Vom Papa aufgefangen – eine ungeplante Alleingeburt

Hallo ihr Lieben! Ich habe wieder einen schönen Geburtsbericht für Euch! Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist nicht meine Geburt, sondern die einer anderen Frau, die bereit ist, die spannende Geburtsreise ihres zweiten Kindes mit Euch zu teilen. Viel Spaß beim Lesen!

Samstag Nacht, 06.04.2013, 37+0

Ich wache auf und bin munter. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, es ist exakt 02:30 Uhr. Ich seufze und stehe resigniert mit dem Gedanken an eine weitere schlaflose Nacht auf. Ich gehe ins Wohnzimmer und schalte den Rechner an. Wie in den zahllosen vorangegangenen Nächten will ich mir die schlaflose Zeit mit Surfen im Netz vertreiben.
Ich trinke ein Glas Wasser und merke, dass ich zur Toilette muss. Auf dem Weg dorthin beginnt mein Unterleib zu schmerzen. Als ich auf der Toilette sitze, werden die Schmerzen stärker und ich merke, dass ich weder Harndrang noch Stuhlgang verspüre. Statt dessen tröpfelt Blut in die Toilette und ich werde laut, um die Schmerzen ertragen zu können. Es ist eine Wehe, die sich nicht mehr veratmen lässt, ich muss sie bereits vertönen.
Ich bin erschrocken – sollte es jetzt wirklich losgehen? So plötzlich? So stark? Beim ersten Kind hat die Geburt anderthalb Stunden gedauert – geht es jetzt wieder so schnell? Ich fühle mich überrumpelt und völlig unvorbereitet.
Ich gehe schnell ins Wohnzimmer, um die wichtigsten Vorkehrungen zu treffen.
Im Wohnzimmer werden die Schmerzen noch stärker und ich muss mich am Tisch festhalten und vertöne, während neues Blut auf den Boden läuft.
In meinem Kopf kreiselt es und ich realisiere, dass die Geburt nicht beginnt, sondern ich bereits mittendrin bin.
So schnell wie möglich gehe ich zurück ins Schlafzimmer, hole frische Spannbettlaken für das Sofa und wecke meinen Freund. „Es ist soweit!“, sage ich und laufe zurück ins Wohnzimmer, um die nächste Wehe zu vertönen. Er steht völlig verdattert hinter mir: „Was soll ich machen? Soll ich die Hebamme anrufen?“ Die Hebamme will ich selbst anrufen, er soll das Sofa ausklappen und beziehen und eine alte Decke davor legen.
Nach der nächsten Wehe schnappe ich mir mein Handy und wähle die Nummer von S., unserer Hebamme. Es ist genau 02:45 Uhr. Nach dem zweiten Klingeln geht sie ran. „S., ich glaube, es geht los!“ – „Gut, treffen wir uns im Geburtshaus? Ach nein, ich war grad bei der anderen Frau… Okay, wie sind die Wehen?“ – „Ich weiß nicht, schnell und heftig. Ich blute.“ – „Wie ist die Blutung?“ – „Frisch und hell.“ – „Mensartig?“ – „JA!“ – „Hm, schnelle Muttermundseröffnung. Ich fahre sofort los.“
Ich kann gerade noch auflegen, als mich die nächste Wehe auf die Knie zwingt. Den Vierfüßlerstand werde ich in der nächsten halben Stunde, die die intensivste meines Lebens werden sollte, nicht mehr verlassen.
Inzwischen hat mein Freund alles vorbereitet und sitzt bei der nächsten Wehe vor mir auf dem Couchtisch. Ich kralle mich an ihm fest und rutsche an seinen schweißnassen Armen ab. Ich öffne die Augen und sehe ihm das erste Mal in dieser Nacht ins Gesicht – der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Er tut mir leid; ich denke daran, dass er nur wenige Stunden zuvor mit Fieber, Schüttelfrost und Durchfall von der Arbeit nach Hause kam und ich mich um ihn gekümmert habe. Nun geht es ihm immer noch nicht besser, doch jetzt muss er mir beistehen.
Die Wehen werden unerträglich, ich visualisiere die blauen Satinbänder und die sich öffnenden Blüten. Doch alles wird gnadenlos von einem sich durch die Eingeweide schiebenden Nilpferd verdrängt. „Verdammt, uuuaaaahhhhhh, ich muss pressen… aaahhhhhhh… Ich glaube, ich kack gleich…uuuhhhhhhhh“ – „Mach ruhig, es ist alles gut.“
Er sitzt hinter mir auf dem Sofa, hält meine Hüften, massiert meinen Rücken und redet beruhigend auf mich ein. Seine Worte helfen mir, mich zu konzentrieren. Später wird die Hebamme die vollständige Muttermundseröffnung auf etwa 02:55 Uhr datieren.
Ich hangele mich von Wehe zu Wehe, bis ich dem Pressdrang nicht mehr widerstehen kann. Ich schiebe und brülle ein tiefes „uuuuhhhhhooooohhhh“ vor Schmerzen, als ich ein lautes „Platsch“ höre und alles unter mir nass wird. Ich spüre etwas zwischen meinen Beinen baumeln. Es ist ein Teil der Fruchtblase, die rosig aus mir raus hängt. Mein Freund schaut auf die Uhr, es ist 3:10 Uhr. Er ruft die Hebamme an, die gerade von der Autobahn runter fährt.
Der Pressdrang und die Schmerzen nehmen noch mehr an Intensität zu. „Ich platze gleich!“ – „Ruhig atmen, du machst das prima.“ Ich will ihm sagen, dass ich ihm unendlich dankbar bin, dass seine Worte und seine Hände mir helfen, am Boden zu bleiben, doch ich bekomme nur ein „Uuuuoooooohhhh…. huuuuu…. huuuuuu…“ heraus.
Ich kralle meine Hände an der Kante des Couchtisches fest und presse meine Stirn dagegen, während die nächste Wehe mich zu zerreißen droht. „Hilf mir, mich zerreißt es. Der Kopf muss doch schon da sein!“ – „Ich kann die Haare sehen!“
Er hält mit seinen Händen leicht dagegen, was mir wahre Linderung verschafft. Die folgende Wehe bringt mich an den Rand meiner Kräfte und ich muss weinen. „Der Kopf ist da! Die Nabelschnur ist um den Hals gewickelt. Ich rufe die Hebamme an!“ Später werde ich bedauern, dass ich in diesem Moment unseren Sohn nicht angesehen habe, aber in dem Augenblick bin ich mit geschlossenen Augen ganz bei mir und sammle mich. Ich weiß, die nächste Wehe wird uns unseren Sohn bringen. Es ist 03:20 Uhr und die Hebamme parkt gerade vor unserem Haus ein. Mein Freund kniet hinter mir, während eine letzte kräftige Wehe das Baby aus mir herausschiebt und es in seine Hände fällt.
Ich bin erleichtert und kann es noch nicht fassen. „Unser Baby … unser Baby…“, stammle ich.
Ich lehne mich an das Sofa, mein Freund holt ein Handtuch, gibt mir das Baby und deckt es mit dem Handtuch ab. Wir lachen und umarmen uns, unser neugeborener Sohn beginnt leise zu schreien. Ich sage meinem Freund, wie unendlich stolz ich auf ihn bin, wie sehr er mir geholfen hat. Er hat unser Kind zur Welt gebracht!
Die Hebamme klingelt und ist erstaunt, wie fit wir alle sind. Sie umarmt mich und begrüßt unseren Sohn. Wir bleiben alle eine Weile am Boden sitzen, bis ich nicht mehr so zittrig bin und auf das Sofa umziehen kann.
Dort schaut sie nach, ob ich Geburtsverletzungen habe und ob sich die Plazenta bereits löst. Bis auf einige Labienrisse beidseits bin ich unverletzt. Die Nabelschnur ist auspulsiert, die Hebamme und mein Freund nabeln unseren Sohn ab. Um 03:42 Uhr wird die Plazenta geboren.
Gegen 04:00 Uhr hören wir ein Weinen aus dem Flur. Unser großer Sohn Justus ist aufgewacht und irritiert, weil wir nicht im Schlafzimmer sind. Mein Freund geht hin und sagt „Dein Bruder ist da! Dein Bruder ist da!“ Sofort beginnt Justus zu lachen und kommt zu uns ins Wohnzimmer gerannt. „Schau, das ist dein Bruder Konrad!“ Justus lacht und sagt „Aaahhh nein, der heißt doch nicht Konrad!“
Wir genießen die erste Zeit zu viert, während die Hebamme den Papierkram erledigt. Konrad schaut sich um und Justus beginnt, herumzuturnen und mit einem Igelball zu spielen.
Gemeinsam schauen wir zu, wie S. die U1 macht. Konrad ist auf der Suche nach der Brust und als er sie findet, dockt er an und beginnt kräftig zu saugen. Die Nachwehen werden immens stark und ein Schwall Blut läuft aus mir heraus. S. kontrolliert den Fundusstand: „Deine Gebärmutter ist toll. Die zieht sich so schnell zusammen! Ganz wunderbar!“
Um 05:50 Uhr verabschiedet sie sich von uns und will am Nachmittag noch einmal nach uns schauen. Wir gehen zu viert ins Schlafzimmer. Justus Ist noch völlig aufgedreht und will, dass ich ihm ein paar Märchen erzähle. Es ist 06:44 Uhr, als endlich alle Männer schlafen. Es wird hell draußen und eine Amsel singt vor unserem Fenster. Ich schaue meine Männer an, wie sie wie die Orgelpfeifen nebeneinander liegen und könnte platzen vor lauter Stolz und Liebe.

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