Erzogen, verzogen, unerzogen – meine moderne Erziehungsverirrung

Schon bevor ich Kinder bekam, hatte ich recht genaue Vorstellungen davon, wie ich meine Kinder mal erziehen wollte: Mit Liebe, Großzügigkeit und so viel Freiheit wie möglich. Auf jeden Fall ohne die Strenge und Kleinkariertheit meiner eigenen Kindheit. Ich wollte meinen Kinder Selbstbewusstsein, Mut und ein gerades Rückgrat mitgeben. Sie sollten keine vor Angst eingeschüchterten Mäuschen werden so wie ich als Kind. Das wie erschien mir (jedenfalls in der Theorie) schnell klar. Einige Recherchen im Internet zum Thema überzeugten mich endgültig: Erziehen war schlecht, nicht erziehen, nicht einmischen besser. Der Gedanke dahinter: Erst durch die übliche Erziehung wird der moderne Menschen, was er heute ist: ein fauler, ständig unzufriedener, phobischer und anerkennungsheischender Egoist. Würde man die Kinder nur machen lassen, würden sie sich die Welt allein erforschen und unbeeinflusst von durch ihre eigene Kindheit traumatisierte Erwachsene zu einem friedliebenden Teil der Gesellschaft werden. Nach der Lektüre von „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ (Liedloff) war klar: So muss die ursprüngliche Erziehung bzw. Nicht-Erziehung aussehen, wenn selbst die Indianer im Dschungel es so machen. Also, auf alle Bedürfnisse direkt reagieren, möglichst nie „nein“ sagen, keine Befehle erteilen, verständnisvoll ausweinen lassen und das Kind auf Augenhöhe an den alltäglichen Entscheidungen beteiligen. Für mich klang das gut und überzeugend. Ich war sicher, dass meine Kinder über so viel Freiheit dankbar sein würden und zu verantwortungsbewussten, freundlichen Menschen werden würden. Zunächst ging das auch wunderbar. Unser Baby wurde zu Hause geboren, durfte neben Mama im Bett schlafen, stillen, wann es wollte – hervorragend, nicht nur für das Baby, sondern auch für die Mama. Aber mein Baby wurde älter und es bekam erst ein Geschwisterchen, dann noch eins und noch eins. Sie war nicht mehr das Baby, auf dessen Mucks ich sofort reagieren konnte und wollte. Und dann rutschte mir das „verbotene“ Wort doch immer öfter heraus: „Nein!“
Zu meinem Verdruss zeigte unser Tochter keine Spur von Friedfertigkeit oder Dankbarkeit angesichts unserer einfühlsamen, freiheitlichen Behandlung. Nein, sie forderte. Mehr und mehr und mehr. Später diskutierte sie in Endlosschleife und wusste oft doch gar nicht, was sie eigentlich wollte. Sah so das Leben mit Kindern aus? Sollte ich mir das alles wirklich unkommentiert und ungebremst bieten lassen? Nach der xten Trotzattacke von gern auch an die 2 Stunden war mein liebevolles Verständnis auch aufgebraucht. Zu Hause lief es noch irgendwie, aber so bald wir irgendwo zu Besuch kamen, lagen die Nerven blank. Meine Eltern schenkten mir das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ (Winterhoff). Deutlicher kann man nicht mit dem Zaunspfahl winken. Hatten wir versagt? Oder war unsere Umwelt einfach Kindern gegenüber unsensibel? Ich kam jedenfalls nicht umhin, meine Theorie in manchen Punkten an die Realität anzupassen und musste einsehen, dass:

– ich nur ein Mensch bin. Meine Geduld, mein Mitgefühl und all das haben Grenzen. Wehe, wenn ich nachts nicht genug Schlaf bekommen habe!

– meinen Kindern der Respekt vor Mitmenschen leider nicht angeboren wurde. Sie müssen ihn erst lernen, unter anderem in dem ich ihnen ein authentisches Gegenüber mit Wünschen und Grenzen vorlebe.

– meine Kinder hartnäckige, kleine Egoisten sind, deren Gedanken vorwiegend darum kreisen, das größte Stück vom Kuchen und das schönste Spielzeug für sich zu haben. Ich freue mich natürlich, wenn sie über sich selbst hinauswachsen, und trotzdem teilen und großzügig sind. Aber ich wundere mich auch nicht über das alltägliche „Meins!“, „Ich will das!“, „Ich hatte das zuerst!“

– meine Kinder Hilfe brauchen, mit ihren Emotionen umzugehen. Einfach verständnisvoll ausweinen lassen ist nicht immer. Sie steigern sich manchmal in Launen und Gefühle rein, die eine liebevolle, aber deutliche Begrenzung brauchen. „So, das war jetzt aber nicht so schlimm. Jetzt kannst du wieder aufhören zu weinen.“ Wie überall ist hier Bauchgefühl gefragt, denn die gleichen Sätze können in einer anderen Situation völlig unpassend sein.

– meine Kinder, wenn sie müde oder krank sind, nicht mehr zurechnungsfähig sind. Dass, was sie sonst können, ist ausgeschaltet, und das einzige, was man tun kann, um das Elend zu beenden (und mitunter auch seine Wohnungseinrichtung zu retten), ist, sie schnell ins Bett zu bringen bzw. irgendwie bis zum Ende der Krankheit auszuharren.

– meine Kinder keine Engel sind. Und es ist auch nicht automatisch meine Schuld und mein Versagen, wenn sie rücksichtslos, laut, quengelig, uneinsichtig und gemein zu einander sind. Da sitzt meine Tochter (6 Jahre) beim Frühstück vor ihrem Frühstücksei. Der Morgen ist bis jetzt angenehm verlaufen. Bis jetzt. „Mama, ich finde, du bist eine blöde Mama. Ich will lieber bei der Oma wohnen.“ Ich (seufze innerlich, weil ich weiß, in was für einer Stimmung sie ist, wenn sie so anfängt): „Aha.“ Sie: „Ich finde, du bist die blödeste Mama auf der Welt. Immer machst du …“ Dann folgt eine Endlosschleife an Aufzählungen, wenn ich sie nicht abwürgen würde: „Hör auf damit! Ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst.“ Sie: „Ich finde aber …“ Und fährt unbeeindruckt mit ihren Tiraden fort. Ich: „Wenn du nicht sofort aufhörst, setze ich dich vor die Tür. Ich möchte sowas hier drin nicht hören.“ Sie setzt noch einen drauf: „Du bist eine blöde Hexe, Mama! Ich will dich nicht mehr sehen!“ Und schließlich landet sie vor der Tür. Natürlich nicht ohne um sich zu kratzen und zu schlagen und mich weiterzubeschimpfen. Und dabei benutzt sie üblere Worte als ich hier niederschreibe. Ich weiß nicht, warum sie sich so verhält, oder warum mein größerer Sohn (4 Jahre) Freude daran hat, seine Geschwister mit einem „xy ist böse“-Singsang bis aufs Blut zu reizen, warum sie sich manchmal beißen, bis es blutet, oder sich Holzklötze über den Schädel ziehen. Von uns haben sie das jedenfalls nicht. Ich glaube auch nicht mehr an das Menschenbild vom lieben Kind, das nur durch seine Umwelt zum unausstehlichen Egoisten wird. Meine Beobachtung ist eine andere: Der Egoist steckt irgendwo in jedem von uns und wir lernen (durch eine hoffentlich gute Erziehung begleitet), mit ihm konstruktiv umzugehen.

– meine Kinder feste Strukturen und klare Ansagen lieben. Abgesehen davon, dass es unseren Zeitrahmen sprengen würde, wären meine Kinder davon überfordert, jeden Morgen ihre Kleider selbst auszuwählen (außer die Große, da darf ich nicht ran), zu wählen, was und wann sie frühstücken usw.. Sie äußern zwar ihre Wünsche, von denen sich auch einige umsetzen lassen, aber im Großen und Ganzen genießen sie es, ihren Tag von Mama und Papa strukturieren zu lassen und einfach dem zu folgen, was wir vorgeben.

– Erziehen Arbeit bedeutet und anstrengend ist. Mein 4jähriger jammert mir in Endlosschleife ins Ohr: „Mama, ich will Melone“. Nach dem zwanzigsten Mal ist mein Schädel weich. Nach dem dreißigsten Mal will ich explodieren. Ich (zum wiederholten Mal und nicht mehr ganz so freundlich und verständnisvoll): „Du hattest Melone! Heute gibt es keine Melone mehr! Es ist spät und sonst schwimmt heute Nacht das Bett.“ Seine Ohren sind wie zubetoniert. Es wäre verlockend jetzt nachzugeben. Er kriegt seine Melone, ich meine Ruhe. Solche und ähnliche Situationen auszuhalten ist nicht angenehm und warum soll man sich das wegen einer dummen Melone antun? Und doch ist es für meinen Sohn eigentlich das Beste, was ihm passieren kann. Wenn er jetzt lernt, dass Frust ein Gefühl ist, das man aushalten kann, dann wird er das auch später können und seinen Frust nicht durch Drogen betäuben oder durch Nichtstun oder Hinschmeißen umgehen. Wenn er jetzt lernt, dass sein Wunsch nicht alles ist, sondern dass auch andere Leute Wünsche haben, dann wird er auch später auf die Wünsche anderer Rücksicht nehmen können, anstatt nur seinen Kopf durchzusetzen. Frust auszuhalten will gelernt sein. Aber dafür muss ich bereit sein, sein Genörgel, Geschrei und Generve auszuhalten. Und das zehrt mitunter ganz schön an den Kräften. Da wünsche ich mir insgeheim doch, dass das Nicht-Erziehen bei uns funktionieren möge.

Der Versuch, nicht zu erziehen, ist bei uns nicht zuletzt dank der Kinder vor den Baum gegangen. Mit einem Kind mag es möglich sein, keine Vorgaben zu machen und nicht einzugreifen. Aber spätestens wenn Nummer 1 unbeirrt und mit Wonne auf Nummer 2 herumspringt, muss man sich etwas überlegen. Gerade bei intellektuellen, bewusstlebenden Menschen scheint Nicht-Erziehen momentan richtig in Mode zu sein. Darin spiegelt sich meiner Meinung nach auch eine tiefe Unsicherheit. Die Unsicherheiten dieser Gesellschaft gepaart mit der Verwirrung unzähliger sich widersprechender Erziehungsratgeber und Wissenschaftler und nicht zuletzt ein fehlendes Vertrauen in das eigene Bauchgefühl. Man will alles richtig machen, weiß aber nicht wie. Ich kenne diese Unsicherheit. Ich wollte nicht dauernd herumschreien und schimpfen wie meine Mutter. Ich wollte nicht, dass meine Kinder sich so eingeengt und übergangen fühlen wie ich mich damals. Ich dachte: Nicht erziehen? Das Kind lernt alles selbst, solange ich mich nicht einmische? Super! Da kann ich ja nichts falsch machen! Die Realität hat meine Ideen inzwischen gerade gerückt. Wie beim Gebären denke ich, hilft auch hier nur eine Rückkehr zum eigenen Bauchgefühl. Das heißt natürlich nicht, das eigene Handeln nicht ab und zu zu reflektieren. Und genauso wichtig ist es, die Folgen des eigenen Erziehens zu beobachten. Aber wenn wir in der großen Unsicherheit verbleiben, von wem sollen unsere Kinder Mut und Selbstbewusstsein vorgelebt bekommen?
Ich lese bewusst eigentlich keine Erziehungsliteratur mehr. Es verunsichert mich einfach zu sehr. Ich mache sicher nicht alles richtig, aber unter den gegebenen Umständen mache ich es so gut wie möglich. Und das muss reichen.

Natürlich gibt es auch Sachen aus meiner Kindheit, die mir gefallen haben und die ich übernommen habe. Ich fand es gut, dass meine Mutter uns bis zum Beginn der Schule zu Hause groß werden ließ und dass sie immer für gutes Essen auf dem Tisch sorgte. Ich schätze ihre Fähigkeit, Dinge, auch unangenehme Dinge, durchzuziehen, weil man ein Ziel vor Augen hat. Als Kind hat mich das unglaublich genervt. Wir mussten (gefühlt) stundenlang Johannisbeeren von Sträuchern pflücken oder tote Äste mit der Schere zerkleinern. Aber jetzt, im Rückblick, bin ich dankbar, dass sie mir ein hohes Maß an Frustrationstoleranz beigebracht hat, das viele der jüngeren Generation nicht mehr zu besitzen scheinen.

Also, ja, ich erziehe meine Kinder. Ich erziehe nicht wie meine Eltern, versuche aber, gute Anteile zu übernehmen. Ich hoffe, dass ich einen guten Mittelweg zwischen Strenge und Milde, Regeln und Freiheit gefunden habe. Meine Kinder sind alle sehr aufgeschlossen, auf keinen Fall eingeschüchtert und ängstlich. Das freut mich. Sie sind selbstbewusst, manchmal auch ziemlich frech und unverschämt. Das ist wohl die Kehrseite ihres Selbstbewusstseins. Sie können sich hauen und beißen und zum Kuckuck wünschen, aber auch friedlich zusammen spielen. Sie helfen mir sogar unaufgefordert regelmäßig beim Kochen oder Putzen! Ob sie sich nun wegen oder trotz ihrer Erziehung so entwickeln, weiß ich nicht. Aber augenscheinlich ist ihre Entwicklung gar nicht so sehr davon abhängig, dass ich alles richtig mache.

19 Gedanken zu „Erzogen, verzogen, unerzogen – meine moderne Erziehungsverirrung“

  1. Toller Eintrag, vielen Dank es hat mich in so manche Selbst erlebten Situationen erinnert.
    Regeln sind wichtig, Struktur ist wichtig. Es fängt bei den Kindern an und geht für uns Erwachsene weiter.
    Ohne diese kann unsere Gesellschaft die Grundformen wie Respekt und Achtung nicht lernen und ohne diese gehen wir verloren.

    Du machst das toll, ich meide auch alle erziehungsratgeber und handle nach eigenem Gefühl.

    Danke

  2. Das ist ein ganz wunderbarer Artikel.
    Ganz genauso erging und ergeht es mir nämlich auch.

    Schön zu wissen dass es bei euch auch so ist 🙂

    Alles Liebe für Euch.

  3. Jetzt bin ich aber baff. Bis auf die Tochter könnte das haargenau ich geschrieben habe, das war exakt meine Entwicklung, ich war anfangs auch sehr begeistert vom Nichterziehen, aber dem ganzen waren natürliche Grenzen gesetzt durch die Geburt des zweiten Kindes. Selten habe ich mich in einem Artikel so wiedergefunden, danke dafür.

  4. Das hast du sehr reflektiert geschrieben, danke für´s teilhaben lassen!
    Ich hab letztens ein schönes Zitat gelesen –

    „Wenn wir es schaffen unsere Kinder glücklich zu machen, ihnen einen guten Weg zeigen um die Grenzen anderer zu wahren und sie bedingungslos lieben, dann haben wir schon viel richtig gemacht. „

    Liebe Grüße an euch alle.

    M&B

  5. Vielen Dank für diesen tollen Eintrag! Ich habe schon sooo oft bei unerziehnden Eltern gedacht „und eure Bedürfnisse, die dürfen, ja müssen doch auch ihren Platz haben?! und ´wehe´ man hat mehr als ein Kind, wie geht es denn dann???“

    @Mareen: Wie Janosch so schön die Löwen-Mama sagen lässt. „Walter, sind die Kinder glücklich? Ja, dann ist gut!“ 😀

  6. Hallo Sarah,
    am meisten hat mir der Teil Deines Beitrages gefallen, in dem Du schreibst, was Du an Deiner Mutter schätzt. Ich wünsche Dir und mir, das unsere Kinder das auch einmal formulieren. Denn wie auch meine Eltern, tappe ich in die Muster,meiner Eltern und höre mich Worte sagen, die ich als Kind schon hasste. Und hoffe, das meine Kinder mir verzeihen mögen, dass ich sie eingeengt, bevormundet, verletzt habe. Aus Ratlosigkeit, Angst und Überforderung. Nicht aus Mangel an gutem Willen oder Liebe.
    Ich denke, dass wir als Eltern ein Recht auf Authenzität haben. Wir werden nicht die Eltern aus dem Ratgeberbuch, egal wie oft wir es lesen. Aber anstecken lassen können wir uns. Von Menschen um uns: der gehörlosen Freundin, die immer so ruhig bleibt, wenn die Kinder im Nebenzimmer wie wild toben; der Mutter aus dem Spielkreis, die so gerne mit den Kindern singt, der neuen Bekanntschaft, die trotz häuslichem Chaos absolut gelassen bleibt…
    Ich finde großartig, dass Ihr Euch mit Eurer Bande auf die Suche nach einem für Euch passendem Lebenweg begebt. Den Mut hätte ich auch gern!

  7. Vielen lieben Dank für deine wahren Worte! Ich sehe so viel „Pseudo-Kuschel-Pädagogik“ gepaart mit der Unfähigkeit konsquent und authentisch zu sein in meinem Umfeld, dass ich mich oft frage, was daraus nur werden soll.

    Ich finde klare Strukturen helfen Eltern wie Kindern und mich wundert es ehrlich nicht, wenn ich manche Mutter sehe, wie sie die Arme verbissen hat von ihrem eigenen 2,5 jährigen Sohn -.-*

    Es ist sehr schade, dass man Laissez-faire heute einfach nur einen neuen Anstrich verpasst hat und das nun erneut als das „neue“ Erziehungskonzept schlechthin anpreist. Es hat vor 30 Jahren nicht funktioniert und es tut es heute nicht. Nur kennen eben jene Kinder von damals, die heute selbst Eltern sind auch meist keine Alternativen.

    Konsequenz, Authentizität und ein gewisses Maß an Regeln bedeutet ja nicht, dass man sein Kind in seiner Entwicklung einschränkt, es lieblos behandelt oder gar misshandelt.
    Manche Sachen wie Frustrationstoleranz, Achtsamkeit etc. lassen sich nur durch Üben manifestieren.

    Und das mit dem Johannisbeerenpflücken hat mich sehr an meine eigene Kindheit erinnert und ich musste sehr schmunzeln.

    In meinem Bekanntenkreis gelten wir, obwohl erst Mitte/Ende 20, als eher strenge Eltern, wohingegen viele Enddreißiger bzw. solche Anfang 40 nicht mal dann nen Brüller loslassen, wenn der zweijährige Soohnemann gerade beinah vor ein fahrendes Auto gelaufen ist und stattdessen ruhig und ohne Emotion zum Kind sagen: „XY, das darf man nicht – das kann aua tun.“ -.-* No comment!

  8. Da ich noch beim ersten Kind bin, sehe ich das (noch) etwas anders 😉

    Ein Aspekt, der hier immer wieder auftauchte: Auch Erwachsene haben Bedürfnisse und ein Recht darauf ganz authentisch ihr Bauchgefühl zu leben, selbst wenn es vom Lieblings-Erziehungs-Konzept abweicht.
    Hier scheint mir aber das Problem wo ganz anders zu liegen. Nicht das Konzept „Nichterziehen“ ist das eigentlich Problem. Das Problem sehe ich darin, dass wir Erwachsenen nicht gelernt haben unsere eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen. Kaum eine Mutter sagt guten Gewissens: „Jetzt mache ich mir erstmal nen Kaffee und trinke den ganz in Ruhe. Solange mag ich nciht mitspielen. Später können wir wieder etwas zusammen machen.“
    Für mich passt diese Aussage sehr gut zum Konzept „Nicht-Erziehung“. Ich sehe da ein ganz zentrales Thema darin, auch für sich selbst angemessen zu sorgen. (Und natürlich auch für jüngere Geschwister, die man ggf. vor den älteren in Schutz nehmen will und sollte, um wiederum deren Rechte zu schützen.)

  9. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich tue mich nicht schwer, meine Bedürfnisse wahr- und wichtig-zunehmen. Ich brauche zum Beispiel meinen Mittagsschlaf und damit der zustande kommt, haben wir u.a. auch ein Aupair. Mir persönliche Freiräume zu schaffen ist eher aus anderen Gründen ein Problem. Wenn ich hier sage: „Ich mach mir mal nen Tee (ich trinke keinen Kaffee), wir spielen später“, dann spielen die Kinder solange vielleicht in optimistischen 20% der Fälle brav für sich. Im Rest der Fälle gibt es mindestens einen, oft aber auch 2 oder 3, die mir das partout nicht „gönnen“. Die mich beklettern, auf meinem Schoß sitzen wollen, die just in dem Moment auch was essen/trinken wollen, die sich bis aufs Blut streiten usw.. Gerade, wenn Mama was für sich macht, fangen sie gern an verrückt zu spielen, so wie gerade in diesem Moment, wo ich das schreibe, auch. Ignorieren funktioniert begrenzt. Zumeist erfordert es klare Ansagen und kreative Ideen, um halbwegs für Frieden und Ordnung (auf emotionaler und physischer Ebene) zu sorgen und mein kleines Luftloch zu sichern. Oft muss ich schnell reagieren – auf mehrere Kinder gleichzeitig. Wenn ich mich da nicht auf mein Bauchgefühl verlassen kann, bin ich verloren. Was du ansprichst, das schlechte Gewissen, sehe ich bei vielen und kenne es auch aus meiner Anfangszeit. Meiner Erfahrung nach gründet sich das in der allgemeinen Verunsicherung, die unser Leben heute bestimmt und die sich gerade im Umgang mit Kindern bemerkbar macht. Gerade diese Unsicherheit führt oft zu Passivität und zum Nicht-Erziehen – damit man ja nichts falsch macht. Viele Leute bekommen auch lieber gar keine Kinder oder überlassen sie so früh wie möglich einer Institution, weil sie den dauerhaften Umgang mit ihnen nur schwer ertragen können oder sich für nicht kompetent genug halten, ihre Kinder für die Zukunft fit zu machen. Ich sehe das aber alles als Symptome ein und desselben gesellschaftlichen Problems. Die Kunst von heute ist wohl, dass wir es wagen, uns mutig und selbstbewusst auf die Erziehung unsere Kinder einzulassen – im vollen Bewusstsein, dass wir jede Menge Fehler machen werden.
    Wendet man das Konzept des Nicht-Erziehens so an, wie du beschreibst, dann enthält es doch wieder Aspekte, die ich unter Erziehung verbuchen würde (Jüngere in Schutz nehmen, Respekt vor den Bedürfnissen anderer lernen). Bei der Definition und Diskussion von Erziehen und Nicht-Erziehen sind die Grenzen oft nicht klar erkennbar und jeder formt es zunächst so aus, wie es ihm richtig erscheint – um nachher gewisse Anpassungen an die Kinder und die Realität zu machen. Und das ist ja auch gut und richtig.

  10. Danke für den tiefgründigen Beitrag, liebe Sarah. Und danke für die bisherigen Kommentare.

    Ich will euch meine Geschichte und Gedanken erzählen: Vor der Geburt meines ersten Kindes wusste ich auch genau, was ich will und was nicht: Erziehen nein! Mitbestimmen, Entfaltung, Freiheit ja! Meine Tochter war dann ein Kind, bei dem diese Nichterziehung prima funktionierte. Sie war stets ausgeglichen, extrem sozial, empathisch, wir hatten eigentlich nie Probleme. Dann kam Kind Nummer 2. Das genaue Gegenteil von Kind Nummer 1. Zwar entwickelte sie sich auch zu einem sozialen, mitfühlenden Kind, und erfreulicherweise streiten die beiden auch eher selten und lieben sich sehr, ABER: ohne klare Ansagen geht bei Kind 2 nichts! Während es bei der Großen reicht, sie Yequana-mäßig einfach nur anzusehen, wenn sie was tut, was mir missfällt, muss ich bei Kind 2 oft richtig laut werden: „Jetzt lass endlich meine Kissen auf meiner Couch! Du hast eigene!“ oder „Ich hab dir gerade schon gesagt, dass ich jetzt mit deinem Papa eine Mama-Papa-Zeit habe! Also RUHE! Oder schrei in deinem Zimmer!“ Oft habe ich wegen dieser klaren Ansagen ein schlechtes Gewissen. Doch was wäre die Alternative? Ich würde mich selbst aufgeben… Und letztlich lernt sie nur, was natürlich ist: Dass andere auch Bedürfnisse und Wünsche haben. Ob ich deswegen ERZIEHE? Ich weiß es nicht. Würde ich einem Freund nicht auch mein Bedürnfis nach 5 Minuten Ruhe oder einer aufgeräumten Couch mitteilen? Erziehe ich ihn deswegen?
    Mich würde interessieren, wer Nichterziehung WIE definiert hat.
    Letztlich versuche ich, meinen Kindern das größtmögliche Maß an Freiheit zu geben: Sie spielen meistens im Garten ohne mich (ich bin sowies keine Spielmama, ich denke, die Kinder spielen alleine viel ausgelassener und ich kann und will als Erwachsener kein gleichberechtigter Spielpartner sein, dafür bin ich den ganzen Tag in Reichweite, aber eben mit Erwachsenensachen beschäftigt, was übrigens auch den Yequana entspricht). Sie dürfen sich weitestgehend nach ihrer Facon entwickeln (wenn ich z.B. merken würde, sie fühlen sich in der Schule nicht wohl, würde ich sie rausnehmen). usw.
    Aber um mir den Alltag zu erleichtern, lasse ich die Kinder bei Vielem oft nicht mitbestimmen: Kleiderwahl, Termine etc. Da sie das aber von Anfang an gewohnt sind, interessieren sie sich auch nicht dafür.
    Leder wird oft (gerade von Einkindmamas) davon ausgegangen, dass Kinder alles mitbestimmen wollen, doch dem ist nicht so. Kinder wollen spielen!
    Übrigens geben die Yequana den Kindern auch zu verstehen (durch Blicke), dass ein bestimmtes Verhalten nicht erwünscht ist. Wichtig ist wohl, dass man dem Kind immer gute Motive unterstellt, also nicht denkt, es tut etwas, um mich zu ärgern. Kinder sind soziale Wesen, die gefallen wollen. Und das hat mich meine zweite Tochter auch gelehrt: Urteile zurücknehmen (oft macht sie Blödsinn und ich schimpfe, merke aber später, sie hat wirklich nicht darüber nachgedacht, sie wollte mich NICHT ärgern!).

    1. @szandora: Danke für deine Erfahrungen und Gedanken! Ich weiß nicht, ob jemand Nichterziehen irgendwo definiert hat. Vielleicht kann man das Wort Erziehen nehmen und das Gegenteil davon annehmen? Erziehen ist für mich das gezielte Einwirken auf das Kind, um bestimmte Erziehungsziele zu erreichen. Zu einem Erwachsenen mag ich auch sagen: „Das und das mag ich nicht.“ Aber da er in der Regel weiß, was andere von ihm erwarten oder nicht mögen, und er gelernt hat, die Bedürfnisse anderer zu respektieren, würde ich das nicht erziehen nennen, sondern nur erinnern. Einem Kind hingegen muss ich bestimmte Sachen x-mal wiederholen, bis es z.B. gelernt hat, dass man sich so und so anderen gegenüber nicht verhalten darf. Würde ein Erwachsener mir so gegenübertreten wie meine Kinder, würde ich bald denken, er will mich ärgern oder er ist nicht ganz richtig im Kopf. Da ich aber weiß, dass meine Kinder eben noch nicht erwachsen sind und noch lernen müssen, wiederhole ich mich jeden Tag (mehr oder weniger geduldig) auf’s Neue.
      Bei Wikipedia liest sich die Definition von Erziehung so: „Unter Erziehung versteht man die von Erziehungsnormen geleitete Einübung von Kindern und Jugendlichen in diejenigen körperlichen, emotionalen, charakterlichen, sozialen, intellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Kultur bei allen Menschen vorausgesetzt werden.“

      Das klingt für mich erst einmal ganz vernünftig und es schließt Freiheiten ja nicht aus. Auch die Ideale des Nichterziehens lassen sich in spezifischen Erziehungsnormen oder -zielen zusammenfassen. Daher würde ich das Nichterziehen schon als eine Art des Erziehens verstehen.
      P.S.: Ich bin auch keine Spielmama, finde das nicht schlimm sondern eigentlich ganz normal. Aber von verschiedenen Seiten (vor allem aus der Familie) bekomme ich schon gelegentlich zu hören, ich sollte doch mehr mit den Kindern spielen – sonst wird ja nichts aus denen. Ich merke leider oft, dass meine Art zu Erziehen nicht die ist, die die Gesellschaft von mir erwartet. Und die meisten können sich auch nicht in mich hineinversetzen und nachempfinden wie das mit vier recht kleinen Kindern überhaupt ist.

      1. Liebe Sarah,

        ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, und sicher kannst du das bestätigen: Kinder, mit denen man als Erwachsener NICHT spielt, sind selbstbewusst, selbstständig und kreativ. Ihnen ist nie langweilig und sie erleben sich im Spiel auch als absolut frei. Das ist für mich auch eine Form der Nichterziehung: Mische ich mich nicht mit meinen Erwachsenenvorstellungen ins Spiel ein, ziehe ich die Kinder auch nicht irgendwo hin, sondern sie folgen ihrem eigenen Plan.
        (Natürlich lese ich meinen Kindern vor und singe viel mit ihnen, ab und zu präsentiere ich ihnen auch ein Puppenspiel, und ganz wichtig: Ich lasse sie an meinem Alltag teilhaben, sei es, dass sie Teig kneten, im Garten schaffen oder mir die Bohnen schneiden).
        Natürlich hat das Ganze auch praktische Gründe, wie du auch anfürhst: Mit 3 Kindern, davon ein Baby, ist es mir gar nicht möglich, mit den Kindern zu spielen, aber meine Kinder genießen es sehr, mir bei allem, was ich tue, zu helfen oder eben ihr Ding zu machen, während ich den Haushalt mache, je nachdem, zu was sie Lust haben. Meine Großen sind ja 5 und 3, und wenn sie mir nicht zusehen oder helfen, rennen sie meistens im Garten herum, klettern auf Bäume, spielen stundenlang ganz kreativ und alles, was sie brauchen, ist hin und wieder ein Picknick, ein Getränk oder Ähnliches.
        Streitereien klären sie selbst, auch wenn es handgreiflich wird. Sie haben früh verstanden, dass Mama keine Scheidsrichterin ist. Das klappt für uns wirklich sehr gut.
        Vielleicht sind auch das Attachment parenting und das NIchtvorhandensein eines Fernsehers der Grund: Es ist kein Kreativitätsräuber (TV) vorhanden, somit sprudeln sie über vor Ideen, die aus dem Herzen kommen, und das Nähebedürfnis wurde in der Babyzeit befriedigt (AP), wodurch sie heute frei sind und nicht darauf angewiesen, mich ständig in Beschlag zu nehmen. Ich weiß nicht, ob man das alles zu Nichterziehung zählen kann, aber ich glaube schon: Keine Erziehung durch TV, kein Eziehen durch Babytrainer, Schreienlassen und Bedürfnisunterdrückung als Baby.
        Vielleicht ist die Frage auch nicht „Erziehung ja oder nein?“ Vielleicht handelt es sich eher um die Frage „kontrollierender oder freilassender Erziehungsstil?“???

  11. Ja, genau! Gerade dieses Freilassen nimmt in unserer modernen Zeit leider immer mehr ab. Vor ungefähr 50 Jahren hatten die Kinder noch ganz andere Freiheiten, haben auf der Straße gespielt etc.. Heute würden das die meisten Zeitgenossen schon als gefährlich und Vernachlässigung durch die Eltern empfinden. Es ist krass, wie die Zeiten sich geändert haben. Mit meinem freilassenden Erziehungsstil stoße ich regelmäßig auf die Angst der Leute. Nach heutigem Verständnis soll man am besten immer eine Armlänge hinter seinem Kind herschleichen, um es vor jedem Fall und jeder Schramme zu beschützen. Bei vier Kindern sowieso unmöglich. Ich versteh auch nicht, warum ich mir den Stress machen soll. Die Liese mit ihren 15 Monaten läuft gern am See oder auf Spielplätzen überall herum, klettern auch wo hoch und guckt sich alles an. Ich habe sie immer im Blick, lasse sie aber machen, solange sie sich nicht z.B. im See ersäufen geht. Aber weil ich nicht die Helikoptermama spiele, kriegen andere Angst.
    Bei meinen Jungs (5 und 3) muss ich halt schon manchmal dazwischen gehen, wenn der Größere den Kleineren so angreift, dass der nur noch vor Angst heulend in die Ecke kriecht. Da hört für mich das Zuschauen dann doch auf.
    Im Garten herum rennen, auf Bäume klettern, Mama gräbt in der Erde … das sind meine Kindheitserinnerungen. Ich klettere heute noch gern auf Bäume. 🙂 Leider haben wir, seit wir umgezogen sind, im Garten keine richtig schönen Kletterbäume mehr …

  12. Ich glaube, dass du, Autor/in des Artikels, nicht verstanden hast, dass Nicht-Erziehung nicht Laissez-faire bedeutet. Bei den Nicht-Erziehern („unerzogen“) ist der Begriff „Erziehung“ sehr streng definiert (http://kraetzae.de/erziehung/erziehen_ist_gemein/). Es erfordert jedenfalls nicht, sich selbst und seine Bedürfnisse zu negieren um dem Kind soviel Frust wie möglich zu ersparen. Im Großen und Ganzen bedeutet es vielmehr, Kinder nicht zu unterwerfen, sondern ihre Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen wie die eigenen. Mit ihnen als gleichwürdige Partner zusammenzuleben und ihnen bei ihren noch vorhandenen „Unzulänglichkeiten“ helfend zur Seite zu stehen statt sie zu biegen, zu formen, zu zwingen. Statt Verbote auszusprechen für eine weitgehend sichere Umgebung zu sorgen und in kritischen Situationen rettend einzugreifen. Diese Art des Zusammenlebens vermittelt dem Kind „du bist gut so wie du bist“ und nicht immer nur „das kannst du noch nicht“, „wann lernst du endlich…“. Selbst unter den Nicht-Erziehern ist die Spannbreite der Art des Umgangs mit den Kindern sehr groß. Vielleicht erziehst du also gar nicht so sehr wie du denkst? 😉

    1. Das Beispiel mit der Melone und der Frustationstoleranz war eigentlich das einzige in dem ganzen Bericht, das der Erziehung entspricht, die Nicht-Erziehende ablehnen. Es dient doch nur der Rechtfertigung vor dir selbst, wenn du behauptest, es diene einem vermeintlich zu erreichenden späteren Ziel (Frustationstoleranz), wenn du deinem Kind etwas (Melone) verwehrst. Wozu denn das Erziehungsziel vorschieben wenn du andere plausible Gründe hast (nasses Bett). Auch Unerzieher würden sagen „mehr Melone gibt es nicht“. Aber nicht „UM ZU“ erreichen, dass das Kind was fürs Leben lernt, sondern weil es die aktuelle Situation so erfordert bzw das Abwägen der Bedürfnisse der Beteiligten so hergibt. Das ist eigentlich der Hauptunterschied. Man kann dann sagen „Ich habe Angst dass du dann ins Bett machst.“ „Ich befürchte du bekommst davon Bauchweh.“ „Ich möchte, dass für morgen noch Melone übrig ist.“ „Ich habe keine Lust noch eine Melone aufzuschneiden.“ „Ich finde, du hast genug Melone gegessen.“ Oder einfach „Morgen bekommst du mehr Melone.“ Du kannst nicht wissen ob diese oder jene Erziehungsmaßnahme (die meist eine Einschränkung oder einen Zwang für das Kind beinhaltet) zu diesem oder jenem Ergebnis irgendwann in der Zukunft führen wird. Also lässt du es einfach bleiben und passt dein elterliches Handeln an die Erfordernisse der Situation an, mit dem höchsten Ziel, Gewinn auf beiden/allen Seiten zu erreichen. Oft hilft einfach ein ändern des Blickwinkels. Suchen nach alternativen Lösungen. Think outside the box.

  13. Ich glaube, der Knackpunkt ist hier, wie man erziehen definiert. Die verschieden verwendeten Begriffe sorgen bei dem Thema gern für Verwirrung. Einige scheinen das Wort Erziehung richtiggehend zu hassen. Ich habe mein eigenes Kindheitstrauma wohl so weit aufgearbeitet, dass dieses Wort für mich nicht automatisch mit Negativem wie Gewalt, Respektlosigkeit etc. behaftet ist und ich keine Probleme mit dem Begriff habe, um zu beschreiben, was die Aufgabe von uns als Eltern ist. Nicht-erziehen riecht mir immer zu sehr nach Sich-selbst-überlassen und vernachlässigen – aus Angst, man könnte was falsch machen oder „erziehen“ – auch das habe ich in Familien mit dem Unerzogen-Konzept schon gesehen. Aber egal wie wir definieren, sind wir in unseren Absichten wohl trotzdem nicht weit voneinander entfernt.
    Nee, das Erziehungsziel Frustrationstoleranz hatte ich sicher nicht im Hinterkopf, als es um die Melone ging. Ich wollte nur zeigen, wie Kinder ganz nebenbei im Alltag sowas lernen, wenn man aus nachvollziehbaren Gründen nicht allen Wünschen nachgibt. Es gibt eben auch viele Eltern, die aus Angst vor Konflikten fast allen Wünschen ihres Kindes nachgeben und das hat langfristig eben keine guten Folgen.

  14. @Phi: Also bedeutet nicht zu erziehen eigentlich gar nicht nicht zu erziehen? Es geht vielmehr um gegenseitigen Respekt/Wertschätzung und um Echtheit?

    Aus dem Melonenbeispiel und deinen Antwortmöglichkeiten lässt sich gut herauslesen, dass es bei Unerzogen demnach darum geht, seine eigenen Gefühle und Gedanken zu formulieren (Ich-Botschaften), statt zu meckern und Vorwürfe zu machen bzw. Eventualitäten (das Kind könnte einnässen) zu Tatsachen zu machen („Nein, denn dann pullerst du ein.“ –> klare Du-Botschaft und eine Unterstellung, d.h. wenig respektvoll.)

    Ich merke bei meinen beiden Kindern, dass das sehr gut funktioniert auf der respektvollen Ebene. Dass auch meine eigene Sprache, die ich wohl überlege, Nachahmung findet und meine Kinder genauso respektvoll mit anderen reden können. (Ich kann Thomas Gordon sehr empfehlen, wenn man sich da schwer tut.)

    Das klappt nicht immer. Ich werde durchaus auch mal beschimpft, wenn auch nicht so heftig, wie im Ausgangstext mit der Hexen-Mama. Ich merke aber deutlich, dass es immer dann zu Streit kommt, wenn eines der Kinder etwas nachzumachen versucht. Da sind ja nicht immer wir Eltern die Vorbilder. Da werden dann Floskeln oder die Art, etwas zu sagen, anderer Kinder oder Erwachsener übernommen. Ich mag es z.B. nicht, wenn mein Sohn über die kleine Schwester im regelrechten Befehlston bestimmt, höre dann aber sehr deutlich den Opa heraus, wie er mit seinen Kühen umspringt (und da durchaus Schimpfwörter im Beisein meines Sohnes nennt).

    Ich glaube, würden alle anderen in der Umwelt eines Kindes ebenso respektvoll mit all ihrern Mitmenschen und auch Tieren umgehen, wären Kinder durchaus friedlich, ohne, dass man in ihr Handeln eingreifen müsste. Also echt unerzogen.

    Kinder sind der Spiegel ihrer Umwelt. Liebe Sarah, vielleicht findest ja auch du heraus, woher deine Kinder bestimmte Dinge übernehmen, die scheinbar wirklich nicht von euch stammen.

  15. Hallo,ich kann aus vollen Herzen die „Gute Autorität“ von Wolfgang Bergmann empfehlen. Erstklassig.Kein Winterhof und kein Nichterziehungs.Weg, es geht um das ,was es schon immer gab,wirkliche Beziehung und unsere Verantwortung als Eltern.Auch die CDs und Dvds von ihm,die im Netz kursieren auch yout. sind allessamt zu empfehlen.Petr Busch

    1. Habe gerade eine Leseprobe gefunden…ja, da decken sich viele Gedanken mit Sarahs und auch meinen. Aber an einer Stelle gehe ich ganz und gar nicht mit: „Die kindliche Seele verlangt nach Ordnung und sogar Bestrafung.“ Nach Bestrafung??? Nee, sorry. Kinder machen Fehler, ja. Aber deswegen wollen sie doch keine Bestrafung! Kinder ahmen nach, Kinder wollen ihren Eltern gefallen und sie wollen eine Ordnung, das stimmt. Jemanden, der ihnen zeigt, wo es langgeht. Aber bestraft werden will niemand! Wie kommt der Mann auf die Idee?

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