Alleingeburt und natürliche Sterbegleitung

Liebe Leser,

heute darf ich einen besonderen Bericht mit euch teilen. Tod und Leben liegen manchmal dicht beieinander. Die Mutter im folgenden Bericht bekommt ihr viertes Kind in Eigenregie und verliert ihr erstes Kind kurze Zeit später an einem Hirntumor. So schrecklich das ist, so nötig ist es, dass unsere Gesellschaft nicht nur das Gebären, sondern auch das Sterben von allen auferlegten Tabus befreit und den Menschen zurück in die Hände legt. Die Berichtschreiberin und ich hoffen, hiermit einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können.

Ich heiße Yana und bin Mutter von vier Kindern. Zwei Kinder waren  hebammenbegleitet und zwei Alleingeburten. Dieses Jahr habe ich mein viertes Kind im Wald mit dem Papa auf die Welt gebracht. Die Schwangerschaft verlief problemlos. Keine Untersuchungen, keine Arzttermine. Alles war entspannt.

Doch am Ende der Schwangerschaft wurde ich doch etwas nervös. Ich hatte Angst vor dem Verlust und Tod. Ich wusste, dass ich auch damit rechnen musste. Wir geben Leben und begleiten auch das Sterben. Das war mir plötzlich bewusst.

Als ich in der 37. Woche war, kam dann der Schock. Mein Sohn Lennox, 10 Jahre, vorher kerngesund, hatte plötzlich Probleme beim Laufen und Sprechen, er sabberte und schielte.

Wir sind ins Krankenhaus. Diagnose Hirnstammtumor!!! Überlebensrate ein Prozent. Ich war am Boden zerstört. Wie soll ich das schaffen? Wird er sterben? Wie soll ich denn jetzt ein Baby gebären? Wie soll ich leben? Mein Sohn musste ins Krankenhaus und wurde erst einmal mit Kortison behandelt. Einen Monat später sollte er mit der Strahlentherapie beginnen.

Der Papa blieb mit Lennox zwei Wochen im Krankenhaus. Dann durfte Lennox erst mal nach Hause. Er war stabil, aber mittlerweile konnte er kaum noch laufen, essen, trinken, sprechen. Es war ein Marathon zwischen Geburtsvorbereitung und Überlebenskampf. Wir haben angefangen, die Ernährung umzustellen. Haben uns über Naturheilverfahren informiert. Haben Pflanzenextrakte besorgt, Heiler kontaktiert usw. Nichts hat geholfen. Es ging ihm nicht besser und der Geburtstermin und die Strahlentherapie rückten immer näher.

Ich war im Stress. Das Baby musste vor der Strahlentherapie kommen. Denn die Strahlentherapie sollte in Paris gemacht werden. (Wir wohnen in Südfrankreich.) Und ich wollte in der Nähe von meiner Familie bleiben.

Dann am 26.3., 4 Uhr morgens, verlor ich den Schleimpfropf. Erste Wehen machten sich bemerkbar. Ich war so froh, endlich, drei Tage vor der Strahlentherapie.

Die Wehen waren noch unregelmäßig. Ich nahm mir Zeit, spazierte etwas im Wald und legte mich dann wieder schlafen. Am Nachmittag um 16 Uhr wurden die Wehen stärker. Ich ging in den Wald. Mein Mann kam nach. Wir haben ein Feuer gemacht und die Regentonne aufgefüllt. Es war warm und romantisch. Die anderen Kinder waren bei Freunden und nun hätte ich entspannen können.

Aber es war so schwer. Ich hatte Angst. Angst vor dem Tod. Die Wehen wurden langsam sehr stark. Ich stieg in die Regentonne. Aber irgendwie wurde es immer länger. Das war ich nicht gewohnt (die anderen Kinder kamen in 2 Stunden).

Dann um 23 Uhr kamen die Presswehen. Und irgendwie wollte ich plötzlich aus der Regentonne raus. Mit der letzten Kraft bin ich dann rausgeklettert. Noch drei Presswehen und die kleine Ziarka war geboren. Ein gesundes kleines Mädchen. Das Komische war nur: Die Nabelschnur war so kurz, dass ich die Kleine nicht mal auf meinen Bauch legen konnte. Ich glaube deshalb bin ich aus der Regentonne gestiegen. Aber irgendwie war das Anlegen nicht möglich mit dieser kurzen Nabelschnur. Also haben wir gewartet, bis sie auspulsierte und sie dann durchtrennt. Ich konnte nun endlich mein Baby in den Arm nehmen und sie an meine Brust anlegen.

Wir haben noch eine Weile auf die Nachgeburt gewartet und als die nicht kam, sind wir zu den anderen Kindern ins Bett und haben erst mal geschlafen. Am Tage ging es uns gut. Die Kinder sind aufgewacht und haben sich über die kleine Schwester gefreut. Nur die Nachgeburt wollte nicht kommen. Dann ENDLICH 16 Stunden nach der Geburt kam die Nachgeburt. Ufff, da waren wir sehr erleichtert.

Wir waren so froh, dass alles gut ging, aber ausruhen konnten wir nicht. Wir mussten alles vorbereiten, um nach Paris zu reisen. Drei Tage später waren wir dann in Paris, um die Strahlentherapie für Lennox zu beginnen. Voller Angst vor der Zukunft, dem Tod, der Strahlentherapie und gleichzeitig die Freude über das Baby, stellten wir uns unserer Aufgabe.

Wir blieben sechs Wochen in Paris. Lennox bekam seine Strahlentherapie. Ich war am verzweifeln. Es ging ihm immer schlechter, ich hatte das Gefühl, er wird sterben. Nach sechs Wochen sind wir zurück nach Hause und Lennox ging es sehr schlecht. Die Strahlen hatten ihm nicht geholfen. Zu Hause haben wir ihn weiter mit Pflanzenextrakten behandelt. Es schien ihm dann auch immer besser zu gehen. Er konnte so wieder Fahrrad fahren, Pony reiten usw.

Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, konnte er wieder nicht sprechen, laufen, richtig essen. Wir sind wieder ins Krankenhaus. Der Tumor ist gewachsen. Er soll sterben. Die Ärzte haben ihn aufgegeben, es gibt keine Behandlungsmöglichkeiten. Noch ca. zwei Wochen zu leben. Lennox sollte aus dem Krankenhaus entlassen werden, um noch Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Was sollten wir tun??? Es war so schrecklich. Ich sollte mein Sohn beim Sterben begleiten. Ihn aufgeben. Also sind wir in unser Haus ans Meer gefahren (Lennox liebt das Meer), in Begleitung von Freunden, die uns unterstützten. Wir versuchten weiterhin Lennox zu heilen. Es ging ihm immer schlechter und wir mussten uns mit dem Thema Natürliche Sterbebegleitung auseinandersetzen. Ich habe meinen Sohn natürlich auf die Welt gebracht, ich werde ihn auch natürlich beim Sterben begleiten.

Mittlerweile war Lennox vollständig gelähmt. Er wurde nur noch mit einem Tropf am Leben erhalten. Wir haben ihn gepflegt und unsere letzte Zeit mit ihm genossen. Er hatte sich so verändert, er war so schön, wie ein Baby, so rein und weise. Jede Sekunde mit ihm, war ein Geschenk. Es war so schwer und doch so schön. Mein Herz weinte, aber seine Anwesenheit hat alle Unsicherheit genommen. Er war so stark. Als sein Tod immer näher rückte, wurde der Tropf von den Krankenschwestern entfernt. Um den Körper seinen natürlichen Weg gehen zu lassen. Er war ok, er hat nicht mehr gelitten, er war schon so weit weg. Er verließ so langsam seinen Körper. Wir haben in ausgezogen, er sollte nackt wie er geboren ist von uns gehen.

Einen Tag später, am 14. September, habe ich ihn im Arm gehalten und sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Er hatte es geschafft und wir waren todtraurig, aber auch froh für Lennox, der nicht mehr leiden muss. Er ist von uns gegangen in LIEBE.

Es gibt nicht viel mehr zu sagen. Nur finde ich, es war eine Erfahrung, die ich gerne teilen möchte. Ich habe Lennox begleitet und es waren oft die gleichen Gefühle wie bei einer Geburt, Leben geben und das Ende zu begleiten sind sich schon sehr ähnlich. Nur der Tod bringt Trauer und Ende. Geburt bringt Freude und Zukunft.

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13 Gedanken zu „Alleingeburt und natürliche Sterbegleitung“

  1. Danke für den ehrlichen Bericht. Es tut mir leid für euch, dass ihr euren Sohn so früh gehen lassen musstet. Aber es stimmt, Sterben und Geburt sind sich ähnlich. Ich glaube, das Zulassen-Können und mitgehen, nicht dagegen ankämpfen sind bei beidem wichtig.
    Es hört sich an als hätte euer Sohn eine wunderschönen Begleitung bei diesem großen Übergang gehabt.
    Eine heilsame Zeit mit Eurer Familie wünsche ich Euch

  2. Tiefes bedingungsloses Lieben & Akzeptieren.
    Ein sehr berührender Bericht. Ein wichtiger Bericht!
    Mein Mama-Herz weint und ich kann mitfühlen, wie schwierig diese besondere Konstellation gewesen sein muss und ist.

    Danke fürs Teilen.
    Alles Liebe für Euch

  3. Was für ein tief berührender Bericht. Vielen Dank das ihr ihn mit uns geteilt habt. Ich bin tief bewegt und spüre die tiefe Dankbarkeit für das Leben aber auch die Nähe zum Tod.
    Liebe Grüße,
    Astrid

  4. Dein Bericht rührt mich zu Tränen, wie wundervoll ihr das alles gemacht habt. Ich bin sehr berührt. Vielen DANK für’s Teilen.

    Ja, Geburt und Tod sind Übergänge im natürlichen Lebenskreislauf und der Tod ist das eigentliche nach Hause gehen.

    Alles Liebe Eurer Familie.

    Nadine

  5. Ich kann gerade nicht anders, als weinen. Ich habe schon einige Berichte über Alleingeburt gelesen und auch von einer Frau, die ihr Kind eher unfreiwillig alleine bekam – und das ein paar Stunden später tot war. Nicht lebensfähig – daran mag man nicht denken, wenn man an die Geburt seines Kindes denkt.

    Du hattest nicht einmal die Chance auszublenden, dass du ein Kind bekommen und ein Kind verlieren wirst. Natürlich stirbt die Hoffnung zuletzt und man klammert sich an jeden Strohhalm, doch so wie sich dein Bericht liest, wusstest du, dass deine Tochter kommen wird um ihren Bruder zu verabschieden.

    Der Gedanke meine Tochter zu verlieren, kurz nachdem mein zweites Kind geboren ist, würde ich nicht ertragen. Du bist so stark, deine Familie ist so unfassbar stark und dein Sohn….es muss so unfassbar schön für ihn gewesen sein solche Liebe, Hingabe und Sanftheit zu spüren, wenn er geht. Ich weiß nicht, an welches Jenseits du glaubst, aber er ist sicher mit einem Lächeln und dem Gefühl tiefer Liebe im Herzen dort angekommen.
    Ich bewundere eure Kraft euren Sohn auf diese Art und Weise begleiten zu können. Mein Beileid, aber auch mein herzlichsten Glückwunsch.

  6. Auch ich habe das Bedürfnis dir zu dagen, dass du eine tolle, starke Frau zu sein scheinst!
    Ich finde es wundervoll mit wieviel Hingabe ihr euch um Lennox und seine Wünsche hekümmert habt und das so kurz nach der Geburt eurer Tochter!
    Auch an deinen Mann ein großes Lob!!!
    Es gibt nur selten Menschen die sich so bewusst mit dem Tod – gerade des eigenen Kindes – auseinandersetzen können.

    ALLES Gute für euch und eure Kinder! Viel Gesundheit für alle.

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