollte es den Frauen, die man (teilweise zurecht) vor Fremdbestimmung und Ohnmacht warnen möchte, auch von Anfang an offen sagen.
    Sicher vertreten nicht alle Alleingebärerinnen diese extreme Sicht der Natürlichkeit.
    Was denken Sie, Sarah Schmid, darüber? Ich würde mal vermuten – nach allem, was ich von Ihnen lese, dass auch Sie diese Sicht von „S“ teilen. Ich möchte Ihnen aber nicht unrecht tun.

    1. Wenn Sie sich tatsächlich mit meiner Arbeit beschäftigt haben, wissen Sie die Antwort auf diese Frage. Wenn nicht, siehe meine Antwort auf Uhus Kommentar.

      1. Danke für die Antwort und Klarstellung!
        Mich würde interessieren, ob Sie hier auf Ihrem Blog schon mal ein Beispiel einer geplanten Alleingeburt gebracht haben, bei der die Frau gespürt hat, dass etwas nicht stimmt und die daher professionelle Hilfe geholt hat? Und dies auch als hilfreich und nicht als absolute Enttäuschung erlebt hat?

        Ich frage mich aber: Wie kann jemand Ärzten und Hebammen vertrauen, wenn der Person zuvor stets nur gesagt wird (und sie denkt es ja selber!), dass genau dieselben inkompetent, unmenschlich und grob seien – wie hier in vielen Berichten deutlich wird.
        Das würde ich gerne mal an Hand eines Beispiels lesen.
        Ich bezweifle daher, dass sich solcherart indoktrinierte Frauen tatsächlich in die Hände von Ärztinnen und Hebammen begeben. Aber vielleicht irre ich mich.

        1. Ich poste Geburtsberichte, wie ich sie bekomme. Ab und zu gibt es einen, wo die Frau Hilfe brauchte und gesucht hat. Und es war hilfreich. Diese Frauen sind mit dem Ausgang ihrer Geburt oft am Hadern (nicht mit dem KH-Personal) und ich habe schon ein paar um ihren Bericht gebeten. Einen habe ich, der steht auf meiner Liste. Nur komme ich gerade nicht ganz nach und er wird online gehen, wenn die Zeit da ist. Deine Meinung in allen Ehren. Aber warum so grantig? Ich werde streitsüchtige Kommentare von dir in Zukunft löschen, wenn sie nicht tatsächlich inhaltlich etwas Nützliches beizutragen haben.

    2. ähm, „gurus dieser szene“?! entschuldige, darüber musste ich gerade etwas lachen. ich hatte beide meiner kinder alleine geboren und habe niemandem, den ich als solchen guru bezeichnen würde. alleingeburt hat für mich einfach gepasst. Punkt.

  6. Wow, mir wird gerade ein bisschen anders wenn ich das hier alles so lese. Ich fand Pias Beiträge gar nicht streitsüchtig, sondern konstruktiv. Welchen Sinn macht denn ein Blog wie dieser, wenn man nicht offen über alles reden kann?
    Andererseits bin ich auch froh, weil ich das Thema Alleingeburt bisher offensichtlich nicht kritisch genug gesehen habe.

  7. Wie man in den Wald reinschreit, so kommt es wieder raus.

    Ich habe zwei mal sehr selbstbestimmt im Krankenhaus entbunden und meine Wünsche wurden immer berücksichtigt. Auch die nach Ruhe, nicht angefasst werden und mein eigenes Tempo zu verfolgen. Beim ersten Kind wollte ich mich nicht hinlegen, auch nicht kurz, um den MuMu kontrollieren zu lassen und in 6 Stunden hat mich niemand dazu gezwungen. Als ich darum bat, in Ruhe gelassen zu werden, hat sich die Hebamme dezent zurück gezogen und mich über eine Stunde mein Ding machen lassen. Ich war richtig in Trance, empfand keine Schmerzen und war komplett bei mir. Allerdings habe ich mich auch nicht aufgeführt wie eine Verrückte.

    Wenn die Berichtschreiberin nun sagt, dass sie es als Gewalt empfindet, von der Ärztin ruppig angegangen zu werden, muss sie sich mMn nicht darüber wundern.
    Ich stelle mir vor, wie die Ärztin in den Kreissaal kommt, die Mutter mit dem Vater um den CTG Gurt „kämpft“ und in einer Sprache, die sie nicht versteht, lautstark miteinander streiten. Dass das nicht gerade den Eindruck einer in sich ruhenden Schwangeren erweckt, die die Situation im Griff hat, ist nachvollziehbar.
    Ich würde meinen Job auch nicht für eine hysterische Frau aufs Spiel setzen, die sich nicht einmal kurz beruhigen kann, um die Situation mit mir durchzusprechen.

    Und ein CTG ist keine Gewalttat. Es tut nicht weh, es beeinträchtigt das Kind nicht, muss man da so einen Aufstand machen?
    Dann bleib ich halt zu Hause.

    Der Bericht erweckt eher den Eindruck, als wollte die Mutter etwas anderes als der Vater und das ganze wurde am Rücken des bösen, bösen Klinikpersonals ausgetragen.

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