Hausgeburtshebamme Weg – Dann eben Alleingeburt

Durch einen Umzug verlor diese junge Mutter ihre Hausgeburtshebamme und entdeckte die Geburt in Eigenregie für sich. Ihre erste Schwangerschaft endet zu früh. Wie damals auch schon vertraut sie bei der Geburt auch jetzt wieder ihrer Intuition.

Da ich mich daran erinnere, wie mich in meiner „Alleingeburts-Findungsphase“ diese Berichte hier von Hocker gerissen haben, möchte ich nun selbst von der Geburt unserer Tochter im Februar dieses Jahres schreiben. Ich bin 22 und hatte wie alle Erstgebärenden wenig Ahnung, was mich bei einer Geburt überhaupt erwartet. Als ich vor circa einem Jahr schwanger wurde, hatte ich irgendwie Hemmungen, mich damit zu beschäftigen, es ging mir richtig gegen den Strich. Diese erste Schwangerschaft endete in einer „Kleine Geburt“/Fehlgeburt im dritten Monat. Damals war für mich intuitiv klar, dass ich entgegen den Empfehlungen keine Ausschabung wollte, sondern das, was meiner Ansicht nach ein winziger Mensch gewesen war, zu Hause alleine zur Welt bringe. (Ohne überhaupt je etwas von Alleingeburt gehört zu haben. Ich habe letztendlich 6 Wochen nach Feststellung warten müssen! Es war dann ein sehr schönes Erlebnis). Danach habe ich mich selbst und andere aufmerksamer beobachtet. Frauen tuen oft Dinge, die sie eigentlich gar nicht wollen, nur sprechen sie nie darüber, weil a) „man das eben so macht“ und sie b) nicht mal merken, dass etwas faul ist, sondern denken, sie selbst hätten dumme irrationale Gefühle. Als ich sofort wieder schwanger wurde, plante ich eine Hausgeburt und ging diesmal erst in der 20. Woche zur Frauenärztin, vorher nur zur Hebamme. Beide waren total lieb und verständnisvoll, aber ich merkte, dass ich die Geburt nicht mit ihnen teilen wollte. Gegen Ende der Schwangerschaft wurde klar, dass wir umziehen müssten, noch vor der Geburt … Ätzend! Also keine Hausgeburt, natürlich war in der neuen Gegend keine Hebamme mehr dafür zu finden. Ein Geburtshaus erbarmte sich dann noch meiner, aber da war ich schon auf den Gedanken der Alleingeburt gekommen. Und dann waren mein Mann und ich nicht mehr zu bremsen. Wir verschlangen die ganze Palette an Alleingeburtslektüre. Am Schluss hatten wir die Ansicht, dass für uns alles andere riskanter wäre als eine Geburt alleine zuhause. Ich wusste, das jeder, der nicht mein Mann ist, die Geburt stören und gefährden würde. Nach dem Umzug genoss ich die letzten Wochen, zumal ich ja für Hebamme und Ärztin von der Bildfläche verschwunden war. Die Schwangerschaft war insgesamt eine wunderbare Zeit. Ach ja, das Geburtshaus noch. Wir schauten es uns trotzdem an. Obwohl wir sonst unsere Pläne geheim hielten, erzählte ich sie der Hebamme dort. Sie war gar nicht sooo entsetzt und meinte am Ende noch, dass wir das auf jeden Fall schaffen werden. Ich wollte es mir bis zum Schluss offen lassen, ob wir da hinfahren, zu Hause bleiben oder sogar ins Krankenhaus gehen. Ich habe nämlich manchmal Angst vor der Angst und war mir unsicher, wie wir bei Geburtsbeginn reagieren würden. Bis jetzt war ich immer gelassen und wusste einfach, dass alles gut gehen würde, aber man weiß ja nicht … Und so komme ich jetzt endlich mal zum eigentlichen Geburtsbericht.

Die Geburt

Drei Tage vor Termin (ich war noch fleißig am Vorkochen) ziepte es einfach morgens und ich dachte: Mhhh, das kenn ich doch von der Fehlgeburt. Wir fuhren am Nachmittag noch zu den Schwiegereltern, wo mir langsam mal dämmerte, dass das Wehen sein könnten. Wir mussten noch eine Stunde zurückfahren und flüchteten. Im Sitzen bei der Fahrt waren die Wehen echt eklig und es war gar keine Frage, ich wollte nur nach Hause und sonst nirgendwo hin. Ich war aber weder ängstlich noch aufgeregt. Dort angekommen, es war schon Abend, ging die Geburt richtig los. Unsere Vorbereitungen bestanden lediglich aus einer Menge Erste-Hilfe-Zeug und alten dunklen Handtüchern (Einmal kalt, einmal heiß waschen und alles ist wieder sauber). Die Erinnerungen an die Wehen sind so nebelig, ich habe absolut nicht gemerkt, wie die Zeit verging. Ich lief und hockte und duschte immer mal wieder (Ich kann Duschhocker sehr empfehlen). Zwischendurch musste ich mich mehrmals übergeben, mir war von den Wehen so speiübel. Das war gefühlt das Schlimmste an der Geburt (Aber ich behaupte stolz, dass das das erste Mal Übergeben in der ganzen Schwangerschaft war).

Mein Mann maß die Abstände zwischen den Wehen, mich interessierte das gar nicht. Für ihn ging es bestens voran, ich hatte das Gefühl, die Wehen würden gar nichts bringen. Ich hatte einfach keine Lust auf Geburt und wollte schlafen. Ich döste auch zwischendurch immer mal ein. Irgendwann merkte ich, als ich kurz vor Mitternacht im Schlafzimmer kauerte, dass die Wehen in Presswehen übergingen. Mein Mann saß im Bett und las, ich sagte nichts und tappte verstohlen in unser winziges Badezimmer. Dieser warme kleine Ort, der zur Hälfte aus Dusche besteht, war während der letzten Zeit immer mein Rückzugsort gewesen und in allen meinen Vorstellungen der Geburtsort. Kaum angekommen platzte die Fruchtblase. Das gab mir vielleicht einen Kick! Die Wehen wurden jetzt auf einmal seltsam angenehm, alles wurde noch nebliger und ich MUSSTE mich einfach aus dem Stand hinhocken, so überwältigend war das Ganze. Ich liebe es, mich an das Gefühl zu erinnern, wie das Köpfchen herunterkam. Es war einfach unglaublich! Übrigens hatte ich bis dahin kein einziges Mal unten nachgeschaut. Der Muttermund war für mich schon immer ziemlich undefinierbar gewesen und ich dachte, dass ich mich eh bloß verunsichern würde. Aber nun fühlte ich doch mal und war natürlich prompt verunsichert. Ich erwartete ein glattes Köpfchen und fühlte die übereinandergeschobenen Schädelplatten, was mir in dem Moment aber nicht klar war. Neokortex wieder an und mich fragend, ob das irgendwie Händchen, Füßchen oder gar die Nabelschnur sei, rief ich dann doch noch meinem Mann dazu. Der sah sofort was Sache war und staunte, weil das Baby auch sofort kam. Erst der Kopf. Ich sah, wie sie sich drehte und freute mich wahnsinnig, dass sie das so wie im Lehrbuch meisterte. Ich habe sie sogar dafür gelobt. Gleich darauf kam der Körper und mein Mann fing sie auf. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich das mache, aber egal. Sie gluckste und schrie dann kurz. Ich legte sie an die Brust, wickelte sie in ein Handtuch, streichelte sie und damit war sie sichtlich zufrieden. Ich konnte es gar nicht richtig fassen, dass das tatsächlich ein richtiges Baby war …unser Baby! Sie wurde schnell rosig und schlief bald fest ein. Irgendwann durchtrennten wir mit einer Stoffschere die Nabelschnur (meistgefragte Frage hinterher: „Aber wie war denn das mit der Nabelschnur…?!“) und watschelten zurück ins Schlafzimmer. Die Plazenta wollte sich noch Zeit lassen und kam erst durch gaaanz leichtes Drücken und Ziehen. Entgegen unseren Erwartungen fanden wir sie irgendwie doch ekelig …

Die Nachwehen waren ziemlich mies. Ich saß ja stillend im Bett und konnte mich dabei nicht bewegen. Als würde mir die Geburt noch einen Tritt in den Hintern verpassen. Naja … Wie fand ich die Wehen insgesamt? Nicht schmerzhaft, aber anstrengend und intensiv. Ich hätte zu keinem Zeitpunkt Schmerzmittel haben wollen. Ich hatte immer gedacht, dass sie Richtung Übergangsphase recht gnadenlos werden müssten. In der Realität dachte ich, dass sie zu kurz und harmlos wären, aber zugleich hatte ich lange sowas von keine Lust mehr …Übergangsphase gab es also gar nicht wirklich für mich. Dafür, dass man monatelang nur Geburt im Kopf hatte, war alles doch recht unspektakulär. Die Kleine war so gegen halb eins gekommen. Ich hatte hier einen Bericht gelesen, bei dem es für alle zur Feier nach der Geburt Pizza gab und fand diese Idee so toll, dass ich das auch wollte. Aber es sah dann so aus, dass ich mich dermaßen vor der Pizza ekelte, dass ich sie nicht sehen wollte. Unsere Kleine schlief ganz schnell ein und dann schmusten wir alle zusammen. Das Wochenbett war eher stressig. Vielleicht der Preis, den ich für die schöne Geburt zahlen musste. Das Stillen hatte ich gnadenlos unterschätzt und alles wurde wund. Ich habe keine Nachsorgehebamme gefunden, die mir zusagte und wollte, nachdem ich so einiges von anderen Alleingeburtlerinnen gehört hatte, keine schlafenden Hunde wecken. Ebenso beim Standesamt.

Sie verstanden zwar, dass das Kind irgendwie alleine zu Hause auf die Welt gekommen war, aber nicht, dass kein Arzt eine Geburt bestätigen kann, bei der er nicht anwesend war. Irgendwie ergatterte ich dann am vierten Tag nach der Geburt „irgendetwas Ärztliches“, eine Art Bestandsaufnahme von Geburtsspuren mit Stempel und Unterschrift (Übrigens nur eine winzige Schürfung). Das reichte dann anscheinend. Ich musste mich noch etwas von einer frostigen Frauenärztin anmeckern lassen, ließ mich aber auf keine Diskussionen ein, weil ich viel zu müde war und zurück zu Papa und Baby wollte. Wir hatten alles ja möglichst geheim gehalten. Wer es dann sonst noch erfahren hat, hat aber eigentlich meist ziemlich positiv reagiert. Mach dem Motto: Die wissen schon, was sie da gemacht haben. Vor allem der Kinderarzt für die U2 war amüsiert und leicht begeistert. Sicher hat er sich für die Maus gefreut. Ich fand es interessant, wie zwei Ärzte, die ich hintereinander aufsuchte, so verschiedene Ansichten haben konnten.

Was ich letztendlich schade an der ganzen Sache finde ist, dass ich das Ganze anderen nicht mal eben erklären kann. Ich brauchte zur Überzeugung auch meine Zeit und X Bücher um quasi ein ganzes Weltbild zu drehen. Dass Geburt ganz anders funktioniert als wir denken. Ich glaube, der Grund warum viele Angst davor haben, ist die Würdelosigkeit der Krankenhausgeburt (Pauschalisieren kann ich das natürlich nicht … Aber was als vollkommen normal gilt, geht so gegen mein natürliches Schamgefühl, dass ich nicht anders kann als glauben, dass jede Frau sich durch Ängste unbewusst gegen Ausgeliefertsein und Fremdbestimmung wehrt.) Meine Geburtsängste waren ab dem Alleingeburtsplan jedenfalls verschwunden. In den heftigen Reaktionen, die man manchmal bekommt, steckt sicher auch eine große Portion Selbstrechtfertigung mit drin. Man kann eben nicht leugnen, dass Hausgeburtsbabys geburtsmäßig ziemlich verwöhnt sind, was ja auch genau richtig ist. Ich habe absolut gar nichts gegen Hebammen. Ich wollte keine, weil ich weiß, dass ich jemand bin, den das bloße Wissen, dass jemand auf mich wartet, mich schrecklich irritiert und ich mein Gehirn dann fälschlicherweise benutze, um in Beziehung mit ihr zu treten, statt mich in Ruhe gebären zu lassen. In meinem Bekanntenkreis gab es öfters abgebrochene Hausgeburten. Es liegt wohl eher am System als an den Hebammen oder den Frauen. Ich persönlich bin dankbar, dass ich meine Hausgeburthebamme verloren habe. Ohne die blöden Umzugsstrapazen wäre ich sicher kaum auf den Gedanken der Alleingeburt gekommen. Na und ohne ein bisschen „generelle Unkonventionalität“ im Leben wohl auch nicht!

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