Eine nicht ganz so leichte Alleingeburt

Die Mutter, die im Folgenden ausführlich von ihrer Alleingeburt berichtet, wollte ihr Kind eigentlich abtreiben. Ihre erste Geburt war so traumatisch gewesen, dass sie sich nicht vorstellen konnte, noch mal ein Kind zu bekommen. Aber dann erfuhr sie von der Möglichkeit einer freien Geburt. Sie sagte den Abtreibungstermin ab und plante ihre Alleingeburt. 

Als ich im Dezember 2016, kurz vor Weihnachten, von meiner Schwangerschaft erfuhr, brach für mich eine Welt zusammen. Nach alledem, was um die Geburt meines Sohnes passiert ist, wollte ich – trotz bestehendem Kinderwunsch, keine weiteren Kinder mehr bekommen. Ich war seitdem in Traumatherapie und war psychisch mal mehr, mal weniger stabil. Zum Wohl meines Sohnes konnte ich es nicht riskieren, meine relative Stabilität wieder zu verlieren. So entschied ich mich schweren Herzens gegen weitere Kinder. Jedoch meinte das Schicksal mir einen Streich spielen zu müssen. Mein Mann und ich verhüteten mit Kupferkette (ähnlich der Kupferspirale). Im August war ich noch zur Kontrolle (unauffällig) und Anfang Dezember blieb dann meine Periode aus. Der erste Schwangerschaftstest war negativ. Kurz vor Weihnachten wollte ich aber Gewissheit und machte einen Termin bei meiner Frauenärztin. Befund: Kette weg, 7. Schwangerschaftswoche.

Mir war direkt klar, dass ich keine Hebamme mehr an mich ran lasse. Eine Geburt ohne Hebamme? Das geht doch nicht! Viel zu gefährlich! Dann komme ich/kommen wir ins Gefängnis! Dann habe ich zwei Kinder, die ohne Mama aufwachsen müssen und vielleicht auch ohne Papa … Abtreibung erschien mir als einzige Lösung. Erst als mein Mann begann, sich mit dem Thema Alleingeburt zu beschäftigen – er wollte das Baby auch so gern wie ich – wurde mir nach und nach bewusst, dass wir sehr wohl eine Handlungsalternative haben und ich nur konditioniert war auf das, was uns von der Gesellschaft und den Medien vorgemacht wird. Wir hatten nicht viel Zeit, der Termin für den Schwangerschaftsabbruch stand für Mitte Januar fest. So konnte ich mich nur oberflächlich mit dem Thema auseinandersetzten. Ganz schnell wurde jedoch folgendes deutlich:

  1. Wir machen uns definitiv NICHT strafbar – weder mein Mann noch ich.
  2. Das Risiko für das Baby schien überschaubar zu sein.

Mit diesem Wissen entschieden wir uns für das Baby. Ich sagte den Abtreibungstermin einen Tag vorher ab und wir bereiteten uns auf eine Alleingeburt vor. Am Anfang war ich noch bei der Vorsorge bei meiner Frauenärztin. Die war froh, dass ich das Baby nun doch bekommen würde, aber war zunächst nicht so begeistert von der Wahl meines Geburtsortes und der „fehlenden“ fachlichen Begleitung. Zunehmend wurde mir klar, was Sarah Schmid damit meint, dass die Vorsorgeuntersuchungen überwiegend Ängste schüren. In der 22. Woche war ich noch zum Feinultraschall, um große Fehlbildungen, die eine sofortige Behandlungsbedürftigkeit des Babys erfordern würden, auszuschließen. Danach verzichtete ich auf VorSORGEN, zumal ich mit Haushalt, Kind, Umzug, Uni und Schwangerschaft auch so alle Hände voll zu tun hatte.

Laut Mutterpass wäre am 18.08.2017 errechneter Termin (ET) gewesen, aber ich habe immer mit dem 21.08.2017 gerechnet, weil meine Frauenärztin den Termin in der 12. Woche nochmal 3 Tage nach vorn korrigiert hat, ich aber grundsätzlich nichts von einer Nachkorrektur des ET halte. Da aber der ET der Frauenärztin (FÄ) näher am tatsächlichen Geburtstermin liegt, gehe ich im Folgenden vom 18.08.2017 als ET aus.

Mittwoch, der 16.08.2017 (ET-2)

An diesem Tag hatte ich „nur“ einen Gesprächstermin bei meiner Frauenärztin, nachdem die Praxis mich in der Woche zuvor noch mal angerufen hatte (sie dachten, dass ich zwischenzeitlich zur Vorsorge bei einem Frauenarzt in meiner Uni-Stadt war) um zu fragen, ob ich noch mal kommen würde. Ich erklärte jedoch, dass ich seither nicht mehr in gynäkologischer Behandlung war und auch jetzt darin wenig Sinn sehe, da ich kein CTG, kein Ultraschall und auch keine vaginale Untersuchung machen lassen wollte. Damit waren die Arzthelferinnen völlig überfordert und verbanden mich direkt mit meiner Ärztin, der ich nochmal das gleiche erzählte. Sie fragte, ob wir weiterhin ein Alleingeburt planen und erklärte, dass sie sich damit unwohl fühle und ob ich nicht noch mal zu einem Gespräch kommen würde. Ich schätze meine Ärztin sehr und dachte, dass ich von dem Gespräch nur profitieren kann. Mich zu verunsichernd braucht einiges an Überzeugungskraft und ich fühlte mich sehr gut informiert, was die bevorstehende Geburt anging. Somit erklärte ich mich einverstanden zu kommen, jedoch ohne meinen Mann. Seine Firma kam uns bereits für die Geburt total entgegen, da er ab Einsetzten der Wehen sich in den Urlaub verabschieden durfte und er jetzt nicht noch einen Tag zusätzlich frei machen konnte. So kam es, dass ich an diesem Morgen doch wieder in der Praxis meiner Frauenärztin saß.

Gesprächsinhalt war, wie mein Mann und ich uns auf die Alleingeburt vorbereitet hatten, auf was wir noch achten sollen, wann wir einen Rettungswagen rufen sollten usw. Ich habe ihr dann erzählt, das das Baby regelrecht in Schädellage liegen würde (wobei ich ehrlich gesagt nicht ganz sicher war, ob es nicht doch noch in Sterngucker-Position war) und dass mein Mann einen Notfallkurs für Säuglinge und Kleinkinder inkl. Reanimation gemacht hat. Sie meinte dann, dass sie sich gar keine Sorgen um das Baby mache. Wenn es in Schädellage läge, käme es schon problemlos raus. Sie mache sich eher Sorgen um mich. Sie meinte, dass es wahrscheinlich ist, dass die alte Dammschnittnarbe reißt und hatte Bedenken, dass mein Mann im Notfall umkippen könnte und mir dann nicht mehr helfen könnte oder dass ich verbluten könnte (gut, dass ich ihr nichts von meinem Pool erzählt habe). Da ich aber bei der ersten Geburt stark geblutet habe und mein Mann auch ganz taff war, machte ich mir darum überhaupt keine Sorgen. Was die Gefahr für mein Leben angeht, war mir das ohnehin von Anfang an relativ gleich und außerdem kann ich sehr gut einschätzen, wann ich einen Arzt brauche und wann ich mir noch selbst Hilfe holen kann.

Überdies sagte sie, dass sie mich ja verstehen könne, da sie ja wisse, wie es teilweise in Kreißsälen so zugehe (sie war früher Oberärztin im Kreissaal). Ebenso meinte sie, dass sie überlegt hatte, mich bei der Geburt zu begleiten. Damit würde sie sich aber rechtlich in ziemlich große Schwierigkeiten bringen. Mal davon abgesehen, dass ich das ohnehin nicht gewollt hätte, sind Ärzte dazu verpflichtet, zu jeder Geburt eine Hebamme hinzuzuziehen. Sie hat mir aber noch ihre private Handynummer gegeben, dass ich bzw. mein Mann sie bei Fragen oder Unsicherheiten auch unter der Geburt anrufen könnten. Dann ging es noch darum, wo mein Sohn während der Geburt sein würde. Ich meinte, wenn er schläft, dann schläft er und wenn er stören würde, könnte ich ihn von einer Freundin abholen lassen. Dass mein Sohn eigentlich dabei sein wollte und ich damit auch kein Problem habe, habe ich nicht erwähnt. Ich habe einige Videos gesehen, bei denen Kinder verschiedenen Alters bei der Geburt dabei waren und aus dem, was ich dabei beobachten konnte, habe ich die Erkenntnis gezogen, dass Kinder sich da sehr gut selbst regulieren können und selbst entscheiden können, wie viel sie ertragen können. Demnach haben mein Mann und ich beschlossen, dass unser Sohn bei der Geburt dabei sein darf, solange er das möchte und solange ich mich durch ihn nicht gestört fühle.

Zum Schluss fragte sie, ob ich denn schon Wehen hätte und meinte noch, dass ich es nicht so übertreiben solle mit dem Übertragen, da ich ja schon ET-2 sei. Bis zu dieser Zeit hatte ich auch noch absolut keine Wehen, auch keine Senkwehen. Das kannte ich jedoch so bereits von der ersten Schwangerschaft. Sehr toll fand ich, dass ich überhaupt nicht diskutieren oder mich für irgendetwas rechtfertigen musste. Meine Ärztin hat auch absolut nicht versucht mich umzustimmen oder mir irgendwelche Vorwürfe gemacht. Es war einfach nur ein Beratungs- und Informationsgespräch – sehr netter Austausch. Ich muss echt sagen, dass sie eine wirklich tolle Ärztin ist.

Nachmittags hatte ich dann die Eingebung, dass ich so langsam mal die restlichen Babysachen aus der Garage kramen sollte und dass mein Mann die Babywiege zusammenbauen soll. Am gleichen Abend hatte ich dann etwas durchsichtigen unblutigen Schleim am Toilettenpapier von der Menge her etwa ein Teelöffel voll und ich war mir unsicher, ob das der Schleimpfropf sein könnte, da ich bei der ersten Geburt den Abgang nicht mitbekommen habe. Danach hatte ich langsam zunehmend einen Druck nach unten. Als ich kurz nach 23:00 Uhr im Bett war, habe ich die ersten richtigen Mini-Wehechen gespürt. Ich habe mir noch nichts dabei gedacht. Ich wollte erst mal schlafen und schauen, wie sich das Ganze so weiterentwickelt. Zwar ging die letzte Geburt ähnlich los, aber jede Geburt ist anders und ich wollte mich einfach nicht verrückt machen.

Donnerstag, 17.08.2017 (ET-1)

Für diesen Tag hatte ich mit den Mädels aus der Uni eigentlich einen gemeinsamen Friseurtermin. Aber da ich schon mit leichten, nichtschmerzhaften Wehen morgens um 6:00 Uhr wach wurde, bin ich nicht mit. Ich habe zwar die ganze Nacht ruhig geschlafen, aber da ich nicht wusste, wie schnell sich die Wehen aufbauen würden, wollte ich nicht mehr mit dem Auto weg. Zum einen fand ich das zu gefährlich, zum anderen war bei der letzten Geburt die Autofahrt unter Wehen ins KH einfach nur die Hölle. Das wollte ich diesmal vermeiden.

Ich war total aufgeregt, konnte nicht mehr schlafen und lag dann bis etwa 7:00 Uhr wach im Bett. Ich wollte aber nicht aufstehen, weil ich eigentlich noch sehr müde war und bin auch nochmal eingeschlafen, bis der Große mich gegen 9:00 Uhr geweckt hat. Wir haben dann erst einmal in Ruhe gefrühstückt. Ich wollte mich nicht verrückt machen und dachte, ich nutze den Tag, um weiter Umzugskisten auszupacken. Ich wehte währenddessen weiter immer wieder mal vor mich hin, war bis zum Mittag dreimal Groß auf der Toilette und es ging weiter unblutiger Schleim ab. Es fühlte sich alles doch schon irgendwie nach Geburtsbeginn an. Aber ich hatte auch das Gefühl, ich bin in einem Zustand, der noch Tage so anhalten oder auch jeder Zeit umschlagen könnte.

So langsam wurde ich träge und müde, deshalb beschloss ich, ein Mittagsschläfchen zu machen. Ich wusste ja nicht, ob ich die kommende Nacht noch würde schlafen können. Der Große hat das iPad bekommen – eigentlich nur 30 Minuten. Aber ich hatte die Timerfunktion nicht richtig eingestellt, sodass ich erst nach 2h wieder wach wurde, weil mein Sohn die ganze Zeit ruhig in seinem Zimmer gespielt hatte.

Ich wollte nach dem Mittagsschlaf eigentlich mal nach dem Muttermund tasten, aber ich wollte mich nicht demotivieren, falls sich nichts seit dem Tasten am Vortag morgens getan hätte. Ich hatte dann noch mal kurz Besuch von einer Freundin und war abgelenkt. Als mein Mann dann kam, war ich auch noch beschäftigt, sodass ich da nicht weiter drüber nachdachte. Aber bevor wir ins Bett sind, wollte ich doch noch wissen woran ich bin. Wie ich bereits befürchtet hatte, hatte sich am Muttermund nichts verändert – weiterhin noch eine kleine Wulst, Finger durchgängig, wie bereits die letzten Tage. Na ja so war es aber auch bei der ersten Geburt. Also fing ich doch an, wie mein Mann schon ein paar Tage zuvor gesagt hatte, mit einer Geburt von 65 Stunden ab der ersten Wehe zu rechnen. Demnach würde das Baby am 19.08.2017 gegen 16:00 Uhr geboren werden. Für uns wäre das eigentlich total doof gewesen, da an dem Tag der Vater von meiner Freundin kommen wollte um das Parkett abzuschleifen. Deshalb hoffte ich darauf, dass die Geburt schneller oder noch besser langsamer vorangehen würde. Schließlich wollte ich eigentlich das Kinderzimmer (in dem auch Parkett liegt) fertig haben, bevor das Baby geboren wird. Wir hatten das Haus gerade erst gekauft, sodass wir mit der Renovierung des Kinderzimmers nicht früher beginnen konnten.

Trotzdem habe ich mit meinem Mann noch alles vorbereitet, falls es wider Erwarten in der Nacht doch richtig losgehen sollte. Den Geburts- bzw. Entspannungspool (ich wollte nicht im Wasser gebären) wollte ich auch sicherheitshalber schon aufgebaut haben. Dies erwies sich aber als etwas umständlich. Wir hatten den Pool vorher nicht ausgepackt und wollten eigentlich die Luftpumpe, die wir noch vom Vorbesitzer in unserer Gartenhütte gefunden haben, zum aufpumpen verwenden. Als wir den Pool ausgepackt haben, mussten wir jedoch feststellen, dass der Aufsatz der Pumpe nur für den Boden passte und wir für die Wände einen größeren Aufsatz gebraucht hätten. Mein Mann ist dann noch mal in die Hütte um zu schauen, ob da evtl. noch irgendwo der richtige Aufsatz rumliegt. Er kam zurück mit einem ungebrauchten Einfüllstutzen von einem Benzinkanister. Damit konnten wir den Pool, zwar etwas umständlich, aber für unsere Zwecke entsprechend, aufpumpen. Anschließend sind wir ins Bett und ich hoffte auf eine ruhige Nacht.

Freitag, 18.08.217

Ich wurde morgens vom Wecker meines Mannes wach. Die Nacht war relativ erholsam, ich wurde zwar immer wieder von einer Wehe geweckt, aber konnte immer wieder einschlafen. Ich habe meinen Mann trotzdem erst mal auf Arbeit geschickt. Es war sein letzter Arbeitstag vor seinem regulären dreiwöchigen Urlaub, den er sich wegen der bevorstehenden Geburt bereits genommen hatte. Ich war mir sicher, dass es locker für einen halben Arbeitstag noch reichen würde und von der Arbeit nach Hause braucht er nur 20-30 Minuten. Ich sagte ihm, bevor er los ist, dass ich es für möglich halte, dass er nicht den ganzen Tag arbeiten kann und er sich doch bitte abrufbereit halten solle.

Dann döste ich noch etwas, bis mein Sohn mich gegen 7:30 Uhr geweckt hatte. Wir haben dann erst mal in Ruhe gefrühstückt und anschließend habe ich die Küche aufgeräumt. Danach habe ich noch mal getastet – wieder keine Veränderungen. Ich habe dann erst einmal eine schön lange und ausgiebige heiße Dusche genommen und weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass das Baby nicht optimal liegen könnte – weil es sehr lange ein kleines Sternenguckerchen war und ich immer noch unsicher über die genaue Lage war – beschloss ich zumindest prophylaktisch ein paar Übungen zur Optimierung der Kindslage aus Sarahs Buch zu machen. Schaden konnte es ja zumindest nicht. Außerdem habe ich eine Freundin in Whatsapp angeschrieben. Mit ihr hatte ich während der letzten Geburt den ganzen Tag in der Wanne telefoniert und ca. 5h nachdem wir aufgelegt hatten, wurde mein Sohn geboren. Demnach dachte ich, wenn ich ihr zumindest mal schreibe, muss das einen positiven Einfluss haben.

Mein Sohn, dem ich immer wieder erklärt habe, dass das Baby jetzt langsam geboren werden möchte, hat seine Rolle als Geburtshelfer sehr ernst genommen – zumindest hat er mich mit klugen Sprüchen wie „Mama, also ich kann jetzt wirklich auch nichts dafür, dass das Baby in deinem Bauch wächst“ oder „Mama, jetzt musst du nur einmal ganz laut schreien, so laut du kannst, dann kommt das Baby schon raus“ bei Laune gehalten. Trotzdem war ich ziemlich genervt von ihm. Er musste sich wegen Umzug und Kindergartenferien schon seit Tagen sehr viel alleine beschäftigen. Zudem war an diesem Morgen auch das Wetter nicht so toll und die meisten seiner Spielsachen waren noch in Umzugskartons und er wollte unbedingt, dass ich was mit ihm spiele. Eine andere Freundin, mit der ich nebenher auch schrieb, bot mir an ihn abzuholen. Ich brauchte aber auch etwas Ablenkung, deshalb lud ich sie ein, mit ihrem Sohn zum Spielen und Kaffeetrinken zu kommen unter der Einschränkung, dass ich sie wieder heimschicken dürfte, wenn es mir zu viel werden sollte.

So verbrachte ich den Vormittag mit quatschen und ab und an mal bin ich bei einer Wehe aufgestanden um herumzulaufen. Aber im Großen und Ganzen wurden die Wehen deutlich weniger. Ich hatte dann etwa 2 Std. keine Wehen mehr und meine Freundin war auch wieder gegangen, deshalb beschloss ich die Gunst der Stunde zu nutzen um noch ein Mittagsschläfchen zu halten und Kraft zu tanken. Kaum lag ich im Bett, kamen die Wehen zurück und waren relativ heftig, zumindest so, dass ich immer wieder wach wurde, wenn ich grad am weg dösen war. Also stand ich wieder auf, ging zu meinem Sohn, der schön brav in seinem Zimmer gespielt hatte, um zu besprechen, was wir denn jetzt noch machen könnten. Es war so kurz nach 15:00 Uhr. Er wollte unbedingt die Lasagne mit mir kochen, die ich ihm schon am Tag zuvor versprochen hatte. Versprochen ist versprochen und ich dachte, das wäre kein Problem. Aber zuvor habe ich noch meinen Mann angerufen, ihm gesagt, dass er noch in Ruhe zu Ende arbeiten kann und dann noch mal in der alten Wohnung vorbeischauen soll, um noch die letzten Sachen zu holen.

Dann ging ich mit meinem Sohn in die Küche, die Wehen kamen wieder regelmäßig und wurden nach unten stärker. Ich konnte während der Wehen nicht mehr ruhig stehen bleiben. Als wir unsere Zutaten schnippelten, war das auch noch kein Problem. Aber kaum hatte ich den Herd an, kamen die Wehen etwa alle 3-5 Minuten und zwischendurch musste ich noch auf Toilette. Ich fing auch an, die Wehen zu veratmen und leicht zu tönen. Meinem Sohn erklärte ich, dass er sich keine Sorgen machen braucht, dass es Mama gut geht und dass jetzt seine Aufgabe sei, auf das Essen aufzupassen, wenn ich eine Runde laufen musste. Wir kochen schon zusammen, seit er 3 Jahre alt ist und ich wusste, dass ich ihn ohne Sorgen alleine am Herd stehen lassen konnte. Jetzt bereute ich, dass ich meinen Mann noch mal in die alte Wohnung geschickt habe, weil ich eigentlich nicht mehr in der Lage war zu kochen.

Gegen 17:45 Uhr, ich war gerade am Herd fertig, hatte ich das Gefühl, dass ich einen Blasenriss haben könnte – es tröpfelte immer so ein bisschen was aus mir raus, das ich nicht wirklich halten konnte. Ich konnte aber auch nicht einordnen, ob das jetzt Urin oder Fruchtwasser war. In Whatsapp und in der FB-Gruppe verkündetet ich „Ich glaube, ich bin nicht mehr ganz dicht!“. Zur gleichen Zeit kam auch mein Mann endlich nach Hause – er hatte der ehemaligen Nachbarin, die jetzt in unsere alte Wohnung zog, noch etwas geholfen.

Ich brachte ihn auf den Stand, dass ich versucht habe mit unserem Sohn Lasagne zu kochen, dass die Soßen fertig sind und nur noch mit den Nudeln in die Auflaufform geschichtet werden müssten (und in welcher Reihenfolge), dass ich etwa alle 3 Min. Wehen hatte und kaum noch ruhig stehen konnte. Zwischen den Wehen stand ich zuletzt popowackelnd am Herd. Dann wollte ich noch, dass er mir Wasser in den Pool lässt, wenn die Lasagne im Ofen ist. Ich bin durch die Wohnung gelaufen und stand mit einigen Freundinnen, die auf dem Laufenden gehalten werden wollten, im Whatsapp-Kontakt. Mittlerweile schickte ich überwiegend Sprachnachrichten mit Unterbrechung bei jeder Wehe. Zu der Zeit fragte ich mich, ob wohl zuerst das Baby geboren werden würde oder die Lasagne zuerst fertig wäre. Wobei mein Muttermund inzwischen „erst“ bei 2 cm war.

Gegen 18:15 fingen meine beiden Männer an, Wasser in den Pool zu lassen. Kurz nach 19:00 saß ich mit meinem Sohn drin. Schlagartig hörten die Wehen nahezu komplett auf und weil das Wasser doch recht heiß war und ich kein kaltes dazu füllen wollte, bin ich noch mal raus und habe noch etwas von der Lasagne mitgegessen. Der Große wünschte sich zum Nachttisch noch Milchreis. Deshalb kochte mein Mann Milchreis, während unser Sohn und ich auf dem Sofa saßen und einen Film angeschaut haben. Zum Milchreis gab es ganz viel Zimt – ich wollt einfach nicht mehr ins Bett. Ich wollte, dass die Geburt wieder weiter vorangeht. Ich hatte Angst, die halbe Nacht wach zu sein und mir am Ende die Kraft ausgehen würde.

Gegen 21:30 Uhr, nach unserem Nachtisch, haben wir den Großen ins Bett gebracht und ich bin wieder in meinen Pool. Die Wehen wurden auch wieder regelmäßiger und die Abstände kürzer. Ich war total entspannt und fand es so unglaublich, dass ich die Bewegungen des Babys spüren konnte. Inzwischen war aber das Wasser relativ kalt, sodass ich meinen Mann bat, auf dem Herd Wasser zu kochen. Meine Freundinnen fieberten mit mir, ob das Baby wohl noch vor oder erst nach Mitternacht geboren werden würde – den 19.08.17 fand ich als Geburtsdatum am schönsten. Mein Mann fragte, wann ich endlich anfangen würde zu pressen und ob er mich bei der Geburt „pro-aktiv mit Sex“ unterstützen solle. Wir hatten echt Spaß und mussten total lachen. Darauf hatte ich meinen Mann vor der Geburt getrimmt: „Sarah sagt, lachen entspannt den Beckenboden, also bring mich bei der Geburt zum Lachen.“ Deshalb hatten wir nebenher auch „Türkisch für Anfänger“ laufen. Ich hab lange bei einer Serie nicht mehr so gelacht.

Die Wehen wurden zunehmend stärker und um kurz vor Mitternacht schickte ich meinen Mann nach oben, um unseren Sohn zu wecken. Da es aber sehr spät war, als er ins Bett ging, wurde er nicht wach. Mein Mann brachte ihn schlafend runter und setzte ihn zu uns auf die Couch, wo er weiterschlief.

Samstag, 19.08.2017

Kurz nach Mitternacht wurden die Wehen so heftig, dass ich nicht mehr sitzen konnte und stand auf. Ich verspürte einen Drang zu drücken, aber ich war mir sehr sicher, dass es noch nicht das Baby war.
Also sagte ich zu meinem Mann „Ich muss kacken.“
Er: „Nein, das sind Presswehen.“
Ich: „Nein, ich muss kacken.“
Er: „Dann geh auf Toilette.“
Ich: „Nein, wenn ich mich irre, fällt unser Baby ins Klo – ich will nicht, dass unser Baby ins Klo fällt.“
Er: „Was willst du dann?“
Ich: „Keine Ahnung. Aber ich will auch nicht unser Baby ankacken und ich will nicht in den Pool machen, dann kann ich da nicht mehr rein.“
Nach kurzer Überlegung ließ ich mir Zewa und eine Mülltüte bringen. Ich gab dem Drang zu drücken nach – ich musste tatsächlich nur Groß und das nicht gerade wenig.

Auf einmal hatte ich unerträgliche Schmerzen. Ich konnte nicht mehr stehen, also lief ich im Pool herum und als der nicht mehr ausreichte, bin ich raus. Ich lief zuerst durch die Wohnung, dann in den Hausflur. Ich sagte ständig „Schatz, irgendwas stimmt nicht.“ Dann rannte ich im Wechsel die Treppe hoch und runter und quer durch die Wohnung. Überall wo ich stehen blieb, legte mein Mann mir eine Unterlage unter die Füße und es kam noch mehr Stuhlgang, den ich weiter mit Zewa auffing. Ich fragte, wie ein Mensch denn nur so viel scheißen könnte und  jammerte: „Schatz, ich will nicht, dass unser Baby in der Küche/auf der Treppe geboren wird.“ Mein Mann erzählte mir im Nachhinein, dass ich auch Sätze gesagt habe wie: „Wie kann man nur so doof sein und sein Baby alleine zu Hause bekommen?“ und „Ich bin einfach nicht dazu geschaffen, um Kinder zu gebären.“

Ich war einfach nur verzweifelt und wusste nicht, was ich machen soll, also fragte ich meinen Mann. Er fragte, ob er den RTW rufen solle. Aber Krankenhaus war keine Option. Ich konzentrierte mich auf das Baby um zu spüren, ob es sich noch bewegt. Dem Baby ging es gut. Ich sagte, dass ich nicht ins Krankenhaus möchte. Mein Mann sagte dann: „Hast du nicht gesagt, wenn du nicht mehr kannst und aufgeben willst, wäre es fast geschafft?“ – Ich so: „Ja, aber ich kann schon seit einer Stunde nicht mehr.“ Tatsächlich hatte ich längst jegliches Zeitgefühl völlig verloren.

Ich überlegte, was ich tun kann, dass dieses höllische Brennen und der starke Druck auf den Muttermund nachlassen würden. Ich ging zurück ins Wohnzimmer zu meinem Pool. Da sah ich unseren Großen, der immer noch friedlich auf der Couch schlief und sagte meinem Mann, dass er ihn doch bitte wieder nach oben bringen soll. Er würde sonst den Schock seines Lebens bekommen, wenn er plötzlich aufwachte und seine Mama so furchtbar schreien und leiden sehen müsste. Mein Mann brachte ihn nach oben in sein Bett.

Jetzt saß ich wieder auf den Knien in meinem Pool, aber die Schmerzen waren immer noch nicht auszuhalten. Dann fiel mir ein, dass meine Blase noch nicht (richtig) gesprungen war. Kurzerhand eröffnete ich in meiner Verzweiflung mit meinem Fingernagel die Fruchtblase. Ich spürte, wie ein Schwall aus mir herausströmte und das Köpfchen nun direkt auf den Muttermund drückte. Der Druck war nun erträglicher, aber das Brennen machte mir immer noch zu schaffen. Ich konnte die Stelle fühlen, die mir weh tat. Ich drückte bei jeder Wehe dagegen und versuchte die Stelle instinktiv beiseite zu schieben, denn sie lag über dem Köpfchen des Babys. Parallel massierte mein Mann mir den Rücken.

Nach 2-3 Wehen versuchte ich vorsichtig mitzuschieben, denn ich merkte, dass meine Kräfte langsam dem Ende nahe waren. Ich wollte es einfach nur noch hinter mich bringen. Kurz darauf verspürte ich auch einen Pressdrang. Ich merkte, wie das Baby mit jeder Wehe Stück für Stück weiter nach vorn Richtung Scheidenausgang rutschte. Die Pausen zwischen den Wehen waren ziemlich lange – ca. 5 Minuten (nach den Videos, die mein Mann mit dem Handy zwischendurch machte). Schließlich drückte das Köpfchen gegen den Scheidenausgang und auf den Damm. Doch in den Wehenpausen rutsche es immer wieder zurück – 3, 4, 5 Wehen lang. Es ging nicht voran. Ich schrie zu meinem Mann „Die haben mich beim letzten Mal viel zu eng zusammengenäht (Dammschnitt bei KH-Geburt). Was soll ich denn jetzt bloß machen? Die haben mich viel zu eng genäht.“ Mir war klar, dass es definitiv für jeden B-Plan zu spät war. Ich musste da jetzt irgendwie alleine durch und mir war klar, dass mein Baby langsam raus musste, weil die Austreibungsphase schon ziemlich lange ging. Ich war verzweifelt und weinte: „Schatz, ich werde reißen und zwar ganz furchtbar. Ich werde ganz sicher, ganz schlimm reißen.“ Und mit der nächsten Wehe nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und schob so fest ich konnte mit. Ich hatte das Gefühl, ich wäre mehrere Zentimeter jeweils nach oben und unten gerissen und dann war der Kopf da. „Schatz, der Kopf ist da“, sagte ich erleichtert. Mein Mann ging hinter mich um zu schauen, aber noch bevor er richtig hinter mir war, flutschte mit der nächsten Wehe das ganze Baby hinterher.

Mit einem „Wir haben es geschafft!“ und Tränen in den Augen nahm ich mein Baby auf den Arm und ließ mich in den Pool sacken. Unser Baby fing sofort an zu weinen und mein Mann legte uns ein Handtuch über. Ich fragte, ob er denn schon ein Geschlecht gesehen hatte – er verneinte. Deshalb beschlossen wir, den Großen noch mal zu holen und gemeinsam zu schauen, falls er denn wach werden würde.

Als der Papa und der große Bruder runter kamen, haben wir gemeinsam nach dem Geschlecht geschaut – ein kleines Bübchen.

Das Wasser war inzwischen doch sehr kalt, sodass wir auf die Couch umsiedelten. Als ich aufstand machte es bei mir innerlich so eine Art kleinen „Blob“. Mir lief ein Schwall Blut die Beine hinunter und färbte das Wasser innerhalb von Sekunden tief rot. Ich gehe inzwischen davon aus, dass sich zu dieser Zeit die Plazenta bereits gelöst hatte, aber noch in der Gebärmutter „lag“ und somit den Ausgang versperrte, sodass ich die Blutung in der Gebärmutter staute. Als ich aufstand, muss es Platz gegeben haben und das angestaute Blut floss auf einmal ab. Wir kuschelten kurz auf dem Sofa, aber das war alles sehr umständlich mit der Plazenta, die noch nicht da war. Da ich zwischen den Beinen ein leichtes Druckgefühl hatte – ähnlich, wie ein Tampon, dass nicht richtig sitzt, bloß größer – hatte ich die Vermutung, das könnte die Plazenta sein. Ich zog vorsichtig an der Nabelschnur, wodurch die Plazenta einfach rausfiel. Aber es brannte wie Feuer, deshalb war ich mir sicher, dass ich sehr stark gerissen sein musste. Da ich jedoch keine verstärkten Blutungen hatte, wollte ich erstmal schlafen und mich später zur Versorgung ins Krankenhaus fahren lassen. Wir wickelten die Plazenta in eine Einmalunterlage.

Jetzt wollte ich erstmal duschen und hab meine 3 Männer alleine gelassen.

Als ich geduscht war, wollten wir unser Baby noch erstversorgen. Das Abnabeln durfte spontan der frischgebackene große Bruder übernehmen. Darauf ist er heute noch sehr stolz. Da noch etwas Blut aus dem Nabelrest suppte, nahmen wir kurzerhand ein Stück Nähgarn zum Abbinden. Anschließend haben wir unser Würmchen noch vermessen, gewogen und angezogen. Dann habe ich ihn zum ersten Mal angelegt. Aufgrund der langen Austreibungsphase haben wir ihm noch 2 Tropfen Konakion gegeben.

Inzwischen war es schon kurz vor 5:00 Uhr am Morgen und wir alle wollten nur noch schlafen. Mein Mann nahm unser Baby und wir gingen nach oben. Als ich die Treppe hoch musste, bemerkte ich zum ersten Mal, dass mein Kreislauf Probleme machte. Ich bekam schlecht Luft, zog mich am Geländer entlang und quälte mich ins Bett.

Gegen 6 wurde ich wach und musste auf Toilette. Beim Aufstehen wurde mir schwindelig, ich bekam sehr schlecht Luft. Trotzdem schleppte ich mich zur Toilette und wieder zurück. Dann bat ich meinen Mann mir den Blutdruck zu messen – der war richtig im Keller. Ich überlegte kurz, ob ich ins Krankenhaus fahren sollte oder nicht. Mein Mann war über 24h wach, bevor wir ins Bett sind und er hatte jetzt nicht mal eine Stunde Schlaf. Er lag zwar neben mir, aber ich war mir sicher, dass er es nicht mitbekommen würde, falls sich mein Zustand verschlechtert hätte. Aus diesem Grund beschloss ich mit dem RTW ins Krankenhaus zu fahren. So konnten direkt auch meine Geburtsverletzungen versorgt werden.

Der RTW war schnell da. Die Rettungssanitäter waren sehr freundlich. Zwar hatte sich mein Blutdruck inzwischen verbessert, aber da ich immer noch schlecht Luft bekam, fuhr ich mit. Ich wurde gefragt, ob ich das Baby mitnehmen wolle. Dies verneinte ich jedoch, da es dem Baby gut ging und ich nicht in der Lage war mich um ihn zu kümmern. Da war er doch zu Hause bei Papa sehr viel besser aufgehoben.

Auf dem Weg ins Krankenhaus bekam ich etwas Flüssigkeit als Infusion und ich bekam mit, dass die Sanitäter etwas überfordert mit meiner Situation waren, da sie nicht wussten, ob sie mich in die Notaufnahme, die gynäkologische Ambulanz oder den Kreissaal bringen sollten. Am Ende landete ich im Kreissaal. Dort wusste das Personal bereits Bescheid. Als ich ankam, stand da schon eine Hebamme mit einem Oxitocin-Tropf, den ich direkt angehängt bekam ohne jegliche vorherige Untersuchung. Dass es Oxitocin war erfuhr ich erst später, aber selbst, wenn ich es gewusst hätte, wäre ich viel zu schwach gewesen, um mich dagegen zu wehren. Die Hebamme fragte, ob es geplant war, das Baby alleine zu bekommen. Ich nickte. Sie fragte, ob ich eine Krankenhausphobie hätte und ich nickte wieder – wollte keine Diskussionen führen. Dann fragte sie noch, wo mein Baby wäre. Daraufhin erklärte der Sanitäter, dass ich ihn nicht mitbringen wollte. Das konnte sie überhaupt nicht verstehen, weil man hier ja hätte das Baby untersuchen können, ob es ihm gut gehe. Ich sagte ihr, dass es ihm gut gehe und ich ihn deshalb zu Hause gelassen habe. Sie fragte nach der Plazenta. Ich erklärte, dass die bei mir zu Hause ist, ich aber noch nicht geschaut habe, ob sie vollständig ist. Dann fragte sie nach der Geburtszeit. Ich sagte gegen 3:00 Uhr – hatte nicht im Kopf, was mir mein Mann als Geburtszeit gesagt hatte.

Anschließend hat sie nach Geburtsverletzungen gesehen. Ich autschte und jammerte dabei ziemlich viel rum. Sie meinte, es wäre alles sehr geschwollen und ein kleiner Riss, der genäht werden müsse und sie würde die Ärztin informieren. Ich lag etwa 30 Minuten da und mir ging es allmählich etwas besser. Als die Ärztin kam, machte sie zuerst einen Schall wegen Plazentaresten. Auch dabei jammerte ich ganz schön rum und die Ärztin war sichtlich genervt davon. Meinte was in die Richtung, das wäre ja kein Wunder 4 Stunden nach der Geburt. Sie stellte fest, dass meine Blase sehr voll war – wen wundert´s? Ich hatte in den letzten 1,5 Std. über 2 l Flüssigkeit i.v. bekommen. Sie meinte: „Wir machen einen Einmalkatheter.“ Ich sagte, dass ich das nicht möchte. Ärztin und Hebamme meinten, es wäre nötig. Ich erklärte, dass ich auf Toilette gehen werde. Dies wurde wegen meinem Kreislauf verneint. Ich sagte, dass sie mir dann ein Toilettenstuhl geben sollten – auch das wurde verneint. Ehe ich noch irgendetwas sagen konnte, hatte ich schon den Katheter drin. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich hier (das war auch mein Notfall-Krankenhaus) niemals hätte selbstbestimmt und interventionsfrei/-arm mein Baby hätte gebären dürfen. Nebenbei bekam ich mit, dass es kurz vor Arztübergabe war. Als sie fertig waren, schaute die Ärztin noch nach der Geburtsverletzung und meinte, das müsse nicht genäht werden. Dann machte sie Sprühpflaster drauf und ging zu ihrer Übergabe. Meine ambulante Frauenärztin meinte später, dass es eine Verletzung sei, die man hätte nähen können aber nicht müssen. Auch wenn ich mich dafür entschieden hätte, das nicht nähen zulassen, wurde ich hier wieder übergangen.

Als die Hebamme das nächste Mal zu mir kam, fragte sie, ob mein Mann nachher mit dem Baby kommen würde. Aber ich erklärte ihr, dass ich schon organisiert habe, wie ich wieder nach Hause komme und dass ich zur Not unterschreibe, dass ich mich gegen ärztlichen Rat entlasse. Sie meinte nur, dass ich bedenken sollte, dass ich ja sehr viel Blut bei der Geburt verloren habe. Ich fragte mich, wie sie das wissen könnte. Selbst wenn mein HB zu der Zeit sehr niedrig gewesen war, hatte sie keinen Ausgangswert, von dem sie diese Aussage hätte ableiten können. Da ich in meiner Krankenschwesterausbildung schon bei einigen Geburten dabei war und Wöchnerinnen im Krankenhaus versorgt habe, kann ich ungefähr einschätzen, was die normale Menge an Blutverlust angeht und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich viel Blut verloren habe. Ich sagte nur, dass ich nach Hause zu meinem Baby möchte, da es für mich nicht in Frage kommt, dass mein gesundes Baby ins Krankenhaus gebracht wird.

So ließ ich mich abholen. Ich unterschrieb, dass ich gegen ärztlichen Rat gehe. Einen Arztbrief bekam ich jedoch nicht, der würde direkt an meine Gynäkologin geschickt werden.

Da ich jedoch weiter Probleme mit der Atmung hatte, war ich einen Tag später noch mal in der Notaufnahme wegen Verdacht auf Lungenembolie. Was Gott sei Dank nicht bestätigt wurde.

Erst am 3. Tag bekam unser kleines Wunder einen Namen:
Milan Raphael Robert geboren am 19.08.2017 um 3:04 Uhr, 3750g schwer, 56cm lang und 36 cm Kopfumfang.

   

So denke ich heute (6 Monate später) über die Geburt

Im Gegensatz zu anderen Berichten von Alleingeburten war diese Geburt alles andere als ruhig und friedvoll. Ich hatte unendliche Schmerzen und wurde davon völlig überrumpelt. Aber meine Angst vor dem Krankenhaus war größer und somit denke ich, dass ich mehr bereit war an Schmerzen auszuhalten, als einige andere Frauen, die an meiner Stelle die Alleingeburt abgebrochen hätten. Vielleicht fehlt aber einigen Frauen, so wie mir auch, einfach nur ein Geburtsbegleiter, der in der Lage ist so einen Zustand, der aus Schmerzen und Panik besteht zu unterbrechen. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Mann ein schlechter Geburtsbegleiter ist, aber er war leider – ebenso wenig wie ich – auf eine Paniksituation vorbereitet.

Was ist unter der Geburt passiert?
Ich weiß es zwar nicht genau, aber ich habe eine Theorie dazu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich eine „Vordere Muttermundslippe“ gebildet hatte. Ich gehe davon aus, dass dies passiert ist, weil mein Darm so voll war und ich somit während der Geburt zu einem Zeitpunkt pressen musste, zu der es eigentlich noch zu früh war. Zumindest passt das mit dem überein, was im Buch „Alleingeburt“ von Sarah Schmid zu dem Thema steht. Leider hatte ich ausgerechnet dieses Kapitel als einziges vor der Geburt nicht noch einmal gelesen, sodass ich die Situation nicht erkannte und somit auch nicht wissen konnte, wie ich damit umgehen sollte. Wobei ich ja instinktiv die brennende Stelle vor dem Köpfchen des Babys beiseitegeschoben habe.

Ob ich wieder eine Alleingeburt planen würde?
Hätte mich jemand direkt nach der Geburt gefragt, wäre meine Antwort wahrscheinlich gewesen, dass ich ganz sicher nie wieder ein Kind gebären werde.
Inzwischen würde ich aber sagten:
Trotz der anstrengenden Geburt, würde ich, wenn ich wirklich noch ein Baby bekommen sollte, wieder eine Alleingeburt anstreben. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen hat mir die Behandlung im Kreissaal gezeigt, dass ich als Frau nicht respektiert werde – weder in meiner Selbstbestimmtheit, welche Gegenstände in meinen Körper eingeführt werden, noch in der Frage, ob ich es vorziehe, mit einem kleinen Riss zu leben oder die Verletzung nähen zu lassen. Zudem ist der Kreissaal kein geeigneter Ort für mich – ich brauche zum Gebären sehr viel Platz (das war schon bei meiner ersten Geburt so) – ich bin halbnackt durch unser ganzes Haus gerannt. Das wäre im Kreissaal so sicher nicht möglich gewesen und die drei Treppenstufen, die zwar liebgemeint im Kreissaal extra für Gebärende eingebaut wurden, hätten mir bei weitem nicht gereicht.
Schließlich und das ist der wichtigste Punkt, bin ich trotz der schweren Umstände, mit mir und der Geburt im Reinen. Denn im Gegensatz zu meiner ersten Geburt im Krankenhaus habe ich nicht diese ständigen „Was-wäre-wenn-Fragen“ im Kopf. Jede Entscheidung, die ich getroffen habe, kam von mir und ich muss mich nicht fragen, wie es wäre, wenn ich so gedurft hätte, wie ich gewollt hätte. Alles ist so gekommen, wie es gekommen ist, weil ich es so entschieden habe und ich kann und muss nicht sagen, dass jemand etwas mit mir gemacht hat, das ich nicht gewollt hätte. Deshalb ist es auch für mich okay, dass ich die Fruchtblase eröffnet habe, weil es sich für mich in dem Moment auch richtig anfühlte und das kann ich so annehme und akzeptieren, obwohl ich mir eigentlich einen natürliches Platzen der Fruchtblase gewünscht hätte.

Trotzdem würde ich einiges anders machen:
Das fängt schon damit an, dass ich mir einfach mehr Zeit für meine Schwangerschaft eingestehen würde – Umzug, Uni, Haushalt mit Kind und Schwangerschaft waren einfach zu viel. Außerdem würde ich definitiv einen Hypnobirthingkurs machen (hat leider diesmal nicht in meinen vollen Terminkalender gepasst). Dann würde ich noch meinem Mann besser darauf vorbereiten, wie er mir helfen kann, wenn ich selbst nicht mehr klar denken kann. Außerdem würde ich das Handy komplett weglegen, um mich besser auf mich, meinen Körper und mein Baby konzentrieren zu können.
Letztlich würde ich noch einen Fotografen organisieren, der uns das alles in schönen Bildern festhält.

Alleingeburt beim ersten Kind: Wie ein Baby trotz Geburtsstillstand auf die Welt kam

Die meisten Geburten verlaufen unkompliziert, wenn sie einfach geschehen dürfen. Die Geburt im folgenden Bericht allerdings entpuppt sich als nicht so einfach. Das Kind senkt sich vor der Geburt nicht ins Becken und will das trotz heftiger Geburtswehen auch während der Geburt nicht tun. Wie diese Mama es trotzdem geschafft hat, ihr Sternenguckerbaby auf die Welt zu bringen, erzählt sie in diesem Bericht. Geburten, die nicht so einfach sind, sind besonders lehrreich für andere und ich freue mich sehr, dass diese Mutter ihren Bericht mit uns teilt. Am Ende findet ihr noch ein paar Gedanken und Tipps von mir.

Ich stehe auf unserer Pferdeweide und halte meinen Bauch ins Licht des gerade aufgegangenen Mondes. Er ist fast voll. Seit genau neun Mondzyklen bin ich schwanger. Ich lebe mit meinem Mann in Kroatien an einem Ort mitten im Wald. Erst vor kurzem haben wir unseren Camping-Lebensabschnitt beendet und sind in unser selbstgebautes Haus eingezogen, in dem wir nun 16 Quadratmeter Platz und fließendes Wasser haben. In den letzten Monaten und vor allem in den letzten Wochen habe ich mich körperlich und geistig intensiv auf die Geburt unseres ersten Kindes vorbereitet. Vor zwei Wochen ist meine Schwester aus Berlin angereist, um die Geburt zu begleiten. Die 1000-Liter-Regentonne aus dem Garten steht sauber gewaschen in unserem Haus. Es ist alles bereit. Nur mein Kind hat sich noch immer nicht ins Becken gesenkt und so stehe ich hier und zeige ihm den Vollmond. Es sind noch drei Tage bis zu dem von mir errechneten Geburtstermin…

Da in Kroatien Hebammenhilfe bei Hausgeburten illegal ist, habe ich mich von Anfang an auf eine Alleingeburt vorbereitet. Das gleichnamige Buch von Sarah Schmid hatte ich schon in der Vorbereitung auf meine Schwangerschaft gelesen und seitdem keinen Augenblick an meinem Vorhaben gezweifelt. Ich wusste so genau, wie ich vielleicht nur wenige Sachen weiß, dass dies mein Weg ist. Mein Mann stand vom ersten Moment an hinter mir und glaubte uneingeschränkt an meine Fähigkeit, unser Kind ohne professionelle Unterstützung auf die Welt zu bringen. So bekam mich während der ganzen Schwangerschaft weder ein Arzt noch eine Hebamme zu Gesicht und was in meinem Bauch geschah, durfte Teil des weiblichen Mysteriums bleiben, nicht messbar und nicht fassbar.

Zwei Tage vor dem errechneten Termin, einen Tag vor der Geburt, habe ich am Morgen dreimal etwas Durchfall, woraufhin ich im Verlauf des Tages meinen Zervixschleim sehr genau beobachte und immer wieder kontrolliere, ob der Schleimpfropf abgeht. Doch es gibt keine weiteren Anzeichen für eine nahe Geburt. Die leichten Wehen, die ich sehr unregelmäßig habe, identifiziere ich nicht als solche. Sie fühlen sich an wie Schmerzen während der Periode, mal zieht es im unteren Rücken, mal über der Symphyse.

Am frühen Abend streite ich mit meinem Mann. Eigentlich ist es gar kein Streit und nach einem kurzen Moment ist mir das auch klar, aber ich reagiere sehr emotional, habe das Gefühl, dass mir alles zu viel ist und ziehe mich ins Bett zurück. Mein Mann macht mir Musik an, Cat Stevens. Ich liege im Bett und bemerke, dass ich das Gefühl habe zu schweben. Jede einzelne Komponente der Musik nehme ich wahr, als hörte ich sie zum ersten Mal und sie erscheint mir geradezu wie eine Offenbarung.

Für das gemeinsame Abendessen verlasse ich diesen Zustand und das Bett wieder. Danach bringe ich mit meiner Schwester zusammen die Pferde auf die Weide. Wir sehen den Aufgang des Vollmonds wie eine orange leuchtende Laterne durch die entfernten Bäume hindurch. Zurück zuhause schlage ich meinem Mann mehr im Spaß vor, wir könnten ja spazieren gehen, vielleicht würden die Wehen dann starten. Ich glaube nicht wirklich daran. Während des Spaziergangs dann spüre ich tatsächlich häufiger das Ziehen im Unterleib und im Rücken. Während wir den dunklen Waldweg entlanggehen, bewege ich mein Becken sehr bewusst, so, als beschriebe ich mit meinen Hüften eine weit ausladende Schlangenlinie. Als wir zurück sind, überrascht mich die erste Wehe, die so stark ist, dass ich mich gerade noch am Tisch festhalten kann, töne und in die Knie gehe. Es ist etwa 23 Uhr. Was war denn das?! Vielleicht muss ich einfach mal zur Toilette, denke ich und begebe mich auf den Weg dorthin. Allerdings nicht ohne vorher in derselben Schlangenlinien-Art noch ein paar kleine Runden über unser Grundstück zu laufen und dabei auch sicher zu gehen, dass ich in Rufweite bleibe. Irgendwo in mir weiß ich schon seit einigen Stunden, dass heute noch die Geburt beginnt, aber ich realisiere es immer noch nicht. Zurück vom Kompost-Klo im Wald lege ich mich zu meinem Mann ins Bett und lese nochmal nach, woran man Geburtswehen erkennt. Dabei schaue ich immer wieder auf die Uhr. Die Wehen kommen in Abständen von 5-10 Minuten und dauern zwei tiefe Atemzüge lang, wobei ich mich schon sehr auf das Atmen konzentrieren muss. Sind zwei langsame Atemzüge schon 40-60 Sekunden? Ich habe immer noch Zweifel. Mein Mann ist in der Zwischenzeit unbekümmert neben mir eingeschlafen. Als ich ihn jetzt vorsichtig wecke, sieht er mir sofort direkt in die Augen: „Geht es jetzt los?“

Ich sage ihm, dass ich es nicht weiß, rufe meine Freundin an und sage ihr das Gleiche, als sie fragt, ob sie sich jetzt auf den Weg zu mir machen soll. Die Wehen sind stark aber sie sind nicht regelmäßig. Ich schlage vor, dass ich den Badewannentest mache und sie dann nochmal anrufe. Ich wecke meine Schwester im Wohnwagen und frage sie, ob sie zu uns rüber kommen will. Ihre Antwort leuchtet förmlich in der Dunkelheit. Ja! Kurz darauf rufe ich wieder meine Freundin an, teile ihr erneut meine Unsicherheit mit und sie sagt schlichtweg, dass sie jetzt kommen wird. Es ist Mitternacht.

Wir beginnen mit den Vorbereitungen. Das heißt, mein Mann und meine Schwester beginnen damit, denn ich bin dazu nicht mehr in der Lage. Während sie einen Rest Badewasser der letzten Tage aus der Regentonne ablassen und den Raum vorbereiten, liege ich die ganze Zeit im Bett und beatme meine Wehen, die sich vor allem im unteren Rücken bemerkbar machen. Um 0:55 Uhr beginnt mein Mann, die Regentonne wieder zu füllen und zehn Minuten später trifft meine Freundin ein, die sich sofort zu mir ins Bett setzt und mich, das heißt vor allem meinen Rücken, mit Shiatsu behandelt. Die Wehen, die ich inzwischen schon vertönt hatte, werden wieder erträglicher und es reicht, dass ich sehr konzentriert atme. Meine Schwester schreibt in den Geburtsbericht, dass mein Mann währenddessen draußen vor unserem Haus ein Lagerfeuer entzündet und dass die Wirkung magisch ist. Ich bekomme davon gar nichts mit. Aber ich merke, dass scheinbar alle, gleich Mitgliedern einer Mannschaft, genau wissen, was sie zu tun haben. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob ich das auch weiß, aber ich tue das einzige, was ich kann. Ich steuere unser Schiff weiter in den Sturm. Meine Schwester schreibt ins Logbuch. Um 2:00 Uhr sind 150 Liter in der Regentonne. Eine knappe halbe Stunde später sind es 200 Liter. Das Leitungswasser muss in Töpfen auf verschiedenen Gaskochern erwärmt werden, damit es badewannentauglich ist. Ich vertöne die Wehen inzwischen so deutlich, dass meine Schwester es aufschreibt, es sei sehr passend zu den sphärischen Klängen der Musik, die im Hintergrund läuft. Irgendwann zwischendurch hatte mein Mann gefragt, ob er die Musik für die Eröffnungsphase anmachen solle oder lieber schon die für danach. Die für danach! Ich weiß zwar, dass ich noch nicht in der Übergangsphase sein kann, aber nach Eröffnung fühlt sich das hier nicht an. Da ich so sehr mit den Wehen beschäftigt bin, dämmert mir noch nicht so richtig, was los ist, und ich erfasse nur die einzelnen Teile, nicht aber die Gesamtdiagnose. Auch wenn ich noch nie Wehen hatte, bin ich mir sicher, dass sie stärker sind, als sie in der Eröffnungsphase sein sollten. Die Abstände dazwischen sind nach wie vor unregelmäßig, manchmal folgt auch auf eine Wehe direkt die nächste. Der Fundus steht immer noch ganz hoch, mein Baby hat sich nach wie vor nicht ins Becken gesenkt. Um 2:33 Uhr übergebe ich mich. Da es mir auch während der letzten Wochen der Schwangerschaft nie gelungen war, den Rücken oder Kopf meines Kindes sicher zu ertasten, waren meine Parameter zur Bestimmung der Kindslage vor allem die Höhe des Fundusstandes und der Ort des Herzschlags und des Schluckaufs gewesen. Der Fundus war, nachdem er den höchsten Stand erreicht hatte, einfach dort geblieben. Herzschlag und Schluckauf waren zuletzt immer ein paar Finger breit unterhalb meines Bauchnabels gewesen. Da sie außerdem ziemlich mittig waren, ging ich davon aus, dass mein Kind in Vorderer Hinterhauptslage liege und ich einfach zu unerfahren sei, um den Rücken und den Kopf deutlich ertasten zu können. Nun sucht mein Mann mit dem Pinard-Rohr erneut die Herztöne. Sie sind immer noch mittig. Um 2:45 versuche ich meine Telefon-Joker Hebamme in Hamburg zu erreichen. Ich weiß nicht, wie ich die Öffnung des Muttermunds erkenne. Entweder es gibt noch keine oder ich taste daran vorbei. Ich dachte, ich würde es schon erkennen, wenn der Muttermund sich öffnet, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich erreiche meine Hebamme nicht und mein Mann schickt ihr in meinem Namen eine SMS mit der Bitte um Rückruf. Ich hätte mich selbst nicht genug sammeln können, um ihr zu schreiben. Wir hatten ausgemacht, dass ich der Hebamme Bescheid sage, wenn es Anzeichen für einen möglichen baldigen Geburtsbeginn gibt. Aber da es keine gegeben hatte, hatte ich ihr auch nichts gesagt. Und mit den einsetzenden Wehen war ich aufgrund ihrer Heftigkeit nur noch damit beschäftigt gewesen und hatte alles, was getan werden muss, auf das absolute Minimum runterreduziert. Um kurz vor 3:00 Uhr werden die Wehen noch stärker. Ich töne lauter als zuvor, aber habe nicht das Gefühl, dass mir das irgendwie dabei hilft, sie zu bewältigen. Ich will in die Regentonne, aber das Wasser ist zu heiß und mein Mann muss erst kaltes nachfüllen. Darum bitte ich meine Freundin, mich noch einmal mit Shiatsu zu behandeln, während ich versuche, die Beine über die Bettkante zu hängen, um meinem Kind den Eingang ins Becken zu öffnen. Kurz danach gebe ich die Position wieder auf, da sie alles andere als angenehm ist und ich mir zwischen all den Informationen, die ich gelesen habe, nicht sicher bin, ob sie in diesem Moment tatsächlich das Mittel der Wahl ist. Stattdessen gehe ich endlich ins Wasser, das nun nicht mehr zu heiß ist. Ich lege mich bäuchlings ins Wasser und hänge die Füße über den Rand der Tonne, wie ich es ebenfalls gelesen habe. Aber der Rand ist zu hoch dafür. Um 3:30 Uhr notiert meine Schwester, dass die Wehen im Abstand von drei Minuten kommen. Aber sie sind nach wie vor unregelmäßig und gehen teilweise direkt ineinander über. Da ich unaufhörlich friere, gießt mein Mann nun wieder mehr und mehr heißes Wasser in die Tonne. Meine Freundin massiert Punkte an meinen Händen und Füßen, aber nichts scheint eine Erlösung zu bringen.

Mir wird klar, dass ich die Einzige bin, die es fühlen kann und der es bewusst ist, dass nichts vorwärts geht und dass die Geburt die ganze Zeit auf derselben Stelle hängen bleibt. Während die anderen davon ausgehen, alles einfach nur weiterlaufen lassen zu müssen, spüre ich eine starke Unruhe in mir und das drängende Gefühl, eine Lösung finden zu müssen. In diesem Moment der Alleingeburt fühle ich mich tatsächlich alleine. In mir sind Angst und Verzweiflung. Es sind existenzielle Gefühle und sie verbinden sich in dem einen immer wiederkehrenden Gedanken: „Ich kann nicht mehr.“ Ich fühle Ohnmacht und Überforderung und Ausweglosigkeit. Und trotzdem sind all diese Gefühle unendlich irrelevant angesichts der absoluten Klarheit, dass ich diese Geburt nur hier und nur aus eigener Kraft zu einem guten Abschluss bringen werde. In all dem Chaos und Sturm beschließt etwas in mir, organisiert vorzugehen. Irgendwie muss ich die anderen mit in meine Realität ziehen. Irgendwie muss ich koordiniert kommunizieren und das erscheint mir wie eine fast übermenschliche Anstrengung. Aber es gelingt mir, meine Schwester jeweils zwischen zwei Wehen zu instruieren, den Laptop hochzufahren und im Internet auf der Seite von Sarah Schmid den Artikel aufzurufen, der sich mit dem Geburtsstillstand beschäftigt. Um 3:55 Uhr probieren wir die Übung Abdominal Lift and Tuck, aber sie fühlt sich sofort völlig verkehrt an. Zehn Minuten später beginnt mein Mann bei mir mit der Beckenpresse, was mir sehr hilft und ihn bald sehr anstrengt, sodass meine Freundin ebenfalls zu Hilfe kommt und die beiden nun jeder von einer Seite während der Wehen mein Becken zusammenpressen. Schon bald kann ich mir nicht mehr vorstellen, auch nur noch eine einzige Wehe ohne die beiden durchzustehen. Aber auch viele Wehen und Beckenpressen später hat sich weder am Fundusstand noch am Muttermund irgendetwas verändert. Ich bin immer noch unsicher, ob ich vielleicht einfach unfähig bin, eine Muttermundsöffnung als solche zu identifizieren und habe das Gefühl, es wäre wichtig, darüber Bescheid zu wissen. Gegen 4:30 Uhr verlasse ich die Tonne und lege mich noch einmal mit den Beinen über den Rand hängend ins Bett, diesmal mit genau nachgelesener Anleitung. Die Übung ist zwar sehr unangenehm, fühlt sich sonst aber richtig an. Meine Freundin sagt, ich solle meinem Körper vertrauen und aufhören über die Lösung nachzudenken. Sie sagt, ich solle mich nicht gegen den Schmerz wehren sondern alles zulassen, was mein Körper macht. „But it hurts so much!“ „I know.“ Ich versuche mich dem Schmerz zu öffnen. Dann übergebe ich mich und bei der nächsten Wehe im Vierfüßlerstand geht blutiger Schleim ab. Es ist 4:45 Uhr. Kurz danach bin ich wieder in der Tonne und die Wehen sind schwächer. Es kommt für 20-30 Minuten zu einer Wehenpause, in der ich halb im Schlaf im über dem Wasser befestigten Tragetuch hänge, das Kommen und Gehen der Wehen wie im Traum verfolge und mit ihnen atme. Auch mein Mann und meine Freundin schlafen. Um 5:34 werden die Wehen wieder etwas stärker. Ich knie im Wasser und kann sie gut aushalten. Inzwischen habe ich auch nochmal nach meinem Muttermund getastet und festgestellt, dass in mir plötzlich alles wie eine einzige riesengroße Öffnung ist. Um 5:47 werden die Wehen wieder sehr stark und meine Schwester schreibt auf, dass sie länger als zuvor andauern. Meine Freundin ist wieder an meiner Seite und hält meine Hand. Da ich weiß, dass sie selbst schon ein Kind auf die Welt gebracht hat, erlebe ich ihre Anwesenheit als besonders unterstützend. Die Wehen werden so stark, dass ich laut schreie, und dann fühlt sich die erste Wehe am Ende nach Pressen an. Ich will alles nur noch so schnell wie möglich hinter mich bringen und verschiebe die Hypnobirthing-Geburtsatmung auf eine spätere Geburt. Ich schreie so viele Gefühle und so viel von meinem Allerinnersten aus mir heraus, dass es mich selbst in diesem Kreis vertrauter Menschen eine Millisekunde der Überwindung kostet, all das zu zeigen. Mit meinem ganzen Bewusstsein befinde ich mich innerhalb meines Körpers, es gibt nichts anderes mehr. Mein Körper wird zu allem, was ist, wird zum Universum. Und ich merke, dass ich in diesem Moment nicht mehr auswählen kann zwischen dem, was ich hinauslassen, und dem, was ich in mir behalten will. Dass es in diesem Moment meinem Empfinden nach nicht mal ein Kind gibt, das in mir ist und das ich hinauslassen könnte. Was ich in mir wahrnehme ist nur eine überwältigende Menge komprimierter Energie und ein unendliches Meer von Gefühlen. Wo auch immer ich mit meinem Bewusstsein gelandet bin, es ist wohl nicht der anatomische Teil meines Körpers.

Als ich das Gefühl habe, den Austritt von einer großen Menge Fruchtwasser zu spüren, fasse ich in mich hinein und kann den Kopf fühlen, was allerdings ziemliche Schmerzen auslöst und ich sofort wieder lasse. Nach insgesamt zwei oder drei Presswehen wird der Kopf geboren. Er ist vollständig von der Fruchtblase umhüllt und drängt wie ein Ballon an die Wasseroberfläche. Wahrscheinlich aufgrund der Mischung aus Adrenalin und dem nach oben drängenden Kopf habe ich das Gefühl, ihn aus dem Wasser bringen zu müssen. Doch der Versuch aufzustehen führt zu so starken Schmerzen, dass ich es bleiben lasse. Ich finde zunächst keine passende Position, begebe mich aber schließlich in eine halb aufrechte Rückenlage und dann wird sie mit einer letzten Presswehe geboren: Um 6.01 Uhr schwimmt meine Tochter zwischen meinen Beinen im Wasser und mein Mann hält sie in seinen Händen.

Die Fruchtblase ist nun nicht mehr um ihren Kopf und sie schwebt zwischen uns. Plötzlich ist sie einfach da. Ein Mädchen. Mein Gefühl hatte gestimmt. Ich bringe ihren Kopf über Wasser. Sie schaut hellwach zu uns und bewegt sich kräftig. Dann erst fällt uns auf, dass sie ja als Sternengucker geboren wurde. Trotz dieser Lage und trotz des starken Pressens blieb ich völlig unverletzt. Nach meiner Vorbereitung mit dem Epi-No war ich allerdings auch völlig überzeugt davon gewesen, dass mein Kind in jedem Fall problemlos durch mich hindurchpassen würde. Ob das Training tatsächlich einen physischen Unterschied gemacht hat, weiß ich nicht, auch wenn ich es vermute. Aber während der Geburt einerseits zu wissen, was mein Körper bereits ohne den Einfluss von Geburtshormonen kann, und andererseits das Ausmaß der maximalen Dehnung schon so ziemlich zu kennen, anstatt im entscheidenden Moment nicht zu wissen, wieviel stärker sie vielleicht noch werden kann, das beides hat jede potenzielle Angst in mir vollständig durch Selbstvertrauen ersetzt.

Mit ihrer rosigen Gesichtsfarbe und ihren, für uns überraschend, kraftvollen Bewegungen im Wasser macht unsere Tochter in jedem Fall vom ersten Moment an einen sehr gesunden Eindruck. Da sie aber beim Atmen zunächst etwas röchelt, sauge ich mit meinem Mund probeweise ihren Mund und ihre Nase ab, doch sie scheinen weitgehend frei zu sein. Trotzdem scheint sie sich über das Atmen zu beschweren und ist nicht zufrieden im Wasser, weshalb wir nach wenigen Minuten von der Regentonne ins Bett umziehen. Dort trinkt sie nach etwa einer halben Stunde zum ersten Mal aus meiner Brust, so selbstverständlich, als hätte sie nie etwas anderes getan. Weil die Nachwehen sehr stark sind, rufe ich meine Freundin, die zwischenzeitlich draußen war, wieder zu mir und sie behandelt mich erneut mit Shiatsu. Um entspannter stillen zu können, würde ich die Plazenta gerne schneller gebären, doch sie lässt sich Zeit. Obwohl ich keinen Pressdrang spüre, hocke ich mich ein paarmal im Bett hin, um zu sehen, ob sie einfach rauskommt, und ziehe auch ganz leicht an der Nabelschnur, doch nichts passiert. Zweieinhalb Stunden nach der Geburt probiere ich es ein letztes Mal erfolglos und dann kommt schließlich doch noch der Moment für die Geburtsatmung aus dem Hypnobirthing. Nur wenige Augenblicke nachdem ich mit der Atmung beginne, gleitet die Plazenta einfach aus mir heraus. Wir untersuchen sie auf Vollständigkeit und legen sie dann in ein Sieb, da wir die Nabelschnur vorerst nicht durchtrennen wollen. Danach fühle ich mich großartig und überhaupt nicht nach im Bett liegen. Nach ein paar Minuten auf den Beinen meldet sich dann aber doch mein Kreislauf mit der Bitte, wieder ins Bett zu gehen. Unsere Tochter liegt wie ein kleiner Buddha auf dem Rücken mitten im Bett und scheint in vollkommenem Frieden mit sich und der Welt zu sein.

Sie ist 48cm groß, wiegt 3600g und wurde mit einem Kopfumfang von 34cm geboren.

Am vierten Tag durchtrennen wir mit einer Zange die Nabelschnur, nachdem sie so fest geworden ist, dass sie beim Dagegenstrampeln zu sehr am Nabel zieht.

Im Rückblick auf die Geburt hätte ich mir tatsächlich jemanden an meine Seite gewünscht, der mich durch alles hindurch geführt hätte, um den Geburtsstillstand früher und innerlich gelassener auflösen zu können. Allerdings hätte der Kopf dieser Person hinsichtlich all ihrer Entscheidungen ein genaues Abbild meines eigenen Kopfes sein müssen. Denn ich bin gleichzeitig unendlich froh, dass eben niemand da war, der es vermeintlich besser gewusst und mich zu irgendeiner anderen als der von mir getroffenen Entscheidungen gebracht hätte. Ich bin, was eine Geburt betrifft, nicht bereit, jemandem die Verantwortung zu geben, der am Ende vielleicht etwas anderes tut, als ich selbst tun würde. Ebenso wenig passt es aber zu mir, mich ganz auf mich gestellt nur von meinem Gefühl durch eine Geburt leiten zu lassen. Tatsächlich brauche ich für mein Glück eine Synthese von Kopf und Gefühl. Und die kann ohne „Datenverlust“ nur innerhalb einer einzelnen Person stattfinden. Der Mensch, den ich mir für eine entspanntere Geburt an meine Seite wünschen würde, kann daher nur ich selbst sein. Aus diesem Grund werde ich für eine zukünftige Geburt das Wissen, das ich im Vorfeld sammele, so tief in mir verankern, dass ich es auch unter ‚erschwerten Bedingungen‘ noch abrufen kann, anstatt dann vielleicht nur noch sicher zu wissen, wo es geschrieben steht.

Insgesamt gesehen feile ich damit aber an einem Detail. Das wirklich Wichtige ist, dass geburtsrelevantes Wissen bereits heute in unglaublichem Umfang zur Verfügung steht, und mir zur Verfügung gestanden hat, um unabhängig vom medizinischen System zu sein und meine Tochter gut auf die Welt zu bringen. Für diese Entwicklung bin ich zutiefst dankbar und möchte einen Teil zu ihr beitragen, indem ich diesen Bericht veröffentliche.

Ich wünsche allen Frauen, dass sie sich ihrer Kraft bewusst sind und sich die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden, unter welchen Bedingungen sie ihre Kinder auf die Welt bringen. Und ich wünsche der Welt, dass eine neue Ära anbricht, in der das Wunder des Lebens wieder mehr geachtet und weniger gefürchtet wird. Mögen wir Frauen zusammenwirken, um, indem wir endlich die Geburt heilen, die Welt zu heilen …

Anmerkung: Es ist ungewöhnlich, dass ein Baby sich – wenn es das erste Kind ist – vor der Geburt nicht ins Becken senkt. In dem Fall würde ich immer versuchen, möglichst vor der Geburt die Kindslage zu bestimmen, was diese Mutter auch versucht hat. Sie hat dabei keinen Rücken getastet, was ganz typisch für ein Baby in Sternenguckerlage (hintere Hinterhauptslage) ist, da der kindliche Rücken in dieser Situation nach hinten im Bauch gedreht liegt. Mit einfachen Übungen, wie ich sie hier und in meinem Buch „Alleingeburt“ beschrieben habe, kann man einem solchen Baby schon vor der Geburt helfen, in eine bessere Ausgangslage zu kommen. 

Ein Baby in Sternenguckerlage stellt sich schwerer ins Becken ein, weil es – die Wirbelsäule und das Kreuzbein der Mutter im Nacken – das Kinn nicht weit genug auf die Brust nehmen kann, um mit dem optimal kleinsten Durchmesser ins Becken einzutreten. Die Übung, mit der es dieser Mutter doch noch gelang, das Baby ins Becken zu bekommen, findet ihr hier.

Noch ausführlichere Informationen und Übungen zur Optimierung der Kindslage gibt es  – allerdings auf englisch – unter www.spinningbabies.com.

OT – Neue „Mütter brauchen Mütter“-Webseite und Community

Vielleicht habt ihr schon das Projekt „Mütter brauchen Mütter“ bemerkt, das es jetzt schon ein Weilchen gibt. Bisher haben wir Anliegen und Kontaktdaten über diese Seite hier und die dazugehörige Facebook-Gruppe ausgetauscht. Nun gibt es neu eine Webseite mit einer Plattform, wo Mütter andere Mütter in ihrer Nähe leicht auf der Karte finden könnt.

Alles weitere findet ihr unter www.muetter-brauchen-muetter.org.

Ellas freie Geburt – inklusive Bericht vom Papa

Ihr erstes Kind kam in der Klinik als Beckenendlage aber dennoch auf normalem Weg zur Welt – eine Geburt, die sie als sehr fremdbestimmt  und traumatisch erlebte. Ihr nächstes Kind wurde dann eine geplante Alleingeburt. Hier berichten jeweils die Mama und der Papa aus ihrer Sicht von den Ereignissen: 

Ellas freie Geburt – Januar 2018

Und dann die nächste Wehe: «Naaaaaain! Naaaaain! Naaaain!» (eigentlich müsste ich ja ein langes «Jaaaa» tönen aber das war nun wirklich zu viel verlangt. Also wenigstens das <a> im «Nein» schön lang ziehen… Unterkiefer locker lassen! Lass los! Lass es geschehen. Es gibt nur eine Richtung in die das hier gehen kann und das ist raus!

Mein Körper bäumt sich auf und endlich ist der Kopf geboren. Wow – ich berühre den Kopf meines Babys zwischen meinen Beinen! Kurze Pause – was für ein Wahnsinnsgefühl – ein Moment zwischen Himmel und Erde – halb geboren – die Zeit steht still, die Sekunden tickern vorbei. Und dann die letzte Wehe, die Drehung der Schultern und schwupps! Ich schnappe mir mein Baby, entferne eine halbe Eihaut, in der noch ein Arm und ein Bein drinstecken, will es hochnehmen. Moment, geht nicht. Ein Blick: die Nabelschnur ist um den Hals gewickelt, abwickeln, aufpassen, dass das Köpfchen noch nicht über die Wasseroberfläche kommt, hochnehmen, geschafft. 4 Uhr 53, wie mir mein Mann später sagt.

Das Baby stößt sofort einen empörten Schrei aus – es atmet – puh, Erleichterung. Wir haben es geschafft! Das Baby schreit immer noch – war das nicht eine sanfte (ha ha…) Wassergeburt und du solltest mich jetzt nur völlig ruhig und entspannt mit großen Augen anschauen? (Scherz) Hallo mein Baby, ja, das war eine schnelle (4,5 Std.) und heftige Geburt. Du hattest mich ja eigentlich schon in der Schwangerschaft vorgewarnt aber ich hatte es vergessen (oder nicht glauben wollen). Da kann man sich nun schon mal beschweren. Du beruhigst dich, schaust mich an. Ja, schau nur, ich bin deine Mama. Ich hoffe, ich werde dir eine gute Mama sein. Ich verspreche, ich werde es zumindest versuchen (okay, die letzten zwei Sätze habe ich gerade beim Schreiben dazu gedichtet).

Wow, Wahnsinn, wir haben es geschafft!!! Ganz alleine! Nur mein Mann und ich. Genau so, wie ich es immer visualisiert hatte: Bei Nacht, bei uns im Wohnzimmer, im Pool, bei Feuerschein. Eine besondere Geburtskerze, ein Topf kleiner roter Rosen, meine Affirmationen und Erinnerungen für die Geburt und Musik (A Reva von Vaiteani), zumindest bis zur Übergangsphase, ab dann wollte ich sie nicht mehr. Nur die heftigen Wehen hatte ich so nicht geplant! Heilige Sch… NIE wieder, das hat keinen Spaß gemacht.

Um 23:15 schrieb ich noch meiner Hebamme «Alles ruhig hier, leichte Geburtszeichnung, vereinzelte Wehen über den Tag. Ich gehe jetzt erst mal schlafen». Gegen 0:30 Uhr kamen dann immer regelmäßigere Wehen und ich konnte nicht mehr liegen. Zu meinem Mann: «Ich gehe jetzt mal tanzen, schlaf du weiter».

Feuer, Musik, Kerze und Duftlampe an und getanzt – ganz kurz. Die Wehen waren sofort echt heftig – das kann ja so nicht weitergehen, die werden sich bestimmt wieder beruhigen. Vielleicht sollte ich meine Hebi anrufen? Was soll die denn jetzt machen? Da musst du selber durch.

Auf den Ball, Datteln gegessen, Kerze und Blumen angeschaut, gesungen und bei den Wehen schön das Becken kreisen lassen. Puh, die Wehen, ein ganz fieses Ziehen im Unterbauch, zerreißen mich fast. Ich weiß manchmal kaum noch wohin mit mir. Lass los, lass es geschehen! Ich versuche die Hypnobirthing-Atmung, langsames und tiefes Atmen in den Bauch und quasi dabei helfen, die längs verlaufenden Muskeln zu dehnen und so den Muttermund weiter hoch und auf zu ziehen. Es gelingt teilweise und lindert sogar etwas den Schmerz. Ich brauche aber mindestens drei solcher Atmungen pro Wehe.

Hallo, Baby, wie geht es dir? Beweg dich mal. Da, endlich, ein Tritt. Alles gut. Wir schaffen das. Wir sehen uns gleich!

Was kommt als nächstes? Sollte ich meinen Mann wecken bevor ich es nicht mehr bis in Schlafzimmer schaffe? Kurz darauf kommt er von selber. Es ist 2:30 Uhr. Er massiert mir den Rücken, hmmmm, das tut gut. “Tön doch mal, du tönst ja noch gar nicht richtig“. Oh, okay. Erst zaghaft, dann finde ich immer mehr Gefallen daran. Tiefes Tönen, tief in den Muttermund, das ihn fast zum Schwingen bringt. Das tut gut. Hilft aber nicht viel gegen die Schmerzen. Oh nein die nächste! Lass los! Lass es geschehen! Unterkiefer locker! Wenn ich dabei bin zu hoch zu werden beim Tönen, holt mein Mann mich wieder runter.

Plötzlich ist mir kalt. Der Ofen bullert aber ich klappere mit den Zähnen und ziehe mir eine Wolljacke über mein schönes rotes Kleid, dass ich extra für die Geburtstagsfeier meines Babys angezogen habe (Danke für die Inspiration Jobina Schenk). Die Übergangsphase, jetzt schon? Vielleicht sollte ich meine Hebamme anrufen? Was soll die denn jetzt machen? Da musst du selber durch.

3:00 Uhr. Ich bitte meinen Mann, den Pool volllaufen zu lassen. Eine halbe Stunde später (kam mir gar nicht so lang vor) ist er voll und ich steige hinein. Ooooh, wunderbar – ich fliege!! Plötzlich fühlt sich mein Körper so leicht an. Das Wasser trägt mein Gewicht, welche Erleichterung! Ich hocke mich an den Rand, halte meinen Bauch tief ins Wasser. Hmmmm …

Und schon kommt die nächste Wehe und die nächste und die nächste. Mein Mann sitzt vor mir, hält meine Unterarme, ich halte mich an ihm fest, nutze seinen Körper als meine Höhle, in die ich mich mit jeder Wehe beuge. Er atmet mit mir. «Tiiiief, laaangsam, lass los». Seine ruhige Stimme hält mich geerdet. Irgendwann zückt er sein Handy und fängt an mir Witze vorzulesen. Ich muss tatsächlich lachen – bei einigen – einen habe ich bis heute nicht verstanden: Was wäre, wenn die Po-Falte horizontal statt vertikal wäre? Hä …?

Und dann fühle ich mit dem Finger in meine Vagina und spüre den Kopf meines Babys. Die Wehen sind heftig. Da! Das Köpfchen ist endlich im Becken. Oh wow, was für ein Gefühl – so voll! …

Die Presswehen sind, im Gegensatz zu den Wehen der vier Stunden davor, geradezu angenehm, nicht mehr so zum Fürchten.

Ich taste an meine Scheide und tatsächlich – wow – da ist das Köpfchen, ca. Ei-groß im Scheideneingang, das Gewebe drum herum voll gedehnt. Vor dem Köpfchen etwas Weiches das ich wegwischen kann, dahinter ist die Fruchtblase zu spüren und erst, wenn ich sie leicht mit dem Finger eindrücke, das Köpfchen. Die Fruchtblase ist noch intakt.

Und die nächste Wehe – heilige Sch… – was für eine Kraft. Ich versuche meinen Damm zu schützen und gleichzeitig die Schamlippen zur Seite zu schieben um das Köpfchen weiter durch kommen zu lassen – da soll das Köpfchen durchpassen?! Das klappt nie! Ich muss meine Hebamme anrufen! Was soll die denn jetzt bitte machen? Da musst du selber durch, sie kann dir nichts abnehmen. Vertraue deinem Körper!

Und die nächste Wehe – immer noch nicht weiter. Mach langsam! Nicht pressen, nicht gegenhalten, lass es geschehen – dein Damm wird es dir danken!

Und die nächste Wehe – ich halte mich an meinem Mann fest, der gerade dabei ist, seelenruhig von 40 rückwärts zu zählen. Hilft es mir? Ja, seine ruhige Stimme ist mein Fels in der stürmischen Brandung – aber er hätte auch das Telefonbuch vorlesen können. Hypnobirthing? Vielleicht im nächsten Leben …

Und dann die nächste Wehe: «Naaaaaain! Naaaaain! Naaaain!» (eigentlich müsste ich ja ein langes «Jaaaa» tönen, aber das was nun wirklich zu viel verlangt … Lass los! Lass es geschehen. Es gibt nur eine Richtung, in die das hier gehen kann und das ist raus!

Gefühlte 10 Minuten nach der Geburt will ich aus dem Pool steigen. Zusammen mit einem Schwall Blut rutscht mir die Plazenta raus. Plazenta in eine Schüssel und ganz aus dem Pool raus. Ein roter Rinnsal läuft aus mir heraus, hört nicht auf. «Das ist zu viel Blut» denke ich. Mein Kreislauf rutscht in den Keller. Ich lege mich schnell aufs Sofa und mein Baby an die Brust. Sie saugt. Die Gebärmutter zieht sich zusammen. Eis auf den Bauch. Nach einer Weile versuche ich Pipi zu machen in einen Eimer vor dem Sofa. Der rote Rinnsal läuft und läuft. Mein Kreislauf sackt wieder ab. Schnell wieder hinlegen. Hebamme angerufen. Sie kommt um neun. Drei Stunden nach der Geburt rutscht mir mein Kreislauf auch im Liegen in den Keller. Ich ahne, mein Wochenbett wird erst mal noch warten müssen … Als die Hebamme eintrifft bestätigt sie meinen Verdacht, obwohl ich alles versuche um sie umzustimmen … Sie ruft den Rettungswagen und meldet uns im Kreißsaal an. Alles in Ruhe, keine Eile. Ich darf mein Baby im Rettungswagen mitnehmen. Im Kreißsaal wird festgestellt, dass noch Reste der Eihaut in meiner Gebärmutter sind*. Sie muss dort schier explodiert sein unter der letzten Presswehe. Die Reste werden raus gedrückt (heilige Sch… aber die Alternative ist OP, also atmen!). Danach hört die Blutung auf. Nach drei Infusionen und einer Nacht darauf warten, dass sich mein Kreislauf so weit stabilisiert, dass ich es bis nach Hause schaffe, verlassen wir am nächsten Morgen fluchtartig die Krankenhausmühle.


*Tipp: Das Zurückbleiben von Eihäuten lässt sich vermeiden, indem man die Plazenta langsam in Empfang nimmt und nicht abrupt herausfallen lässt. Dadurch verhindert man ein Abreißen und in der Gebärmutter Verbleiben von Eihautresten.


Hebi meinte auf meine Nachfrage hin, dass die Fahrt ins KH evtl. nicht nötig gewesen wäre, wenn sie vor Ort gewesen und schneller hätte reagieren können. Würde ich es deswegen anders gemacht haben wollen? Nein! Kein Stück! Das war endlich eine Geburt die ohne irgendwelche Störungen abgelaufen ist. Mein Baby hat seine, ganz eigene, unbeeinflusste Geburt (und Schwangerschaft) bekommen, was für ein Geburtstagsgeschenk! 

Selbstbestimmt? Nicht wirklich: die Natur oder mein Baby haben die Geburt bestimmt. Alles was ich tun konnte war, sie geschehen zu lassen. Ich hatte da gar nichts zu sagen. Reine Naturgewalt!

Freie Geburt? Ja. Frei von Störungen und Interventionen. Und nicht nur die Geburt war frei, ich habe auch das Gefühl, dass meine Beziehung zu meinem Baby dadurch freier ist. Bei meiner ersten Geburt (BEL vaginal im KH), wurde ich am Ende entbunden und mein Baby musste für eine Nacht auf die Intensiv. Bonding? Kam dann ein paar Stunden später, aber wie! Dadurch, dass sein Start ins Leben so unschön war, war und ist es mir seitdem ein großes Bedürfnis, ihn die ersten Stunden seines Lebens vergessen zu machen. Ich habe also seit dem 200% gegeben um ihm zu zeigen, dass ich immer immer immer für ihn da bin. Und die Erinnerung an die ersten Stunden gibt mir jedes Mal eine extra Portion Geduld und Mitgefühl für ihn. Ja, irgendwie fühlt sich das unfreier an, obwohl es ihm natürlich sehr zu Gute kommt.

Hatte ich Angst? Während der Vorbereitung auf die Geburt schaute ich mir auch meine Ängste an (auch in einer Sitzung mit meiner Psychologin/ Achtsamkeit). Ich spürte eine Angst bezüglich der Geburt und wollte verstehen, um was genau es sich dabei handelte. Ich konnte dann zu meiner Erleichterung und Beruhigung feststellen, dass die Angst, die ich spürte, die Angst war, die wohl alle Eltern immer haben, nämlich dass meinem Kind etwas passieren könnte. Diese Angst ist immer da, hatte aber nichts mit der Geburt an sich zu tun. Mit dieser Angst müssen alle Eltern leben, dürfen aber sich und ihre Kinder davon nicht abhalten lassen zu leben und das Leben geschehen zu lassen. Also auch an dieser Stelle galt es, mich frei zu machen. Nachdem ich meine Angst gesehen hatte, verlor ich die Angst vor der Angst und war von da an wieder ganz im Vertrauen. Dieses Vertrauen in die Natur, in meinen Körper und in das Leben, spürte ich während der ganzen Geburt und hatte zu keiner Zeit Angst.

Mein großer Dank gilt meinem Mann. Er war am Anfang, wie wohl die meisten Männer, erst mal entsetzt von dem Gedanken einer Alleingeburt, hat aber nach vielen Gesprächen verstanden, warum das genau das richtige für mich und somit für unser Baby sein würde. Und dann, unter der Geburt, hat er sich als mein Fels in der Brandung gezeigt. Er war da, er war die Ruhe in Person, er hat mich geerdet und gehalten. So voll dabei wäre er nie gewesen, wenn eine Fachkraft dabei gewesen wäre. Wir haben ein Wahnsinns-Erlebnis miteinander geteilt und ich fühle mich ihm ganz neu und tiefer verbunden. Und was hat er nach der Geburt für eine Arbeit gehabt die ganze Sauerei wieder weg zu räumen!

Aber lest selbst, wie er alles erlebt hat:

TOM:

In der Rückschau erscheinen mir häufig Dinge einfacher, leichter und selbstverständlicher, als sie eigentlich waren. Die Hausgeburt unserer Tochter Ella, ohne Begleitung einer Hebamme, ist vermutlich auch so ein Fall. Wenn ich Ella heute im Arm halte und sie mich mit ihren großen, dunklen Augen anschaut, dann habe ich den aufreibenden Weg dahin schon fast vergessen.

Nach einer für Anka und mich traumatischen Geburt unseres Sohnes aus Beckenendlage in der Klinik, war eigentlich noch bevor Anka schwanger wurde klar, dass bei einer weiteren Geburt die Bedingungen grundsätzlich anders sein müssen. Das Geburtshaus in Lörrach war bereits seit einiger Zeit geschlossen und so waren wir sehr froh, dass es im Landkreis noch eine Hebamme gab, die bereit war, mit uns eine Hausgeburt durchzuführen. Ich konnte mich gedanklich während der Schwangerschaftsmonate und den Treffen mit der Hebamme langsam an das Thema Hausgeburt annähern. Die Vorstellung, eine Hebamme zur Seite zu haben, die mit ihrer Erfahrung die Geburt optimal unterstützt, war ein wichtiger und bestärkender Gedanke, der mir Zuversicht für eine Hausgeburt gab. Als Anka im November allerdings anfing ihren Wunsch nach einer Alleingeburt zu formulieren, zog es mir fast die Socken aus. In einer Phase in der ich aufgrund des Todes meines Vaters sowieso noch nicht wieder im Gleichgewicht war, haute die Vorstellung einer Alleingeburt mich wirklich ziemlich um.

Ich fühlte mich von Ankas Wunsch nach einer Alleingeburt vollständig überfordert. Ich wollte und konnte mir nicht vorstellen, in die Rolle einer Hebamme zu schlüpfen und einfach mal zu probieren ein Kind mit auf die Welt zu kriegen. Es kam mir vor, wie an einem Auto das Getriebe wechseln zu wollen, nachdem man ein paar YouTube-Videos geschaut hatte, nur mit dem Unterschied, dass es hier doch auch um Leben und Tod gehen könnte. Die Vorstellung löste echte Panik aus. Zudem fühlte ich mich aber gleichzeitig auch in die Ecke gedrängt von Ankas stark vorgetragenem Wunsch. Ich war total unglücklich, weil es scheinbar keinen guten Weg aus der Situation gab – alles sträubte sich in mir, sich auf diesen «Wahnsinn» einzulassen.

Die Situation spitzte sich an einem Freitagabend so zu, dass wir eine der emotionalsten und konfliktreichsten Diskussion unserer Beziehung hatten (was bei zwei Mentalitäts-Westfalen schon etwas heißen will).

Erst als wir nach einiger Zeit zusammen tiefer in ein Gespräch kamen und Anka anfing, von ihrer Motivation und ihrer Vision dieser Alleingeburt zu sprechen, kam etwas in mir in Bewegung. Anka war sehr zentriert und fokussiert in der Beschreibung des Wunsches ihrer Alleingeburt. Es ging hier nicht um die Vermeidung von etwas (z.B. keine Klinik, keine Interventionen, etc.), sondern mir wurde deutlich, dass ihr Wunsch, auf die Hebamme zu verzichten, ein aktiver Schritt war, alle anderen beeinflussenden Instanzen zu entfernen. Erst so könne sie sich wirklich auf ihre Intuition während der Geburt verlassen und die unterschiedlichen Phasen und Schritte zum richtigen Zeitpunkt erspüren. Sie wollte das totale «Ownership» für diese Geburt. Die Anwesenheit von erfahrenen Personen konnte sie hier nur ablenken und dazu verleiten, Teile dieser inneren Verantwortung abzugeben.

Den großen Wunsch nach der Selbstverantwortlichkeit und dem Einlassen auf die persönlichen Ressourcen zu verstehen, war ein sehr entscheidender Moment für mich. Ich konnte hier sehr gut persönliche Parallelen ziehen zu Erfahrungen, die ich selber vor einiger Zeit gesucht habe bei der Teilnahme an Ultraläufen in den Schweizer Bergen. Das Gefühl, vollkommen auf sich alleine gestellt zu sein und nur durch Einteilen der eigenen Kraft und Aufbringen von großer mentaler Stärke zum Ziel zu kommen. Bei diesen Läufen war nicht Ausdauer und Kraft entscheidend, sondern eben der konstante innere Dialog essentiell, um die innere Spannung hoch zu halten und sich auf den hochalpinen Strecken sicher zu bewegen. In solchen existentiellen Situationen tritt die restliche Welt total in den Hintergrund und alle Gedanken und Kräfte fokussieren sich in dem Erleben dieses Augenblicks (inklusive Adrenalinschüben) – es sind dort die ganz ursprünglichen Instinkte gefragt, sich und die umgebende Situation richtig einzuschätzen und gute Entscheidungen zu treffen.

In der Art wie Anka ihren Wunsch formulierte, spürte ich eine große Stärke, eine echte Vision und den großen Wunsch, dieses so wichtige Lebensereignis in höchstem Umfang selber in die Hand zu nehmen. Zusätzlich machte sie mir klar, dass von mir keine Hebammen-Dienste erwartet würden, sondern dass ich lediglich eine Unterstützung für sie sein soll. Etwas zu trinken reichen, den Rücken streicheln und vielleicht das ein oder andere Stichwort geben …

Auch wenn bei mir bis zum Schluss ein Gefühl der Unsicherheit blieb, so wollte ich nun ihrem Wunsch zustimmen. Uns war klar, dass es hier nur eine 100%ige gemeinsame Entscheidung geben konnte. Mutig sein und etwas wagen von dessen Richtigkeit wir überzeugt waren, auch wenn Ängste und Zweifel immer für mich greifbar blieben. Wir gingen zusammen diesen Weg und waren bereit die Konsequenzen zu tragen.

Dabei war für mich allerdings auch wichtig, dass wir nicht unvernünftig wurden – alle Ampeln und Checkpunkte waren sozusagen auf «grün». Die Hebamme hatte uns in den unterschiedlichen Terminen immer wieder zugesichert, dass sie keine Bedenken für eine Hausgeburt hätte und uns eine Alleingeburt auch zutrauen würde. Aus medizinischer Sicht gab es keine Bedenken. Die Schwangerschaft war unauffällig und innerhalb der typischen Phasen verlaufen. Dies waren wichtige Aspekte um mein Vertrauen in unser Vorhaben zu stärken.

In den nächsten zwei Monaten arbeitete Anka ihre Details für die Alleingeburt immer weiter aus und bereitete sich weiter vor. Es war sehr beeindruckend zu erleben, wie intensiv sie im Vorhinein an der Geburt arbeitet indem sie u.a. den Geburtsverlauf visualisierte und dabei die Räumlichkeiten, die Atmosphäre und ihren mentalen Zustand einschloss. Wie ein Leistungssportler oder Musiker ging sie die Abläufe und Phase immer wieder im Geiste durch.

Auch war es ihr möglich, einen inneren Dialog mit unserem Baby zu halten und es in unsere Pläne miteinzubeziehen.

Im Nachhinein betrachtet lief die Geburt dann sehr eng entlang der zuvor erträumten und erspürten Vision ab. Ich war bereits eine Woche vor der Geburt zu Hause und Anka konnte sich zunehmend vom Alltag als Familienmutter zurückziehen und zur Ruhe kommen. Bereits zwei Tage vor der Geburt hatte Anka einen zunehmenden Drang nach Ruhe und spürte eine starke Müdigkeit. Als dann der Schleimpfropf abging und am Abend zunehmend kurze Wehen kamen, waren wir guter Dinge, dass es nun wirklich losgehen würde. Ich legte mich noch einmal für ein paar wenige Stunden zum Schlafen hin. Als ich um 2:30h aufwachte und zu Anka ins Wohnzimmer kam, war sie schon in einer intensiven Wehenphase (3-Minuten Abstand). Nun war es schön, dass wir komplett alleine waren, denn so konnten wir ganz unbeeinflusst zusammen tönen und versuchen zu entspannen. Gegen 3h fing ich an den Pool zu füllen und gegen 3:40h ging Anka ins Wasser. Das verschaffte ihr eine große Erleichterung. Die Wehen nahmen an Intensität zu und Anka tauchte zunehmend in eine nach innen gekehrte Haltung ab. Dies war der Moment wo ich versuchte ihr gut zu zusprechen und die zuvor besprochenen Sätze gebetsmühlenartig immer wiederholte (Das machst du super. Spitze. Wieder ein Stück näher. Atmen. Entspannen, tiefer, tiefer, noch tiefer….). All das funktioniert eigentlich nur so gut, weil keine andere Person anwesend war. Wir mussten uns hier ganz auf uns verlassen, und in einem solchen Moment kommt man ins Handeln – so gut es halt geht. Wie von Anka gewünscht probierte ich es auch mit ein paar Witzen… (das war dann aber wohl doch nicht so hilfreich wie zuvor gedacht).

Ich war überrascht, wie früh Anka sagte, dass sie einen Pressdrang verspürte. Von da an ging es Schritt für Schritt ganz schnell. Erst spürte sie einen ersten Teil vom Köpfchen, dann kamen einige Wehen in sehr intensiven Wellen und ich musste Anka an den Händen halten, an die sie sich wirklich klammerte. Dabei war sie wirklich laut am Rufen! Es war ein Glück, dass ich dies schon einmal bei der ersten Geburt von ihr so gehört hatte und mich davon nicht zu sehr aus der Ruhe bringen ließ. Ich konnte ihr dabei weiter zuversichtlich «gut zusprechen». Dann war plötzlich der Kopf durch und zügig kam der Körper. Anka nahm das kleine Baby zwischen den Beinen hoch, wickelte die Nabelschnur einmal vom Hals. Sobald der kleine Körper über dem Wasser war, konnten wir die kleine Ella laut rufen hören. Das war eine riesen Erleichterung – wir waren beide ganz sprachlos. Gerade waren wir noch mitten im «Kampf» der Wehen gewesen und wenige Augenblicke später hatte das über 10-monatige Warten ein Ende und das laute Rufen verhieß «alles gut gelaufen».

Anka und das Baby blieben noch ein paar Minuten im warmen Pool, bevor ich Anka auf das Sofa half. Beim Aufstehen war die Plazenta abgegangen und während wir unser Baby bestaunten, versuchten wir uns an der Nachversorgung von Anka (Eis auf die Gebärmutter, Traubensaft zum Trinken, trockene Anziehsachen …). Wir hatten eine erste gemeinsam Stunde, bis unser Sohn wach wurde. Ich half ihm beim Anziehen und sagte ihm, dass das Warten ein Ende habe und heute morgen seine kleine Schwester zu uns gekommen sei. Ein riesen Strahlen erfüllte sein Gesicht und er lief augenblicklich ins Wohnzimmer. Hier waren wir also als neue «Großfamilie» endlich zusammen.

Im Rückblick bleibt sehr viel Dankbarkeit und eine ordentliche Portion Staunen über uns zurück. Dankbarkeit für diese tolle Erfahrung, Dankbarkeit für den so positiven Ausgang und Dankbarkeit für einen Geburtsverlauf entlang einer erträumten Vision. Staunen kann ich immer noch nur über Anka, die mit einem enormen inneren Antrieb sich den Weg zu dieser Geburt aus freien Stücken gesucht und «erarbeitet» hat (auch entgegen einiger zögerlicher und z.T. kritischer Stimmen z.B. auch aus ihrer Familie). Sie hat enorme innere Stärke aufgebracht und sich von allen Zweifeln und Ängsten freigemacht. Staunen kann ich auch nur über uns als gemeinsames Geburtsteam, das wirklich etwas Einmaliges geschafft hat. In dieser Nacht wurde nicht nur ein kleines Baby geboren, sondern auch wir beiden sind gesprungen und haben einen bisher nicht gekannten Teil in uns freigesetzt.

Januar-Baby – Eine Alleingeburt beim zweiten Kind

Die Frau, die im Folgenden von ihrer Alleingeburt berichtet, ist alleinerziehend. Eine Freundin und ihre Mutter unterstützten sie bei der Umsetzung ihrer Alleingeburt. Es war ihr zweites Kind und kam  dieses Jahr im Januar zur Welt. 

Am Tag des errechneten Entbindungstermins war ich sehr ungeduldig und schlecht gelaunt, weil sich nichts tat, ich immer noch nicht wusste, wie das Baby heißen soll und mein Sohn die Tage zuvor noch heftig Magen-Darm hatte.

Einen Tag später ging ich schon um 21 Uhr ins Bett und führte noch ein ernstes Gespräch mit der kleinen Bauchbewohnerin. Ich erklärte ihr, dass sie jetzt mal langsam kommen könne und ihr Bruder auch wieder gesund sei. Ich wolle vorher nur noch ein wenig schlafen, bat ich, um für die Geburt fit zu sein.
Offensichtlich kamen meine Worte an, denn am nächsten Morgen ging es los:

4:55 Uhr – ich gehe zur Toilette und verliere dort Fruchtwasser. Unmittelbar danach setzen die Wehen ein und werden kontinuierlich stärker.

5:30 Uhr – ich rufe meine beste Freundin an, welche bei der Geburt dabei sein wird und sage ihr, sie soll schon mal frühstücken und sich bereit halten, um jederzeit kommen zu können.

5:45 Uhr – ich rufe meine Mutter an, welche um 6 Uhr dann schon da ist und eine halbe Stunde später meinen fast vierjährigen Sohn mitnimmt. Er möchte ausdrücklich nicht bei der Geburt dabei sein, also darf er in der Zeit schön bei Omi frühstücken und spielen.

6:30 Uhr – meine Freundin kommt dazu und mir ist klar, dass es wieder eine schnelle Geburt werden würde. Die von meinem Sohn dauerte nur 2,5 Stunden.

Meine Freundin holt die letzten Sachen, die ich benötige und stellt alles in Reichweite. Sie lässt mich mein Ding machen, bleibt aber die ganze Zeit bei mir und ist mit ihrer zurückhaltenden und ruhigen Art eine tolle Bereicherung.

Die Wellen der Übergangsphase sind heftig, viel stärker als beim ersten Kind und ich bin ziemlich laut dabei. Das hilft mir sehr. Die Austreibungsphase ist dann wiederum ein wahres Wunder und unvergessliches Erlebnis:
Ganz ohne zu pressen und komplett ohne Schmerzen gebäre ich auf den Knien meine Tochter in meine Hände. Ich befinde mich wie in Trance, werde ganz still, halte die Augen geschlossen und fühle einfach nur mit ihr. Als das Köpfchen zur Hälfte geboren ist, schaue ich mit einem Handspiegel einmal nach. Alles in völliger Ruhe und Entspannung. Als das Köpfchen ganz draußen ist, kann ich ihr Gesicht ertasten und kurz darauf gleitet der ganze Körper in meine Hände. Sie weint einmal kurz, ich nehme sie hoch und sofort beruhigte sie sich und ist ganz friedlich. Sie sieht nicht aus wie frisch geboren, sondern sehr perfekt und sauber. Dunkle Haare, ein wunderschönes rundes Köpfchen ohne Verformungen und ganz wache, pechschwarze Augen. Es ist unglaublich!  So wird um 8:03 Uhr mein kleines Mädchen geboren.

8:25 Uhr – die Plazenta kommt problemlos.

10:00 Uhr – meine Mutter kommt mit meinem Sohn und er ist ganz stolz und glücklich, traut sich aber erst nach einer Weile, seine kleine Schwester zu berühren. Inzwischen küsst und herzt er sie ständig und liebt sie über alles.

11:00 Uhr – die Hebamme kommt und checkt mich und die Kleine einmal durch. Ich habe keine nennenswerten Geburtsverletzungen und fühle mich gut. Das Baby wiegt 3560 g, ist 53 cm groß und hat einen Kopfumfang von 35 cm. Die Hebamme ist erstaunt, wie „fertig“ sie schon aussieht. „Wie heißt sie denn?“ fragt sie. „Ich weiß es nicht“ sage ich.

13:00 Uhr – meine Freundin, Mutter und mein Sohn sind nicht mehr da, ich liege alleine mit der Kleinen im Bett. Sie schaut mich aus großen, aufmerksamen Augen an. Und da erscheint mir ihr Name: Livia Jolien

Mehr über die Verfasserin findet ihr auf ihrem Youtube-Kanal.

Gedanken einer dreifachen Alleingeburtsmutter

Diese Gedanken einer Mutter, die drei Alleingeburten hatte, darf ich mit euch teilen:

Meine drei Kinder habe ich ohne Ärzte und Hebammen zur Welt gebracht.

Ich war voller Vertrauen, dass mein Körper ganz genau wusste, wie das ginge. Ich hatte nie das Bedürfnis nach den üblichen Untersuchungen. Es waren drei wunderschöne Geburten, an die ich mich mit Freuden erinnere. Auf diesem Weg ist mir ein Licht nach dem anderen aufgegangen. Ich habe immer deutlicher erkannt, wie sehr Frauen ihre Kraft genommen wird, wie sehr Frauen sich ihre Kraft nehmen lassen und wie sehr die kleinen Wesen schon am Anfang ihres Lebens geschwächt werden.

In mir schreit es, ich will allen schwangeren Frauen zurufen: Gebt euch nicht in die Hände der Apparatemedizin! Lasst euch nicht ultrabeschallen, durchscreenen und von Plastikhandschuhen und kalten Metallgeräten betatschen! Hört nicht auf die ganzen Horrorgeschichten, was alles Schreckliches passieren könnte! Hört nicht auf all diese Lügen, dass ihr zu wenig Fruchtwasser hättet, dass der Kopf eures Kindes etwas zu klein sei, dass es bei euch eine Risikoschwangerschaft wäre, dass deshalb in Kürze die nächste Untersuchung nötig sei, um sicherzugehen, dass …

Die vielen Komplikationen, die vielen Kaiserschnitte sind vor allem der Angst geschuldet, die den Frauen gemacht wird und die sie sich machen lassen. Angst führt zu Anspannung, und damit ist ein Loslassen nur schwer möglich und wird die Geburt ein schmerzvolles Erlebnis. Je mehr alles ängstlich und gründlich abgesichert wird, desto mehr Unfälle passieren. In Wahrheit braucht es für eine Geburt keinerlei Geräte und keine guten Ratschläge. Das kleine Wesen weiß selbst am besten, wann der richtige Zeitpunkt ist, um ans Licht der Welt zu kommen. Es drängt ganz von selbst heraus. Und unser Körper weiß, wie er ihm die Tür öffnet. Pressen ist da ganz fehl am Platze. Es geht nur um Öffnen, um Loslassen. Es braucht keine Geburtsvorbereitungskurse und keine Atemtechniken. Davon werden wir nur abgelenkt und sind im Kopf, während doch unser Fühlen gebraucht wird! Wenn wir uns den Wellen in uns überlassen, geschieht alles ganz von selbst. Da braucht es keine Anleitung von außen. Unser Körper hat alle Weisheit, um sich dem Ans-Licht-Drängen des kleinen Wesens hinzugeben.

Und das sage ich – eine Frau, die in ihrem Körper nicht zu Hause ist. Wie wir alle bin ich nicht „drin“ in meinem Körper und denke meine Gefühle zum größten Teil nur. Ich fühle mich oft von mir selbst abgeschnitten und zerteilt. Wenn mein Mann mich liebt, ist es mir oft besonders schmerzhaft bewusst, dass ich nur sehr reduziert fühle. Wir sind alle im gleichen Gefängnis, aber es ist nur den wenigsten bewusst, wie gefühllos wir alle gemacht wurden. Wir werden kontrolliert und klein gehalten. Wir wurden unser Leben lang mit Lügen und Halbwahrheiten gefüttert. Die meisten funktionieren nur noch und merken gar nicht mehr, wie leer sie sind.

Und doch haben viele Frauen sich noch einen Teil bewahren können, etwas, wo sie noch heil sind. Ich kenne Frauen, die ihren Eisprung ganz deutlich spüren und nie verhütet haben. (Ich selbst merke gar nichts davon). Ich kenne eine Frau, die den Moment der Empfängnis gefühlt hat, als einen Lichtblitz, der in ihren Körper drang. (Ich merkte erst am Ausbleiben meiner Regel, dass ich schwanger war). Ich kenne Frauen, die das kleine Wesen während der Schwangerschaft deutlich wahrnahmen und mit ihm kommunizierten, und oftmals schon zu Beginn der Schwangerschaft den Namen erfuhren. (Ich spürte die Kindsbewegungen und streichelte manchmal meinen Bauch; aber eine wirkliche Verbindung zu meinem Kind hatte ich immer erst nach der Geburt.) Ich selbst hatte das unumstößliche Vertrauen, dass mein Körper genau wüsste, wie er gebären konnte.

Das alles sind Puzzleteile, die uns ahnen lassen, wie viel mehr Frauen eigentlich empfinden können; wie es wäre, wenn wir ganz bei uns und in unserem Körper wären.

Während meiner ersten Schwangerschaft fühlte ich mich rundum wohl und machte mir nur wenig Gedanken über die Geburt. Das einzige, was ich las, war „Unassisted Childbirth“ von Laura Kaplan Shanley*, einer Frau, die ihre vier Kinder allein zur Welt gebracht hat. Eines davon kam sogar mit den Füßen zuerst. Dieses Buch bestärkte mich sehr in meinem eigenen Gefühl, dass mit meiner Schwangerschaft alles gut ging und auch die Geburt wundervoll sein würde.

Im Nachhinein wurde mir klar, wie gut es war, dass ich kaum etwas wusste von all den angeblichen Risiken und Problemen, bei denen normalerweise sofort eingegriffen wird.

Bei meinen ersten beiden Geburten dauerte es vier Stunden, bis die Plazenta sich löste. Später erfuhren wir, dass die Mutter meines Mannes, die im Krankenhaus arbeitet, deshalb in heller Panik war. Sie hatte zwei Stunden nach der Geburt angerufen und war angesichts der Nachricht, dass die Nachgeburt noch in mir war, furchtbar beunruhigt. Sie sagte uns zum Glück nichts davon, weil sie uns nicht verunsichern wollte, konnte aber nicht mehr stillsitzen und begann fieberhaft im Internet zu recherchieren.

Bei meiner dritten Geburt dauerte es dann sogar achteinhalb Stunden, bis die Nachgeburt kam. Wie auch schon bei den ersten beiden Geburten löste sie sich ganz leicht und ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. Nach gängiger Lehrmeinung müsste die Plazenta spätestens nach einer halben Stunde aus dem Körper sein, erzählte die Mutter meines Mannes uns später, ansonsten wird den Frauen im Krankenhaus ein Mittel verabreicht, das zur Ablösung führt. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie sagte bestürzt: „Oh mein Gott, ich wünschte, ich könnte all das Lehrbuchwissen wieder vergessen! Jetzt wird mir klar, warum so viele Frauen sagen, wie froh sie seien, dass sie ihr Kind im Krankenhaus entbunden hätten, weil sie nach der Geburt heftige Blutungen gehabt hätten. Aber diese Blutungen kommen daher, dass die Ablösung der Plazenta künstlich beschleunigt wird, mit Medikamenten und indem an der Nabelschnur gezogen wird. So wird sie regelrecht von der Gebärmutterwand abgerissen!“

Bei meiner dritten Geburt war außerdem ein Knoten in der Nabelschnur und sie war um den Hals meines Sohnes gewickelt. Die Geburt verlief jedoch völlig problemlos. Im Krankenhaus hätte man mir sehr wahrscheinlich einen Kaiserschnitt verpasst. Die allermeisten Fachleute würden mir voller Entrüstung sagen, wie verantwortungslos und leichtsinnig ich wäre und was für ein unglaubliches Glück ich gehabt hätte.

Merkt ihr, was alles an scheinbaren Problemen herangezogen wird, um Kaiserschnitte und zahlreiche andere Eingriffe zu rechtfertigen? Könnt ihr die ungeheuerlichen Ausmaße erkennen? Geburt ist eigentlich gemeint als ein rauschendes Fest, als eine ekstatische und beglückende Erfahrung! In dieser wahnsinnigen Welt wird daraus jedoch eine mühe- und schmerzvolle Angelegenheit voller Gefahren und Komplikationen gemacht.

Das Anschließen der Mütter an all die Apparate und die unzähligen Eingriffe sind nicht nur zutiefst entwürdigend, sie schwächen auch Selbstvertrauen und Körpergefühl von Mutter und Kind. Ich habe viele Frauen kennen gelernt, die noch Jahre später unter ihren traumatischen Geburtserfahrungen leiden.

Vor einiger Zeit wurde ich in der Bibliothek Zeugin eines Gesprächs dreier etwa zwölfjähriger Mädchen, die sich darüber austauschten, ob sie einmal Kinder haben wollten. Eine sagte, dass sie dann auf jeden Fall einen Kaiserschnitt machen lassen würde, weil eine Geburt schrecklich anstrengend wäre und furchtbar weh tun würde. Die beiden anderen stimmten ihr zu. Ich war erschüttert, wie stark das Gedankengift schon in den Köpfen so junger Mädchen wirkt und erzählte ihnen von meinen Geburten.

Ich kenne viele Frauen, die mit einer Hebamme an ihrer Seite wunderschöne Hausgeburten erlebt haben. Allerdings hat sich für die freiberuflichen Hebammen in den letzten Jahren viel verändert. Ganz schleichend werden ihnen immer mehr Steine in den Weg gelegt – so sind z.B. die Versicherungsprämien für ihre Berufshaftpflicht ins Unbezahlbare gestiegen. Unzählige Geburtshelferinnen haben ihren Beruf aufgegeben, und es ist schwierig geworden, eine Hebamme für eine Hausgeburt zu finden. Unter dem zunehmendem Versicherungsdruck sehen sie sich auch eher gezwungen, eine Mutter doch ins Krankenhaus zu überweisen, wenn nicht alles ganz reibungslos verläuft.

Ich selbst hätte mir eine vertraute Freundin und Mutter an meiner Seite gewünscht; keine Frau, die während der Schwangerschaft ein paar Mal vorbeikommen würde und die ich erst kennen lernen müsste. Bei meinen ersten beiden Geburten war mein Mann mir am nächsten und schlüpfte sehr einfühlsam in die Frauenrolle. Er massierte mir bei den Wehen den Rücken, war als verlässlicher Anker voll und ganz da und fing unsere Töchter in seinen Händen auf.

Einige Jahre später hatte ich dann bei der Geburt meines Sohnes das Glück, neben meinem Mann und meinen beiden Töchtern (sie waren inzwischen acht und zehn Jahre alt) auch noch eine Frau um mich zu haben. Sie hatte noch keine Erfahrungen mit Geburten gemacht, aber sie brachte das Wichtigste mit: ein feines Gespür für das, was gerade gebraucht wurde. Ich hockte in der warmen Morgensonne auf unserer Gartenwiese und sie streichelte und massierte meinen Rücken. Zuvor hatte sie sich um meine ältere Tochter gekümmert, der die Geburt zu nahe ging und die lieber in einiger Entfernung dabei war. Meine jüngste Tochter war die ganze Zeit neben mir und verfolgte gebannt alles, was passierte.
Die Wehen waren kaum schmerzhaft und die Abstände von Anfang an kurz. Ich fühlte mich verrückt und lebendig, musste gleichzeitig weinen und lauthals lachen  – und da konnte ich auch schon das kleine Köpfchen in meiner Scheide ertasten! Welch unbändige Freude durchströmte mich! Kurz darauf war das Köpfchen da und meine Familie konnte das kleine Gesichtchen sehen. Mein Mann empfing unser Kind in seinen Händen und rief beglückt „Es ist ein Junge!“ Wir alle waren selig! Den ganzen Tag verbrachten wir noch in Festtagsstimmung auf unserer sonnigen Gartenwiese.

Am nächsten Morgen erwachte ich voller Kraft und unbändigem Tatendrang. Ich band meinen nackten Sohn vor meiner Brust liegend in ein Tragetuch und lief weit in den Wald hinein zu meinem Lieblingsplatz in einem verwunschenen Kesselmoor. Ich war voll innerem Jubel: Ich habe einen Sohn! Der ganze Wald war Zeuge meines Glücks. Ich hatte nicht die geringsten Schmerzen und fühlte mich frisch und zu neuem Leben erwacht.

*Ich kann dieses Buch nur eingeschränkt empfehlen. Mir war es teilweise zu esoterisch.

Schnelle, geplante Alleingeburt beim zweiten Kind

Von ihrer schönen, schnellen Alleingeburt beim zweiten Kind berichtet diese junge Mutter:

Dienstag, 23.01.2018:                                                                        Hebammentermin bei ET (Entbindungstermin) plus 7. Ich merke nichts, keine Anzeichen, keine Blutung, gar nichts … Tochterkind, 20 Monate, lenkt mich aber auch ordentlich ab.
Muttermund 3cm😂. Okay, alles klar, ab nach Hause.

19:22 Uhr: Tochter schläft. Ich nähe noch ein paar Sachen zu Ende und mache sie postbereit.

22:30 Uhr noch mal eben kurz einschlafstillen.

22:42 Uhr, alles fertig. Ich rufe meine Mama an und lade sie ein, bei uns zu übernachten, falls das Baby kommt, damit die Große jemanden da hat und uns nicht stört, wenn sie wach wird.

23:30 Uhr noch mal Stillen und dann kam auch die Oma schon an.

24.01.2018: Christian massiert fleißig meinen Bauch mit Utus-Öl ein. Ich habe ihn motiviert – merkte ‚endlich’ Wehen.

00:17 Uhr. Okay, das reicht … Leg dich hin, ruh dich aus. Ich brauche dich später. ♥

Eine Wehe nach der anderen … alle 2 Minuten, eine Stunde lang … aua, die waren gar nicht mal so schön … die Abstände waren so kurz, das war anstrengend und auch schmerzhaft.

1:20 Uhr: Blasensprung. Mann wecken mit den Worten: „Ich glaube das Baby kommt.“

Er: „Wen soll ich anrufen?“
Ich: „Ruf Annett an!“
Er, mega entspannt: „Hallo, Christian hier. Das Baby macht sich auf den Weg …“
Ich nur so: „Aber zügig!“

1:22 Uhr – schieben … das Baby kommt tatsächlich … rutscht aber vom Gefühl immer wieder zurück. Christian konnte nichts erkennen. Bei der 3. Wehe hab ich mal mitgefühlt: Da ist der Kopf, eindeutig. Er will raus und ich ließ ihn dann auch raus. Noch eine Welle später, um 1:33 Uhr, kam der Rest des langen Wesens schon dazu. Lilya-Filomena kam mit unglaublichen 56cm und 3950 Gramm zur Welt. Ich rief ganz entspannt die Nachsorge-Hebamme an und sagte ihr, sie kann morgen früh vorbei kommen. Es war so abgesprochen, damit sie ein wenig planen kann, dass ich auch nachts schon Bescheid geben soll.

So um 1:45 Uhr kam die Fotografin (Annett) dazu. Geplant war, sie unter der Geburt schon dabei zu haben. Aber die Fotos sind dennoch einzigartig. Ich hörte von nebenan Finya: „Weint, Baby, gucken“ (Unser Baby hat direkt geweint und das hörte sie und wurde wach oder war wach und hat darauf halt reagiert.)

2:30 Uhr Geburt der Plazenta, Abnabelung. Ankommen.

Gegen 4 Uhr, als alles sauber war, kam Oma, also meine Mama, mit der Kleinen dann dazu. Sie hatte ja gerufen gehabt, aber ich wollte, dass sie erst kommt, wenn das Blut weg ist. (Sie ist sehr „empfindlich“ und macht sich direkt Sorgen, wenn sie einen Tropfen Blut sieht.)

Sie war direkt überaus vorsichtig und einfühlsam zu dem Baby. Hebamme kam um 10-11 Uhr oder so, da wurden auch die Maße genommen. Ich habe nur zwei Abschürfungen, die von alleine heilen werden.

Wir sind sehr glücklich und stolz auf unsere Mädels. ♥

 

Silvesterbaby – eine ungeplante Alleingeburt

Bei der Mutter im folgenden Bericht waren die Wehen lange unregelmäßig und der Geburtsbeginn nicht eindeutig zu erkennen. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Zu schnell, um noch irgendwo hinzufahren…

Geburtsbericht unserer kleinen Lotta, die es so eilig hatte, dass wir es nicht mal mehr ins Geburtshaus schafften.

Als ich am 30.12. abends vor dem Fernseher saß, hatte ich Wehen. Übungswehen mal wieder, dachte ich nur. Die Wehen kamen mal alle 5, mal alle 10, mal alle 30 Minuten. Überhaupt nicht regelmäßig, wurden auch nicht intensiver, sondern blieben einfach, wie sie waren. Um etwa 23 Uhr hörten die Wehen dann schlagartig auf und ich ging ins Bett schlafen.
Zum Schlafen kam ich aber nicht so richtig, weil ich etwa alle 30 Minuten aufs Klo musste. Um 4.30 Uhr hatte ich dann erneut eine Wehe. Ich sprach mit unserer kleinen „Noch-Bauch-Lotta“, dass sie sich entweder jetzt gleich auf den Weg machen sollte oder aber bis zum nächsten Tag warten sollte. Dann war Ruhe im Bauch und ich konnte noch etwas schlafen, abgesehen von den ständigen Pinkelpausen.

Am Vormittag des 31.12. kehrten dann die Wehen zurück, jedoch genauso wie am Abend zuvor: intensiv, aber absolut unregelmäßig, mal alle 3, mal alle 20 Minuten. Eine warme Dusche brachte dann erstmal eine zweistündige Wehen-Pause, aber dann fingen sie doch wieder an. Ich lag den Tag über auf dem Sofa oder im Bett, weil so die Wehen am angenehmsten waren.
Um 19.00 Uhr gingen wir dann zu meiner Mama zum Raclette-Essen nach nebenan! Als wir zur Tür rein kamen, fragte sie, was los sei. Ich zischte nur ein „nichts!“ Am liebsten wäre ich einfach alleine im Bett liegen geblieben, aber es war ja Silvester und unser Großer hatte sich schon so darauf gefreut, dass ich gerne bei ihm sein wollte. Meine Mama sagte nur: „Lotta wartet bestimmt nicht bis morgen!“
Wir aßen also Raclette und ich tigerte weiterhin alle 20 Minuten auf die Toilette. Um 20.30 Uhr legte ich mich dann aufs Sofa, weil ich einfach nicht mehr sitzen konnte. Um 21.14 Uhr hatte ich eine Wehe, die nächste um 21.18 Uhr, dann um 21.23Uhr. Die Wehen waren zwar intensiv, aber ich musste sie noch nicht veratmen. Ging es jetzt doch los?! Ich entschied mich noch einmal rüber zu uns zu gehen, um in mich hinein zu hören. Die nächste Wehe um 21.29Uhr. Ich schrieb meinem Mann eine SMS, dass er auch mal schnell rüber kommen soll, um unsere Hebamme anzurufen. Als er zur Tür reinkam, die nächste Wehe. Ich hatte plötzlich einen enormen Bewegungsdrang und konnte nicht mehr still stehen oder sitzen. Er erreichte unsere Hebamme aber nicht und sprach ihr auf die Mailbox. Ganz plötzlich kamen die Wehen minütlich, und so heftig, dass ich die Wehen, im Türrahmen stehend, veratmen musste. Mein Mann probierte noch einmal unsere Hebamme zu erreichen, aber wieder nichts. Dann entschieden wir uns, dass er mit unserem Großen noch schnell in den Garten ginge, um unser Feuerwerk abzuschießen. Es war 21.50 Uhr und wenn wir ins Geburtshaus fahren würden, könnte niemand die Raketen mit unserem Großen abschießen. Ich ging währenddessen nach oben ins Bad und setze mich aufs Klo, weil ich schon wieder musste. Eine Wehe nach der anderen. Irgendwie hatte ich das Gefühl plötzlich pressen zu müssen, also kniete ich mich vor die Badewanne und drückte. Erst jetzt wurde mich klar, dass unsere Geburtsreise begonnen hatte und wir es wohl nicht mehr ins Geburtshaus schaffen würden.
22.03 Uhr: die Fruchtblase platzte zeitgleich mit unserem Feuerwerk im Garten. Mein Mann brachte unseren Großen wieder zu meiner Mama und kam zu mir ins Bad und probierte noch mal unsere Hebamme zu erreichen. Er erzählte ihr, dass ich Wehen hätte und ich brachte nur noch ein „Sie kommt JETZT!!!“ heraus und musste schon wieder pressen. Unsere Hebamme sagte, dass sie gleich losfährt. Wir wechselten ins Schlafzimmer und ich legte mich auf die Seite ins Bett. Wehe. In der Wehenpause scheuchte ich meinen Mann los, um Unterlage und Handtücher zu holen. Genau pünktlich zur nächsten Wehe hatte er das Bett fertig und ich konnte mich wieder hinlegen. Wehe. Wehenpause: „Hol die Geburtskerze und zünde sie an!“ Wehe. Wehenpause: „Mach den Schrank zu!“ (Warum auch immer mir das in dem Moment so wichtig war?!) Die nächste Wehe. Und der Kopf ist da. „Du musst den Kopf halten!“ und dann mit der nächsten Wehe ist auch schon unser Silvesterhighlight auf der Welt. „Schau auf die Uhr, schau auf die Uhr!“ „22.23 Uhr.“, sagte mein Mann. Wir entwirrten Lotta aus der Nabelschnur und ich legte sie auf meinen Bauch. 2 Minuten später kam dann auch unsere Hebamme bei uns an.
Die Plazenta kam und dann holte mein Mann unseren Großen, der sich zu uns ins Bett legte und nur sagte: „Oh ist die süß! So süß habe ich sie mir gar nicht vorgestellt!“
Es wird 0.00 Uhr. Lotta und ich liegen im Bett und kuscheln, während unsere Hebamme mit unserem Großen am Fenster steht, mein Mann neben mir und meine Mutter am Bettende. Wir beobachten alle das Feuerwerk, das da draußen knallt und das neue Jahr und vor allem unsere kleine Lotta begrüßt.

 

Projekt Störspur

Ich möchte euch heute das Projekt „Störspur“ vorstellen. Dieses Projekt wurde von Navina Salomon vom ADELENE-Magazin ins Leben gerufen. Es sammelt Berichte und Daten von Übergriffen bzw. Machtmissbrauch direkt nach der Geburt. Wir haben das Gefühl, dass es seit einigen Jahren eine Zunahme solcher Fälle gibt. Insbesondere dann, wenn Familien/ Frauen sich unter der Geburt für ihr eigenes Bestimmungsrecht eingesetzt haben. Es scheint eine Art Machtdemonstration zu sein: Wer hat jetzt die Hosen an?

Die Art dieses Machtmissbrauchs äußert sich auf verschiedene Weise: Vom unnötigen Zufüttern bis hin zum Kindesentzug. Dabei wird die bei den eigentlich Entscheidungsberechtigten emotional hochsensible Phase nach der Geburt ausgenutzt.

Um sich ein besseres Bild von der Ausprägung dieser Übergriffe und deren Langzeitfolgen machen zu können, ist ADELENE dabei, eine Datenbank zu entwickeln. Diese soll über Jahre einen Einblick in die Erlebnisse von Betroffenen und wünschenswerterweise auch von Tätern geben, um die Dimension solcher Störspuren zu erfassen.

Hast Du Übergriffe oder Machtmissbrauch nach der Geburt erlebt? Dann schicke Deinen Bericht gern an dein@adelene-magazin.de. Eure Geschichten werden – gern anonym – auf der Webseite des ADELENE-Magazins veröffentlicht. Wer will, kann seinen Bericht auch an mich schicken (Sarah.Schmid81@gmail.com) und ich leite ihn dann weiter.

Damit ihr wisst, um welches Magazin es sich handelt: ADELENE ist eine junge, alternative Zeitschrift zum Thema Schwangerschaft und Geburt (für die ich bei der Gelegenheit gleich ein bisschen Werbung mache 🙂 ):

Heilende Alleingeburt nach traumatischer erster Geburt

Diese Mama fuhr beim ersten Kind so spät wie möglich ins Krankenhaus und erlebte trotzdem eine fremdbestimmte Geburt, die sich für sie wie eine Vergewaltigung anfühlte. Um so heilender war für sie die zweite Geburt, die sie nach ihren eigenen Wünschen und ganz selbstbestimmt erleben durfte. Von dieser Geburt erzählt sie im folgenden Bericht.

06.08.17
Am Sonntag waren wir mit Marcels Oma Pizza essen, weil sie Geburtstag hatte. Auch an diesem Tag hatte ich Wehen, die ich aber mittlerweile ignorierte, da ich vier Wochen vorher schon Wehen hatte. Vier Wochen lang dachte ich eigentlich so täglich, dass es los gehen würde. Ich konnte mich nach zwei Wochen selbst nicht mehr ernst nehmen und nahm einfach alles nur noch dankend an, weil ich durch meine Hebamme wusste, dass all das gerade eine gute Vorbereitung für die Geburt sein sollte. In der Zeit habe ich auch schnell noch ein Geburtsvorbereitungskurs bei ihr mitgemacht, was am Wochenende stattgefunden hat. Ich fand den Kurs sehr interessant und konnte noch einiges für mich mitnehmen. Wir haben die verschiedenen Gebärpositionen ausprobiert und die Hebamme hat die Geburt bildlich, anhand eines Buches und einer Puppe, Schritt für Schritt erklärt. Sie machte auch Mut zur Alleingeburt und nach dem Kurs fühlte ich mich noch viel sicherer, obwohl ich mich von Anfang an schon total sicher gefühlt habe bei dem Gedanken einer Alleingeburt.
Im Restaurant bei Teatro angekommen, war ich schon genervt, weil es so voll war und Elias auch gar nicht gut drauf war. Er ist die kurze Strecke im Auto eingeschlafen und war somit nicht ausgeschlafen. Ich hatte mich so auf Pizza gefreut, aber der Kellner teilte direkt mit, dass es bei einer Pizzabestellung heute länger dauern würde. Alle hätten Pizza bestellt und die kamen nicht hinterher. Da ich schon leicht genervt war und nur noch schnell nach Hause wollte – auch bedingt durch die schlechte Laune von Elias – wählte ich eine Auberginen-Lasagne aus der „Veganichen (Kein Scherz, so stand es in der Karte) Seite“.
In der Wartezeit ging ich mit Elias spazieren und holte ihm sogar ein Eis, in der Hoffnung, seine Laune würde sich bessern. An dem Tag war es aber warm und er weinte, weil sein Eis so schnell schmolz. Also nahm er den Rest komplett in den Mund und weil es zu kalt war, spuckte er mir alles in die Hand und ich hatte nichts dabei. Ich rannte mit ihm schnell wieder rein, um unsere Hände zu waschen. Das fand er natürlich auch doof! Gott, war ich sauer und genervt! Als wir wieder zurückgingen, war auch schon unser Essen da. Aber auch seine geliebten Pommes wollte er nicht essen. Über mein Essen war ich total enttäuscht. Das war alles andere, aber keine Auberginen-Lasagne! Die Lasagne bestand nur aus einem kleinen Turm mit Tofu Streifen, geschichtet mit Auberginenscheiben und vom Basilikum fehlte jede Spur! Von dem bisschen wäre ich doch niemals satt geworden! Also bestellte ich mir noch Brot dazu und aß auch noch die Pommes von Elias, die er eh nicht haben wollte. Ich beeilte mich, weil ich Marcel ablösen wollte, da er gerade mit Elias draußen war, um ihn zu beschäftigen.
Heute denke ich, dass er schon gespürt hat, dass sich ab morgen alles ändern würde, denn so kannte ich ihn nicht. Er suchte nämlich meine Nähe und gleichzeitig war ihm das wieder zu viel. Wir rannten die Straße hoch und runter und dabei grüßte er alle Menschen, die uns entgegenkamen. Er sprang von einer Mauer immer wieder in meine Arme und wir hatten viel Spaß. Es tat gut, mit ihm alleine zu sein und ich genoss jede Sekunde, da ich nur noch eine Woche bis zum errechneten Geburtstermin hatte. Als mir das nochmal so bewusst wurde, überkam mich das Gefühl der Traurigkeit. Ich nahm Elias ganz fest in den Arm und sagte ihm, wie sehr ich ihn lieben würden. Gleichzeitig hatte ich auch so mit Tränen zu kämpfen, weil ich echt Angst davor hatte, eins der Kinder nicht lieben zu können bzw. nicht gleich lieben zu können. Ich liebe mein Kind über alles und konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich diese Liebe teilen sollte.
Ich hatte aber auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken, da kam auch schon Marcel mit seiner Oma. Es war noch früh, also beschlossen wir, noch zum Xantener Nordsee zu fahren, damit Elias nicht einschläft und die Nacht wieder zum Tag macht. Aber dort angekommen, fing er erneut an zu jammern. Wir setzten uns dennoch hin und warfen Steine ins Wasser. Da wurde seine Laune besser. Ich genoss die Ruhe und es war herrlich schön dort. Die Sonne ging gerade unter und es war auch noch so warm.

Elias gute Laune hielt auch da nicht lange an und so beschlossen wir, schnell nach Hause zu fahren. Zuhause angekommen, stillte ich Elias in den Schlaf und wollte nur noch die Ruhe genießen. Ich setzte mich auf die Couch und fühlte mich nicht so wohl.
Irgendwann war ich genervt, weil ich schon wieder so extremen Durchfall hatte und schob das auf das fettige Essen, was ich schnell geschlungen hatte und mir gar nicht geschmeckt hatte. Ich ging mehrmals zur Toilette. Mir ging es so schlecht und so dreckig einfach. Ich hätte direkt sitzen bleiben können. Jedes Mal, wenn ich aufgestanden bin, hatte ich wieder das Bedürfnis mich hinzusetzen. Als aber nichts mehr kam, setzte ich mich wieder auf die Couch und schloss die Augen, in der Hoffnung, endlich Ruhe zu haben. Ganz plötzlich hatte ich den Gedanken, dass es auch die Geburt sein könnte. Das war um ca. 23 Uhr. Ich spürte die Wehen dieses mal nämlich öfter und in kürzeren Abständen. Ich teilte das Marcel mit, der irgendwie die Ruhe selbst war. Ich begann wie verrückt, das Geburtszimmer (mein Nähzimmer) vorzubereiten. Ich räumte auf und machte meine Kerzen und die Himalaya Lampen an, die ich mir extra besorgt hatte. Während ich das alles tat, war ich mir immer noch so unsicher. Ich schrieb meiner Freundin aus Peru in Whatsapp um 23:13 Uhr: „Ich glaube, es geht los. Aber ich glaube es nur …“ Sie schickte mir eine Sprachnachricht und man hörte, dass sie total aufgeregt war. Im Nachhinein finde ich es witzig, dass sie es ernst genommen hat. Denn ich hatte ihr in den vier Wochen schon paar mal geschrieben, dass es los geht und komischerweise war sie sonst immer recht entspannt dabei geblieben. Sie muss also gespürt haben, dass es dieses Mal ernst ist. Ich hätte sie so gerne dabei gehabt. Dank der modernen Technik war sie für mich auch dabei. Ich teilte ihr alles mit, was geschah und musste nur zwischendurch das Handy weglegen, um neue Kräfte zu sammeln. Während Marcel den Geburtspool füllte, ging ich bestimmt noch 30 weitere Male zur Toilette und entleerte mich. In der Zeit gab mir meine Beißerlein (so nenne ich sie liebevoll) ganz tolle und wertvolle Tipps. Sie schrieb um 23:51 Uhr:
„Mund nicht verkrampfen
Shhhhh statt schreien
Zurück zum Tönen kommen
Vanessa: Handtücher in den Backofen
Am Kreuzbein massieren
Übergeben? Schüssel bereit.
Pool testen
Bett vorbreiten, Handtücher
Wickelunterlage
Binden
Essen“
Sie schickte mir dann eine fast siebenminütige Sprachnachricht, um mich schnell nochmal an all das zu erinnern, was wichtig ist. Dafür möchte ich dir an dieser Stelle nochmal Dankeschön sagen. Du bist einfach toll! Ich liebe dich wie meine Schwester.  Schön, dass es dich gibt. Du bist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens geworden. ♥
Unten wieder angekommen, versuchte Marcel mich zum Lachen zu bringen und wir alberten noch ein wenig rum. Danach haben wir über die Temperatur des Wassers diskutiert. Er war der Meinung, dass es noch Stunden dauern würde und das Wasser bis dahin eiskalt wäre. Also ließ er nur heißes Wasser laufen. Um 00:27 Uhr, als alles fertig war, schickte ich Beißerlein ein Foto vom Zimmer. Marcel stoppte die Abstände zwischen den Wehen und als es nur alle vier Minuten waren, bat ich ihn darum, für die optimale Temperatur zu sorgen.
Ich wollte ein bisschen alleine sein und bat ihn drum zu gehen. Ich lehnte mich auf meinen Gymnastikball und fühlte mich schnell wie in Trance versetzt. Ich genoss diese magische und ruhige Atmosphäre. Ich kreiste immer wieder mit dem Becken und habe noch nie meinen Körper so intensiv gespürt. Es mag sich vielleicht doof anhören, aber der Schmerz war angenehm, Ich konnte mich zu 100 Prozent fallen lassen. Auf einmal musste ich ganz schnell aufstehen und hatte das Bedürfnis meine Klamotten auszuziehen. Als ich gerade geschafft hatte, die Hose auszuziehen, merkte ich, wie der Schmerz nach oben wanderte und ich lief auf Zehenspitzen. Ich weiß nicht wieso, aber der Schmerz war so besser auszuhalten. Darüber konnte ich auch nicht lange nachdenken, denn ich verspürte den dringenden Wunsch, in den Pool zu steigen. Was nicht ging, weil das Wasser noch zu heiß war. Und dann platzte auch schon die Fruchtblase um 00:56 Uhr. Und ab da wusste ich, es geht tatsächlich los und war so erleichtert.
Ich stieg dann trotzdem in den Pool und rief Marcel, er solle erst einmal kaltes Wasser laufen lassen. Ich erzählte ihm, dass die Fruchtblase geplatzt sei und er nicht ausrutschen soll. Statt meinem Wunsch nachzugehen, trocknete er erst den Boden ab! Da ich alles genießen wollte, habe ich meine Energie gespart und ihn nochmal nett darum gebeten, endlich kaltes Wasser laufen zu lassen, was er auch tat. Im Pool lief auch das restliche Fruchtwasser ab.
Ich zog dann auch noch mein Shirt aus und nutzte die Zeit, Beißer mitzuteilen, dass ich mir jetzt absolut sicher wäre und die Fruchtblase geplatzt sei. Als ich die optimale Temperatur spürte, konnte ich mich endlich hinknien und dann gingen auch schon die Presswehen los. Marcel drehte nur noch den Wasserhahn zu, nahm den Hocker, setzte sich vor den Pool und hielt meine Hände. Ich sprang plötzlich raus und wollte zur Toilette, weil ich nochmal das Gefühl hatte, mich zu entleeren. Aber Marcel meinte, ich soll mich eben im Pool entleeren, dafür sei er auch da und ich soll mir keinen Stress mehr machen. Es kam dann nichts mehr und ich konnte mich fallen lassen. Doch dann kam der Schmerz so fies, dass ich mit der zweiten Wehe dachte, ich packe das nicht und mein Trauma mit Elias kam schlagartig hoch!
Dieses Gefühl der Ohnmacht und gleich zu versagen, weil ich die Kontrolle über meinen Körper verliere. Das war auch die Phase, wo ich Marcel darum bat, doch die Hebamme anzurufen. Während ich nur ein paar Sekunden hatte zu entspannen, weil ich eine Power-Wehe nach der anderen hatte, fragte er mich nach meiner PIN fürs Handy und wie denn die Hebamme überhaupt hieße!? (Waaaah, wir hätten uns wirklich besser vorbereiten sollen! )
Die Hebamme fragte dann, ob sie denn überhaupt noch kommen soll, weil ich im Hintergrund gerufen habe, dass der Kopf gleich geboren wird. Sie versprach aber, sich auf dem Weg zu machen und ich wusste, sie würde es eh nicht mehr pünktlich schaffen. Also sprach ich laut zu mir, dass ich das schon schaffen werde bzw. wir das schaffen werden. Marcel legte auf und hielt wieder meine Hände. Er erinnerte mich immer wieder daran zu atmen und zu entspannen. Er war dieses Mal die Ruhe selbst und hat mich so toll unterstützt.
Bei Elias Geburt habe ich mir mehr Sorgen um ihn gemacht, da er so nervös und aufgeregt war. Aber dieses Mal tat er so, als hätte er noch nie was anderes gemacht. Ich erinnere mich genau, dass ich ihm ganz tief in die Augen geschaut habe und meinte: „Wir schaffen das, oder?“ Und er:“ Natürlich schaffen wir das! Und jetzt mach dein Mund wieder locker und entspanne dich.“ Und jedes Mal, wenn ich pressen musste, habe ich ganz laut „Shhhhh Shhhh“ gemacht und Marcel hat mitgemacht und mir gesagt, wie toll ich das mache. Ich erinnerte mich auch immer wieder an die Worte von Sarah Schmid, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist und auch das habe ich zwischendurch immer wieder gesagt: “Ich habe zwar Angst, aber das ist normal und wir schaffen das“. Und während ich „Shhhh Shhh“ machte und laut mit mir bzw. uns gesprochen habe, habe ich Marcel genauestens über den Verlauf informiert.
Es war einfach herrlich. Ich konnte mich auch an die bildliche Darstellung meiner Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs erinnern und das hat mir nochmal ganz viel Sicherheit gegeben. Ich war so erleichtert, als ich das Köpfchen gefühlt habe. Mein erster Gedanke war: “Oh mein Gott, wie klein das Köpfchen ist!“ Ich hatte einen unheimlich Druck nach unten und merkte, dass mein Körper versuchte, das Köpfchen mit einer Wehe zu gebären. Aber beim Fühlen wusste ich: Das wäre zu viel und habe die Wehe gestoppt. Ich habe mir noch ein paar weitere Wehen gegeben, um das Köpfchen endgültig kommen zu lassen. Ich wollte auf gar keinen Fall genäht werden! Immer wieder spürte ich genau, wie das Köpfchen sich Stück für Stück nach vorne arbeitete und wieder nach hinten verschwand. Ich fühlte mich nach der vierten Wehe so stark, weil ich die Schmerzen kontrollieren konnte und genau wusste, was als nächstes passieren würde. Als das Köpfchen dann mit der sechsten Wehe geboren war, fühlte ich diese Erleichterung und der Druck war weg. Ich strahlte über das ganze Gesicht und sagte zu Marcel: “Jetzt ist alles geschafft! Mit der nächsten Wehe drehen sich die Schultern und dann ist es geboren. Wir haben es geschafft!“
Dann kam die nächste Wehe. Ich fühlte unten wieder und spürte genau, wie sich die Schultern leicht zur Seite drehten. Dann kam auch schon die nächste Wehe und das Baby war geboren! Ich habe es dann in meine Arme schwimmen lassen, habe es langsam aus dem Wasser gehoben und direkt auf meine Brust gelegt. Marcel schaute auf die Uhr und teilte mir mit, dass wir jetzt genau 1:22 Uhr hatten. Marcel zog mein BH aus und ich kuschelte nackt im Pool mit meinem Baby, was ich gerade selbst geboren hatte. Ich schwebe immer noch auf Wolke 7 und dieses irreale Gefühl, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, habe ich bis heute. Das Baby war da und alles andere war mir egal. Ich stillte mein Baby noch im Pool und stieg dann aus, um es mir auf der Couch gemütlich zu machen. 20 Minuten später kam die Hebamme rein und lachte nur noch. Ihre Worte waren: “Ich wusste bei dir genau: Du schaffst das auch ohne mich.“ Sie freute sich für mich, weil sie wusste, wie wichtig und heilend das alles für mich gerade war.
Ich erzählte ihr alles und dann habe ich mir bewusst ein paar Minuten Zeit genommen, um mich von der Plazenta zu verabschieden, die noch nicht geboren war. Ich merkte, dass ich noch nicht los lassen wollte. Mich überkam ein Gefühl der Traurigkeit, weil ich all das zum letzten Mal erlebte und mir alles zu schnell ging. Ich weiß nicht, was in ein paar Jahren ist, aber eigentlich ist für uns beide das Thema abgeschlossen. Als die Plazenta da war, schaute die Hebamme nach, ob sie vollständig war (war sie) und ob ich gerissen bin. Sie war ebenfalls überrascht, dass ich gar nicht gerissen bin. Ich hatte zwar die Wehen gestoppt und hab mir ein paar mehr Wehen gegeben bzw. meinem Baby, aber ich war fest davon ausgegangen, dass ich gerissen bin. Erst dann haben wir nach dem Geschlecht geschaut bzw. als ich das Handtuch abnahm, damit die Hebamme schauen konnte, sah ich schon den Penis und sagte freudestrahlend: “Es ist wieder ein Junge.“ Und ich hatte bis zum Schluss mit einem Mädchen gerechnet. Diesmal lag ich wirklich ganz falsch mit meinem Gefühl und musste mehrmals gucken.
Während der kompletten Schwangerschaft war ich nicht einmal beim Arzt und spürte keinen Druck und somit hatten wir auch keinen Druck bei der Namensauswahl. Wir waren uns einig, erst dann zu entscheiden, wenn das Baby da ist. Und das würde ich immer wieder so machen, denn ich war einfach nur schwanger und genoss das Schwangersein in vollen Zügen.
Ich ließ Marcel über den Namen ganz alleine entscheiden. Ich war einfach nur so glücklich und verliebt über all das, dass mir das plötzlich gar nicht mehr so wichtig war. Er entschied sich für den Namen Jonathan. Gut, bei Peter oder Horst hätte ich vermutlich schon was gesagt, aber mit Jonathan konnte ich mich total gut anfreunden.
Da lag nun mein Baby auf mir und ich war Zuhause. Dieses Gefühl kann ich einfach nicht beschreiben, aber ich verspüre einfach tiefe Dankbarkeit, dass ich das so erleben durfte und habe meinen inneren Frieden gefunden. Ich habe mit der traumatischen Krankenhausgeburt von Elias komplett abschließen können. Die Geburt von Jonathan hat meine Seele vollständig geheilt und ich fühle mich jetzt erst vollkommen. Er macht uns und unser Leben perfekt.  Ich habe nach fast 28 Stunden die Nabelschnur durchgeschnitten. Geplant war eigentlich eine Lotusgeburt, aber mit einem eifersüchtigen großen Bruder war mir das irgendwann zu umständlich. Damit kann ich gut leben und nun ist mein Mini-Baby schon neun Wochen alt.