Selbstbestimmte Geburt in der Natur

Die Mama in diesem Geburtsbericht bekommt ihr erstes Kind. Die Umstände sind ein bisschen anders als bei den meisten. Sie lebt nämlich mit ihrem Mann in einem Bauwagen. Taugt das für eine Hausgeburt? Aber als es dann losgeht, passt alles und das Wetter macht mit für eine romantische Draußengeburt im Pool.

Geburtsbericht 16.07.2019❤

Achtung, lange Gedankensammlung, manchmal seicht geschrieben, manchmal kitschig.

Kurzinfo zu den Rahmenbedingungen, die doch minimal anders waren als normal.
Ich, 30, wohne mit meinem Mann im Bauwagen auf einem großen Grundstück im Grünen nur 7 Minuten vom Krankenhaus weg. Ich hatte mir schon relativ zeitig zwei Hebammen für eine Hausgeburt gesucht. Ich war mir zwar selbst noch nicht sicher, ob ich das wirklich will – meine Bedenken waren eher, dass es mir räumlich zu eng wird und ich vielleicht kurzfristig doch lieber ins Krankenhaus gehe. Musste mir beide Optionen im Kopf immer offen halten, da meine Hebammen zusätzlich auch noch fest angestellt sind und es so vorkommen hätte können, dass sie einfach gerade keine Zeit haben. Heißt, bis zuletzt war ich für die Geburt relativ offen, beide Optionen hatten ihre Berechtigung für mich.
Ich hatte nie großartig das Bedürfnis einer Wassergeburt, platztechnisch eh nur draußen bei mir möglich und dafür muss auch noch das Wetter passen, und Heißwasser in der Menge ist bei uns auch ein Problem im Bauwagen. Eine andere Hebamme meinte auf meine Frage, ich werde eh lieber drin bleiben in der sicheren Höhle und ihr wäre es im ganzen Berufsleben nie passiert, dass eine Frau, auch noch erstgebährend, ins Freie für die Geburt will. Kurzfristig hab ich mir relativ nebenbei trotzdem ein Planschbecken im Internet besorgt.

Die Schwangerschaft war unkompliziert, habe aber erst die letzten 5-6 Wochen angefangen die Schwangerschaft, die ich mir immer gewünscht habe, richtig zu genießen. Obwohl es natürlich anstrengend wurde, hat mit der letzte Teil am besten gefallen.
Bei 39+5 meint der Frauenarzt die Klassiker – zu wenig Fruchtwasser und Plazenta verkalkt, Überweisung Krankenhaus mit evtl Einleitung. Es war grade Wochenende und wir hatten das riesen Problem, dass uns komplett das Wasser abgestellt wurde und wir wussten nicht wieso und konnten niemanden mehr offiziell erreichen. Damit erschien mir die Option Krankenhaus viel angenehmer als Zuhause ohne fließendes Wasser …
Letzter Termin zur Untersuchung war dann Sonntag bei 40 +1 im Krankenhaus. Ich habe die Überweisung extra nicht abgegeben, damit nochmal komplett neutral untersucht wird und nicht sofort Richtung Einleitung weitergeschaut wird. Gleiches Ergebnis, keine Verschlechterung, sollte Dienstag wieder zur Kontrolle.
Montag, Wasser geht wieder! Juhuu! Es war ein Wasserrohrbruch – und das Wetter ist auch endlich wieder angenehm warm. Der Babyjunge darf jetzt kommen!
Montag Abend 7 Uhr leichte Wehen in Abständen zwischen 15 und 10 Minuten. Hab meinen Hebammen nur mal proforma Bescheid gesagt, hatte das eine Woche vorher auch schon und war nix. In der Nacht dann kürzere Abstände aber sehr gediegen und nicht schmerzhaft. Um 12 nachts ca. alle 6 Minuten. Morgens um 7 hat die Intensität dann zugenommen und teilweise alle 2 Minuten. Nochmal Hebammen Bescheid gegeben, aber ich hab dann selbst weiter gemacht bis 10 Uhr. Mir war klar, dass das jetzt höchstwahrscheinlich richtige Wehen sind weils wirklich schon anstrengend wurde. Aber man möchte ja nicht zimperlich sein und Fehlalarm auslösen. Außerdem war ich zufrieden damit, die Wehen selbst zu managen im Bett. Hab mich bemüht, immer wieder auszuruhen und sogar einzuschlafen zwischendrin. Um 10 Uhr wars dann im Liegen nicht mehr machbar und ich wollte von der Hebamme einen Zwischenstand haben. Sie kam -3 cm offen – war sehr zufrieden mit dem Startergebnis.
Hab sie wieder weggeschickt – sie wohnte eh nur ca. 10 Minuten weg, deswegen hatte ich lieber meine Ruhe und wollte so weitermachen wie bisher.
Mein Mann hat währenddessen draußen rumgewerkelt und immer mal wieder nach mir gesehen, aber ich konnte auch ihn nicht brauchen. Zwischendurch hat er mir eine Schale mit klein geschnittenem Obst oder was Süßem hingestellt, verschiedene Sachen zum Trinken gebracht und sich weiter im Hintergrund gehalten. Ein bisschen geredet und Scherze gemacht – wenn er kurz da war, wars super angenehm.
War absolut im Flow mit den Wehen, konnte bis zum Schluss die Schlafpausen durchziehen. Es war natürlich eher wegtreten als echter Schlaf, aber es fühlte sich absolut erholsam an, sich direkt nach jeder Wehe wieder hinzulegen. Wenn ich nicht eh liegen geblieben bin, war der Vierfüßler meine einzige Stellung, die ich verkraftete.
Die Hebamme kam nochmal nach 3 Stunden: 5 cm. Ich war zufrieden als sie mir sagte, dass es zwar aussieht, als würde es lange dauern, aber das sei nicht schlecht und oft besser, als wenn es so schnell geht und die Frauen hängen dann bei den Presswehen fest. Also stellte ich mich irgendwie auf das ein, was ich vorher immer in der Theorie über Wehen gelesen hatte – jede Stunde ein cm – heißt bis zur vollen Eröffnung 10 Stunden ungefähr. Das konnte ich mir gut vorstellen. Irgendwie ein greifbarer Plan, der mir Halt gab und mich nicht ungeduldig werden ließ.
Zwischenzeitlich hatte mein Mann den Pool aufgestellt – das war seine Aufgabe. Ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn sonst nicht involvieren konnte zum Unterstützen und er fast nichts vom Vorbereitungskurs anwenden konnte. Aber da unsere Wohnsituation doch anders ist, war die Poolaufgabe zeitlich für den ganzen Nachmittag vorgesehen, denn Heißwasser mussten wir aufkochen und das dauert in solchen Mengen …
Im Wagen hatten wir extra einen Haken an der Decke angebracht, für ein Tragetuch zum dran festhalten, genau am Bettrand. So konnte ich es im Bett nutzen und auch vor dem Bett, während ich auf dem Ball gesessen bin. Unser Bett ist ein gutes Stück erhöht, sitzend am Ball konnte ich dann auch da super den Kopf zum Schlafen aufs Bett legen.
Ab 15 Uhr blieb die Hebamme dann und es wurde schon sehr schmerzhaft. Sie bot mir etwas Leichtes gegen die Schnerzen an, aber ich empfand es noch lange nicht als nötig. So ging es kontinuierlich weiter bis 16 Uhr, 9 cm. Sie meinte, ich könnte jetzt in den Pool. Es wäre der perfekte Zeitpunkt und evtl. entspannender. Entspannender – überzeugt! Ich sprang sofort auf und ging raus in den Pool, obwohl ich bis zu dem Zeitpunkt überzeugt war, das Kind im Wagen zu bekommen und es eher als Beschäftigungsmaßnahme für meinen Mann gesehen habe den Pool aufzufüllen.
Wirklich angenehm im warmen Wasser, aber pressen durfte ich noch nicht.
Das hat mir gar nicht so gepasst, also weiter aushalten und kurz realisieren, wie schön es hier draussen ist. Kitschig fast, im Grünen unter der tief hängenden Weide, die Abendsonne scheint mir auf den Rücken, das warme Wasser ist unheimlich angenehm. Bisher war alles so super entspannt, dass ich es gar nicht glauben konnte.


Aber die Wehen werden krasser und der kurze Moment, in dem ich die Umgebung realisiere, ist schnell vorbei.
Noch schnell Wassertemperatur besser anpassen – wieder ein guter Job für meinen Mann, der immer wieder literweise heißes Wasser nachkippt bis ich abnicke, dass es passt.
Am Ende musste ich mich während der Wehen schon extrem konzentrieren. Dafür brauchte ich die Hand meines Mannes zum Festhalten – jede Bewegung von ihm und von aussen, also wenn er sich oder den Pool bewegt hat, war zu viel und hat mich vom Wesentlichen abgebracht, aber das hat er Gott sei dank gut von selbst verstanden. Während der Wehe hat er mir seine Hand gegeben und absolut still gehalten und dazwischen wieder warmes Wasser in den Pool geschüttet.
Hab nur ganz leicht mitbekommen, dass es Gespräche der Hebammen über die fallenden Herztöne gab während der Wehe, vorher waren sie immer top, aber ich konnte mich erinnern oft gelesen zu haben, dass das anscheind normal sei.
Ich wollte eeeendlich pressen … und genau zu der Welle, in der ich es eh nicht mehr verhindern hätte können, bekam ich die Zusage der Hebamme, die in dem Moment nochmal tastete, dass es jetzt ok wäre. Und hab gepresst – die erste Presswehe … soooo anstrengend, sie hat mich vollkommen überrannt. Hatte Problem mit dem Atmen, weil mir wirklich die Luft weg blieb – durch den Pressdrang hätte ich vorher besser einatmen müssen – mir ging direkt die Luft aus. Dachte mir nur: Das ist so verdammt anstrengend. Da hab ich so Null Lust drauf und mach jetzt alles und noch viel mehr, damit das schnell geht. Zweite Presswehe – alles gegeben was ich konnte damit der Kopf richtig kommt. Die Hebamme war verblüfft, dass er so schnell in der richtigen Lage war. Also Kräfte sammeln – dritte Presswehe – pressen halten pressen halten pressen – Kopf draussen- Druck halten – und langsam, damit alles schön langsam gedehnt wird, wieder pressen mit aller aller Kraft und Ausdauer … und da ploooop – ist er das schon? So schnell ? Schwimmt er mir zwischen meine Beine nach oben entgegen! Er ist es ! Ich kanns nicht fassen! Ist es schon vorbei? So schnell ? Er ist da, oh mein Gott. Hab ihn selbst aus dem Wasser auf meine Brust gehoben und konnte einfach nicht fassen, dass er wirklich da ist. Gerade war er doch noch in meinem Bauch. Und er hatte Haare! Viele blonde Haare. Und so sauber! Ich musste weinen!
17:07 sagt mein Mann und wir weinen zusammen.
Die extrem dicke Nabelschnur kann er ziemlich zügig durchtrennen. Sie ist so schnell auspulsiert. Der kleine Babymann ist mit einem Handtuch auf meiner Brust zugedeckt. Da wir ja draussen sind, ist der leichte Wind trotzdem zu viel und eine Hebamme und mein Mann bringen ihn nach drinnen.
Die Plazenta kommt auch sofort mit ein bisschen Pressen hinterher und ich leg mich sofort zu meinem Mann und unserem kleinen Wunder ins kuschelige Bett. Ich lege ihn an meine Brust, wo er sofort richtig anfängt zu trinken. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er jetzt da ist. Und an meiner Brust trinkt -ich hab mich so sehr aufs Stillen gefreut und es klappt auf Anhieb. Währenddessen untersucht mich die Hebamme – nichts gerissen, anscheinend eine leichte Abschürfung, von der ich aber im Nachhinein gar nichts merke.
Nachdem er eingeschlafen ist, wird er vermessen. 53 cm, 3470g.

Eine wunderbare Geburt. Sicherlich anstrengend, aber alles war gut machbar, und durchgehend konnte ich nicht glauben, dass es einfach so dahin laufen kann … ohne Probleme oder Höhen und Tiefen, einfach kontinuierlich und zielstrebig ans Ziel.
Ich bin unendlich dankbar. Man kann sich das nicht aussuchen. Ich bin froh, dass ich das Glück hatte, so eine wunderbares Erlebnis zu haben. Und auch den Mut, beim ersten Kind Zuhause zu bleiben, obwohl viele Stimmen gerade wegen der Bauwagensituation abgeraten haben. Hier spielte vor allem meinen Mann die größte Rolle, der vom ersten Gedanken an eine Hausgeburt absolut hinter mir stand, so dass ich im Laufe der Schwangerschaft das nötigen Selbstvertrauen dafür fand. Das gleiche gilt für die zwei Hebammen, die sich mit ihrer wunderbar offenen Art um mich kümmerten. Sie ließen mir jede Freiheit und ich fühlte mich von Anfang bis Ende bestens aufgehoben und unterstützt, auch in den Phasen, in denen ich alleine sein wollte. Zur Krönung gibt es auch noch Fotos und ein Video genau von der letzten Wehe und der Geburt. Hatte vorher überlegt ob ich extra wen zum fotografieren haben möchte, aber mich wegen der hohen Preise und auch dem Platzmangel im Wagen dagegen entschieden und ganz vergessen, dass die Hebammen meinten, wenn alles passt und es gewollt ist machen sie zwischendurch gern Fotos und Videos.

Meine absolute Traumgeburt, in der Abendsonne draußen in der Natur im Wasser.

Ich freu mich auf nächstes Jahr, wenn ich mit dem kleinen Babymann im Geburtsbecken planschen darf. ❤

Wenige Tage nach der Geburt

Gut zu wissen: Eigentlich braucht frau niemanden, der den Muttermund überprüft und die Erlaubnis zum Pressen gibt oder das Pressen anleitet. Wenn es soweit ist, signalisiert der Körper mit dem Pressdrang von selbst, dass es so weit ist und man muss dem Körper nur folgen.

Wenn das Baby nicht optimal liegt, sondern sich zum Beispiel in Sternenguckerlage (hinterer Hinterhauptslage) befindet, kann es aber mal zu vorzeitigem Pressdrang kommen. In dem Fall gibt es dann trotz Pressdrang und Pressen keinen Fortschritt und das Baby kommt nicht tiefer. Dann ist es besser, dem Pressdrang nicht nachzugeben, sondern zu veratmen und eventuell mit Übungen dem Baby beim Dreh in einen bessere Lage zu helfen. Mehr dazu unter Optimierung der Kindslage.

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