Meine Fünfte Alleingeburt

Liebe Leser, heute darf ich euch wieder einmal von einer meiner Geburten berichten.  Es ist die Geburt unseres sechsten Kindes, meine fünfte Alleingeburt. Viel Spaß beim Lesen. 🙂

Die Schwangerschaft verläuft – wie bei den anderen fünf Kindern vorher – unspektakulär. Ich bin zweimal beim Hausarzt (wegen Stützstrümpfen und Schilddrüsenwerten), sonst mache ich meine eigene Vorsorge.

Mit Näherrücken des Geburtstermins bekomme ich Lampenfieber. Der Gedanke, dass ich gebären soll, macht mir Angst. Es ist doch immer wieder eine unkontrollierbare Naturgewalt, die mir Respekt einflößt. Aber dann vergeht die Zeit, nichts tut sich und am 7.9.2016, 12 Tage nach Termin, will ich einfach nur noch gebären. Soweit über den Termin bin ich noch nie gegangen. Seit 6 Wochen ist mein Bauchumfang gleich geblieben. Aber das Baby bewegt sich munter und versichert mir so, dass es noch gut versorgt ist.

23.23 Uhr: Ich gehe nach allen anderen ins Bett, wie üblich. Unser zweiter Sohn ist im Familienbett auf meiner Schlafstelle eingeschlafen. Ich ziehe ihn auf seine Seite des Bettes und muss plötzlich auf die Toilette, schaffe es kaum. Verdächtig viel kommt da … klar, mit weißen Flöckchen und riecht nach Baby – zusammen mit noch mehr vom Schleimpfropf (etwas davon hatte ich schon tagsüber verloren). Das war wohl ein Blasensprung! Es geht endlich los!

Ich bin erst einmal munter, gehe in den Garten zu meinem Geburtsplatz und lege alles bereit. So richtig loszugehen scheint es aber dann doch nicht. Ich verschwinde schließlich im Bett. Zunächst kommen noch recht regelmäßig Wehen, alle 10 Minuten ungefähr. Sie sind aber nicht sehr stark, unter der Grenze zum Veratmen. Nach einer Stunde sind die Abstände auf 30 Minuten geklettert. Das Baby im Bauch turnt sehr lebhaft, ich weiß also, dass es ihm gut geht. Aber warum geht es nicht los? Ich hatte zwar schon eine Geburt, die mit Blasensprung begonnen hat, aber da war das Baby recht bald danach da. Da hilft wohl nur Geduld und Vertrauen – und eine Mütze Schlaf. Ich schlafe recht gut bis zum Morgen, ab und zu geweckt von einer Wehe.

Meinem Mann erzähle ich morgens von den Wehen und vom Schleimpfropf. Den Blasensprung verschweige ich. Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht. Genug Gedanken mache ich mir ja selbst schon – obwohl alles doch im grünen Bereich ist. Die Wartezeit will ich aber möglichst ohne die Sorgen meines Mannes und den damit einhergehenden Zeitdruck im Nacken verbringen.

Den Vormittag wehe ich so vor mich hin und warte darauf, dass es richtig losgeht. Bewegung soll Wehen ankurbeln und ich muss mich ablenken. Also fege ich die Terrasse und ein Teil vom Hof. Nach dem Mittagessen mache ich Mittagsschlaf mit unserem bis dahin Jüngsten. Alle 10 Minuten wache ich für eine Wehe auf und schlafe danach weiter. Um 14.30 Uhr bin ich wieder wach. Die Wehen sind kräftiger. Es scheint endlich loszugehen! Mein Mann ist mit den anderen Kindern noch einkaufen. Ich rufe an, dass sie nicht trödeln sollen … dann richte ich mich auf dem Gymnastikball am Geburtsplatz ein. Schaue in den blauen Himmel – heute ist ein wunderschön warmer Tag – und veratme meine Wehen. Die kommen jetzt alle 2-3 Minuten. Kurz darauf sind die anderen vom Einkaufen zurück. Die Wehen werden heftiger, aber mit der Atmung und gleichzeitig mich Abstützen habe ich sie im Griff. Ich bohre meinen Blick in Kleeblätter und Gänsefingerkraut – volle Konzentration ist alles. Mein Mann hält derweil die Kinder mit dem Fernseher bei Laune und von mir fern.

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Die erste Presswehe – jetzt bin ich nicht mehr leise. Immer wieder unglaublich das Gefühl, wenn sich ein Kind durch mein Becken schiebt. Die dritte Presswehe bringt den Kopf weit herunter, er rutscht aber noch einmal zurück. Ich rede mit dem Baby: „Gleich haben wir’s geschafft.“

Mein Mann sagt den Kindern Bescheid. Die drei Großen wollten die Geburt unbedingt sehen! Die letzte haben sie verschlafen, heute endlich klappt es.

Mit der nächsten Wehe wird der Kopf geboren. Wahnsinn, wie groß dieser Kopf ist! Erleichterung, er ist raus. Jetzt die Drehung der Schultern. Ich spüre alles ganz deutlich … und bin so gefangen von dem Moment, dass ich den nächsten, völlig logischen Punkt verpasse: das Auffangen. Es ist 16.06 Uhr. Das Baby plumpst in Klee und Gänsefingerkraut. Die Nabelschnur ist um den Hals. Sie bremst den Fall und reißt dabei ab. Ich hebe den Kleinen – Es ist ein Junge! – schnell auf, stimuliere ihn, bis er regelmäßig atmet. Als ich die abgerissene Nabelschnur bemerke, hat sie schon aufgehört zu bluten. Ein gewisses Blutbad hat sie trotzdem geschafft anzurichten.

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Die großen Geschwister kommen, reden und staunen. Die Große ist enttäuscht, dass es kein Mädchen geworden ist. Die Jungs freuen sich über Verstärkung. Es vergeht keine halbe Stunde, da hat der Kleine die Brust gefunden und stillt. Wir bestaunen ihn ausführlich. Die Plazenta gebäre ich vor Ort. Dann gehe ich erst einmal duschen.

Einen Namen finden wir spät am Abend. Bis dahin hatten wir uns nur auf einen Mädchennamen geeinigt. Kiran Josia soll er heißen. Am nächsten Tag schaffen wir es zu wiegen und zu messen: 3180 g, 52 cm, 36 cm Kopfumfang

Der Sturz hat ihm offenbar nichts weiter ausgemacht. Er ist ein zufriedenes Baby und entwickelt sich genauso gut wie alle anderen vorher.

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16 Gedanken zu „Meine Fünfte Alleingeburt“

  1. An dieser Stelle auch von mir herzlichen Glückwunsch und alles Gute zur Geburt eures Kleinen! Einfach wunderschön wie er einen da so anlächelt auf dem Foto – schon eine richtige kleine Persönlichkeit 🙂 ! Vielen Dank auch für deine tollen und informativen Videos über die ganze Schwangerschaft. Ich habe noch keine Kinder und bin einfach so froh darüber dass ich das alles schon vor meiner ersten Schwangerschaft und Geburt erfahre und lerne und mich dadurch schon jetzt auf eine selbstbestimmte Geburt vorbereiten kann! Alles Gute für euch und auch liebe Grüße unbekannter Weise an deine Familie die dich darin unterstützt und damit dazu beiträgt, dass mehr Frauen dieses Wissen und Vertrauen (wieder) bekommen!

  2. Danke für Deinen interessanten Bericht und Glückwünsche zur Geburt eures wunderschönen Sohnes!!
    Die Geburt war sehr eindrucksvoll, wenn ich auch nicht ganz verstehe, warum nicht wenigstens Dein Mann das Kind hat auffangen können.

    Ich hätte drei Fragen:
    (1) Hattest du Schmerzen bei der Geburt?

    Es ist sympathisch, dass auch Du Sorgen ansprichst. Das wird ja oft von Frauen, die alleine gebären, ausgeblendet. Man bekommt den Eindruck, alles ist perfekt.
    (2) Aber nun zur Frage: Was hätte sein müssen, dass auch Du Dir gesagt hättest: So, jetzt lass ich lieber mal einen Arzt/Hebamme schauen? Oder wäre so ein Szenario für Dich nicht denkbar bzw. wäre eine große Kränkung.

    (3) Ich dachte immer, eine Nabelschnur reißt sehr schwer. Wie kann sie dennoch reißen? Fiel das Kind doch mit ziemlicher Kraft auf den Boden? (Zum Glück scheint ja nichts passiert zu sein!).

    Alles Gute für Deine schöne Familie, ich lese gerne Deine Blogs und schaue gerne Deine Videos an.

    1. Liebe Leni,
      Ob ich Schmerzen hatte: Man könnte die Empfindungen die ich hatte zeitweise sicherlich als Schmerz interpretieren. Ich finde aber, „Schmerz“ trifft es nicht richtig. Es ist anders, mehr als Schmerz. Es ist wie eine Naturgewalt, wie ein Marathon, wie eine Bergbesteigung. Bei letzteren beiden verspürt man sicher auch mal Schmerz, aber keiner würde einen hinter fragen: „Hat’s wehgetan?“
      Was hätte sein müssen, dass ich Hilfe gesucht hätte: Einmal eine deutliche Abnahme oder Aufhören der Kindsbewegungen, zum anderen wenn es mir schlecht gegangen wäre. Um den Geburtstermin herum hatte ich einen Abend, da ging es mir richtig schlecht. Ich wusste nicht gleich, was es war. Habe also Blutdruck kontrolliert und Urin (auf Eiweiß etc., um Präeklampsie auszuschließen). War aber alles ok zum Glück, ich habe mich dann auch wieder beruhigt und am nächsten Tag ging’s mir wieder gut. Ich hatte wohl „nur“ ne Panikattacke. (In der Folge, weil unser bis dahin Jüngster ein paar Tage zuvor einen Affektkrampf hatte, wo er eine halbe Minute lang bewusstlos war und ich dachte, er sei tot. Notarzt kam, da war er aber schon wieder fit und soweit war alles unauffällig. Aber das hat mich offenbar so hochschwanger ganz schön mitgenommen.) Ein echtes Notfall-Szenario würde mich sicherlich wurmen, weil es mit Stress verbunden ist, den man nicht haben will. Und weil es Angst macht, wenn etwas trotz aller Bemühungen ganz offenbar nicht stimmt oder so läuft wie mal wünscht. Aber es geht ja nicht drum, dass ich mir was beweisen muss. Wer die Verantwortung für sich und das Baby tragen will, trägt sie nun mal ganz und muss ggf. entsprechend handeln. Da darf kein falscher Stolz dazwischen kommen.
      Nabelschnur: Die ist stabil, aber sie hat eine Sollbruchstelle. Bei Tieren ja auch. Da reißt sie, wenn es zum Sturz kommt.

  3. Liebe Sarah,

    auch hier nochmals herzlichen Glückwunsch zur Geburt Eures Sohnes.
    Das Video hatte ich schon gesehen; schön, jetzt noch Deinen Bericht dazu zu lesen.

    Habt eine wunderschöne, glückliche Zeit.

    Alles Gute an Dich und Deine tolle Familie

    Tina

  4. Hallo liebe Sarah,
    einen herzlichen Glückwunsch euch zu eurem wundervollen neuen kleinen Sohn. 🙂
    Nachdem ich hier vor einigen Wochen einen eher skeptischen Kommentar dagelassen habe bezüglich diverser eventueller Komplikationen, kam es mir heute in den Kopf, dass euer kleiner Zwerg doch schon da sein müsste. Und siehe da, da schaut er gleich auf dem Foto neugierig in die Welt hinaus! 🙂
    Ich möchte nicht auf das Fallen und die gerissene Nabelschnur eingehen, das haben andere schon zur Genüge getan und es ist ja alles gut gegangen, er wirkt gesund und putzmunter!
    Danken möchte ich dir aber für deine Offenheit und die vielen interessanten Informationen und Videos. Auch wenn ich nach wie vor für eine ‚abgesicherte‘ Geburt bin, nehme ich unwahrscheinlich viel mit für mich und meine nächste (hoffentlich baldige) Schwangerschaft, vor allem aber mehr Vertrauen in mich und meinen Körper. Das hätte ich nicht erwartet als eingefleischte Klinikerin… 😉
    Also, nochmal vielen Dank, werde jetzt öfter hier vorbeischauen. Und ich wünsche dir und deiner Familie eine wundervolle, schöne Zeit mit eurem Neuankömmling.

  5. Hallo Sarah
    Ich wollte mich nur bei dir für deine Videos bedanken!!! Ich hatte gestern eine ungeplante Alleingeburt und ich glaube ohne deine videos hätte ich das nicht so gut hinbekommen! es ging einfach sehr rasant bei uns und die hebamme hat es nicht rechtzeitig geschafft. aber ich hatte zu keiner zeit angst weil ich bei dir gesehen hatte wie es geht bzw. das es geht:-) auch gerade das auffangen hätte ich wohl verpasst wenn ich es nicht so eindringlich aus dem video in erinnerung gehabt hätte. also vielen dank!

    1. Hallo Elisabeth, dann war mein Patzer ja noch für was gut. 😉 Herzlichen Glückwunsch zu eurem Nachwuchs! Ich freu mich, dass du ein schönes Geburtserlebnis haben durftest. 🙂

  6. Liebe Sarah,
    Du bist absolut genial, vielen Dank, dass du deine Geburten, dein Wissen und deine Einstellung mit uns teilst.
    Bist du eigentlich nie gerissen bei deinem Geburten?
    Und falls doch, wie bist du damit umgegangen?
    Kann man/ich dir eigentlich auch eine Email schicken oder geht Kommunikation nur hier über die Kommentare?

  7. Herzliche gratulation!

    Aber sorry… wie kann dein mann dabei zuschauen wie euer baby auf den boden fällt?? Mir sind grad die tränen gekommen so leid hat mir das baby getan! Was für ein start ins leben ausserhalb des bauches… das tut mir wirklich leid so etwas zu sehen.
    Ich finde der gedanke an eine natürliche geburt zu hause sehr schön. Wobei ich nach meiner ersten das ganz bestimmt nicht trauen werde… dafür bewundere ich dich.
    Ich wünsche euch alles gute & liebe…

    1. War meine Schuld. Mein Mann kann nichts dafür. Der war zu weit weg, um schnell reagieren zu können. Ich hatte alle Babys vorher gefangen und hatte es auch diesmal wieder vor. Deshalb kam das für alle Beteiligten unerwartet.

      1. Ok… wollte dich auch nicht angreifen – wirklich nicht. Ich bewundere dich für deinen mut!
        Ich hätte meine tochter sooo gerne mit meinen armen empfangen aber in der hektik mit all den ärzten ecetera war das leider unmöglich.
        Dein baby hat mir so leid getan. Ich hoffe es ist alles gut gegangen und dass es keinen schaden davon getragen hat.
        Alles liebe

        1. Ja, verstehe ich. Unserem Baby geht es gut, kannst ja mal auf meinem youtube-Kanal gucken, da habe ich immer mal ein Update-Video gemacht. Ein halbes Jahr ist er jetzt. Das 6-Monate-Video ist also das Frischeste. 🙂

  8. Wow echt klasse. Danke für deinen Bericht und dieses tolle Video. Da ich bei der ersten Geburt von den Hebammen Im kH nur enttäuscht wurde und ich meinen Sohn dort fast alleine bekommen habe, stand für mich auch schon fest, das die nächste Geburt eine Hausgeburt wird.

    Alles gute für euch

  9. Wow, meinen Respekt. Ich bin aktuell mit unserer zweiten Tochter schwanger. Ich bin ein Mensch, der nicht unbedingt gut auf Ärzte zu sprechen ist, aber um so mehr auf die Hebamme vertraut und deren Hilfe und Vorsorge auch für das Seelenheil in anspruch nimmt. Ich könnte mir nicht vorstellen und habe denke ich auch nicht den Mut dazu, das alles selber zu Managen. Umso mehr Respekt und Ehrfurcht habe ich vor Frauen wie dir, die das machen und können.

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