Wenn man den Zahnarzt braucht

Mit einer sorgfältigen Ernährung kann Karies recht zuverlässig zum Stillstand gebracht werden – egal in welche Stadium. Trotzdem kann ein Zahnarzt nützlich sein, um störende Löcher zu füllen oder um sich um andere Altlasten im Mund zu kümmern. Das Problem ist: Fast kein Zahnarzt kennt den Ansatz nach Weston Price. Zahnärzte glauben in der Regel, was wir alle über Zähne und Karies gelernt haben:

  • Löcher entstehen durch Bakterien, die Säuren auspupsen.
  • Zucker darf man ruhig reichlich essen, solange man sich danach die Zähne putzt. Die Ernährung hat keinen Einfluss auf die Kariesentstehung, abgesehen von dem, was an den Zähnen kleben bleibt.
  • Gründlichst Putzen und die Verwendung von Fluoriden sind die einzige effektive Prophylaxe gegen Karies.
  • Jede Karies ist eine Bruthhöhle für Bakterien, die man nur loswird, wenn alles gründlich ausgebohrt wird.
  • Karies kann nicht mehr zum Stillstand kommen, wenn das Dentin betroffen ist.

Entsprechend diesen Lehrsätzen arbeitet der Zahnarzt. Dummerweise lässt sich optisch nicht klar erkennen, ob Karies zum Stillstand gekommen oder aktiv ist. Und da der Zahnarzt mit so einem Geschehen selten rechnet, zieht er es bei seiner Behandlung normalerweise nicht in Betracht. Ein Kariesstillstand kann zweifelsfrei nur durch eine Verlaufskontrolle im Röntgenbild festgestellt werden – die normalerweise nicht gemacht wird, außer man besteht darauf. Entsprechend wird der Zahnarzt alles, was Spuren von Kariesbefall trägt – egal, ob das Ganze sich seit 10 Jahren nicht verändert hat oder frisch entstanden ist – nach der gleichen Devise behandeln: Die vermeintlichen Bakterienfestungen ausrotten, sprich alles rausbohren.

Problematisch wird das, wenn man  große Löcher behandeln lassen will. Zum Beispiel auch Löcher, die nach (im Röntgenbild bestätigtem) Kariesstillstand stören, weil Essen drin hängen bleibt. Man hat diesen Zahn mit dem großen Loch vielleicht einige Jahre problemlos im Mund gehabt. Die Karies steht und macht keine Sorgen. Aber irgendwann beschließt man, dass das große Loch doch irgendwie stört und geht zum Zahnarzt, um eine Füllung machen zu lassen. Dann kann folgendes passieren: Der Zahnarzt bohrt – und bohrt bis zum Nerv, weil die Kariesspuren schließlich soweit reichen. Ups, der Nerv! Also, da hilft nur noch eine Wurzelbehandlung! (Oder Zahnziehen, wenn’s ein Weisheitszahn ist.) So kann der Zahnarzt einem mal eben einen Zahn umbringen, der bis dahin trotz seines Loches sehr vital und symptomlos war. Nach dem Motto: „Die Karies könnte den Zahn umbringen! Los, ich komme der Karies zuvor und bringe ihn dir schneller um.“ Paradox aber so läuft es.

Um solche und ähnliche Szenarien vorzubeugen, ist es wichtig, im Vorfeld genau zu erklären, was man will und was nicht – und sich zu allererst selbst darüber im Klaren zu sein. Es kann helfen, den Ansatz nach Weston Price zu beschreiben – auch wenn einem vermutlich nicht geglaubt wird. Das hinterlässt den Eindruck, dass man sich mit dem Thema befasst hat und nicht leichtfertig und uninformiert ist. Dann sollte man sich nur behandeln lassen, wenn man dem Zahnarzt vertraut, dass er tatsächlich die eigenen Wünsche berücksichtigt.

In meinem Fall lief es auf einen Kompromiss hinaus: Der Zahnarzt ließ etwas kariöses Dentin stehen (womit ich gar kein Problem hatte, er aber um so mehr) und verwendete stattdessen eine Unterfüllung, die irgendwie basisches Milieu herstellen und so die Kariesbakterien abtöten soll. So war seinem Glauben und Gewissen Rechnung getragen und ich bekam doch noch meine Füllung.

Bevor wir zu unserem Kompromiss kamen, kratzte der Zahnarzt mit dem Bohrer allerdings die Pulpa an (die Höhle im Zahn, die den Nerv beinhaltet). Dadurch, dass ich dieses Loch aber schon so lange hatte, war die Behandlung kaum schmerzhaft. Der Nerv hatte genug Zeit gehabt, sich zurückzuziehen. Das machen Nerven,  um sich selbst zu schützen – wenn sie die Zeit dazu haben. Sieht man auch an abgewetzten Eskimozähnen, die trotz ihrer Kürze vital sind.

Von alledem wusste der Zahnarzt offenbar nichts. Aber woher auch? Er kennt natürlich niemanden, der es geschafft hat, seine fortgeschrittene Karies ohne Bohren zum Stillstand zu bringen. Er warnte, der Zahn könnte sich nach der Behandlung entzünden (weil die Pulpa leicht eröffnet wurde), es könnte gut gehen oder auch nicht. Aber ich wusste, dass es gut gehen würde und das tat es auch. (Obwohl es während der Behandlung durch die Bohrerei schon arg knapp war. Zähne machen nicht alles kommentarlos mit. Und Zahnärzte haben ein unheimliches Talent, Zähne in nullkommnix kaputt zu machen. Das wurde mir sehr deutlich vor Augen geführt …) Aber ich bin dem Zahnarzt dankbar, dass er sich auf das „Experiment“ mit mir eingelassen hat. Obwohl er sonst ein ganz klassischer Zahnarzt ist, ohne Gewissensbisse Amalgam verbaut und Fluoride für die beste Kariesprophylaxe hält.