Mikas Geburt oder : Wie ein Traum zum Albtraum wurde… Teil 1

Auch Alleingeburten sind nicht ohne Risiken, wenn auch Risiken ganz anderer Art, als die meisten ahnen. Im Folgenden möchte ich einen Geburtsbericht mit euch teilen, der es in sich hat. Er ist aufgrund der Ereignisse recht lang, weshalb ich ihn euch in drei Teilen zu lesen gebe. Trotzdem lohnt es sich ganz besonders, ihn zu lesen und aus ihm zu lernen. Dabei möchte ich, um Missverständnisse zu umgehen, klarstellen, dass es sich nicht um meine Geburt handelt, sondern die einer Frau, die den Mut hat, dieses Erlebnis mit euch zu teilen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Nancy!

Endlich habe ich es geschafft. Nach über 9 Monaten habe ich den Geburtsbericht von Mika geschrieben. Es hat 4 Tage gedauert. Ich brauchte mehrere Pausen und es hat mich erneut viele Tränen gekostet. Aber: Es hat mir wieder ein Stück mehr geholfen, unser Trauma zu verarbeiten. Das Niederschreiben, während es in meinem Kopf ablief, war absolut therapeutisch wertvoll und eine Wohltat für meine Seele. Lange wollte ich es tun … lange konnte ich es einfach nicht. Zu schmerzvoll sind die Erinnerungen, zu hart die nochmalige Auseinandersetzung mit all den Fehlern, die geschehen sind. Heute ist es geschafft.

Gleich voran will ich sagen, dass es ein äußerst langer, sehr detaillierter Bericht ist. Vielleicht für manch Einen zu detailliert. Für mich war es wichtig, jedes Detail festzuhalten, es mir von der Seele zu schreiben. Schreibfehler bitte ich, zu entschuldigen. Am Ende hänge ich noch den Entlassungsbrief, der noch heute wie Hohn für mich klingt, mit an. So, dann wollen wir mal:

Am Abend des 18.08.2012 war alles normal. Laut erratenem Geburtstermin bin ich 40+1. Alles ist super. Mein Baby bewegt sich, ich fühle mich den Umständen entsprechend wohl. Wie die Abende vorher wehe ich leicht vor mich hin. Teilweise schon stärker, aber nichts, was mich nervös machen würde. Meine kleine Tochter schläft diese Nacht bei mir im Schlafzimmer, weil die große Schwester bei Oma schläft. Sie mag nicht allein sein. Irgendwann gegen 22 Uhr gehe ich ins Bett. Alle Wehen sind verschwunden. Mein Mann liegt wegen seiner nächtlichen Hustenanfälle im Wohnzimmer.

19.08.2012

04.28Uhr – Ich werde wach … Wow, was war denn das jetzt? Nicht wie üblich reißt mich der nächtliche Harndrang aus dem Schlaf, sondern eine Wehe. Und was für eine!!! Ich denke mir, dass es vielleicht ja nur eine der üblichen, kräftigeren Übungswehen war und versuche wieder einzuschlafen. Ich wage nicht zu hoffen, dass es doch losgehen könnte. Zu oft hat mein Körper mir mit Übungswehen Streiche gespielt. Ich versuche zu schlafen. Meine Tochter schläft seelenruhig neben mir. 4.35 Uhr … die nächste Wehe rollt an. Sie ist mächtig! Ich gehe aus meiner liegenden Position in den Vierfüßler. Liegend ist die Wehe schon jetzt nicht auszuhalten. Da meine Tochter neben mir schlummert, versuche ich, das tönen zu unterdrücken. Es fällt mir sehr schwer, doch ich schaffe es. Die Wehe ist vorüber. Langsam dämmert mir, dass es ernst werden könnte. Trotzdem lege ich mich aus dem Vierfüßler wieder hin. Ich will keinen falschen Alarm. Also bleibe ich misstrauisch. 4.40 Uhr … WOW! Schnell wieder in den Vierfüßler. Die Wehe ist kräftig, lang und ich schaffe es kaum noch, leise zu bleiben. Ich stöhne deutlich hörbar. Mein Mäuschen bekommt nichts mit … schlummert friedlich weiter. Nach dieser Wehe beschließe ich aufzustehen.

Ich gehe ins Wohnzimmer, habe mir bereits mein rotes Geburts-Shirt /Kleid übergeworfen. Mein Mann schläft im Halbsitzen auf der Couch. Als ich die Türe schließe, wird er wach. Er schaut mich zerknautscht an. „Watt denn nu?“ fragt er. Ich antworte: „Es geht los!“ Sofort ist er hellwach und freut sich wie ein Schneekönig. 40+2 – Mein Baby möchte zu uns kommen. Ich rede mit ihm, sage ihm, als ich allein im Zimmer bin, dass er ruhig kommen kann. „Wir freuen uns auf dich, kleiner Mann! Endlich können wir dich bekuscheln…“ Wie sehr ich bereuen werde, ihm das gesagt zu haben, wird sich erst später zeigen.

Sven ist wieder im Zimmer. Er glaubt noch nicht so recht, dass es losgeht. Die nächste Wehe kommt. Ich kann nicht mehr leise sein … muss tönen … schon ziemlich laut. Sven versucht mit mir zu Scherzen und sagt: „Ey, sei nich so laut! Kiara wird wach!“ Mir ist nicht nach dieser Art von Spaß! Ich will mich auf mich und mein Baby konzentrieren und kann diese Art Scherz nicht vertragen. Ich sage ihm, er soll seine Klappe halten. Ich muss mich ziemlich biestig angehört haben, denn nach einem kurzen Grinsen sagt er: „Ok, ich wollte nur wissen, obs ernst is diesmal…und es IST ernst!“

Ich habe eine „To-Do-List“ für die Geburt vorbereitet. Alles soll perfekt werden! Sven sucht sie sich sofort, während ich am Schrank stehend im Wohnzimmer meine Wehen veratme. Er legt meine Entspannungsmusik auf und zündet Kerzen an. Er legt die Moltontücher, Handtücher und Stoffwindeln bei 60Grad in den Ofen, damit sie für unser Würmchen schön vorgewärmt sind. Mein Baby soll es warm und kuschelig haben, wenn er da ist. Sven legt die ausgezogene Couch und den Boden davor mit Vorlagen aus Fleece aus. Diese hatte ich in ausreichender Menge extra besorgt. Er legt die Kuscheldecken und die weichen Kissen auf der Couch aus. Er bereitet uns ein warmes Nest vor. Zum Schluss zieht er die Rollläden zu. Es ist wunderschön … im Kerzenschein und Kuschelatmosphäre hat unser Wohnzimmer etwas Magisches an sich.

Ich habe schon sehr mit den Wehen zutun. Meine Tochter ist noch immer nicht aufgewacht. Da ich irgendwie nichts mehr an meinem Körper haben will, ziehe ich mein Kleid aus. Die Wehen sind heftig. Ich bin ganz bei mir. Ich versuche, mich etwas hinzulegen, in der Hoffnung, die Wehen ließen sich so besser aushalten. Dem ist nicht so! Schnell wieder hoch…am besten geht’s mir im Stehen. Plötzlich Toilettendrang. Oh Gott, wie soll ich den Weg ins Bad bloß schaffen? Es tut sooo weh … Dennoch mache ich mich in halbgebückter Haltung, meinen Bauch festhaltend, auf den Weg. Eine Pause in der Küche … dann schnell weiter. Mein Mann ist derweil auf dem Hof und raucht. Er ist wahnsinnig nervös … läuft auf und ab. Ich kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Auf der Toilette angekommen, habe ich das Gefühl, dass es mich zerreißen würde. Mein Darm entleert sich … ganz auf natürlichem Wege. Wo ich schon mal im Bad bin, lasse ich mir Wasser in die Wanne. Ich will probieren, ob es hilft. Es ist so angenehm kühl im Bad … hier will ich erstmal bleiben. Die Wärme der Kerzen im Wohnzimmer halte ich nur schlecht aus.

Das Wasser plätschert. Ich glaube, Sven ist wieder im Haus. Genau mitbekommen habe ich jedoch nichts. Ich stehe auf den Wannenrand gestützt im Bad. Ich taste meinen Muttermund. Genau identifizieren kann ich nicht, wie weit ich wohl eröffnet bin. Aber es fühlt sich anders an als die letzten Tage … und: Das Köpfchen liegt ganz tief! Ich berühre ihn … bald ist er da. Es hat begonnen … die letzten Zweifel sind verflogen. An meinen Fingern hängt viel zäher Schleim – der Rest vom Schleimpfropf. Ich freue mich …

Ich steige in die Wanne. Es ist, entgegen meiner Erwartungen, sehr angenehm im Wasser. Ich beriesele meinen Bauch mit dem warmen Wasser, veratme Wehen – wie viele weiß ich nicht. Plötzlich wieder der Drang, auf Toilette zu gehen. Zu Spät! Das Maleur ist ohne Kontrolle meinerseits ins Wasser gegangen. Peinlich! Ich beschließe, die Wanne zu verlassen und das Missgeschick zu beseitigen. Es war nicht viel … nur minimal. Dennoch wollte ich raus.

Ich bekomme beiläufig mit, dass meine Tochter aufgewacht ist und mich verschlafen und misstrauisch anschaut. Sven kommt und sagt zu mir, dass er sie nun schnell zu meinen Eltern bringt. Zum Antworten bin ich nicht in der Lage. Es tropft aus mir heraus, schleimig … zähflüssig. Der Rest vom Schleimpfropf verabschiedet sich gerade. Die Wehen werden heftig. Ich gehe in den Vierfüßler auf den Boden und starre auf die kleinen, viereckigen Löcher, die in unserer Badmatte eingestanzt sind. Ich bin wie in Trance … bei jeder Wehe töne ich laut. Wie befreiend es sich anfühlte, dass nun gerade NIEMAND da war. Ich ließ mich vollends gehen. War laut, ungehemmt, ganz bei mir! Der Schmerz war da … aber es war auszuhalten, dadurch, dass ich mich mit dieser Badmatte selbst in Trance versetzte.

Einige Wehen später war Sven wieder da. Ich sah seine Füße und dachte noch: Bitte, quatsch mich jetzt nicht an!!! Aber er tat es! „Ich bin wieder da, Nancy … soll ich irgendwas machen?“ Ich war zum sprechen nicht in der Lage. Ich reagierte einfach gar nicht. „Willst du nicht lieber ins Wohnzimmer?“ Wieder reagierte ich nicht, schüttelte den Kopf nur leicht und dachte: „Ich gehe nirgends mehr hin! Hier bleib ich, hier ist es so schön kühl!“ Es funktionierte. Er ließ mich in Ruhe. Aber er blieb bei mir. Irgendwann stand ich wieder auf … der Schmerz war unerträglich und ich hoffte, dass nun bald die Übergangsphase einsetzt. Ich ahnte nicht, dass ich bereits mittendrin war! Zwischen Waschbecken und Badewanne stützte ich mich ab. Bei jeder Wehe stand ich auf den äußersten Zehenspitzen und drückte mich hoch. In den Wehenpausen instinktives Beckenkreisen. Es tropft immer mehr aus mir heraus. Sven legt das Bad mit Unterlagen aus. Braver Kerl! Und angenehm unter den Füßen. Die nächste Wehe … ich drücke mich hoch … aua… Und plötzlich am Ende der Wehe: PRESSDRANG! Nur leicht, aber doch spürbar! Nein, das kann nicht sein! Noch nicht!!!

Pause … diesmal gefühlt etwas länger. Ich kann Sven ansehen. Hatte ich doch sonst nur den Fußboden fixiert! Die nächste Wehe … oh man. Ich drücke mich hoch … Gut, das ein Waschbecken keinen Schmerz empfinden kann!!! Und da kommt er wieder der Pressrang am Ende der Wehe: leichtes Mitdrücken … PLATSCH!!!!! Die Fruchtblase springt. Erleichtert und erschöpft schaue ich Sven an. Dem steht der Schreck ins Gesicht geschrieben. „Soll ich jetzt die Hebamme rufen?“ Ich bin nicht in der Lage zu sprechen, denke nur: „Is der blöd? Ich hab ihm doch gesagt, wir rufen sie spät dazu!“ Keine Reaktion meinerseits. Er ruft auch nicht an. Hätte er es nur getan! Hätte er es doch nur getan…!!!

Zwei weitere Wehen vergehen. Beide mit dem Gefühl, etwas mitschieben zu müssen. Aber immer erst eher zum Ende der Wehe hin. Plötzlich ein urgewaltiges Gefühl! Ich spüre klar und deutlich, wie mein Körper sich öffnet. Ich werde weit untenherum. Sven steht im Flur und meint ganz erschrocken: „Er kommt, Nancy, er kommt!“ Ich sage erschöpft und vielleicht etwas schnippisch: „Ja Sven … ich merke es!“ Die nächste Wehe … das Köpfchen drückt enorm, aber ich schiebe, ganz instinktiv, nur leicht mit. Ich bin ganz ruhig! Während ich in den Eröffnungswehen laut tönen musste, war ich nun ganz still. Auch in den Pausen … kein lautes Stöhnen oder Hecheln mehr so wie bisher. Alles war still. Ich gehe in die Hocke und fasse mit der rechten Hand zwischen meine Beine. Der Kopf will nun raus. Ich stoße einen lauten, langen, kraftvollen Schrei aus und gebäre das Köpfchen. Dann folgt eine gefühlt etwas länger Pause. Ich atme ruhig. Meine Hebi hatte mir erklärt, dass nach der Geburt des Kopfes eine Pause normal ist. Auch dass diese dann etwas länger ist. Ich spüre deutlich, wie sich die Schultern einstellen. Die nächste Wehe. Ich gehe in die Knie. Ruhig und fast ohne Laut gebäre ich meinen Sohn in meine Hände.

Ich halte ihn. Er hat die Nabelschnur einmal um den Körper und halb um den Hals. Ich entwirre ihn und schließe ihn in meine Arme. Während dessen steht mein Mann im Flur, filmt und sagt die ganze Zeit: „Schrei Kleiner! Komm, schrei … schrei … schrei…!“ Ich versuche, dieses kleine Menschlein irgendwie in meine Arme zu legen, aber er ist so glitschig. Ich halte ihn vor mir. Er versucht, den ersten Schrei von sich zu geben. Dabei höre ich, dass er viel Fruchtwasser in den Atemwegen haben muss. Ich sauge ihm, ohne zu überlegen, die Nase frei. Ich freue mich kurz über meinen Sohn … sage, das er doch gar nicht groß ist. Mein Mann widerspricht mir. Mika wirkt komisch. Am Körper bläulich-blass. Ein paar mal streckt er die Arme wild in die Luft und reißt dabei die Augen weit auf. Er ist blau … sehr blau! Wirklich fast Lila im Gesicht. Plötzlich sackt er in sich zusammen, die Augen verdrehen sich nach hinten. Keinerlei Spannung oder Muskeltonus mehr in dem kleinen Körper. Ich sage zu meinem Mann, dass er anrufen soll. Ich meine die Hebamme. Er ruft den Rettungsdienst!

Während er telefoniert (anfangs ruft er die Polizei an, weil er die 110 wählt) folge ich meinem Instinkt. Ich rubbele Mika die Käseschmiere aus dem Gesicht, animiere ihn um Mund und Nase. Ich fühle die Nabelschnur. Sie pulsiert noch! Sehr gut … kein Grund zu Panik! Dennoch öffne ich den Wasserhahn, nehme einen Schluck kaltes Wasser und gieße es über seinen Rücken. Da ist er wieder!!! Die Spannung kehrt zurück in den kleinen Körper, jedoch nicht lange. Ich beginne erneut ihn abzusaugen. Auch durch den Mund. Es kommt nicht viel. Mein Mann kommt ins Bad, sieht das reglose Wesen in meinem Arm, das so lila-blau verfärbt ist. Er bricht in Tränen aus, heult wie ein kleines Kind und übergibt sich ins Waschbecken in der Küche. Er bricht zusammen. Ich bekomme das alles nur in Trance mit, kümmere mich um mein Kind. Ich beginne mit der Beatmung. Mika immer noch schlaff … Es tritt weißer Schaum aus der Nase aus. Sehr gut! Das Fruchtwasser wird von meiner Beatmung verdrängt und tritt durch die Nase aus. 2 weitere Mal beatme ich den Kleinen … Und da ist er! Endlich! Und diesmal bleibt er bei mir. Das Telefon klingelt. Der Rettungsdienst gibt Anweisungen, was ich mit dem Kind machen soll. Ich reagiere nicht. Mein Kind ist da! Sven heult noch immer. Ich schleppe mich, das Kind immer noch mit der Nabelschnur verbunden, mit Mika ins Wohnzimmer auf unsere Kuschelcouch. Ich decke uns zu. Sven holt die vorgewärmten Tücher. Ich wickle Mika ein und halte ihn dicht bei mir. Er weint nicht, er bewegt sich nicht, aber er ist da! Sein Körper wird rosig, der Kopf ist noch immer dunkelblau. Ich merke die Muskelspannung. Ich halte ihn in Wiegenhaltung auf meinem Arm, bis die Sanitäter eintreffen. Meine Unruhe ist völlig verschwunden. Ich bin ganz ruhig, ganz bei mir und meinem Kind.

Der Rettungswagen ist da. Es sind gerade 10 Minuten seit der Geburt vergangen … 10 Minuten! Sven eilt zur Tür. Ein Mann und eine Frau kommen mit großem Koffer bepackt ins Wohnzimmer. Sie fragen, was passiert sei. Ich schildere kurz die Lage. Die erste Frage: „Wurde schon abgenabelt?“ Ich antworte ruhig und mit leichtem Lächeln: „Nein, ich möchte gern warten, bis die Plazenta geboren ist.“ Verdutzte Blicke auf mich und mein Baby. „Na, wir nabeln jetzt erstmal ab!“ Und das taten sie … mit einem Skalpell wurde unser Band lieblos durchtrennt.

(Warum? Das wüsste ich heute noch gern! Sie gehen von Sauerstoffmangel-Situation aus und durchtrennen das, was das Baby noch mitversorgen würde, als Erstes! Das lässt doch schon die Unfähigkeit erahnen!)

Ich war sehr traurig, spürte aber, dass die Nabelschnur bereits auspulsiert war. Das nahm mir in dem ersten Moment die Enttäuschung ein wenig, auch wenn der Wunsch, selbst abzunabeln zerstört war. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das meine geringste Sorge sein würde! Nachdem abgenabelt war, nahm ich Mika wieder zu mir. Sein Körper war schön rosig, sein Kopf noch immer blau.

Ich teilte mit, dass ich auf meine Hebamme warten will und nicht mitfahren möchte. Wieder schauten mich die Beiden ganz verdutzt an. Sie fragten, ob sie ihn denn mal absaugen sollen. Ich bejahte dies und dachte mir, dass es ja nicht schaden kann. So versuchten sie, etwas abzusaugen. Es gab jedoch nichts mehr. Die Atemwege waren schön frei. Ich wiederholte meinen Wunsch, zu warten. Die Sanitäter warteten auf den Notarzt, der auch sogleich eintraf und teilten ihm mit, dass ich nicht mit in die Klinik möchte.

Er sah mich entgeistert und vorwurfsvoll an. Er wirkt sehr sehr nervös, dennoch bevormundend. Ich kannte ihn noch aus meiner Ausbildung. Ich habe Krankenschwester gelernt. Er ist Chirurg … hat also ganz bestimmt keine große Ahnung von Geburten, Geburtskomplikationen, und von dem, was eben normal ist oder nicht. Sicher hatte ich in den vergangenen Monaten/Jahren mehr Bücher über Geburten gelesen, Filme gesehen, Clips studiert, als er in seiner gesamten Ausbildung … Er fragte mich, ob dies mein erstes Kind wäre. Ich verneinte. Er sah Mika an, dann mich und sagte, dass ich doch wissen müsse, dass das gefährlich ist! „Sie sind doch Krankenschwester!! Das ist verantwortungslos! Ich warte hier auf Niemanden!!“ Dieses Wort … verantwortungslos … sollte an diesem Tag nicht zum letzten Mal gefallen sein! Er fragte, wer meine Hebamme ist und von wo sie kommt. Ich beantworte seine Frage. Er wird laut, fragt warum nicht Frau P. meine Hebi ist. Ich bin verdutzt … und erstmals eingeschüchtert vom Tonfall des Arztes. Ich erkläre ihm, dass Frau P. nicht mehr als Hebamme arbeitet. Er wiederholt, dass ER hier auf Niemanden warten wird!

Der Notarzt versucht, Mika nochmals abzusaugen. Es kommt nichts. Danach reibt er den kleinen Babyrücken feste … sehr feste. Mika schreit … zum ersten Mal richtig laut! Ich freue mich und will mein armes, nacktes Baby wieder haben. Er gibt es mir nicht. Ich betone nochmals, dass ich auf meine Hebamme warten werde. Der Arzt zottelt an Mika umher … er gibt ihn mir nicht. Mika ist nackt … und mittlerweile beginnt er auszukühlen. Seine Hände und Füße werden blau. Er hält ihm aus einem Gerät Sauerstoff vor die Nase und versucht, mit einem Oximeter für Erwachsene! (Kinderkoffer nicht dabei!) Mikas Sauerstoffsättigung zu messen. Das funktioniert natürlich nicht. Er brubbelt etwas von 88% O2-Sättigung und das ihm das zu wenig sei! (Man beachte: Mika war vor knapp 20 Minuten geboren und das Oximeter saß nicht richtig! Es war ja für Erwachsene!) „ICH NEHME IHR BABY JETZT MIT!“

Ich schaue Sven verzweifelt an und wiederhole immer wieder, dass er bloß nicht hätte anrufen dürfen. Tränen füllen meine Augen … Ich merke, dass ich aus dieser Situation nicht mehr heraus komme und es beginnt der Albtraum. Ich resigniere … nicht zum letzten Mal an diesem Tag! Ab da lief alles wie ein schlechter Film ab und ich sah die Situationen, als stünde ich neben mir.

Arzt und Sanitäter beraten sich, meinen einstimmig, dass der Kleine sehr schlecht aussieht, dass da bestimmt bleibende Schäden entstanden sind. Die Sanitäterin schlägt vor, Mika doch mal an den Füßen kopfüber zu halten. Ich bin schockiert, beginne zu zittern. Der Arzt verneint. So viel Unwissen!! Ich war fassungslos! Ich kann es nicht glauben. Wie im Film läuft alles vor mir ab und ich fühle mich völlig unfähig, zu handeln … ich fühle mich gelähmt. Hilfesuchend sehe ich meinen Mann an, der in der Ecke des Zimmers steht, wie ein Haufen Elend. Sven kommt zu mir und meint: „Er sieht doch wirklich sehr blau aus! Willst du nicht zur Sicherheit mitfahren?“ Ich verneine … schüttele den Kopf.

Der Arzt ruft die Leitstelle an und sagt Ihnen, dass ich unkooperativ bin und nicht mit möchte. „Die Mutter weigert sich mitzugehen. Sie will auf die Hebamme warten!“ Die Leitstelle erwidert, dass der Arzt sich mal „durchsetzen“ müsse und dass ich keine Wahl habe.

Darauf hin wiederholt der Arzt seinen berühmten Satz: „Ich warte hier auf Niemanden und ich nehme ihr Kind jetzt mit!“

Ich war perplex! Darf er das denn überhaupt? (Heute weiß ich, er hätte es nicht gedurft.) Ich werde gemeinsam von Arzt und Sanitäter als verantwortungslos beschimpft. Sie nehmen mein Baby und verschwinden zur Tür raus. Mich lassen sie liegen!

4 Gedanken zu „Mikas Geburt oder : Wie ein Traum zum Albtraum wurde… Teil 1“

  1. sorry,.. aber ich selber Mama von 3 Kindern und vor wenigen Wochen entbunden, finde es verantwortungslos,…ganz egal wie die geschichte ausgeht,…es gibt leider immer wieder Mütter bzw Frauen die meinen alles zu wissen und bringen sich und ihr Baby in Gefahr,…es gibt viele Möglichkeiten sein Baby in schöner ruhiger Atmosphäre natürlich zur welt zu bringen,..und Hebammen oder ärtze die zur stelle sind wenn es Komplikationen gibt,… es gab Zeiten da war das nicht so und da gab es leider viele Todesfälle oder geschädigte Babys,…. wieso muss man sich bewusst so einer Gefahr aussetzen?,… habe dafür kein Verständnis,… und wenn dem Kind letzlich nicht zu helfen ist sind es die “ bößen ärtze“ gewesen?

    1. Ich verurteile diesen verletzenden und einfach dahin gekritzelten Kommentar! Hier wurde die Mutter übergangen und die Verantwortung entzogen, die sie sehr wohl inne hatte. Von Verantwortungslosigkeit zu reden, wenn diese ganz klar übernommen wird und die eigene Meinung aufzuzwingen, ist einfach unglaublich egoistisch, selbtsherrlich und widerlich! Ich habe den Bericht noch nicht einmal weiter als bis hier gelesen und bin wütend über das Vorgehen der Sanitäter und kann nicht verstehen, wie in dem Kommentar so rücksichtslos ins selbe Horn gestoßen wird.
      Immer dann, wenn eine Mutter sich genau überlegt, wie sie ihr Kind versorgen möchte, sei es beim Thema Geburt, sei es beim Impfen oder sonst wo…immer dann, wenn sie sich nicht beugt, wird ihr Verantwortungslosigkeit vorgeworfen! Wann hört das endlich auf???

  2. nach einer traumatischen geburt meines ersten kindes kann ich sehr gut verstehen das frau lieber allein gebären möchte. jetzt, nach zwei jahren, komme ich immernoch nicht mit dem kar, was mir da angetan wurde.

    durch die art und weise wie ärzte/innen, krankenschwestern/ -pfleger und auch hebammen ihre patientinnen und auch die kinder drangsalieren, schikan, beformunden und auf diese weise enormen psychischen druck aufbauen, dem werdende/frisch entbundene muttis auch aus hormonellen und die körperkräfte betreffenden gründen nicht oder nur mit enorm großem energieaufwand standhalten können, sind die spätfolgen auf das kind durch eine depression aus meiner sicht als bedeutend gefährlicher einzuschätzen. zumal eine solche art der be-(oder miss-)handlung offenbar gang und gäbe ist, man also noch nicht die notwendigkeit erkennt hier etwas zu ändern.

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