Eine kleine Geburt in Eigenregie

Der Körper einer Frau ist gut zum Gebären gemacht. Und selbst wenn sich die Schwangerschaft aus irgendeinem Grund nicht weiterentwickelt, ist der Körper normalerweise gut in der Lage, mit dieser Situation umzugehen. Diese Mama erzählt die Geschichte ihrer selbstbestimmten Fehlgeburt.

Vorgeschichte 

Letztes Jahr hatte ich bereits eine frühe Fehlgeburt in der 7. Woche. „Zu meinem Glück“ begann die Blutung an einem Samstag und die Fehlgeburt war dann am Montag darauf, was ein Feiertag war, weshalb ich gar nicht erst zum Arzt ging und somit das Thema Ausschabung gar nicht erst aufkam.

Über ein Jahr später war ich dann etwas überraschend wieder schwanger.  Wir hatten es schon länger probiert und es ausgerechnet in diesem Zyklus eigentlich nicht darauf angelegt. Ich freute mich, konnte mich allerdings nicht so richtig auf die Schwangerschaft einlassen. Wahrscheinlich versuchte ich unbewusst, mich vor einer erneuten Enttäuschung zu schützen. Ich überlegte hin und her, ob ich zum Arzt gehen sollte – ein Herzschlag könnte mir vielleicht helfen, mich besser auf die Schwangerschaft einzulassen. Andererseits war mir klar, dass das immer nur eine Momentaufnahme ist. Trotzdem ging ich in der 8. Woche zum Arzt und vergoss Freudentränen, als tatsächlich ein Herzschlag zu sehen war. Die Freude hielt aber nur kurz an, schon bald überwog wieder die Angst, dass das Herz aufhören könnte zu schlagen. So überlegte ich wieder, ob ich überhaupt zum Vorsorgetermin in der 11. Woche gehen sollte. Am Tag danach wollten wir in den Urlaub fahren … Ich hatte zwar Angst vor dem Termin, gleichzeitig war die Unsicherheit aber auch schwer zu ertragen und so entschied ich mich, hinzugehen.

Ich wartete 45 Minuten mit Herklopfen und schwitzigen Händen. Der Arzt schallte und sagte erstmal nichts, dann nur „Querlage“ und dann wieder nichts. Da war mir schon alles klar. Er sagte dann auch „Das sieht nicht gut aus, ich kann keinen Herzschlag finden“. Und wieder brach ich noch auf dem Untersuchungsstuhl in Tränen aus. Er gab mir sofort eine Überweisung ins Krankenhaus, meinte, ich solle da nochmal nachschauen lassen, die hätten bessere Geräte, ich solle aber jetzt nichts mehr essen und trinken und nicht rauchen. Ich verstand das alles erstmal nicht. Meinte er, dass heute noch eine Ausschabung gemacht werden soll? Er hatte mir nicht einmal gesagt, wie groß der Embryo war und mich auch nicht gefragt, ob ich ein Bild haben will. Die Arzthelferin war nett, redete mir aber noch zu, dass ich dann nach der Schwangerschaft unbedingt die Röteln-Impfung machen lassen solle. Genau, was man in so einer Situation hören will …

Unter Tränen ging ich raus und rief erst einmal meine Mutter an. Sie riet mir, nach Hause zu fahren und die Hebammen zu kontaktieren. Das machte ich dann auch, rief noch meinen Mann auf der Arbeit an, der sofort zu mir kam und völlig schockiert und verzweifelt reagierte. Er war im Gegensatz zu mir optimistisch gewesen.

Die Hebamme beruhigte mich und sagte, dass ich auch erstmal abwarten und ruhig in den Urlaub fahren kann, was auch genau meinem Gefühl entsprach. So machte ich es, und es passierte erstmal lange nichts. Nach drei Wochen ließ ich im Krankenhaus nochmal einen Ultraschall machen. Ich wollte gerne wissen, wie weit die Schwangerschaft sich überhaupt entwickelt hatte und ob sich vielleicht schon etwas getan hat. Die Fruchtblase war sehr groß, der Embryo allerdings nur ca. 2 cm, was Ende der 9. Woche entspricht. Es hatte sich noch nichts getan.

Drei Tage danach, bei 12+6, also ziemlich genau 4 Wochen, nachdem das Herz stehen geblieben sein musste, begann eine leichte Blutung. Um meinen Körper zu unterstützen trank ich ab da Himbeerblätter- und Hirtentäscheltee. Die Blutung wurde aber nicht wirklich stärker, ab und an ging mal ein kleines bisschen Schleimhaut ab. Schmerzen hatte ich auch nicht wirklich, nur ein bisschen im unteren Rücken.

Die kleine Geburt

Bei 13+2 wurde ich morgens um 6.30 Uhr von Bauchschmerzen wach. Mit Wärme waren sie aber noch eine Weile gut auszuhalten. Die Blutung war immer noch sehr schwach.

Die Schmerzen steigerten sich dann aber, und es waren tatsächlich Wehen. Sie kamen, hielten vielleicht eine Minute an und danach kam eine Pause ohne Schmerzen. Die Pausen wurden dann immer kürzer und die Schmerzen immer heftiger. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war absolut nicht zu vergleichen mit der kleinen Geburt in der 7. Woche, bei der die Schmerzen nicht stärker als bei der Menstruation waren. Ich nahm dann 2 Paracetamol, die aber nach meinem Empfinden keine Wirkung zeigten. Diese starken Schmerzen hatte ich von etwa 10.30 Uhr bis zur kleinen Geburt um ca. 12.45 Uhr. Ich musste während der „Wehen“ heftig atmen, um es aushalten zu können. Mein Kreislauf machte das nicht gut mit, daher lag ich die meiste Zeit im Bett, weil ich sonst das Gefühl hatte, gleich umzukippen. Wenn ich merkte, dass was kommen würde, setzte ich mich auf die Toilette, meistens mit einer Schüssel drin. Meine Mutter war die ganze Zeit dabei, sie ist Krankenschwester auf der Neugeborenenstation. Es war beruhigend für mich, sie dabei zu haben, auch wegen meines schwachen Kreislaufs.

Was mich auch überraschte war, dass die ganze Zeit immer noch sehr wenig Blut und Gewebe kam. Das hatte ich von der letzten kleinen Geburt ganz anders in Erinnerung. Ich versuchte auch mal aktiv zu schieben, aber das brachte gar nichts. Irgendwann, vielleicht so eine dreiviertel Stunde bevor es vorbei war, äußerte ich die Vermutung, dass sich wahrscheinlich die Fruchtblase gelöst hat und vor dem Muttermund liegt und diesen blockiert. Irgendwie fühlte es sich so an und es war für mich eine logische Erklärung dafür, dass so wenig Blut kam. Ich wollte dann eigentlich mal nachfühlen, dazu kam ich aber nicht, weil ich zu sehr mit den Schmerzen beschäftigt war.

Irgendwann bekam ich dann einen leichten Anflug von Verzweiflung, wollte, dass endlich was rauskommt, fragte, wie lange das jetzt noch so weiter gehen soll. Kurz hatte ich den Gedanken, dass es dann eben doch in Ordnung wäre, ins Krankenhaus zu fahren und eine Ausschabung machen zu lassen, fragte mich nur, wie ich die Fahrt ins Krankenhaus schaffen sollte. Während ich diese Gedanken hatte war ich sehr zittrig, kniete auf dem Boden und zitterte. Ich merkte, dass mir so langsam unwohl wird bei der Sache und es jetzt bald mal vorbei sein müsste.

Es fühlte sich aber sehr danach an, dass dort etwas ist, was nicht rauskommt. Ich sagte noch zu meiner Mutter, dass es sich anfühlt wie Verstopfung. Ich bat meine Mutter dann kurz rauszugehen, um mich alleine besser entspannen zu können. Ich hatte noch eine letzte Hoffnung, dass es dann vielleicht doch noch klappen könnte, wenn ich mal diesen Druck wegbekommen würde. Sie war gerade raus, ich setzte mich auf die Toilette und nach ein paar Sekunden fiel etwas Großes aus mir heraus ins Wasser (da war leider gerade keine Schüssel drin). Danach ging es mir plötzlich schlagartig besser, das Zittern und die Schmerzen waren sofort weg.

Ich sagte meiner Mutter Bescheid und sie zog sich Handschuhe an, fischte es raus und legte es in eine Schüssel. Sie war ganz euphorisch und meinte: Du hast es geschafft! Ich konnte es irgendwie noch nicht ganz glauben, aber eigentlich wusste ich es auch. Was da rausgekommen war, war die Fruchtblase, komplett intakt und noch gefüllt mit Fruchtwasser. Es sah im Prinzip aus wie ein mit Wasser gefüllter Ballon, ca. 10 cm lang und 5 cm breit. Ich fand das unglaublich, dass sie intakt geblieben ist. Meine Mutter meinte auch, am Rand die Plazenta zu erkennen, bzw. da wo sie angewachsen war. Tatsächlich sah es da etwas anders aus. Ich denke, ich lag richtig mit meiner Vermutung, dass die Fruchtblase sich gelöst und den Muttermund praktisch verschlossen hatte. Vielleicht hatte ich auch deswegen so starke Schmerzen. Es muss ja doch ein gewisser Druck dagewesen sein und der Muttermund sich ziemlich weit geöffnet haben, damit sie so völlig unbeschädigt rauskommen konnte. Irgendwie war ich sehr glücklich darüber, dass sie komplett war. Dadurch war ich mir sehr sicher, dass es jetzt vorbei ist und ich hatte danach auch tatsächlich gar keine Schmerzen mehr.

Ich wollte dann gerne noch nachschauen, ob man den Embryo sehen kann. Dafür mussten wir die Fruchtblase aufschneiden. Und tatsächlich, man konnte ganz eindeutig einen kleinen, ca. 2 cm großen Embryo erkennen. Mit Augen an den Seiten, kleinen Paddeln und ich meine auch noch einen kleinen Schwanz erkannt zu haben. Auch der Embryo war noch völlig intakt, obwohl das Herz ja schon vor 4 Wochen aufgehört hatte zu schlagen, aber er lag ja auch die ganze Zeit im Fruchtwasser. Auch die Nabelschnur konnte man erkennen. Ich fand das absolut faszinierend und bin sehr glücklich, dass ich das sehen konnte. Wir haben dann noch Fotos gemacht und meine Mutter fragte, ob ich es ins Labor schicken will. Ich war mir nicht sicher und habe dann meinen Mann angerufen. Er war aber eher dagegen. So haben wir es dann nachmittags im Garten begraben.

Nachdem es überstanden war, ging es mir sofort viel besser und ich war sehr erleichtert. Danach kamen noch ein paar Schwälle Blut, aber alles in allem nicht besonders viel, wie ich fand. Am dritten Tag nach der kleinen Geburt kam nochmal viel Blut, ansonsten war die Blutung nicht mehr als meine normale Menstruation. Gut zwei Wochen nach der kleinen Geburt hatte ich wieder einen Eisprung.

Ich ließ danach noch meinen Eisenwert und hcG-Wert überprüfen, der Eisenwert war sehr gut, ich hatte auch zur Vorbereitung Kräuterblutsaft getrunken und viel Eisenhaltiges gegessen. Das hcG war 4 Tage nach der kleinen Geburt schon auf 120 gesunken und eine Woche später auf 25. Aufgrund von Unstimmigkeiten mit meinem Frauenarzt ließ ich keinen Ultraschall mehr machen.

Ein selbstbestimmter Weg

Obwohl die kleine Geburt ziemlich schmerzhaft war und ich auch an einen Punkt gekommen bin, an dem ich kurz vorm Verzweifeln war (vielleicht so eine Art Übergangsphase…?) bin ich sehr, sehr froh, diesen Weg gegangen zu sein. Ich habe nach der Diagnose fast drei Wochen auf die kleine Geburt gewartet und habe das Gefühl, dass ich dadurch Zeit hatte, mich körperlich und mental darauf vorzubereiten und loszulassen. Dass ich es gesehen habe, hilft mir glaube ich auch, es zu realisieren und zu verarbeiten. Zwischendurch hatte ich sehr große Angst vor dem, was danach kommt, wieder aufs schwanger werden warten, wieder die ersten Wochen zittern…aber da müssen wir wohl durch und auch das werden wir schaffen. Dass mein Körper es selbst geschafft hat gibt mir trotz allem ein Stück weit Vertrauen zurück.

Allen, die unsicher sind, ob sie die kleine Geburt machen wollen, möchte ich Mut zusprechen. Lasst euch nicht von Ärzten und anderen Menschen verunsichern, sondern hört auf eure Bedürfnisse und achtet gut auf euch und euren Körper. Wenn ich Anzeichen einer Infektion gehabt hätte, wäre ich sofort zum Arzt gegangen, aber so lange es mir gut ging sah ich keinen Grund zur Eile. Die Begleitung meiner Mutter und meiner Hebammen war Gold wert (im Gegensatz zur Verunsicherung durch den Arzt).

Ich hoffe sehr, dass Frauen wie wir, die diesen Weg gehen, irgendwann ein Umdenken bei den Ärzten anregen werden. Auch ich bin natürlich sehr dankbar für die medizinischen Möglichkeiten, wenn ich sie brauche, wünsche mir aber sehr, dass endlich mal mit alten Ammenmärchen aufgeräumt wird und den Frauen und ihren meist sehr gut funktionierenden Körpern wieder mehr Vertrauen entgegen gebracht wird.

 

 

 

2 Gedanken zu „Eine kleine Geburt in Eigenregie“

  1. Ich freue mich so sehr über den Bericht, weil ich vor ein paar Monaten eine Fehlgeburt hatte, die bis zu einem bestimmten Moment sehr ähnlich verlief. Ich hatte mich auch nach der Diagnose „kein Herzschlag“ dazu entschlossen zu warten. Es dauerte lange, aber ich achtete sehr darauf, wie es mir ging (Fieber o.ä.) und da ich mich gut fühlte, sah ich keinen Grund mich drängen zu lassen. Ich hatte ebenfalls über längere Zeit leichte Schmierblutungen bis es richtig losging mit den Wehen. Aber wie! Das waren wirklich wie Wehen unter der Geburt und das erschrak mich sehr. Schmerzmittel zuhause half nichts. Als stundenlang nichts passierte, obwohl die Wehen immer dichter und intensiver wurden, geriet ich dann doch in Panik. Ich freue mich sehr für dich (die Mama aus dem Artikel), dass du über diese Phase drübergekommen bist! Ich bin dann ins Krankenhaus gefahren, leider, ich wollte es wirklich gern vermeiden. Natürlich Vorwürfe und Unverständnis von allen Seiten und ich sofort wurde die Ausschabung geplant. Nun ja, ich stimmte zu, ich war mit den Schmerzen, nach der Fahrt usw. nur noch in der Lage alles abzunicken. Wobei ich im Nachhinein denke, dass es eine ordentliche Portion Schmerzmittel und abwarten auch getan hätten. Denn während ich in einem Bett saß und auf die OP wartete, löste sich plötzlich etwas in der Gebärmutter, ich hockte mich schnell hin und „gebar“ ein sehr große Menge, für mich wirklich erschreckend groß, Blutkoageln usw. Nachdem der Rest ausgeschabt wurde, wunderte sich der Arzt, wie weit mein Muttermund offen war und dass der gar nicht operativ geöffnet werden musste. Trotz des eher missglückten Ausgangs, fühlte ich mich gestärkt. Erstens, weil ich doch, wie ich mir gewünscht hatte, erleben und begreifen konnte, wie die Schwangerschaft abgeht. Zum anderen hatte ich bei meinen zwei Kindern Kaiserschnitte, weil mein Muttermund nie aufging. Ich wollte aber nicht glauben, dass das bei mir „einfach so ist“ und mein Körper diesen Defekt hat. Und da ging für eine „kleine Geburt“ der Muttermund doch plötzlich auf.
    Ich wünsche dir alles Gute, liebe Mama, und spreche dir mein Beileid, aber vor allem meine Bewunderung aus. Danke, dass du deinen Bericht geteilt hast.

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