OT – Neue „Mütter brauchen Mütter“-Webseite und Community

Vielleicht habt ihr schon das Projekt „Mütter brauchen Mütter“ bemerkt, das es jetzt schon ein Weilchen gibt. Bisher haben wir Anliegen und Kontaktdaten über diese Seite hier und die dazugehörige Facebook-Gruppe ausgetauscht. Nun gibt es neu eine Webseite mit einer Plattform, wo Mütter andere Mütter in ihrer Nähe leicht auf der Karte finden könnt.

Alles weitere findet ihr unter www.muetter-brauchen-muetter.org.

Ellas freie Geburt – inklusive Bericht vom Papa

Ihr erstes Kind kam in der Klinik als Beckenendlage aber dennoch auf normalem Weg zur Welt – eine Geburt, die sie als sehr fremdbestimmt  und traumatisch erlebte. Ihr nächstes Kind wurde dann eine geplante Alleingeburt. Hier berichten jeweils die Mama und der Papa aus ihrer Sicht von den Ereignissen: 

Ellas freie Geburt – Januar 2018

Und dann die nächste Wehe: «Naaaaaain! Naaaaain! Naaaain!» (eigentlich müsste ich ja ein langes «Jaaaa» tönen aber das war nun wirklich zu viel verlangt. Also wenigstens das <a> im «Nein» schön lang ziehen… Unterkiefer locker lassen! Lass los! Lass es geschehen. Es gibt nur eine Richtung in die das hier gehen kann und das ist raus!

Mein Körper bäumt sich auf und endlich ist der Kopf geboren. Wow – ich berühre den Kopf meines Babys zwischen meinen Beinen! Kurze Pause – was für ein Wahnsinnsgefühl – ein Moment zwischen Himmel und Erde – halb geboren – die Zeit steht still, die Sekunden tickern vorbei. Und dann die letzte Wehe, die Drehung der Schultern und schwupps! Ich schnappe mir mein Baby, entferne eine halbe Eihaut, in der noch ein Arm und ein Bein drinstecken, will es hochnehmen. Moment, geht nicht. Ein Blick: die Nabelschnur ist um den Hals gewickelt, abwickeln, aufpassen, dass das Köpfchen noch nicht über die Wasseroberfläche kommt, hochnehmen, geschafft. 4 Uhr 53, wie mir mein Mann später sagt.

Das Baby stößt sofort einen empörten Schrei aus – es atmet – puh, Erleichterung. Wir haben es geschafft! Das Baby schreit immer noch – war das nicht eine sanfte (ha ha…) Wassergeburt und du solltest mich jetzt nur völlig ruhig und entspannt mit großen Augen anschauen? (Scherz) Hallo mein Baby, ja, das war eine schnelle (4,5 Std.) und heftige Geburt. Du hattest mich ja eigentlich schon in der Schwangerschaft vorgewarnt aber ich hatte es vergessen (oder nicht glauben wollen). Da kann man sich nun schon mal beschweren. Du beruhigst dich, schaust mich an. Ja, schau nur, ich bin deine Mama. Ich hoffe, ich werde dir eine gute Mama sein. Ich verspreche, ich werde es zumindest versuchen (okay, die letzten zwei Sätze habe ich gerade beim Schreiben dazu gedichtet).

Wow, Wahnsinn, wir haben es geschafft!!! Ganz alleine! Nur mein Mann und ich. Genau so, wie ich es immer visualisiert hatte: Bei Nacht, bei uns im Wohnzimmer, im Pool, bei Feuerschein. Eine besondere Geburtskerze, ein Topf kleiner roter Rosen, meine Affirmationen und Erinnerungen für die Geburt und Musik (A Reva von Vaiteani), zumindest bis zur Übergangsphase, ab dann wollte ich sie nicht mehr. Nur die heftigen Wehen hatte ich so nicht geplant! Heilige Sch… NIE wieder, das hat keinen Spaß gemacht.

Um 23:15 schrieb ich noch meiner Hebamme «Alles ruhig hier, leichte Geburtszeichnung, vereinzelte Wehen über den Tag. Ich gehe jetzt erst mal schlafen». Gegen 0:30 Uhr kamen dann immer regelmäßigere Wehen und ich konnte nicht mehr liegen. Zu meinem Mann: «Ich gehe jetzt mal tanzen, schlaf du weiter».

Feuer, Musik, Kerze und Duftlampe an und getanzt – ganz kurz. Die Wehen waren sofort echt heftig – das kann ja so nicht weitergehen, die werden sich bestimmt wieder beruhigen. Vielleicht sollte ich meine Hebi anrufen? Was soll die denn jetzt machen? Da musst du selber durch.

Auf den Ball, Datteln gegessen, Kerze und Blumen angeschaut, gesungen und bei den Wehen schön das Becken kreisen lassen. Puh, die Wehen, ein ganz fieses Ziehen im Unterbauch, zerreißen mich fast. Ich weiß manchmal kaum noch wohin mit mir. Lass los, lass es geschehen! Ich versuche die Hypnobirthing-Atmung, langsames und tiefes Atmen in den Bauch und quasi dabei helfen, die längs verlaufenden Muskeln zu dehnen und so den Muttermund weiter hoch und auf zu ziehen. Es gelingt teilweise und lindert sogar etwas den Schmerz. Ich brauche aber mindestens drei solcher Atmungen pro Wehe.

Hallo, Baby, wie geht es dir? Beweg dich mal. Da, endlich, ein Tritt. Alles gut. Wir schaffen das. Wir sehen uns gleich!

Was kommt als nächstes? Sollte ich meinen Mann wecken bevor ich es nicht mehr bis in Schlafzimmer schaffe? Kurz darauf kommt er von selber. Es ist 2:30 Uhr. Er massiert mir den Rücken, hmmmm, das tut gut. “Tön doch mal, du tönst ja noch gar nicht richtig“. Oh, okay. Erst zaghaft, dann finde ich immer mehr Gefallen daran. Tiefes Tönen, tief in den Muttermund, das ihn fast zum Schwingen bringt. Das tut gut. Hilft aber nicht viel gegen die Schmerzen. Oh nein die nächste! Lass los! Lass es geschehen! Unterkiefer locker! Wenn ich dabei bin zu hoch zu werden beim Tönen, holt mein Mann mich wieder runter.

Plötzlich ist mir kalt. Der Ofen bullert aber ich klappere mit den Zähnen und ziehe mir eine Wolljacke über mein schönes rotes Kleid, dass ich extra für die Geburtstagsfeier meines Babys angezogen habe (Danke für die Inspiration Jobina Schenk). Die Übergangsphase, jetzt schon? Vielleicht sollte ich meine Hebamme anrufen? Was soll die denn jetzt machen? Da musst du selber durch.

3:00 Uhr. Ich bitte meinen Mann, den Pool volllaufen zu lassen. Eine halbe Stunde später (kam mir gar nicht so lang vor) ist er voll und ich steige hinein. Ooooh, wunderbar – ich fliege!! Plötzlich fühlt sich mein Körper so leicht an. Das Wasser trägt mein Gewicht, welche Erleichterung! Ich hocke mich an den Rand, halte meinen Bauch tief ins Wasser. Hmmmm …

Und schon kommt die nächste Wehe und die nächste und die nächste. Mein Mann sitzt vor mir, hält meine Unterarme, ich halte mich an ihm fest, nutze seinen Körper als meine Höhle, in die ich mich mit jeder Wehe beuge. Er atmet mit mir. «Tiiiief, laaangsam, lass los». Seine ruhige Stimme hält mich geerdet. Irgendwann zückt er sein Handy und fängt an mir Witze vorzulesen. Ich muss tatsächlich lachen – bei einigen – einen habe ich bis heute nicht verstanden: Was wäre, wenn die Po-Falte horizontal statt vertikal wäre? Hä …?

Und dann fühle ich mit dem Finger in meine Vagina und spüre den Kopf meines Babys. Die Wehen sind heftig. Da! Das Köpfchen ist endlich im Becken. Oh wow, was für ein Gefühl – so voll! …

Die Presswehen sind, im Gegensatz zu den Wehen der vier Stunden davor, geradezu angenehm, nicht mehr so zum Fürchten.

Ich taste an meine Scheide und tatsächlich – wow – da ist das Köpfchen, ca. Ei-groß im Scheideneingang, das Gewebe drum herum voll gedehnt. Vor dem Köpfchen etwas Weiches das ich wegwischen kann, dahinter ist die Fruchtblase zu spüren und erst, wenn ich sie leicht mit dem Finger eindrücke, das Köpfchen. Die Fruchtblase ist noch intakt.

Und die nächste Wehe – heilige Sch… – was für eine Kraft. Ich versuche meinen Damm zu schützen und gleichzeitig die Schamlippen zur Seite zu schieben um das Köpfchen weiter durch kommen zu lassen – da soll das Köpfchen durchpassen?! Das klappt nie! Ich muss meine Hebamme anrufen! Was soll die denn jetzt bitte machen? Da musst du selber durch, sie kann dir nichts abnehmen. Vertraue deinem Körper!

Und die nächste Wehe – immer noch nicht weiter. Mach langsam! Nicht pressen, nicht gegenhalten, lass es geschehen – dein Damm wird es dir danken!

Und die nächste Wehe – ich halte mich an meinem Mann fest, der gerade dabei ist, seelenruhig von 40 rückwärts zu zählen. Hilft es mir? Ja, seine ruhige Stimme ist mein Fels in der stürmischen Brandung – aber er hätte auch das Telefonbuch vorlesen können. Hypnobirthing? Vielleicht im nächsten Leben …

Und dann die nächste Wehe: «Naaaaaain! Naaaaain! Naaaain!» (eigentlich müsste ich ja ein langes «Jaaaa» tönen, aber das was nun wirklich zu viel verlangt … Lass los! Lass es geschehen. Es gibt nur eine Richtung, in die das hier gehen kann und das ist raus!

Gefühlte 10 Minuten nach der Geburt will ich aus dem Pool steigen. Zusammen mit einem Schwall Blut rutscht mir die Plazenta raus. Plazenta in eine Schüssel und ganz aus dem Pool raus. Ein roter Rinnsal läuft aus mir heraus, hört nicht auf. «Das ist zu viel Blut» denke ich. Mein Kreislauf rutscht in den Keller. Ich lege mich schnell aufs Sofa und mein Baby an die Brust. Sie saugt. Die Gebärmutter zieht sich zusammen. Eis auf den Bauch. Nach einer Weile versuche ich Pipi zu machen in einen Eimer vor dem Sofa. Der rote Rinnsal läuft und läuft. Mein Kreislauf sackt wieder ab. Schnell wieder hinlegen. Hebamme angerufen. Sie kommt um neun. Drei Stunden nach der Geburt rutscht mir mein Kreislauf auch im Liegen in den Keller. Ich ahne, mein Wochenbett wird erst mal noch warten müssen … Als die Hebamme eintrifft bestätigt sie meinen Verdacht, obwohl ich alles versuche um sie umzustimmen … Sie ruft den Rettungswagen und meldet uns im Kreißsaal an. Alles in Ruhe, keine Eile. Ich darf mein Baby im Rettungswagen mitnehmen. Im Kreißsaal wird festgestellt, dass noch Reste der Eihaut in meiner Gebärmutter sind*. Sie muss dort schier explodiert sein unter der letzten Presswehe. Die Reste werden raus gedrückt (heilige Sch… aber die Alternative ist OP, also atmen!). Danach hört die Blutung auf. Nach drei Infusionen und einer Nacht darauf warten, dass sich mein Kreislauf so weit stabilisiert, dass ich es bis nach Hause schaffe, verlassen wir am nächsten Morgen fluchtartig die Krankenhausmühle.


*Tipp: Das Zurückbleiben von Eihäuten lässt sich vermeiden, indem man die Plazenta langsam in Empfang nimmt und nicht abrupt herausfallen lässt. Dadurch verhindert man ein Abreißen und in der Gebärmutter Verbleiben von Eihautresten.


Hebi meinte auf meine Nachfrage hin, dass die Fahrt ins KH evtl. nicht nötig gewesen wäre, wenn sie vor Ort gewesen und schneller hätte reagieren können. Würde ich es deswegen anders gemacht haben wollen? Nein! Kein Stück! Das war endlich eine Geburt die ohne irgendwelche Störungen abgelaufen ist. Mein Baby hat seine, ganz eigene, unbeeinflusste Geburt (und Schwangerschaft) bekommen, was für ein Geburtstagsgeschenk! 

Selbstbestimmt? Nicht wirklich: die Natur oder mein Baby haben die Geburt bestimmt. Alles was ich tun konnte war, sie geschehen zu lassen. Ich hatte da gar nichts zu sagen. Reine Naturgewalt!

Freie Geburt? Ja. Frei von Störungen und Interventionen. Und nicht nur die Geburt war frei, ich habe auch das Gefühl, dass meine Beziehung zu meinem Baby dadurch freier ist. Bei meiner ersten Geburt (BEL vaginal im KH), wurde ich am Ende entbunden und mein Baby musste für eine Nacht auf die Intensiv. Bonding? Kam dann ein paar Stunden später, aber wie! Dadurch, dass sein Start ins Leben so unschön war, war und ist es mir seitdem ein großes Bedürfnis, ihn die ersten Stunden seines Lebens vergessen zu machen. Ich habe also seit dem 200% gegeben um ihm zu zeigen, dass ich immer immer immer für ihn da bin. Und die Erinnerung an die ersten Stunden gibt mir jedes Mal eine extra Portion Geduld und Mitgefühl für ihn. Ja, irgendwie fühlt sich das unfreier an, obwohl es ihm natürlich sehr zu Gute kommt.

Hatte ich Angst? Während der Vorbereitung auf die Geburt schaute ich mir auch meine Ängste an (auch in einer Sitzung mit meiner Psychologin/ Achtsamkeit). Ich spürte eine Angst bezüglich der Geburt und wollte verstehen, um was genau es sich dabei handelte. Ich konnte dann zu meiner Erleichterung und Beruhigung feststellen, dass die Angst, die ich spürte, die Angst war, die wohl alle Eltern immer haben, nämlich dass meinem Kind etwas passieren könnte. Diese Angst ist immer da, hatte aber nichts mit der Geburt an sich zu tun. Mit dieser Angst müssen alle Eltern leben, dürfen aber sich und ihre Kinder davon nicht abhalten lassen zu leben und das Leben geschehen zu lassen. Also auch an dieser Stelle galt es, mich frei zu machen. Nachdem ich meine Angst gesehen hatte, verlor ich die Angst vor der Angst und war von da an wieder ganz im Vertrauen. Dieses Vertrauen in die Natur, in meinen Körper und in das Leben, spürte ich während der ganzen Geburt und hatte zu keiner Zeit Angst.

Mein großer Dank gilt meinem Mann. Er war am Anfang, wie wohl die meisten Männer, erst mal entsetzt von dem Gedanken einer Alleingeburt, hat aber nach vielen Gesprächen verstanden, warum das genau das richtige für mich und somit für unser Baby sein würde. Und dann, unter der Geburt, hat er sich als mein Fels in der Brandung gezeigt. Er war da, er war die Ruhe in Person, er hat mich geerdet und gehalten. So voll dabei wäre er nie gewesen, wenn eine Fachkraft dabei gewesen wäre. Wir haben ein Wahnsinns-Erlebnis miteinander geteilt und ich fühle mich ihm ganz neu und tiefer verbunden. Und was hat er nach der Geburt für eine Arbeit gehabt die ganze Sauerei wieder weg zu räumen!

Aber lest selbst, wie er alles erlebt hat:

TOM:

In der Rückschau erscheinen mir häufig Dinge einfacher, leichter und selbstverständlicher, als sie eigentlich waren. Die Hausgeburt unserer Tochter Ella, ohne Begleitung einer Hebamme, ist vermutlich auch so ein Fall. Wenn ich Ella heute im Arm halte und sie mich mit ihren großen, dunklen Augen anschaut, dann habe ich den aufreibenden Weg dahin schon fast vergessen.

Nach einer für Anka und mich traumatischen Geburt unseres Sohnes aus Beckenendlage in der Klinik, war eigentlich noch bevor Anka schwanger wurde klar, dass bei einer weiteren Geburt die Bedingungen grundsätzlich anders sein müssen. Das Geburtshaus in Lörrach war bereits seit einiger Zeit geschlossen und so waren wir sehr froh, dass es im Landkreis noch eine Hebamme gab, die bereit war, mit uns eine Hausgeburt durchzuführen. Ich konnte mich gedanklich während der Schwangerschaftsmonate und den Treffen mit der Hebamme langsam an das Thema Hausgeburt annähern. Die Vorstellung, eine Hebamme zur Seite zu haben, die mit ihrer Erfahrung die Geburt optimal unterstützt, war ein wichtiger und bestärkender Gedanke, der mir Zuversicht für eine Hausgeburt gab. Als Anka im November allerdings anfing ihren Wunsch nach einer Alleingeburt zu formulieren, zog es mir fast die Socken aus. In einer Phase in der ich aufgrund des Todes meines Vaters sowieso noch nicht wieder im Gleichgewicht war, haute die Vorstellung einer Alleingeburt mich wirklich ziemlich um.

Ich fühlte mich von Ankas Wunsch nach einer Alleingeburt vollständig überfordert. Ich wollte und konnte mir nicht vorstellen, in die Rolle einer Hebamme zu schlüpfen und einfach mal zu probieren ein Kind mit auf die Welt zu kriegen. Es kam mir vor, wie an einem Auto das Getriebe wechseln zu wollen, nachdem man ein paar YouTube-Videos geschaut hatte, nur mit dem Unterschied, dass es hier doch auch um Leben und Tod gehen könnte. Die Vorstellung löste echte Panik aus. Zudem fühlte ich mich aber gleichzeitig auch in die Ecke gedrängt von Ankas stark vorgetragenem Wunsch. Ich war total unglücklich, weil es scheinbar keinen guten Weg aus der Situation gab – alles sträubte sich in mir, sich auf diesen «Wahnsinn» einzulassen.

Die Situation spitzte sich an einem Freitagabend so zu, dass wir eine der emotionalsten und konfliktreichsten Diskussion unserer Beziehung hatten (was bei zwei Mentalitäts-Westfalen schon etwas heißen will).

Erst als wir nach einiger Zeit zusammen tiefer in ein Gespräch kamen und Anka anfing, von ihrer Motivation und ihrer Vision dieser Alleingeburt zu sprechen, kam etwas in mir in Bewegung. Anka war sehr zentriert und fokussiert in der Beschreibung des Wunsches ihrer Alleingeburt. Es ging hier nicht um die Vermeidung von etwas (z.B. keine Klinik, keine Interventionen, etc.), sondern mir wurde deutlich, dass ihr Wunsch, auf die Hebamme zu verzichten, ein aktiver Schritt war, alle anderen beeinflussenden Instanzen zu entfernen. Erst so könne sie sich wirklich auf ihre Intuition während der Geburt verlassen und die unterschiedlichen Phasen und Schritte zum richtigen Zeitpunkt erspüren. Sie wollte das totale «Ownership» für diese Geburt. Die Anwesenheit von erfahrenen Personen konnte sie hier nur ablenken und dazu verleiten, Teile dieser inneren Verantwortung abzugeben.

Den großen Wunsch nach der Selbstverantwortlichkeit und dem Einlassen auf die persönlichen Ressourcen zu verstehen, war ein sehr entscheidender Moment für mich. Ich konnte hier sehr gut persönliche Parallelen ziehen zu Erfahrungen, die ich selber vor einiger Zeit gesucht habe bei der Teilnahme an Ultraläufen in den Schweizer Bergen. Das Gefühl, vollkommen auf sich alleine gestellt zu sein und nur durch Einteilen der eigenen Kraft und Aufbringen von großer mentaler Stärke zum Ziel zu kommen. Bei diesen Läufen war nicht Ausdauer und Kraft entscheidend, sondern eben der konstante innere Dialog essentiell, um die innere Spannung hoch zu halten und sich auf den hochalpinen Strecken sicher zu bewegen. In solchen existentiellen Situationen tritt die restliche Welt total in den Hintergrund und alle Gedanken und Kräfte fokussieren sich in dem Erleben dieses Augenblicks (inklusive Adrenalinschüben) – es sind dort die ganz ursprünglichen Instinkte gefragt, sich und die umgebende Situation richtig einzuschätzen und gute Entscheidungen zu treffen.

In der Art wie Anka ihren Wunsch formulierte, spürte ich eine große Stärke, eine echte Vision und den großen Wunsch, dieses so wichtige Lebensereignis in höchstem Umfang selber in die Hand zu nehmen. Zusätzlich machte sie mir klar, dass von mir keine Hebammen-Dienste erwartet würden, sondern dass ich lediglich eine Unterstützung für sie sein soll. Etwas zu trinken reichen, den Rücken streicheln und vielleicht das ein oder andere Stichwort geben …

Auch wenn bei mir bis zum Schluss ein Gefühl der Unsicherheit blieb, so wollte ich nun ihrem Wunsch zustimmen. Uns war klar, dass es hier nur eine 100%ige gemeinsame Entscheidung geben konnte. Mutig sein und etwas wagen von dessen Richtigkeit wir überzeugt waren, auch wenn Ängste und Zweifel immer für mich greifbar blieben. Wir gingen zusammen diesen Weg und waren bereit die Konsequenzen zu tragen.

Dabei war für mich allerdings auch wichtig, dass wir nicht unvernünftig wurden – alle Ampeln und Checkpunkte waren sozusagen auf «grün». Die Hebamme hatte uns in den unterschiedlichen Terminen immer wieder zugesichert, dass sie keine Bedenken für eine Hausgeburt hätte und uns eine Alleingeburt auch zutrauen würde. Aus medizinischer Sicht gab es keine Bedenken. Die Schwangerschaft war unauffällig und innerhalb der typischen Phasen verlaufen. Dies waren wichtige Aspekte um mein Vertrauen in unser Vorhaben zu stärken.

In den nächsten zwei Monaten arbeitete Anka ihre Details für die Alleingeburt immer weiter aus und bereitete sich weiter vor. Es war sehr beeindruckend zu erleben, wie intensiv sie im Vorhinein an der Geburt arbeitet indem sie u.a. den Geburtsverlauf visualisierte und dabei die Räumlichkeiten, die Atmosphäre und ihren mentalen Zustand einschloss. Wie ein Leistungssportler oder Musiker ging sie die Abläufe und Phase immer wieder im Geiste durch.

Auch war es ihr möglich, einen inneren Dialog mit unserem Baby zu halten und es in unsere Pläne miteinzubeziehen.

Im Nachhinein betrachtet lief die Geburt dann sehr eng entlang der zuvor erträumten und erspürten Vision ab. Ich war bereits eine Woche vor der Geburt zu Hause und Anka konnte sich zunehmend vom Alltag als Familienmutter zurückziehen und zur Ruhe kommen. Bereits zwei Tage vor der Geburt hatte Anka einen zunehmenden Drang nach Ruhe und spürte eine starke Müdigkeit. Als dann der Schleimpfropf abging und am Abend zunehmend kurze Wehen kamen, waren wir guter Dinge, dass es nun wirklich losgehen würde. Ich legte mich noch einmal für ein paar wenige Stunden zum Schlafen hin. Als ich um 2:30h aufwachte und zu Anka ins Wohnzimmer kam, war sie schon in einer intensiven Wehenphase (3-Minuten Abstand). Nun war es schön, dass wir komplett alleine waren, denn so konnten wir ganz unbeeinflusst zusammen tönen und versuchen zu entspannen. Gegen 3h fing ich an den Pool zu füllen und gegen 3:40h ging Anka ins Wasser. Das verschaffte ihr eine große Erleichterung. Die Wehen nahmen an Intensität zu und Anka tauchte zunehmend in eine nach innen gekehrte Haltung ab. Dies war der Moment wo ich versuchte ihr gut zu zusprechen und die zuvor besprochenen Sätze gebetsmühlenartig immer wiederholte (Das machst du super. Spitze. Wieder ein Stück näher. Atmen. Entspannen, tiefer, tiefer, noch tiefer….). All das funktioniert eigentlich nur so gut, weil keine andere Person anwesend war. Wir mussten uns hier ganz auf uns verlassen, und in einem solchen Moment kommt man ins Handeln – so gut es halt geht. Wie von Anka gewünscht probierte ich es auch mit ein paar Witzen… (das war dann aber wohl doch nicht so hilfreich wie zuvor gedacht).

Ich war überrascht, wie früh Anka sagte, dass sie einen Pressdrang verspürte. Von da an ging es Schritt für Schritt ganz schnell. Erst spürte sie einen ersten Teil vom Köpfchen, dann kamen einige Wehen in sehr intensiven Wellen und ich musste Anka an den Händen halten, an die sie sich wirklich klammerte. Dabei war sie wirklich laut am Rufen! Es war ein Glück, dass ich dies schon einmal bei der ersten Geburt von ihr so gehört hatte und mich davon nicht zu sehr aus der Ruhe bringen ließ. Ich konnte ihr dabei weiter zuversichtlich «gut zusprechen». Dann war plötzlich der Kopf durch und zügig kam der Körper. Anka nahm das kleine Baby zwischen den Beinen hoch, wickelte die Nabelschnur einmal vom Hals. Sobald der kleine Körper über dem Wasser war, konnten wir die kleine Ella laut rufen hören. Das war eine riesen Erleichterung – wir waren beide ganz sprachlos. Gerade waren wir noch mitten im «Kampf» der Wehen gewesen und wenige Augenblicke später hatte das über 10-monatige Warten ein Ende und das laute Rufen verhieß «alles gut gelaufen».

Anka und das Baby blieben noch ein paar Minuten im warmen Pool, bevor ich Anka auf das Sofa half. Beim Aufstehen war die Plazenta abgegangen und während wir unser Baby bestaunten, versuchten wir uns an der Nachversorgung von Anka (Eis auf die Gebärmutter, Traubensaft zum Trinken, trockene Anziehsachen …). Wir hatten eine erste gemeinsam Stunde, bis unser Sohn wach wurde. Ich half ihm beim Anziehen und sagte ihm, dass das Warten ein Ende habe und heute morgen seine kleine Schwester zu uns gekommen sei. Ein riesen Strahlen erfüllte sein Gesicht und er lief augenblicklich ins Wohnzimmer. Hier waren wir also als neue «Großfamilie» endlich zusammen.

Im Rückblick bleibt sehr viel Dankbarkeit und eine ordentliche Portion Staunen über uns zurück. Dankbarkeit für diese tolle Erfahrung, Dankbarkeit für den so positiven Ausgang und Dankbarkeit für einen Geburtsverlauf entlang einer erträumten Vision. Staunen kann ich immer noch nur über Anka, die mit einem enormen inneren Antrieb sich den Weg zu dieser Geburt aus freien Stücken gesucht und «erarbeitet» hat (auch entgegen einiger zögerlicher und z.T. kritischer Stimmen z.B. auch aus ihrer Familie). Sie hat enorme innere Stärke aufgebracht und sich von allen Zweifeln und Ängsten freigemacht. Staunen kann ich auch nur über uns als gemeinsames Geburtsteam, das wirklich etwas Einmaliges geschafft hat. In dieser Nacht wurde nicht nur ein kleines Baby geboren, sondern auch wir beiden sind gesprungen und haben einen bisher nicht gekannten Teil in uns freigesetzt.

Januar-Baby – Eine Alleingeburt beim zweiten Kind

Die Frau, die im Folgenden von ihrer Alleingeburt berichtet, ist alleinerziehend. Eine Freundin und ihre Mutter unterstützten sie bei der Umsetzung ihrer Alleingeburt. Es war ihr zweites Kind und kam  dieses Jahr im Januar zur Welt. 

Am Tag des errechneten Entbindungstermins war ich sehr ungeduldig und schlecht gelaunt, weil sich nichts tat, ich immer noch nicht wusste, wie das Baby heißen soll und mein Sohn die Tage zuvor noch heftig Magen-Darm hatte.

Einen Tag später ging ich schon um 21 Uhr ins Bett und führte noch ein ernstes Gespräch mit der kleinen Bauchbewohnerin. Ich erklärte ihr, dass sie jetzt mal langsam kommen könne und ihr Bruder auch wieder gesund sei. Ich wolle vorher nur noch ein wenig schlafen, bat ich, um für die Geburt fit zu sein.
Offensichtlich kamen meine Worte an, denn am nächsten Morgen ging es los:

4:55 Uhr – ich gehe zur Toilette und verliere dort Fruchtwasser. Unmittelbar danach setzen die Wehen ein und werden kontinuierlich stärker.

5:30 Uhr – ich rufe meine beste Freundin an, welche bei der Geburt dabei sein wird und sage ihr, sie soll schon mal frühstücken und sich bereit halten, um jederzeit kommen zu können.

5:45 Uhr – ich rufe meine Mutter an, welche um 6 Uhr dann schon da ist und eine halbe Stunde später meinen fast vierjährigen Sohn mitnimmt. Er möchte ausdrücklich nicht bei der Geburt dabei sein, also darf er in der Zeit schön bei Omi frühstücken und spielen.

6:30 Uhr – meine Freundin kommt dazu und mir ist klar, dass es wieder eine schnelle Geburt werden würde. Die von meinem Sohn dauerte nur 2,5 Stunden.

Meine Freundin holt die letzten Sachen, die ich benötige und stellt alles in Reichweite. Sie lässt mich mein Ding machen, bleibt aber die ganze Zeit bei mir und ist mit ihrer zurückhaltenden und ruhigen Art eine tolle Bereicherung.

Die Wellen der Übergangsphase sind heftig, viel stärker als beim ersten Kind und ich bin ziemlich laut dabei. Das hilft mir sehr. Die Austreibungsphase ist dann wiederum ein wahres Wunder und unvergessliches Erlebnis:
Ganz ohne zu pressen und komplett ohne Schmerzen gebäre ich auf den Knien meine Tochter in meine Hände. Ich befinde mich wie in Trance, werde ganz still, halte die Augen geschlossen und fühle einfach nur mit ihr. Als das Köpfchen zur Hälfte geboren ist, schaue ich mit einem Handspiegel einmal nach. Alles in völliger Ruhe und Entspannung. Als das Köpfchen ganz draußen ist, kann ich ihr Gesicht ertasten und kurz darauf gleitet der ganze Körper in meine Hände. Sie weint einmal kurz, ich nehme sie hoch und sofort beruhigte sie sich und ist ganz friedlich. Sie sieht nicht aus wie frisch geboren, sondern sehr perfekt und sauber. Dunkle Haare, ein wunderschönes rundes Köpfchen ohne Verformungen und ganz wache, pechschwarze Augen. Es ist unglaublich!  So wird um 8:03 Uhr mein kleines Mädchen geboren.

8:25 Uhr – die Plazenta kommt problemlos.

10:00 Uhr – meine Mutter kommt mit meinem Sohn und er ist ganz stolz und glücklich, traut sich aber erst nach einer Weile, seine kleine Schwester zu berühren. Inzwischen küsst und herzt er sie ständig und liebt sie über alles.

11:00 Uhr – die Hebamme kommt und checkt mich und die Kleine einmal durch. Ich habe keine nennenswerten Geburtsverletzungen und fühle mich gut. Das Baby wiegt 3560 g, ist 53 cm groß und hat einen Kopfumfang von 35 cm. Die Hebamme ist erstaunt, wie „fertig“ sie schon aussieht. „Wie heißt sie denn?“ fragt sie. „Ich weiß es nicht“ sage ich.

13:00 Uhr – meine Freundin, Mutter und mein Sohn sind nicht mehr da, ich liege alleine mit der Kleinen im Bett. Sie schaut mich aus großen, aufmerksamen Augen an. Und da erscheint mir ihr Name: Livia Jolien

Mehr über die Verfasserin findet ihr auf ihrem Youtube-Kanal.

Gedanken einer dreifachen Alleingeburtsmutter

Diese Gedanken einer Mutter, die drei Alleingeburten hatte, darf ich mit euch teilen:

Meine drei Kinder habe ich ohne Ärzte und Hebammen zur Welt gebracht.

Ich war voller Vertrauen, dass mein Körper ganz genau wusste, wie das ginge. Ich hatte nie das Bedürfnis nach den üblichen Untersuchungen. Es waren drei wunderschöne Geburten, an die ich mich mit Freuden erinnere. Auf diesem Weg ist mir ein Licht nach dem anderen aufgegangen. Ich habe immer deutlicher erkannt, wie sehr Frauen ihre Kraft genommen wird, wie sehr Frauen sich ihre Kraft nehmen lassen und wie sehr die kleinen Wesen schon am Anfang ihres Lebens geschwächt werden.

In mir schreit es, ich will allen schwangeren Frauen zurufen: Gebt euch nicht in die Hände der Apparatemedizin! Lasst euch nicht ultrabeschallen, durchscreenen und von Plastikhandschuhen und kalten Metallgeräten betatschen! Hört nicht auf die ganzen Horrorgeschichten, was alles Schreckliches passieren könnte! Hört nicht auf all diese Lügen, dass ihr zu wenig Fruchtwasser hättet, dass der Kopf eures Kindes etwas zu klein sei, dass es bei euch eine Risikoschwangerschaft wäre, dass deshalb in Kürze die nächste Untersuchung nötig sei, um sicherzugehen, dass …

Die vielen Komplikationen, die vielen Kaiserschnitte sind vor allem der Angst geschuldet, die den Frauen gemacht wird und die sie sich machen lassen. Angst führt zu Anspannung, und damit ist ein Loslassen nur schwer möglich und wird die Geburt ein schmerzvolles Erlebnis. Je mehr alles ängstlich und gründlich abgesichert wird, desto mehr Unfälle passieren. In Wahrheit braucht es für eine Geburt keinerlei Geräte und keine guten Ratschläge. Das kleine Wesen weiß selbst am besten, wann der richtige Zeitpunkt ist, um ans Licht der Welt zu kommen. Es drängt ganz von selbst heraus. Und unser Körper weiß, wie er ihm die Tür öffnet. Pressen ist da ganz fehl am Platze. Es geht nur um Öffnen, um Loslassen. Es braucht keine Geburtsvorbereitungskurse und keine Atemtechniken. Davon werden wir nur abgelenkt und sind im Kopf, während doch unser Fühlen gebraucht wird! Wenn wir uns den Wellen in uns überlassen, geschieht alles ganz von selbst. Da braucht es keine Anleitung von außen. Unser Körper hat alle Weisheit, um sich dem Ans-Licht-Drängen des kleinen Wesens hinzugeben.

Und das sage ich – eine Frau, die in ihrem Körper nicht zu Hause ist. Wie wir alle bin ich nicht „drin“ in meinem Körper und denke meine Gefühle zum größten Teil nur. Ich fühle mich oft von mir selbst abgeschnitten und zerteilt. Wenn mein Mann mich liebt, ist es mir oft besonders schmerzhaft bewusst, dass ich nur sehr reduziert fühle. Wir sind alle im gleichen Gefängnis, aber es ist nur den wenigsten bewusst, wie gefühllos wir alle gemacht wurden. Wir werden kontrolliert und klein gehalten. Wir wurden unser Leben lang mit Lügen und Halbwahrheiten gefüttert. Die meisten funktionieren nur noch und merken gar nicht mehr, wie leer sie sind.

Und doch haben viele Frauen sich noch einen Teil bewahren können, etwas, wo sie noch heil sind. Ich kenne Frauen, die ihren Eisprung ganz deutlich spüren und nie verhütet haben. (Ich selbst merke gar nichts davon). Ich kenne eine Frau, die den Moment der Empfängnis gefühlt hat, als einen Lichtblitz, der in ihren Körper drang. (Ich merkte erst am Ausbleiben meiner Regel, dass ich schwanger war). Ich kenne Frauen, die das kleine Wesen während der Schwangerschaft deutlich wahrnahmen und mit ihm kommunizierten, und oftmals schon zu Beginn der Schwangerschaft den Namen erfuhren. (Ich spürte die Kindsbewegungen und streichelte manchmal meinen Bauch; aber eine wirkliche Verbindung zu meinem Kind hatte ich immer erst nach der Geburt.) Ich selbst hatte das unumstößliche Vertrauen, dass mein Körper genau wüsste, wie er gebären konnte.

Das alles sind Puzzleteile, die uns ahnen lassen, wie viel mehr Frauen eigentlich empfinden können; wie es wäre, wenn wir ganz bei uns und in unserem Körper wären.

Während meiner ersten Schwangerschaft fühlte ich mich rundum wohl und machte mir nur wenig Gedanken über die Geburt. Das einzige, was ich las, war „Unassisted Childbirth“ von Laura Kaplan Shanley*, einer Frau, die ihre vier Kinder allein zur Welt gebracht hat. Eines davon kam sogar mit den Füßen zuerst. Dieses Buch bestärkte mich sehr in meinem eigenen Gefühl, dass mit meiner Schwangerschaft alles gut ging und auch die Geburt wundervoll sein würde.

Im Nachhinein wurde mir klar, wie gut es war, dass ich kaum etwas wusste von all den angeblichen Risiken und Problemen, bei denen normalerweise sofort eingegriffen wird.

Bei meinen ersten beiden Geburten dauerte es vier Stunden, bis die Plazenta sich löste. Später erfuhren wir, dass die Mutter meines Mannes, die im Krankenhaus arbeitet, deshalb in heller Panik war. Sie hatte zwei Stunden nach der Geburt angerufen und war angesichts der Nachricht, dass die Nachgeburt noch in mir war, furchtbar beunruhigt. Sie sagte uns zum Glück nichts davon, weil sie uns nicht verunsichern wollte, konnte aber nicht mehr stillsitzen und begann fieberhaft im Internet zu recherchieren.

Bei meiner dritten Geburt dauerte es dann sogar achteinhalb Stunden, bis die Nachgeburt kam. Wie auch schon bei den ersten beiden Geburten löste sie sich ganz leicht und ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. Nach gängiger Lehrmeinung müsste die Plazenta spätestens nach einer halben Stunde aus dem Körper sein, erzählte die Mutter meines Mannes uns später, ansonsten wird den Frauen im Krankenhaus ein Mittel verabreicht, das zur Ablösung führt. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie sagte bestürzt: „Oh mein Gott, ich wünschte, ich könnte all das Lehrbuchwissen wieder vergessen! Jetzt wird mir klar, warum so viele Frauen sagen, wie froh sie seien, dass sie ihr Kind im Krankenhaus entbunden hätten, weil sie nach der Geburt heftige Blutungen gehabt hätten. Aber diese Blutungen kommen daher, dass die Ablösung der Plazenta künstlich beschleunigt wird, mit Medikamenten und indem an der Nabelschnur gezogen wird. So wird sie regelrecht von der Gebärmutterwand abgerissen!“

Bei meiner dritten Geburt war außerdem ein Knoten in der Nabelschnur und sie war um den Hals meines Sohnes gewickelt. Die Geburt verlief jedoch völlig problemlos. Im Krankenhaus hätte man mir sehr wahrscheinlich einen Kaiserschnitt verpasst. Die allermeisten Fachleute würden mir voller Entrüstung sagen, wie verantwortungslos und leichtsinnig ich wäre und was für ein unglaubliches Glück ich gehabt hätte.

Merkt ihr, was alles an scheinbaren Problemen herangezogen wird, um Kaiserschnitte und zahlreiche andere Eingriffe zu rechtfertigen? Könnt ihr die ungeheuerlichen Ausmaße erkennen? Geburt ist eigentlich gemeint als ein rauschendes Fest, als eine ekstatische und beglückende Erfahrung! In dieser wahnsinnigen Welt wird daraus jedoch eine mühe- und schmerzvolle Angelegenheit voller Gefahren und Komplikationen gemacht.

Das Anschließen der Mütter an all die Apparate und die unzähligen Eingriffe sind nicht nur zutiefst entwürdigend, sie schwächen auch Selbstvertrauen und Körpergefühl von Mutter und Kind. Ich habe viele Frauen kennen gelernt, die noch Jahre später unter ihren traumatischen Geburtserfahrungen leiden.

Vor einiger Zeit wurde ich in der Bibliothek Zeugin eines Gesprächs dreier etwa zwölfjähriger Mädchen, die sich darüber austauschten, ob sie einmal Kinder haben wollten. Eine sagte, dass sie dann auf jeden Fall einen Kaiserschnitt machen lassen würde, weil eine Geburt schrecklich anstrengend wäre und furchtbar weh tun würde. Die beiden anderen stimmten ihr zu. Ich war erschüttert, wie stark das Gedankengift schon in den Köpfen so junger Mädchen wirkt und erzählte ihnen von meinen Geburten.

Ich kenne viele Frauen, die mit einer Hebamme an ihrer Seite wunderschöne Hausgeburten erlebt haben. Allerdings hat sich für die freiberuflichen Hebammen in den letzten Jahren viel verändert. Ganz schleichend werden ihnen immer mehr Steine in den Weg gelegt – so sind z.B. die Versicherungsprämien für ihre Berufshaftpflicht ins Unbezahlbare gestiegen. Unzählige Geburtshelferinnen haben ihren Beruf aufgegeben, und es ist schwierig geworden, eine Hebamme für eine Hausgeburt zu finden. Unter dem zunehmendem Versicherungsdruck sehen sie sich auch eher gezwungen, eine Mutter doch ins Krankenhaus zu überweisen, wenn nicht alles ganz reibungslos verläuft.

Ich selbst hätte mir eine vertraute Freundin und Mutter an meiner Seite gewünscht; keine Frau, die während der Schwangerschaft ein paar Mal vorbeikommen würde und die ich erst kennen lernen müsste. Bei meinen ersten beiden Geburten war mein Mann mir am nächsten und schlüpfte sehr einfühlsam in die Frauenrolle. Er massierte mir bei den Wehen den Rücken, war als verlässlicher Anker voll und ganz da und fing unsere Töchter in seinen Händen auf.

Einige Jahre später hatte ich dann bei der Geburt meines Sohnes das Glück, neben meinem Mann und meinen beiden Töchtern (sie waren inzwischen acht und zehn Jahre alt) auch noch eine Frau um mich zu haben. Sie hatte noch keine Erfahrungen mit Geburten gemacht, aber sie brachte das Wichtigste mit: ein feines Gespür für das, was gerade gebraucht wurde. Ich hockte in der warmen Morgensonne auf unserer Gartenwiese und sie streichelte und massierte meinen Rücken. Zuvor hatte sie sich um meine ältere Tochter gekümmert, der die Geburt zu nahe ging und die lieber in einiger Entfernung dabei war. Meine jüngste Tochter war die ganze Zeit neben mir und verfolgte gebannt alles, was passierte.
Die Wehen waren kaum schmerzhaft und die Abstände von Anfang an kurz. Ich fühlte mich verrückt und lebendig, musste gleichzeitig weinen und lauthals lachen  – und da konnte ich auch schon das kleine Köpfchen in meiner Scheide ertasten! Welch unbändige Freude durchströmte mich! Kurz darauf war das Köpfchen da und meine Familie konnte das kleine Gesichtchen sehen. Mein Mann empfing unser Kind in seinen Händen und rief beglückt „Es ist ein Junge!“ Wir alle waren selig! Den ganzen Tag verbrachten wir noch in Festtagsstimmung auf unserer sonnigen Gartenwiese.

Am nächsten Morgen erwachte ich voller Kraft und unbändigem Tatendrang. Ich band meinen nackten Sohn vor meiner Brust liegend in ein Tragetuch und lief weit in den Wald hinein zu meinem Lieblingsplatz in einem verwunschenen Kesselmoor. Ich war voll innerem Jubel: Ich habe einen Sohn! Der ganze Wald war Zeuge meines Glücks. Ich hatte nicht die geringsten Schmerzen und fühlte mich frisch und zu neuem Leben erwacht.

*Ich kann dieses Buch nur eingeschränkt empfehlen. Mir war es teilweise zu esoterisch.

Schnelle, geplante Alleingeburt beim zweiten Kind

Von ihrer schönen, schnellen Alleingeburt beim zweiten Kind berichtet diese junge Mutter:

Dienstag, 23.01.2018:                                                                        Hebammentermin bei ET (Entbindungstermin) plus 7. Ich merke nichts, keine Anzeichen, keine Blutung, gar nichts … Tochterkind, 20 Monate, lenkt mich aber auch ordentlich ab.
Muttermund 3cm😂. Okay, alles klar, ab nach Hause.

19:22 Uhr: Tochter schläft. Ich nähe noch ein paar Sachen zu Ende und mache sie postbereit.

22:30 Uhr noch mal eben kurz einschlafstillen.

22:42 Uhr, alles fertig. Ich rufe meine Mama an und lade sie ein, bei uns zu übernachten, falls das Baby kommt, damit die Große jemanden da hat und uns nicht stört, wenn sie wach wird.

23:30 Uhr noch mal Stillen und dann kam auch die Oma schon an.

24.01.2018: Christian massiert fleißig meinen Bauch mit Utus-Öl ein. Ich habe ihn motiviert – merkte ‚endlich’ Wehen.

00:17 Uhr. Okay, das reicht … Leg dich hin, ruh dich aus. Ich brauche dich später. ♥

Eine Wehe nach der anderen … alle 2 Minuten, eine Stunde lang … aua, die waren gar nicht mal so schön … die Abstände waren so kurz, das war anstrengend und auch schmerzhaft.

1:20 Uhr: Blasensprung. Mann wecken mit den Worten: „Ich glaube das Baby kommt.“

Er: „Wen soll ich anrufen?“
Ich: „Ruf Annett an!“
Er, mega entspannt: „Hallo, Christian hier. Das Baby macht sich auf den Weg …“
Ich nur so: „Aber zügig!“

1:22 Uhr – schieben … das Baby kommt tatsächlich … rutscht aber vom Gefühl immer wieder zurück. Christian konnte nichts erkennen. Bei der 3. Wehe hab ich mal mitgefühlt: Da ist der Kopf, eindeutig. Er will raus und ich ließ ihn dann auch raus. Noch eine Welle später, um 1:33 Uhr, kam der Rest des langen Wesens schon dazu. Lilya-Filomena kam mit unglaublichen 56cm und 3950 Gramm zur Welt. Ich rief ganz entspannt die Nachsorge-Hebamme an und sagte ihr, sie kann morgen früh vorbei kommen. Es war so abgesprochen, damit sie ein wenig planen kann, dass ich auch nachts schon Bescheid geben soll.

So um 1:45 Uhr kam die Fotografin (Annett) dazu. Geplant war, sie unter der Geburt schon dabei zu haben. Aber die Fotos sind dennoch einzigartig. Ich hörte von nebenan Finya: „Weint, Baby, gucken“ (Unser Baby hat direkt geweint und das hörte sie und wurde wach oder war wach und hat darauf halt reagiert.)

2:30 Uhr Geburt der Plazenta, Abnabelung. Ankommen.

Gegen 4 Uhr, als alles sauber war, kam Oma, also meine Mama, mit der Kleinen dann dazu. Sie hatte ja gerufen gehabt, aber ich wollte, dass sie erst kommt, wenn das Blut weg ist. (Sie ist sehr „empfindlich“ und macht sich direkt Sorgen, wenn sie einen Tropfen Blut sieht.)

Sie war direkt überaus vorsichtig und einfühlsam zu dem Baby. Hebamme kam um 10-11 Uhr oder so, da wurden auch die Maße genommen. Ich habe nur zwei Abschürfungen, die von alleine heilen werden.

Wir sind sehr glücklich und stolz auf unsere Mädels. ♥

 

Silvesterbaby – eine ungeplante Alleingeburt

Bei der Mutter im folgenden Bericht waren die Wehen lange unregelmäßig und der Geburtsbeginn nicht eindeutig zu erkennen. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Zu schnell, um noch irgendwo hinzufahren…

Geburtsbericht unserer kleinen Lotta, die es so eilig hatte, dass wir es nicht mal mehr ins Geburtshaus schafften.

Als ich am 30.12. abends vor dem Fernseher saß, hatte ich Wehen. Übungswehen mal wieder, dachte ich nur. Die Wehen kamen mal alle 5, mal alle 10, mal alle 30 Minuten. Überhaupt nicht regelmäßig, wurden auch nicht intensiver, sondern blieben einfach, wie sie waren. Um etwa 23 Uhr hörten die Wehen dann schlagartig auf und ich ging ins Bett schlafen.
Zum Schlafen kam ich aber nicht so richtig, weil ich etwa alle 30 Minuten aufs Klo musste. Um 4.30 Uhr hatte ich dann erneut eine Wehe. Ich sprach mit unserer kleinen „Noch-Bauch-Lotta“, dass sie sich entweder jetzt gleich auf den Weg machen sollte oder aber bis zum nächsten Tag warten sollte. Dann war Ruhe im Bauch und ich konnte noch etwas schlafen, abgesehen von den ständigen Pinkelpausen.

Am Vormittag des 31.12. kehrten dann die Wehen zurück, jedoch genauso wie am Abend zuvor: intensiv, aber absolut unregelmäßig, mal alle 3, mal alle 20 Minuten. Eine warme Dusche brachte dann erstmal eine zweistündige Wehen-Pause, aber dann fingen sie doch wieder an. Ich lag den Tag über auf dem Sofa oder im Bett, weil so die Wehen am angenehmsten waren.
Um 19.00 Uhr gingen wir dann zu meiner Mama zum Raclette-Essen nach nebenan! Als wir zur Tür rein kamen, fragte sie, was los sei. Ich zischte nur ein „nichts!“ Am liebsten wäre ich einfach alleine im Bett liegen geblieben, aber es war ja Silvester und unser Großer hatte sich schon so darauf gefreut, dass ich gerne bei ihm sein wollte. Meine Mama sagte nur: „Lotta wartet bestimmt nicht bis morgen!“
Wir aßen also Raclette und ich tigerte weiterhin alle 20 Minuten auf die Toilette. Um 20.30 Uhr legte ich mich dann aufs Sofa, weil ich einfach nicht mehr sitzen konnte. Um 21.14 Uhr hatte ich eine Wehe, die nächste um 21.18 Uhr, dann um 21.23Uhr. Die Wehen waren zwar intensiv, aber ich musste sie noch nicht veratmen. Ging es jetzt doch los?! Ich entschied mich noch einmal rüber zu uns zu gehen, um in mich hinein zu hören. Die nächste Wehe um 21.29Uhr. Ich schrieb meinem Mann eine SMS, dass er auch mal schnell rüber kommen soll, um unsere Hebamme anzurufen. Als er zur Tür reinkam, die nächste Wehe. Ich hatte plötzlich einen enormen Bewegungsdrang und konnte nicht mehr still stehen oder sitzen. Er erreichte unsere Hebamme aber nicht und sprach ihr auf die Mailbox. Ganz plötzlich kamen die Wehen minütlich, und so heftig, dass ich die Wehen, im Türrahmen stehend, veratmen musste. Mein Mann probierte noch einmal unsere Hebamme zu erreichen, aber wieder nichts. Dann entschieden wir uns, dass er mit unserem Großen noch schnell in den Garten ginge, um unser Feuerwerk abzuschießen. Es war 21.50 Uhr und wenn wir ins Geburtshaus fahren würden, könnte niemand die Raketen mit unserem Großen abschießen. Ich ging währenddessen nach oben ins Bad und setze mich aufs Klo, weil ich schon wieder musste. Eine Wehe nach der anderen. Irgendwie hatte ich das Gefühl plötzlich pressen zu müssen, also kniete ich mich vor die Badewanne und drückte. Erst jetzt wurde mich klar, dass unsere Geburtsreise begonnen hatte und wir es wohl nicht mehr ins Geburtshaus schaffen würden.
22.03 Uhr: die Fruchtblase platzte zeitgleich mit unserem Feuerwerk im Garten. Mein Mann brachte unseren Großen wieder zu meiner Mama und kam zu mir ins Bad und probierte noch mal unsere Hebamme zu erreichen. Er erzählte ihr, dass ich Wehen hätte und ich brachte nur noch ein „Sie kommt JETZT!!!“ heraus und musste schon wieder pressen. Unsere Hebamme sagte, dass sie gleich losfährt. Wir wechselten ins Schlafzimmer und ich legte mich auf die Seite ins Bett. Wehe. In der Wehenpause scheuchte ich meinen Mann los, um Unterlage und Handtücher zu holen. Genau pünktlich zur nächsten Wehe hatte er das Bett fertig und ich konnte mich wieder hinlegen. Wehe. Wehenpause: „Hol die Geburtskerze und zünde sie an!“ Wehe. Wehenpause: „Mach den Schrank zu!“ (Warum auch immer mir das in dem Moment so wichtig war?!) Die nächste Wehe. Und der Kopf ist da. „Du musst den Kopf halten!“ und dann mit der nächsten Wehe ist auch schon unser Silvesterhighlight auf der Welt. „Schau auf die Uhr, schau auf die Uhr!“ „22.23 Uhr.“, sagte mein Mann. Wir entwirrten Lotta aus der Nabelschnur und ich legte sie auf meinen Bauch. 2 Minuten später kam dann auch unsere Hebamme bei uns an.
Die Plazenta kam und dann holte mein Mann unseren Großen, der sich zu uns ins Bett legte und nur sagte: „Oh ist die süß! So süß habe ich sie mir gar nicht vorgestellt!“
Es wird 0.00 Uhr. Lotta und ich liegen im Bett und kuscheln, während unsere Hebamme mit unserem Großen am Fenster steht, mein Mann neben mir und meine Mutter am Bettende. Wir beobachten alle das Feuerwerk, das da draußen knallt und das neue Jahr und vor allem unsere kleine Lotta begrüßt.

 

Projekt Störspur

Ich möchte euch heute das Projekt „Störspur“ vorstellen. Dieses Projekt wurde von Navina Salomon vom ADELENE-Magazin ins Leben gerufen. Es sammelt Berichte und Daten von Übergriffen bzw. Machtmissbrauch direkt nach der Geburt. Wir haben das Gefühl, dass es seit einigen Jahren eine Zunahme solcher Fälle gibt. Insbesondere dann, wenn Familien/ Frauen sich unter der Geburt für ihr eigenes Bestimmungsrecht eingesetzt haben. Es scheint eine Art Machtdemonstration zu sein: Wer hat jetzt die Hosen an?

Die Art dieses Machtmissbrauchs äußert sich auf verschiedene Weise: Vom unnötigen Zufüttern bis hin zum Kindesentzug. Dabei wird die bei den eigentlich Entscheidungsberechtigten emotional hochsensible Phase nach der Geburt ausgenutzt.

Um sich ein besseres Bild von der Ausprägung dieser Übergriffe und deren Langzeitfolgen machen zu können, ist ADELENE dabei, eine Datenbank zu entwickeln. Diese soll über Jahre einen Einblick in die Erlebnisse von Betroffenen und wünschenswerterweise auch von Tätern geben, um die Dimension solcher Störspuren zu erfassen.

Hast Du Übergriffe oder Machtmissbrauch nach der Geburt erlebt? Dann schicke Deinen Bericht gern an dein@adelene-magazin.de. Eure Geschichten werden – gern anonym – auf der Webseite des ADELENE-Magazins veröffentlicht. Wer will, kann seinen Bericht auch an mich schicken (Sarah.Schmid81@gmail.com) und ich leite ihn dann weiter.

Damit ihr wisst, um welches Magazin es sich handelt: ADELENE ist eine junge, alternative Zeitschrift zum Thema Schwangerschaft und Geburt (für die ich bei der Gelegenheit gleich ein bisschen Werbung mache 🙂 ):

Heilende Alleingeburt nach traumatischer erster Geburt

Diese Mama fuhr beim ersten Kind so spät wie möglich ins Krankenhaus und erlebte trotzdem eine fremdbestimmte Geburt, die sich für sie wie eine Vergewaltigung anfühlte. Um so heilender war für sie die zweite Geburt, die sie nach ihren eigenen Wünschen und ganz selbstbestimmt erleben durfte. Von dieser Geburt erzählt sie im folgenden Bericht.

06.08.17
Am Sonntag waren wir mit Marcels Oma Pizza essen, weil sie Geburtstag hatte. Auch an diesem Tag hatte ich Wehen, die ich aber mittlerweile ignorierte, da ich vier Wochen vorher schon Wehen hatte. Vier Wochen lang dachte ich eigentlich so täglich, dass es los gehen würde. Ich konnte mich nach zwei Wochen selbst nicht mehr ernst nehmen und nahm einfach alles nur noch dankend an, weil ich durch meine Hebamme wusste, dass all das gerade eine gute Vorbereitung für die Geburt sein sollte. In der Zeit habe ich auch schnell noch ein Geburtsvorbereitungskurs bei ihr mitgemacht, was am Wochenende stattgefunden hat. Ich fand den Kurs sehr interessant und konnte noch einiges für mich mitnehmen. Wir haben die verschiedenen Gebärpositionen ausprobiert und die Hebamme hat die Geburt bildlich, anhand eines Buches und einer Puppe, Schritt für Schritt erklärt. Sie machte auch Mut zur Alleingeburt und nach dem Kurs fühlte ich mich noch viel sicherer, obwohl ich mich von Anfang an schon total sicher gefühlt habe bei dem Gedanken einer Alleingeburt.
Im Restaurant bei Teatro angekommen, war ich schon genervt, weil es so voll war und Elias auch gar nicht gut drauf war. Er ist die kurze Strecke im Auto eingeschlafen und war somit nicht ausgeschlafen. Ich hatte mich so auf Pizza gefreut, aber der Kellner teilte direkt mit, dass es bei einer Pizzabestellung heute länger dauern würde. Alle hätten Pizza bestellt und die kamen nicht hinterher. Da ich schon leicht genervt war und nur noch schnell nach Hause wollte – auch bedingt durch die schlechte Laune von Elias – wählte ich eine Auberginen-Lasagne aus der „Veganichen (Kein Scherz, so stand es in der Karte) Seite“.
In der Wartezeit ging ich mit Elias spazieren und holte ihm sogar ein Eis, in der Hoffnung, seine Laune würde sich bessern. An dem Tag war es aber warm und er weinte, weil sein Eis so schnell schmolz. Also nahm er den Rest komplett in den Mund und weil es zu kalt war, spuckte er mir alles in die Hand und ich hatte nichts dabei. Ich rannte mit ihm schnell wieder rein, um unsere Hände zu waschen. Das fand er natürlich auch doof! Gott, war ich sauer und genervt! Als wir wieder zurückgingen, war auch schon unser Essen da. Aber auch seine geliebten Pommes wollte er nicht essen. Über mein Essen war ich total enttäuscht. Das war alles andere, aber keine Auberginen-Lasagne! Die Lasagne bestand nur aus einem kleinen Turm mit Tofu Streifen, geschichtet mit Auberginenscheiben und vom Basilikum fehlte jede Spur! Von dem bisschen wäre ich doch niemals satt geworden! Also bestellte ich mir noch Brot dazu und aß auch noch die Pommes von Elias, die er eh nicht haben wollte. Ich beeilte mich, weil ich Marcel ablösen wollte, da er gerade mit Elias draußen war, um ihn zu beschäftigen.
Heute denke ich, dass er schon gespürt hat, dass sich ab morgen alles ändern würde, denn so kannte ich ihn nicht. Er suchte nämlich meine Nähe und gleichzeitig war ihm das wieder zu viel. Wir rannten die Straße hoch und runter und dabei grüßte er alle Menschen, die uns entgegenkamen. Er sprang von einer Mauer immer wieder in meine Arme und wir hatten viel Spaß. Es tat gut, mit ihm alleine zu sein und ich genoss jede Sekunde, da ich nur noch eine Woche bis zum errechneten Geburtstermin hatte. Als mir das nochmal so bewusst wurde, überkam mich das Gefühl der Traurigkeit. Ich nahm Elias ganz fest in den Arm und sagte ihm, wie sehr ich ihn lieben würden. Gleichzeitig hatte ich auch so mit Tränen zu kämpfen, weil ich echt Angst davor hatte, eins der Kinder nicht lieben zu können bzw. nicht gleich lieben zu können. Ich liebe mein Kind über alles und konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich diese Liebe teilen sollte.
Ich hatte aber auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken, da kam auch schon Marcel mit seiner Oma. Es war noch früh, also beschlossen wir, noch zum Xantener Nordsee zu fahren, damit Elias nicht einschläft und die Nacht wieder zum Tag macht. Aber dort angekommen, fing er erneut an zu jammern. Wir setzten uns dennoch hin und warfen Steine ins Wasser. Da wurde seine Laune besser. Ich genoss die Ruhe und es war herrlich schön dort. Die Sonne ging gerade unter und es war auch noch so warm.

Elias gute Laune hielt auch da nicht lange an und so beschlossen wir, schnell nach Hause zu fahren. Zuhause angekommen, stillte ich Elias in den Schlaf und wollte nur noch die Ruhe genießen. Ich setzte mich auf die Couch und fühlte mich nicht so wohl.
Irgendwann war ich genervt, weil ich schon wieder so extremen Durchfall hatte und schob das auf das fettige Essen, was ich schnell geschlungen hatte und mir gar nicht geschmeckt hatte. Ich ging mehrmals zur Toilette. Mir ging es so schlecht und so dreckig einfach. Ich hätte direkt sitzen bleiben können. Jedes Mal, wenn ich aufgestanden bin, hatte ich wieder das Bedürfnis mich hinzusetzen. Als aber nichts mehr kam, setzte ich mich wieder auf die Couch und schloss die Augen, in der Hoffnung, endlich Ruhe zu haben. Ganz plötzlich hatte ich den Gedanken, dass es auch die Geburt sein könnte. Das war um ca. 23 Uhr. Ich spürte die Wehen dieses mal nämlich öfter und in kürzeren Abständen. Ich teilte das Marcel mit, der irgendwie die Ruhe selbst war. Ich begann wie verrückt, das Geburtszimmer (mein Nähzimmer) vorzubereiten. Ich räumte auf und machte meine Kerzen und die Himalaya Lampen an, die ich mir extra besorgt hatte. Während ich das alles tat, war ich mir immer noch so unsicher. Ich schrieb meiner Freundin aus Peru in Whatsapp um 23:13 Uhr: „Ich glaube, es geht los. Aber ich glaube es nur …“ Sie schickte mir eine Sprachnachricht und man hörte, dass sie total aufgeregt war. Im Nachhinein finde ich es witzig, dass sie es ernst genommen hat. Denn ich hatte ihr in den vier Wochen schon paar mal geschrieben, dass es los geht und komischerweise war sie sonst immer recht entspannt dabei geblieben. Sie muss also gespürt haben, dass es dieses Mal ernst ist. Ich hätte sie so gerne dabei gehabt. Dank der modernen Technik war sie für mich auch dabei. Ich teilte ihr alles mit, was geschah und musste nur zwischendurch das Handy weglegen, um neue Kräfte zu sammeln. Während Marcel den Geburtspool füllte, ging ich bestimmt noch 30 weitere Male zur Toilette und entleerte mich. In der Zeit gab mir meine Beißerlein (so nenne ich sie liebevoll) ganz tolle und wertvolle Tipps. Sie schrieb um 23:51 Uhr:
„Mund nicht verkrampfen
Shhhhh statt schreien
Zurück zum Tönen kommen
Vanessa: Handtücher in den Backofen
Am Kreuzbein massieren
Übergeben? Schüssel bereit.
Pool testen
Bett vorbreiten, Handtücher
Wickelunterlage
Binden
Essen“
Sie schickte mir dann eine fast siebenminütige Sprachnachricht, um mich schnell nochmal an all das zu erinnern, was wichtig ist. Dafür möchte ich dir an dieser Stelle nochmal Dankeschön sagen. Du bist einfach toll! Ich liebe dich wie meine Schwester.  Schön, dass es dich gibt. Du bist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens geworden. ♥
Unten wieder angekommen, versuchte Marcel mich zum Lachen zu bringen und wir alberten noch ein wenig rum. Danach haben wir über die Temperatur des Wassers diskutiert. Er war der Meinung, dass es noch Stunden dauern würde und das Wasser bis dahin eiskalt wäre. Also ließ er nur heißes Wasser laufen. Um 00:27 Uhr, als alles fertig war, schickte ich Beißerlein ein Foto vom Zimmer. Marcel stoppte die Abstände zwischen den Wehen und als es nur alle vier Minuten waren, bat ich ihn darum, für die optimale Temperatur zu sorgen.
Ich wollte ein bisschen alleine sein und bat ihn drum zu gehen. Ich lehnte mich auf meinen Gymnastikball und fühlte mich schnell wie in Trance versetzt. Ich genoss diese magische und ruhige Atmosphäre. Ich kreiste immer wieder mit dem Becken und habe noch nie meinen Körper so intensiv gespürt. Es mag sich vielleicht doof anhören, aber der Schmerz war angenehm, Ich konnte mich zu 100 Prozent fallen lassen. Auf einmal musste ich ganz schnell aufstehen und hatte das Bedürfnis meine Klamotten auszuziehen. Als ich gerade geschafft hatte, die Hose auszuziehen, merkte ich, wie der Schmerz nach oben wanderte und ich lief auf Zehenspitzen. Ich weiß nicht wieso, aber der Schmerz war so besser auszuhalten. Darüber konnte ich auch nicht lange nachdenken, denn ich verspürte den dringenden Wunsch, in den Pool zu steigen. Was nicht ging, weil das Wasser noch zu heiß war. Und dann platzte auch schon die Fruchtblase um 00:56 Uhr. Und ab da wusste ich, es geht tatsächlich los und war so erleichtert.
Ich stieg dann trotzdem in den Pool und rief Marcel, er solle erst einmal kaltes Wasser laufen lassen. Ich erzählte ihm, dass die Fruchtblase geplatzt sei und er nicht ausrutschen soll. Statt meinem Wunsch nachzugehen, trocknete er erst den Boden ab! Da ich alles genießen wollte, habe ich meine Energie gespart und ihn nochmal nett darum gebeten, endlich kaltes Wasser laufen zu lassen, was er auch tat. Im Pool lief auch das restliche Fruchtwasser ab.
Ich zog dann auch noch mein Shirt aus und nutzte die Zeit, Beißer mitzuteilen, dass ich mir jetzt absolut sicher wäre und die Fruchtblase geplatzt sei. Als ich die optimale Temperatur spürte, konnte ich mich endlich hinknien und dann gingen auch schon die Presswehen los. Marcel drehte nur noch den Wasserhahn zu, nahm den Hocker, setzte sich vor den Pool und hielt meine Hände. Ich sprang plötzlich raus und wollte zur Toilette, weil ich nochmal das Gefühl hatte, mich zu entleeren. Aber Marcel meinte, ich soll mich eben im Pool entleeren, dafür sei er auch da und ich soll mir keinen Stress mehr machen. Es kam dann nichts mehr und ich konnte mich fallen lassen. Doch dann kam der Schmerz so fies, dass ich mit der zweiten Wehe dachte, ich packe das nicht und mein Trauma mit Elias kam schlagartig hoch!
Dieses Gefühl der Ohnmacht und gleich zu versagen, weil ich die Kontrolle über meinen Körper verliere. Das war auch die Phase, wo ich Marcel darum bat, doch die Hebamme anzurufen. Während ich nur ein paar Sekunden hatte zu entspannen, weil ich eine Power-Wehe nach der anderen hatte, fragte er mich nach meiner PIN fürs Handy und wie denn die Hebamme überhaupt hieße!? (Waaaah, wir hätten uns wirklich besser vorbereiten sollen! )
Die Hebamme fragte dann, ob sie denn überhaupt noch kommen soll, weil ich im Hintergrund gerufen habe, dass der Kopf gleich geboren wird. Sie versprach aber, sich auf dem Weg zu machen und ich wusste, sie würde es eh nicht mehr pünktlich schaffen. Also sprach ich laut zu mir, dass ich das schon schaffen werde bzw. wir das schaffen werden. Marcel legte auf und hielt wieder meine Hände. Er erinnerte mich immer wieder daran zu atmen und zu entspannen. Er war dieses Mal die Ruhe selbst und hat mich so toll unterstützt.
Bei Elias Geburt habe ich mir mehr Sorgen um ihn gemacht, da er so nervös und aufgeregt war. Aber dieses Mal tat er so, als hätte er noch nie was anderes gemacht. Ich erinnere mich genau, dass ich ihm ganz tief in die Augen geschaut habe und meinte: „Wir schaffen das, oder?“ Und er:“ Natürlich schaffen wir das! Und jetzt mach dein Mund wieder locker und entspanne dich.“ Und jedes Mal, wenn ich pressen musste, habe ich ganz laut „Shhhhh Shhhh“ gemacht und Marcel hat mitgemacht und mir gesagt, wie toll ich das mache. Ich erinnerte mich auch immer wieder an die Worte von Sarah Schmid, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist und auch das habe ich zwischendurch immer wieder gesagt: “Ich habe zwar Angst, aber das ist normal und wir schaffen das“. Und während ich „Shhhh Shhh“ machte und laut mit mir bzw. uns gesprochen habe, habe ich Marcel genauestens über den Verlauf informiert.
Es war einfach herrlich. Ich konnte mich auch an die bildliche Darstellung meiner Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs erinnern und das hat mir nochmal ganz viel Sicherheit gegeben. Ich war so erleichtert, als ich das Köpfchen gefühlt habe. Mein erster Gedanke war: “Oh mein Gott, wie klein das Köpfchen ist!“ Ich hatte einen unheimlich Druck nach unten und merkte, dass mein Körper versuchte, das Köpfchen mit einer Wehe zu gebären. Aber beim Fühlen wusste ich: Das wäre zu viel und habe die Wehe gestoppt. Ich habe mir noch ein paar weitere Wehen gegeben, um das Köpfchen endgültig kommen zu lassen. Ich wollte auf gar keinen Fall genäht werden! Immer wieder spürte ich genau, wie das Köpfchen sich Stück für Stück nach vorne arbeitete und wieder nach hinten verschwand. Ich fühlte mich nach der vierten Wehe so stark, weil ich die Schmerzen kontrollieren konnte und genau wusste, was als nächstes passieren würde. Als das Köpfchen dann mit der sechsten Wehe geboren war, fühlte ich diese Erleichterung und der Druck war weg. Ich strahlte über das ganze Gesicht und sagte zu Marcel: “Jetzt ist alles geschafft! Mit der nächsten Wehe drehen sich die Schultern und dann ist es geboren. Wir haben es geschafft!“
Dann kam die nächste Wehe. Ich fühlte unten wieder und spürte genau, wie sich die Schultern leicht zur Seite drehten. Dann kam auch schon die nächste Wehe und das Baby war geboren! Ich habe es dann in meine Arme schwimmen lassen, habe es langsam aus dem Wasser gehoben und direkt auf meine Brust gelegt. Marcel schaute auf die Uhr und teilte mir mit, dass wir jetzt genau 1:22 Uhr hatten. Marcel zog mein BH aus und ich kuschelte nackt im Pool mit meinem Baby, was ich gerade selbst geboren hatte. Ich schwebe immer noch auf Wolke 7 und dieses irreale Gefühl, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, habe ich bis heute. Das Baby war da und alles andere war mir egal. Ich stillte mein Baby noch im Pool und stieg dann aus, um es mir auf der Couch gemütlich zu machen. 20 Minuten später kam die Hebamme rein und lachte nur noch. Ihre Worte waren: “Ich wusste bei dir genau: Du schaffst das auch ohne mich.“ Sie freute sich für mich, weil sie wusste, wie wichtig und heilend das alles für mich gerade war.
Ich erzählte ihr alles und dann habe ich mir bewusst ein paar Minuten Zeit genommen, um mich von der Plazenta zu verabschieden, die noch nicht geboren war. Ich merkte, dass ich noch nicht los lassen wollte. Mich überkam ein Gefühl der Traurigkeit, weil ich all das zum letzten Mal erlebte und mir alles zu schnell ging. Ich weiß nicht, was in ein paar Jahren ist, aber eigentlich ist für uns beide das Thema abgeschlossen. Als die Plazenta da war, schaute die Hebamme nach, ob sie vollständig war (war sie) und ob ich gerissen bin. Sie war ebenfalls überrascht, dass ich gar nicht gerissen bin. Ich hatte zwar die Wehen gestoppt und hab mir ein paar mehr Wehen gegeben bzw. meinem Baby, aber ich war fest davon ausgegangen, dass ich gerissen bin. Erst dann haben wir nach dem Geschlecht geschaut bzw. als ich das Handtuch abnahm, damit die Hebamme schauen konnte, sah ich schon den Penis und sagte freudestrahlend: “Es ist wieder ein Junge.“ Und ich hatte bis zum Schluss mit einem Mädchen gerechnet. Diesmal lag ich wirklich ganz falsch mit meinem Gefühl und musste mehrmals gucken.
Während der kompletten Schwangerschaft war ich nicht einmal beim Arzt und spürte keinen Druck und somit hatten wir auch keinen Druck bei der Namensauswahl. Wir waren uns einig, erst dann zu entscheiden, wenn das Baby da ist. Und das würde ich immer wieder so machen, denn ich war einfach nur schwanger und genoss das Schwangersein in vollen Zügen.
Ich ließ Marcel über den Namen ganz alleine entscheiden. Ich war einfach nur so glücklich und verliebt über all das, dass mir das plötzlich gar nicht mehr so wichtig war. Er entschied sich für den Namen Jonathan. Gut, bei Peter oder Horst hätte ich vermutlich schon was gesagt, aber mit Jonathan konnte ich mich total gut anfreunden.
Da lag nun mein Baby auf mir und ich war Zuhause. Dieses Gefühl kann ich einfach nicht beschreiben, aber ich verspüre einfach tiefe Dankbarkeit, dass ich das so erleben durfte und habe meinen inneren Frieden gefunden. Ich habe mit der traumatischen Krankenhausgeburt von Elias komplett abschließen können. Die Geburt von Jonathan hat meine Seele vollständig geheilt und ich fühle mich jetzt erst vollkommen. Er macht uns und unser Leben perfekt.  Ich habe nach fast 28 Stunden die Nabelschnur durchgeschnitten. Geplant war eigentlich eine Lotusgeburt, aber mit einem eifersüchtigen großen Bruder war mir das irgendwann zu umständlich. Damit kann ich gut leben und nun ist mein Mini-Baby schon neun Wochen alt.

Eine Hausgeburt – Plädoyer für gute Hebammen

Nicht jede Frau fühlt sich bei der Geburt völlig allein am wohlsten. Gerade beim ersten Kind oder nach einer traumatischen Geburt kann die ruhige Zuversicht und Erfahrung einer anwesenden Person einen gewaltigen Unterschied machen. Wo Hebammen primär in der Klinik ausgebildet werden und die dortige Angst und Interventionsfreude leicht übernehmen, sind Hebammen, die abwarten und vertrauen können rar. In Deutschland, wo die Hausgeburtshebammen langsam aber sicher mit den steigenden Haftpflichtprämien abgeschafft werden, noch mehr. Aber es gibt sie, die guten Hebammen, die eigentlich gar nichts groß tun als da zu sein und dann tätig zu werden, wenn sie gebraucht werden. Schöne Geburten und zufriedene Mütter sind die Folge.  Diese Mama bekam ihr viertes Kind zu Hause, ihre dritte Hausgeburt mit einer Hebamme, die auch kein Problem damit hatte, sich in einem anderen Raum aufzuhalten, wenn die Mama allein sein wollte.

Bei meiner Hausgeburt wurde ich von einer sehr einfühlsamen Hebamme betreut. Ich habe im Vorfeld mit zwei Hebammen Kontakt gehabt, sie haben die Vorsorgeuntersuchungen gemacht, meistens im Wechsel und immer bei mir Zuhause. Es gehört zum Prinzip dieses Geburtshauses, dass sich zwei Hebammen in die Betreuung teilen, dass man beide gut kennen lernt und dass diejenige Hebamme dann zur Geburt kommt, die gerade für eine Woche das Bereitschaftshandy hat. Die andere Hebamme hat dann Pause und kann auch mal ins Kino, ins Konzert, die Sauna oder wohin auch immer gehen, mit der Gewissheit, dass sie arbeitsmäßig nicht gestört wird. Die Hebamme Lara kannte ich vom Erzählen bereits recht lang, mehrere Freundinnen von mir haben mit ihr entbunden und waren sehr zufrieden. Also traf auch ich mich zuerst mit Lara, die mir erklärte, dass die Hebammen in ihrem Geburtshaus eben immer in Zweierteams arbeiten. Wir unterhielten uns und sie antwortete geduldig auf alles, was ich so wissen wollte. Auch Maria lernte ich in der nächsten Zeit gut kennen und gemeinsam bereiteten wir drei uns auf das Abenteuer Geburt vor. Auch unsere drei großen Mädels (alle schon Schulkinder) und mein Mann wurden einbezogen – schließlich sollte es ja eine Hausgeburt werden und ich wollte meine Lieben gern um mich haben. Obwohl es eine vierte Geburt war und ich schon zweimal mal außerklinisch entbunden habe, war alles spannend und aufregend – durch den größeren Abstand irgendwie auch wie beim ersten Mal. Wir freuten uns sehr auf den neuen kleinen Erdenbürger, der Zuhause den Weg zu uns finden sollte. Der vom Geburtshaus geliehene und aufgeblasene Geburtspool stand zwei Wochen vor dem Entbindungstermin im Wohnzimmer bereit. Es konnte also losgehen! Genau eine Woche vor dem Termin hatte ich nachts einen Blasensprung. Da ich noch keine Wehen hatte, weckte ich erstmal niemand und versuchte weiterzuschlafen. Gar nicht so leicht, die Aufregung wird ja nicht kleiner nach einem Blasensprung. Morgens sagte ich dann meinem Mann und den Kindern Bescheid und vormittags meldete ich mich dann auch bei Maria, die gerade „dran“ war. Sie kam vorbei und freute sich mit uns auf das bevorstehende Ereignis. Da ich aber noch immer keine Wehen hatte, ließ sie uns wieder in Ruhe und schaute nachmittags und abends noch mal vorbei. Um neun Uhr sangen wir alle zusammen einen Kanon, redeten dem Baby noch mal gut zu und gegen 10 brachte mein Mann die Kinder ins Bett. Endlich merkte ich, dass es nun richtig loszugehen schien. (Ob ich unterbewusst doch die Kinder lieber raushalten wollte?!) Dass es nun losging, freute meine Hebamme auch sehr, denn irgendwann sollte sich das Baby ja mal auf den Weg machen, wenn die Fruchtblase geplatzt ist. Ungeduldig wie ich bin, wollte ich dann auch recht bald von Maria wissen, ob und wenn ja wie weit der Muttermund schon aufgegangen ist. (Die Hebammen erklärten mir im Vorfeld, dass sie nicht so gern vaginal untersuchen, denn das diene eigentlich nur der Befriedigung der Neugier der Hebamme und man braucht es nicht wirklich …) Hebammenneugier hin oder her – ICH wollte wissen, wie weit ich schon gekommen bin und so fühlte Maria nach meinem Muttermund. Zwei Zentimeter, das konnte also noch dauern … Es war inzwischen schon kurz vor 11 und wir beschlossen zu zweit noch ein bisschen spazieren zu gehen. Das stellte sich aber als ganz schön anstrengend heraus und so waren wir halb 12 wieder Zuhause, wo ich nun laut tönend die Wehen veratmete und bald in meinen Pool wollte. Das tat gut und entspannte mich! In dem Moment, als mein Mann dachte, jetzt wäre er eigentlich auch ganz gern allein mit mir, sagte Maria, dass sie sich mal zurückzieht, wir kämen gut ohne sie zurecht, sie geht eine Etage nach oben ins Gästezimmer und wenn wir sie brauchen, ist sie natürlich da. Ich hatte im Vorfeld mit beiden Hebammen besprochen, dass ich gern für mich wäre, solange ich mich gut dabei fühle. Die nächste Stunde verbrachte ich im Pool und auf dem Klo, bzw. auf allen vieren auf dem Weg zum Klo. Es zog mich dauernd zum Klo, weiß auch nicht warum. Meinem Naturell entsprechend, jammerte ich zwischendurch immer mal. „Das geht nicht. Ich kann nicht mehr. Wie soll denn bitteschön ein Baby aus mir rauskommen?! Das ist doch absurd und GEHT JA GAR NICHT!“
Mein geduldiger Mann redete mir gut zu und behauptete, dass ich das schaffen werde. Etwa gegen ein Uhr nachts (ich war im Wohnzimmer vor meinem Pool) verspürte ich den Drang zu pressen. Da schaltete sich schlagartig mein Kopf ein und sagte: „Das kann nicht sein, so schnell kann das nicht gehen, hier stimmt was nicht!“
Ich bekam richtig Angst und mein Mann wollte Maria holen. Das steigerte meine Angst nur, ich krallte mich an ihn und rief, dass er bei mir bleiben soll, ich habe schließlich Angst! Es kam die nächste Presswehe und noch als ich sie „wegdrücken“ wollte (der Kopf behauptete schließlich, dass das noch nicht sein kann), stand Maria vor mir. Sie redete beruhigend auf mich ein und ich erklärte ihr, dass ich pressen müsste und so doll Angst habe, denn das KANN ja noch gar nicht soweit sein. Sie soll doch bitte noch mal nach meinem Muttermund tasten. Das tat sie und sagte lächelnd: „Dein Baby ist so gut wie da!“
Ich konnte es nicht fassen! Weil das Kind (wie die Schwestern) im Wasser geboren werden sollte, „hüpfte“ ich schnell in meinen Pool und freute mich.  Das Baby ist so gut wie da! Ich fühlte selbst in mir nach dem Kopf des Babys und spürte etwas Runzeliges. Das Ohr! Ich war wie elektrisiert! Bei der nächsten Wehe kam dann das Köpfchen und eine Wehe später war das Baby geboren!!! Ich konnte es kaum fassen – so schnell …
Die Hebamme schaute direkt nach der Geburt ins Kinderzimmer. Die Kinder haben die Aufregung gespürt (eins musste sogar dringend aufs Klo) und waren alle wach. Sie kamen natürlich sofort und gemeinsam schauten wir, wer da bei uns gelandet ist. Ein Mädchen!!! Wie schön. Ich blieb noch ein bisschen im Pool, kam dann irgendwann raus und auf dem Sofa wurde die Plazenta geboren. So ein bisschen Geburt haben die Kinder dann also doch noch mitbekommen.  Als die Nabelschnur nicht mehr pulsierte, hat eine der Schwestern sie durchtrennt. Wir feierten dann gemeinsam noch ein bisschen mit Sekt und Limo, schließlich war ja Geburtstag! Maria erledigte ihren Schreibkram. Füllte brav alles aus …
Geboren um 1. 13 Uhr. 3340g, 51 cm lang. Gesundes Mädchen …
Es war irgendwie alles toll auf einmal.
Noch immer bin ich dankbar und froh! Es ist ein Glück, dass es so einfühlsame, kompetente Hebammen gibt! Danke, liebe Maria!!!

Einfach Kinderkriegen?

Wie wir unser genetisches Potential verspielen         von Sean Croxton  (aus dem Englischen von Sarah Schmid)

„Es wird nicht mehr so gemacht wie früher. Man hat den bewährten Bauplan verlassen. Wiederkehrende Produktionsfehler sind die Folge. Qualitätskontrollen finden kaum noch statt. Defekte Teile sind allgegenwärtig. Wie zu erwarten weist die Führungsetage sämtliche Verantwortung von sich und sieht die Schuld bei anderen. Weil es keine systematische Evaluierung aktueller Produktionsvorgänge gibt, erscheint die Krise unausweichlich.“

Die oben beschriebene Situation in einer Fabrik würde sicherlich einen öffentlichen Aufschrei provozieren. Arbeiter würden in Scharen die Arbeit niederlegen und streiken. Nur spreche ich hier nicht von der Aufsicht bei der Produktion von Waren, sondern davon, wie wir Babys machen.

Babys werden nicht mehr so gemacht wie früher.

Es ist noch nicht lange her, als Forscher und Missionare ihre Begegnungen mit den „übermenschlichen Kriegern“ niederschrieben, die durch ihren überragenden Mut und Intellekt beeindruckten und erstaunliche athletische Fähigkeiten und Widerstandskraft gegen Krankheit bewiesen. Diese Eingeborenen genossen ein langes Leben frei von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und den unzähligen Leiden des modernen Menschen. Sie verkörperten körperliche und geistige Perfektion mit ihren symmetrischen Gesichtern, weiten Nasenwegen für eine unbehinderte Atmung, breiten Kiefern, in denen alle ihre kariesfreien Zähne Platz hatten (die Weisheitszähne inbegriffen) und Augen die keine Brillen brauchten. Ihr Auftreten wurde als angenehm und umgänglich beschrieben. Ihre Dörfer brauchten keine Gefängnisse, psychiatrische Anstalten oder Krankenhäuser.

Die Älteren wurden in Würde alt und behielten ihre Leistungsfähigkeit und den klaren Verstand. Sie waren die Hüter des Wissens, das ihrer Sippe ermöglichte, sich körperlicher und geistiger Gesundheit zu erfreuen und kräftige Nachkommen zu zeugen, die die Traditionen fortsetzen würden. Ein Großteil dieses Wissens drehte sich um Ernährungsfragen. Dafür brauchten sie keine Bücher über Ernährung. Sie verließen sich auf die unzähligen Generationen vor ihnen, die die Zusammenhänge zwischen Nahrung und  menschlicher Entwicklung akribisch beobachtet hatten.

Das Kinderkriegen wurde nicht auf die leichte Schulter genommen. In vielen Kulturen war eine spezielle Ernährung vor Empfängnis und Schwangerschaft vorgeschrieben. Fischrogen (mit seinen Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA für die Entwicklung des Gehirns), Innereien (reich an fettlöslichen Vitaminen) und sorgfältig zubereitetes Getreide (für eine hohe Mineralstoffverfügbarkeit) waren gängige Lebensmittel, die den jungen Frauen halfen, kräftige Nachkommen zur Welt zu bringen. Männer wurden von dieser Regel nicht ausgenommen. Auch sie wurden vor der Hochzeit und Empfängnis einer speziellen Ernährung unterzogen. Um das Jüngere-Geschwister-Syndrom (1)  zu vermeiden (worauf ich später noch eingehe), wurden die Geburten in einem Abstand von 3-4 Jahren geplant. So konnte die Mutter ihre Nährstoffvorräte auffüllen, die während der vorangegangenen Schwangerschaft geleert worden waren. Diese „primitiven“ Eingeborenen betrieben die Fortpflanzung als Wissenschaft.

Auch wenn indigene Völker vermutlich nichts über Chromosomen und DNA wussten, wussten sie um den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Ernährung und Genexpression. Laut Dr. Catherine Shanahan, der Autorin des Buches „Deep Nutrition: Why Your Genes Need Traditional Food“(2) waren die sorgfältig ausgearbeiteten Ernährungspläne dazu da, den genetischen Reichtum zu erhalten – das genetische Erbe weiterzugeben, das jede Generation von hunderten, wenn nicht tausenden Generationen vor ihr erhalten hatte.

Den genetischen Reichtum von Jahrtausenden zu bewahren war eine Verantwortung von höchster Priorität. Verpasste man es, den reproduktiven Bauplan einzuhalten, konnte das genetische Potential nicht ausgeschöpft werden, was schwache, kränkliche Nachkommen zur Folge hatte, die den ganzen Stamm schwächten. Diese Menschen waren sich der Tatsache sehr bewusst, dass die Ernährungssünden einer einzigen Generation nicht nur ihre Kinder beeinflussen konnten, sondern auch ihre Enkel und Urenkel. Gene haben ein langes Gedächtnis … und eine kurze Sicherung.

In den 1930ern dokumentierte der Ernährungspionier Weston A. Price fotografisch den körperlichen und moralischen Verfall isolierter indigener Völker, der auftrat, sobald sie mit den „Nahrungsmitteln des Kommerz“ wie er sie nannte, in Berührung kamen: weißer Zucker, Mehl, Kochsalz und pasteurisierte Milch. Das traditionell überlieferte Wissen bestätigte sich augenscheinlich: Die Kinder derer, die diese nährstoffarmen Lebensmittel nutzten, zeigten eine veränderte Genexpression. Dazu gehörten schmale Kiefer, Zahnengstände, schlechte Sehkraft, verengte Atemwege, eine weniger ausgeglichenes Gemüt und das plötzliche Auftreten von bisher nicht vorhandenen Zivilisationskrankheiten. In anderen Worten: In einer einzigen Generation verwandelten sich diese großartigen Menschen in … nun, unsereins.

Veränderungen des Gesichts, die im Vergleich zu traditioneller Kost (oben) mit moderner Ernährung auftreten (unten): schmalere Gesichter und enge Kiefer, enger stehende Augen, schmale Nasenwege, allgemein eine Unterentwicklung des mittleren und/oder unteren Gesichtsdrittels. Quelle: „Healing our Children“ von Ramiel Nagel. Photos stammen von Weston Price

1.) auf englisch „Second-Sibling-Syndrome“

2.) Das Buch wird laut Angaben der Autorin vermutlich 2018 auf deutsch erscheinen.

Ein Blick in den Spiegel

Wo kommen die kleinen Babys her?

Bereits als Kind, als mich diverse Bücher glauben ließen, ich wäre an einem Storchschnabel hängend in die Welt gekommen, war ich fasziniert von dieser entscheidenden Frage. Die Vorstellung, wie ich in einer kleinen Decke durch die Luft direkt in die ausgestreckten Arme meiner überglücklichen Eltern flog, hinterließ einen bleibenden Eindruck in meinem jungen Gedächtnis. Mit Liebe gemacht – Vom Storch gebracht.

Irgendwann übernahmen die Bienchen und die Blümchen die Rolle des Storchs. Es wundert mich immer noch, warum Sex und Fortpflanzung immer mit geflügelten Kreaturen verknüpft wird. Aber schließlich war die Zeit der Metaphern vorbei und das Wunder des Lebens nahm reale Züge an. Nichts mehr mit Herumfliegen, dafür jede Menge Schwimmen. Eine glückliche Samenzelle verschmolz mit einer Eizelle – eine Einheit, die neues Leben bedeutete.

Der Weg von der Befruchtung bis zur Geburt war eine komplizierte Geschichte. Zellen teilten und differenzierten sich, Mitose, Meiose … das Zeug, das ich in der 8. Klasse in Bio gelernt habe und immer noch nicht ganz verstehe. Kein Wunder, dass man sich die Sache mit dem Storch ausgedacht hat. Fortpflanzung ist echte Naturwissenschaft.

Nur wenige Generationen zurück war es eine Kulturwissenschaft. Das Wissen darüber wurde wie ein Staffelstab von einer Generation an die nächste weitergegeben. Dieses Wissen beruhte nicht auf Forschung, sondern auf praktisch erlerntem Wissen und Erfahrung. Die Nahrungsmittel für die optimale Kinderaufzucht waren bekannt. Zukünftige Mütter und Väter bereiteten sich durch eine nährstoffdichte Ernährung auf eine Empfängnis vor – und begannen damit nicht erst danach. Die Babys wurden zwei Jahre gestillt – oder länger. Und um sicherzugehen, dass der Körper der Mutter stark genug für die nächste Schwangerschaft war, wartete man 3-4 Jahre bis zum nächsten Kind.

Kinderkriegen begann nicht im Mutterleib. Es begann im Boden. Aus der reichen Erde wuchsen nährstoffreiche Pflanzen. Die wurden von den Tieren gefressen. Die Menschen konsumierten beides: Pflanzen und Tiere. Die Verdichtung dieser für das Leben essentiellen Nährstoffe ermöglichte viele Generationen gesunder Babys – Babys, die eines Tages Männer und Frauen wurden, die große Stärke besaßen und immun gegen Zivilisationskrankheiten waren. Es war ihre Aufgabe, den Staffelstab weiterzugeben.

Der Staffelstab ist gefallen. Die Böden sind ausgelaugt. Die Pflanzen mit Chemikalien belastet. Die Tiere krank. Die Menschen kränker. In nur drei Generationen wurden Jahrtausende von genetischem Potential verspielt. Die ursprüngliche Dynamik ist verloren gegangen und nähert sich langsam und scheinbar unaufhaltsam dem Stillstand.

Zu sagen, dass wir in die Irre gegangen sind, ist noch eine Untertreibung. Die Ankunft industriell verarbeiteter Nahrungsmittel und giftiger Chemikalien hat eine neue Art von Menschen hervorgebracht. Eine, die auf Traditionen und gesunden Menschenverstand nicht viel gibt. Der Glaube, dass nicht gesunde Eltern gesunde Kinder bekommen können, ist längst Teil der kollektiven Überzeugung geworden. Traditionelle Wege gelten als rückständig und primitiv, seit eine bequemere Lebensweise mit Hilfe der Wissenschaften Einzug gehalten hat.

Heute haben Vitamintabletten die speziellen Nahrungsmittel ersetzt, die traditionell in Vorbereitung auf eine Schwangerschaft eingesetzt wurden. Als ob eine Tablette die vielzähligen Enzyme, Mineralstoffe, essentiellen Fettsäuren und Cofaktoren ersetzen könnte, die notwendig sind, um Nachkommen von gleicher Exzellenz zu schaffen, wie es vergangenen Generationen möglich war. Im Namen einer guten Vererbung Fischrogen, Innereien und fermentierte Lebensmittel zu verwenden – dieser Gedanke überzeugt nicht mehr. Stattdessen bauen wir unsere Körper (und die unserer Nachkommen) mit süßen Getreidepops, hormonbelasteten Tieren, ranzigen Pflanzenfetten, 90 kg Zucker im Jahr(1) und einer Diät-Cola obendrauf.

Bin ich der einzige, dem bewusst ist, dass kranke Kinder zu kranken Erwachsenen werden und dass kranke Erwachsene kranke Kinder bekommen? Das fällt nicht schwer, sich zusammenzureimen.

Moderne Krankheiten und Syndrome sind in der Tat modern. Die eingeborenen Völker, die Weston A. Price in den 1930ern und 40ern besuchte und studierte, hatten keine Ahnung von ADHS oder Autismus. Obwohl es weder Zahnseide noch Zahnbürsten gab, waren ihre Kinder (und auch die Alten) frei von Karies und brauchten keine Zahnspangen. Die meisten Kulturen hatten gar kein Wort für Krebs und trotz Rohmilch, fettem Fleisch, Eigelb und Butter waren sie frei von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Machen wir den Sprung ins Heute: einen seltsamen Ort, wo fettarm in ist und Stillen out. Irgendwie haben wir uns eingebildet, dass eine Dose mit pasteurisiertem Pulver den gleichen Nährwert und die gleichen immunologischen Vorteile bietet wie Muttermilch. Wir haben Angst vor einem geschwächten Immunsystem und legen es gleichzeitig darauf an, dass unsere Kinder ein geschwächtes Immunsystem bekommen.

Stillen ist umständlich? Milchpulver mit fluoridiertem Wasser(2) in einer BPA-haltigen Flasche anzurühren ist es nicht. Wow …

Eltern legen keinen Wert mehr auf einen Abstand zwischen den Kindern, sondern kriegen eins nach dem anderen. Der mangelernährte Körper der Mutter mag es durch die erste Schwangerschaft geschafft haben, aber die zweite und dritte fordert ihren Tribut. Dass sich ihre Gesundheit nach dem zweiten Baby verschlechterte, war in Wirklichkeit kein Mysterium, nur Ignoranz grundlegender Prinzipien der Fortpflanzung. Und obwohl sie nur ein Jahr auseinander sind, ist die Tatsache, dass das erste Kind sich besserer Gesundheit erfreuen wird als das nächste nichts anderes als die Manifestation des Jüngere-Geschwister-Syndroms. Das erste Kind hat Mamas Nährstoffvorräte geplündert und nur noch die Krümel für die Geschwister übrig gelassen. Wenn Mama und Papa es nur nicht so eilig hätten … Aber so ist Mamas ausgelaugter Körper nicht in der Lage, noch einmal genauso gesunden Nachwuchs zu erzeugen.

„Das Jüngere-Geschwister-Syndrom“ lässt sich am anschaulichsten in der weniger optimalen Entwicklung des Gesichtsschädels beim jüngeren Geschwisterkind beobachten. Hier zwei Maori-Schwestern, deren Eltern die westliche Ernährung übernommen haben: Die ältere Schwester links hat ein breites Gesicht mit den typischen Maori-Zügen. Die jüngere Schwester rechts zeigt eine Unterentwicklung des mittleren Gesichts, das wie eingedrückt wirkt. Außerdem ist das Gesicht insgesamt schmaler. Quelle: „Healing our Children“ von Ramiel Nagel. Fotos stammen von Weston Price
Weitere Beispiele für das „Jüngere-Geschwister-Syndrom“: Links das jeweils ältere Geschwisterkind, rechts das jüngere. Quelle: „Healing our Children“ von Ramiel Nagel. Photos von Weston Price.

 

Da kommen also die kleinen Babys her.

Und wie wir es lieben, mit dem Finger zu zeigen! Unsere aktuelle Gebrechlichkeit ist nicht unsere Schuld! Die Pharmaindustrie hat uns krank gemacht. Sie verfolgt uns mit Medikamenten, die wir nicht brauchen würden, wäre da nicht unsere eigene Dummheit. Sie bietet Linderung für Symptome, bei denen die meisten von uns zu faul sind, sich selbst darum zu kümmern – mit Hilfe der Ernährung, Lebensstilveränderungen, genug Ruhezeiten und Stressreduzierung. Die grundlegenden Dinge können ganz schön anspruchsvoll sein.

Nein, die Impfungen sind schuld. Egal, dass wir die Kinder lieber per Kaiserschnitt zur Welt bringen, statt sie im Geburtskanal mit Millionen das Immunsystem stimulierenden Bakterien in Kontakt zu bringen. Das Immunsystem ist eigentlich dazu da, uns gegen die Krankheiten zu schützen, gegen die geimpft wird. Wenn wir unsere Kinder mit einem beeinträchtigten Immunsystem an den Start schicken, sind wir dann nicht teilweise selber schuld?

Wir als einzelne aber auch als Gesellschaft müssen weniger Zeit damit verbringen, den Schuldigen ausfindig zu machen und mehr Zeit darauf verwenden, in den Spiegel zu schauen. Kranke Menschen bekommen keine gesunden Kinder. Das ist kein Konzept, das schwer zu verstehen ist. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, haben einen genetischen Einfluss nicht nur auf unsere Kinder, sondern auch auf unsere Urenkel. Man kann sich die drohende Gesundheitskatastrophe ausmalen, die nur drei Generation weiter auf unserem kollektiven Familienbaum lauert.

Wir sollen das Leben achten, sagt man uns. Gleichzeitig führt unsere Selbstzentriertheit zu einer Missachtung der niedrigeren Lebensformen, die unser Leben überhaupt möglich machen und eine Nichtbeachtung des Lebens, das aus uns hervorgeht. Leider finden wir die existierenden Lösungen zu primitiv für so anspruchsvolle Wesen wie uns. Ein Bewusstwerden unserer Herkunft und unserer Vorfahren war noch nie so dringlich wie heute.

Wacht auf, Leute! Der Storch kommt nicht.

Sean Croxton

1.) Die Zahlen stammen aus den USA. Der Zuckerverbrauch in Deutschland liegt bei „nur“ 35 kg pro Kopf im Jahr.

2.) In den USA ist die Anreicherung des Trinkwassers mit Flouriden üblich. In Deutschland ist das zum Glück nicht der Fall.

Der Artikel wurde erstmalig veröffentlicht im Januar 2013 und erschien auf englisch unter der Überschrift „Mindless procreation“ auf www.undergroundwellness.com in zwei Teilen: Teil 1 und Teil 2

Abschließend meine persönliche Gedanken zum Artikel: Bis zum vierten Kind kannte ich das Konzept nicht, den Abstand zwischen den Geschwistern bewusst etwas größer zu wählen. Und auch nicht, mich mit speziellen Lebensmitteln vorzubereiten. Folglich kamen die ersten vier Kinder mit Abständen von unter zwei Jahren und das „Jüngere-Geschwister-Syndrom“ ist auch an ihnen nicht spurlos vorbeigegangen. Es war eine schöne, anstrengende Zeit, die mich körperlich an meine Grenzen brachte und auch ihren gesundheitlichen Tribut forderte. Ich will meine Kinder nicht missen, keins von ihnen. Aber ich habe einiges gelernt dabei. Auch wie wertvoll es sein kann, einen Abstand von drei statt nur zwei Jahren zu haben, den wir dann zwischen dem vierten und fünften Kind einhielten. Und für diesen Abstand möchte ich gern ein Bewusstsein erwecken. Denn so eine kleine Pause tut allen Beteiligten gut: der Mutter, der Paarbeziehung, dem größeren Geschwisterkind und dem jüngeren, das noch kommen soll. Wird dann die Zeit, in der wir Kinder haben, nicht unnötig lang? Sie würde sicherlich etwas länger. Aber vielleicht würde diese Zeit dann auch viel schöner und entspannter, so dass wir unsere fruchtbaren Jahre mit Kindern und unserem restlichen Leben zusammen noch mehr genießen können und das Ende gar nicht unbedingt herbeisehnen.

Eure Sarah Schmid

P.S.: Der übersetzte Artikel kann in seiner Kürze nur einen groben Überblick über das geben, was ich in den letzten 6 Jahren recherchiert und gelernt habe. Wer mehr lesen will, kann das hier tun:

„Das Vermächtnis unserer Nahrung“ von Sally Fallon

„Karies heilen: Natürlich starke Zähne mit der richtigen Ernährung“ von Ramiel Nagel

„Deep nutrition: Why your genes need traditional food“ von Dr. Catherine Shanahan

„Nutrition and physical degeneration“ von Weston Price (kostenlose Online-Version)

„The nourishing traditions book of baby and child care“ von Sally Fallon