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Mikas Geburt oder : Wie ein Traum zum Albtraum wurde… Teil 3

Im Folgenden der dritte und letzte Teil von Nancys Geburtsbericht:

Da liegt er: grün und blau gestochen, angeschlossen an Geräte, zig Schläuche an seinem kleinen Körper, 4 Tröpfe, die alle in mein Kind führen. Und eine MAGENSONDE! Ich bin schockiert. Ich fühle mich hintergangen und betrogen. Ich frage Sven, ob er irgendetwas unterschrieben hat. „Nein! Nur, dass sie ihn mitnehmen dürfen!“ Ich habe Schmerzen, muss mich setzen. Die Schwester bringt 2 Stühle. Dann kommt die Ärztin. Sie erklärt uns, dass Mika Blut abgenommen bekommen hätte und dass sie auf die Werte wartet, dass er vorsorglich Antibiotika bekommt. („Er ist ja sehr kalt geworden und außerdem sind bei so Hausgeburten ja immer sehr viele Keime im Spiel. Das wird solange gemacht, bis bewiesen ist, das keine Infektion vorliegt.“) Dass er Kochsalz und Zuckerlösung bekomme, um seinen Kreislauf zu stabilisieren und dass viele Babys das brauchen, um „einen Anschubs“ zu kriegen und in Gang zu kommen. Die Magensonde kann sie nicht wirklich erklären. Sie sagt, dass es zur Kontrolle ist, ob er Fruchtwasser geschluckt habe. Wenn das sehr viel wäre, müsste man es raussaugen. Ich sitze da und nicke. Ich bin bestürzt, lasse mir das aber nicht anmerken. Dann frage ich, warum mein Kind denn nun so blau ist, denn das ist der einzige Grund, warum er hier ist. „Das ist nur eine Stauung, harmlos und ungefährlich. Man muss das nur überwachen, um Hirnblutungen auszuschließen.“

Die Ärztin fragt mich, ob ich schon ein Zimmer hätte. Ich verneine und sage ihr, dass ich den Kleinen gern mit nach Hause nehmen möchte. Sie sieht mich entgeistert an, sagt erstmal nichts und meint dann, dass sie jetzt aber erstmal zutun hätte und erst später Zeit hätte für die Untersuchungen, die noch gemacht werden müssen. „Wir müssen ja noch den Ultraschall vom Kopf machen, das ist sehr wichtig. Und auf die Blutwerte müssen Sie eh erstmal warten.“

Ich stimme zu und frage meinen Mann, ob er Mittag essen gehen will. Er bejaht und wir beschließen, gemeinsam etwas essen zu gehen. Es muss etwa 14 oder 15 Uhr gewesen sein. Der Weg von der Station zur Kantine ist weit. Wir essen Mittag, essen Eis und sitzen in der Sonne. Es sind heiße 37° an diesem Tag. Ich merke, wie das ganze Gerenne mir zu schaffen macht. Ich habe Schmerzen … Aber ich muss zu meinem Kind. In der Lobby fällt mir ein, dass Sven die Babyschale holen muss. Er geht zum Auto und holt die Klamotten und den Sitz. Ich bleibe währenddessen in der Lobby und warte. Ich setze mich auf eine Bank, als es mich wie ein Blitz durchfährt. SCHMERZ! Aua … ich krümme mich, stehe auf, setze mich wieder. Aua aua aua… Wo bleibt nur Sven? Stechende Schmerzen. Ich versuche, mich zusammen zu reißen.

Endlich kommt Sven wieder. Ich lasse mir nichts anmerken. Er hat Babyschale und Sachen. Wir gehen zurück auf die Station. Ich suche eine Toilette, beeile mich. Ich will zu Mika. Im Bad nehme ich die Riesen-Vorlage bei Seite. Alles ist dunkelrot, voller Blut. Ich setze mich und versuche, während des Schmerzes loszulassen. Eine riesen Lache Blut fließt aus mir ins Toilettenbecken. Es tut weh. Ich bleibe mit geschlossenen Augen sitzen und versuche, den Schmerz zu veratmen. Es gelingt mir nur bedingt. Endlich ist es vorbei. Ich will aufstehen, blute dabei das ganze Bad voll. Meine Vorlage ist dunkelrot. Ich werfe sie eingepackt in den Müll und lege meinen Slip mit dicken Lagen Toilettenpapier aus. Wir hatten ja an alles gedacht, nur nicht an mich, nicht an Vorlagen für die frisch entbundene Mutter. Traurig eigentlich …

Zurück auf der Station gehen wir zu Mika. Es ist niemand im Zimmer. Ich streichle mein Baby durch die Klappe des Inkubators und rede mit ihm. Ich sage ihm, dass ich ihn mit nach Hause nehmen werde. Doch nach einer Weile muss ich mich wieder setzen. Die Schmerzen kommen wieder. Es vergehen Stunden. Bei Mika im Zimmer liegt ein sehr sehr kleines Frühchen, um das sich die Schwester sehr engagiert kümmert. Es weint und es zerreißt mich, das zu hören. Mika will in der Zeit, in der wir einfach sitzen und warten, mehrmals anfangen zu weinen. Jedes Mal stehe ich schnell auf, streichle über seine Wange und rede mit ihm. Er lauscht und schläft jedes Mal rasch wieder ein. Das war für mich der Beweis, dass er sehr genau gemerkt hat, dass ich da bin, dass es sehr wohl hilft, mit seinem Baby zu sprechen und es zu liebkosen, auch wenn die Ärzte meinen, dass Ruhe am besten wäre.

Als die Schwester aus dem Zimmer geht, lese ich Mika’s Kranken-Kurve. Alles normal. Super Temperatur, keinerlei Krankheitszeichen. Wieso auch? Dann sehe ich seine Werte! WOW! 57cm, 4698g, Kopfumfang 37cm … Ich kann es nicht fassen! So groß kam er mir gar nicht vor! Ich zeige es Sven, der stolz wie Bolle die Brust schwellt und sagt, dass der kleine große Mann ganz der Papa ist. Er bekommt das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht.

Mika - gesund und verkabelt

Ich sage nun auch Sven, dass ich Mika mitnehmen werde. Er schaut mich an und sagt: „Du wirst das Richtige tun! Wäre es gefährlich, würdest du es ja bestimmt nicht riskieren, ihn dieser Gefahr auszusetzen. Außerdem hat die Ärztin ja ganz locker reagiert, also wird es nicht so schlimm sein.“ Er vertraute mir. Er wusste, dass ich viel gelesen hab und er weiß auch, dass ich nicht auf den Kopf gefallen bin. Ich würde unser Kind nie absichtlich in Gefahr bringen. Gutes Gefühl! Ich erklärte ihm, dass uns die Ärztin ganz sicher noch über möglich Komplikationen aufklären wird und dass er darauf gefasst sein soll. Ich werde Mika trotzdem mitnehmen, auch wenn sie die Horror-Geschichten auspacken. Ich hoffte sehr, dass Sven mir beisteht, wenn das Gespräch mit der Ärztin losginge …

Wir warten. Es kommt mir ewig vor. Zwischendurch versuchen Sanitäter und Pfleger, eine Fledermaus zu fangen, die auf der Station umher fliegt. Sie lachen und sind froh. Wir warten. Irgendwann, etwa gegen 16Uhr, kommt die Ärztin. Sie fragt: „Und sie wollen ihren Sohn wirklich mitnehmen, ja?“ Ich nicke: „Sie haben gesagt, die Stauung ist nicht gefährlich und die Verfärbung ist harmlos. Deswegen sollte er kontrolliert werden.“ Sie beginnt, wie ich es ahnte, mit den Horrorgeschichten. Wiederholt fällt das Wort Hirnblutung. „Auch eine Infektion ist seeeeehr wahrscheinlich. Bis Sie das als Mutter merken, kann es zu spät sein! Was machen Sie, wenn es ihm schlechter geht?“ Ich antworte, dass eine Hebamme zur Kontrolle kommen wird und dass ich, sollte irgendetwas sein, sofort wieder in die Klinik gehen werde. „Ja, aber Sie wissen ja, das Schwedt keine Kinderklinik hat und wir sind nun schon einmal wegen Ihnen diesen Weg gefahren! Erwarten Sie wirklich, dass wir wegen ihres Leichtsinns nochmals kommen? Ich finde, dass Sie äußerst unverantwortlich sind, wenn sie ihr Kind jetzt mitnehmen.“ Ich schaue zu Boden … ich fühle mich elend. Sven sagt kein Wort. Ich sehe die Ärztin wieder an und betone, dass ich Mika trotzdem mitnehmen werde. „Und dann dieses Wetter! Es ist so warm da draußen und da wollen sie mit einem frisch geborenem Säugling in der Hitze Auto fahren?“ Sie schüttelt mit dem Kopf. Ich kann nicht klar denken, bekomme ein schlechtes Gewissen. Erst Wochen später fällt mir auf, dass Mika auf der Station in einem Wärmebettchen lag, dass auf konstant 37° gehalten wurde. Als wir losfuhren, waren es noch 30° …
Eine Horror-Geschichte verfolgt die nächste. „So dicke Kinder bekommen auch schnell mal eine Gelbsucht! Das muss kontrolliert werden!“ Ich wiederhole, dass ich eine Hebamme habe und auch zur U2 den Arzt aufsuchen werde. „Da kann es schon zu spät sein! Ich weiß ja, dass Sie sich wohl alles etwas anders vorgestellt haben, aber jetzt ihren Kopf hier durchzudrücken, ist sehr verantwortungslos!“ Da war es wieder, dieses Wort. Sven muss gedacht haben, ich bin bescheuert, aber er sagt nichts. Hört sich nur alles an.

Irgendwann sagt die Ärztin: „Gut, ich muss noch mal kurz weg. Ich komme aber wieder, dann machen wir den Ultraschall am Kopf. Ich sage Ihnen aber gleich, dass wir, wenn wir Sie gehen lassen, noch einen Bluttest machen müssen! Ohne den darf ich Sie hier nicht rauslassen! Der wird zwar eigentlich nach 3 Tagen erst gemacht, aber da Sie ja gehen wollen, machen wir ihn gleich. Auswertbar wird er dann nicht sein und die Hebamme muss ihn nach 3 Tagen wiederholen.“ Ich bin verwundert, aber eingeschüchtert und wie gelähmt. Sie hält mir einen Zettel vor: „Das müssen Sie unterschreiben, wenn Sie gehen wollen.“ Ich unterschreibe. „Warum wollen Sie ihn denn unbedingt mitnehmen?“ Ich antworte mit gesenktem Kopf: „Weil ich finde, das ein Baby zur Mama gehört und nicht allein in einen Brutkasten!“

Die Ärztin geht. Wir sind allein. Ich beruhige Sven. „Sie müssen das alles sagen, um sich abzusichern.“ Er vertraut mir. Kurze Zeit später kommt die Schwester mit einer Milchflasche ins Zimmer und geht zu Mika. Sie geht an die Magensonde, zieht mit einer Spritze daran. Es erscheint klare Flüssigkeit. Sie erklärt mir, dass das ok sei und spritzt die Flüssigkeit zurück. Ich sitze wie gelähmt, als sie zu Mika geht und ihm die Flasche in den Mund steckt. Ich sehe Sven an und sage: „Nein, oh nein…“ Mehr schaffe ich nicht. Ich wehre mich nicht mehr. Ich lasse es geschehen. Ich kann nicht mehr kämpfen. Das Gespräch mit der Ärztin hat viel Kraft gekostet. Ich bin kein Mensch, der gut gegenhalten kann. Ich bin eher wie ein angeschossenes Reh und gehe Diskussionen aus dem Weg. Erstaunlich, dass ich es bei der Ärztin geschafft habe, standhaft zu bleiben.
So bekommt Mika als erste Nahrung in seinem Leben nicht meine gute Muttermilch, sondern Flaschenmilch. Ich bin traurig, halte aber die Tränen zurück. Die Schwester freut sich. „Er hat alles ausgetrunken! Die ganzen 70ml!“ Ich bin fassungslos! 70ml? In den kleinen Magen? Wie soll er dann demnächst von meiner Vormilch satt werden? Ich drehe den Kopf zu Seite, als sie mich ansieht. Warum tut man so etwas? Die Mutter sitzt stundenlang neben ihrem Baby, voll gefüllt mit Hormonen. Nichts hätte ich lieber getan, als Mika zu stillen. Meine Brüste waren prall gefüllt. Ich hatte schon seit Wochen Vormilch, das so wertvolle Kolostrum. Stattdessen muss ich mit ansehen, wie mein Kind eine Flasche bekommt. Aber er hatte noch die Schläuche überall. Es wäre wohl zuviel Aufwand gewesen, ihn mir zu geben. Sein Hunger nach Nahrung war gestillt, der nach Nähe noch immer nicht. Die Schwester fragt, wo unser Zimmer ist. Ich antworte, dass wir nur noch auf die Ärztin warten und Mika dann mitnehmen. Sie ist erstaunt, aber weiterhin freundlich und freut sich sogar irgendwie für uns. Zumindest fühlt es sich so an. Sie geht kurz, kommt dann wieder und sagt, dass sie ihm dann schon mal die Magensonde zieht und die Zugänge entfernt. Das freut mich. Endlich geht es vorwärts.

Sie zieht die Nadeln, zieht die Sonde. Mika weint, lässt sich aber schnell beruhigen. Die Schwester ist sehr liebevoll mit ihm, streichelt über die Fontanelle. Die Ärztin kommt und ordnet die Schwester an, den besagten Bluttest zu machen. Die Schwester ist verdutzt. „Den kann man erst nach 3 Tagen machen. Sonst ist er eh nicht auswertbar und wir bekommen nur den roten Zettel!“ „Der Test wird trotzdem gemacht. Ich muss mich hier auch ein wenig absichern!“, entgegnet die Ärztin und geht wieder. Die Schwester schaut traurig und schüttelt den Kopf. „Tja, kleiner Mann … dann muss ich dich jetzt noch mal stechen..“ Ich gehe näher heran und rede mit meinem Kind. Sie sticht in den bereits lila-blauen Fuß. Mika schreit. Die Schwester drückt und drückt. Es will nichts kommen. Mika’s Stimme beginnt zu zittern. Er schreit aus voller Kraft und die Tränen laufen sein Gesicht herunter. Ich fange wieder an zu weinen, gehe zu Mika und streichle ihn, sage immer: „Ist gut, mein Schatz, gleich ist es vorbei.“ Meine Tränen fallen auf den Wickeltisch und auch auf mein Kind. Ich sehe nichts mehr, höre ihn nur schreien, verzweifelt schreien. Es kommt nicht genug Blut. „Die Schwester schaut traurig, sagt leise: „So ein Schwachsinn…“ und sticht in den anderen kleinen Fuß. Mika versucht zu zappeln, er schreit verzweifelt. Es bringt mich fast um. Mein Herz tut mir weh! Im wahrsten Sinne. Ich kann kaum Luft holen. Mein armes Baby schreit um Hilfe –
laut, wimmernd, verzweifelt – und ich darf ihm nicht helfen. Einer der vielen Momente, die mir als die schrecklichsten in Erinnerung bleiben.

Irgendwann ist sie endlich fertig. „Sie können ihn jetzt anziehen.“ Ich hole seine Sachen, kann kaum etwas sehen. Mika weint noch immer, während ich ihn behutsam anziehe und mit ihm rede. Ich überlege, ob ich ihm einen Body unterziehe oder nur den dünnen Pullover+Strampler. Die Schwester meint richtiger Weise, dass ein Body nicht nötig wäre. Ich stimme zu und ziehe Mika langsam an, während ich ihn immer wieder liebkose und sage: „Mama ist ja da.“ Er wimmert. Als ich fertig bin, schlägt die Schwester vor, ihn zu stillen. Eine phantastische Idee. Ich gehe zum Stuhl und stille, zwischen all diesen Geräten, zum ersten Mal mein Baby. Er saugt sofort kräftig, beruhigt sich endlich und schläft sanft auf meinem Arm ein.

Die Ärztin kommt wieder, als die meisten Tränen getrocknet sind. Sie will den Ultraschall machen. Ich setze mich mit Mika auf die Liege. Sie schickt mich weg und beginnt zu schallen. Große Stille und Angespanntheit füllen den Raum. Nach etwa 10 Minuten beginnt sie zu reden. „Ja, also ich hab hier was gefunden. Das KÖNNTE eine Blutung sein.“ Ich bitte sie, mir diese „Blutung“ zu zeigen. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass sich Flüssigkeiten im Ultraschall immer als schwarze Flächen darstellen. Was sie mir zeigt, sieht anders aus. „Ich zeige ihnen mal die eine Seite des Hirns. Da sehen sie diese weiße Linie. Auf dieser Seite ist die Aussackung dieser Linie so, wie sie sein muss. Wenn ich nun auf der anderen Seite schaue, sehe sie, dass die Linie weiter ausgestülpt ist. Sie geht also etwas weiter nach außen. Sehen Sie das?“ Ich sehe es. Es ist minimal, was sie mir auch bestätigt. Sofort geht mir durch den Kopf, das 2 Hälften eines Menschen NIE gleich groß sind. Seien es Arme, Beine, Brüste oder Augen – es ist immer unterschiedlich. Wieso sollte das beim Hirn anders sein? Ich frage, was denn getan wird, wenn es eine Blutung wäre. Sie druckst umher, antwortet schließlich, dass es engmaschig überwacht würde. Ich höre heraus, dass aktiv nichts getan werden würde, bis sich Komplikationen äußern. Sie fragt, ob wir immer noch gehen wollen. Ich bejahe das. Sie weißt mich nochmals darauf hin, dass Krampfanfälle, schnell steigendes Fieber, schlimme Gelbsucht usw. zu erwarten wären und dass ich reagieren müsse, wenn mir etwas davon auffällt. Ich nicke.

Sie geht, um endlich die Entlassungspapiere fertig zu machen. Wir warten – wieder einmal! Nach etwa einer 3/4h kommt sie wieder, gibt uns den Brief und wünscht uns „trotzdem“ alles Gute. Die Schwester kommt auch, um sich zu verabschieden, und wünscht ebenfalls alles Gute „für den kleinen Dicken“.

Ich packe Mika behutsam in die Babyschale. Er schläft friedlich. Wir verlassen die Station. Ich fühle mich, als würde ich einen Krieg hinter mir lassen. Es fällt eine Last und so viel Anspannung von mir ab, dass ich mich einfach nur erleichtert fühle, als wir beim Auto ankommen. Wir schnallen Mika an. Ich bleibe hinten bei ihm sitzen. Wir fahren nach Hause. Endlich! Unterwegs rufe ich meine Hebamme an. Es meldet sich der Anrufbeantworter. Ich schildere kurz, was geschehen ist und bitte um Rückruf. Sven telefoniert danach noch mit meinen und seinen Eltern. Sie möchten den Kleinen noch kurz sehen und fragen, ob sie, nur ganz kurz, gucken kommen dürfen. Ich stimme zu. Mir ist alles egal! Ich bin einfach nur froh, wenn wir zuhause sind – in Sicherheit!

Zuhause angekommen, gehe ich mit Mika auf die Couch. Hier, wo am Morgen der Horror begann, erinnert nur ein kleiner Blutfleck auf der Decke daran, welch psychische Folter hier für mich stattgefunden hat. Sven ist wie von Sinnen. Kaum zuhause angekommen, räumt er alle Kerzen, alle Unterlagen, alles, was an die Geburt erinnert, sofort weg. Das Bad, der Ort an dem ich mein Kind bekommen hab, ich hätte es gern in Ruhe nochmals betrachtet, so wie es war. Doch Sven war wie fremdgesteuert. Alle Unterlagen, jeder kleine Blutfleck, alles wurde sofort, zusammen mit meinem rosa Krankenhaus-Leibchen entsorgt. Sogar die Bad-Matte mit den kleinen, ausgestanzten Löchern flog umgehend nach draußen. „Die ist auch schmutzig, die kann weg!“ Ich verneine. „Die wird sauber gemacht und kommt wieder hier ins Bad!“ „Ja??“ – „JA!!!“ So zieht die Matte dann doch nach ein paar Tagen wieder ins Bad. Grundgereinigt. Was mir bleibt, ist ein winzig kleiner Blut-Fleck am Rande des Teppichs, der an den magischen Moment der Geburt erinnert.

Svens Eltern treffen mit der großen Schwester ein. Ich sitze im Wohnzimmer. Felia ist stolz wie verrückt. Sie küsst und streichelt ihren kleinen Bruder. Die Eltern meines Mannes schießen Fotos und freuen sich, dass es uns „gut“ geht. Die erste Freude, die erste Regung von ihrer Seite seit der gesamten Schwangerschaft. Ich freue mich darüber sehr. Dann treffen auch meine Eltern ein. Meine Mutter fällt mir um den Hals und weint. „Ich bin so stolz auf dich, Nancy! Das hast du gut gemacht!“ Ich erzähle, dass die Krankenhausnummer nicht hätte sein müssen. Doch alle sind einstimmig der Meinung: „Ist doch gut, dass alles kontrolliert wurde und er gesund ist!“ Ich sage nichts weiter, bin nur traurig. Erst später, als sie alle Teile der Geschichte kennt, ändert meine Mutter ihre Meinung und kann es, wie ich, überhaupt nicht verstehen, warum all das mit uns gemacht wurde. Am Abend ruft meine Hebamme an. Ich erzähle ihr alles. Sie fragt, warum nicht angerufen wurde. Mir fehlt die Erklärung. Ich weiß es nicht. Sie meint, dass sie soweit für Nachbetreuungen nicht fährt – eigentlich. Ich sage ihr, dass ich hier niemand anderes mehr haben will und biete an, einen Teil der Fahrtkosten zu übernehmen. Sie stimmt erstmal für den nächsten Tag zu … und betreut mich dann doch, bis das frühe Wochenbett vorüber ist.

Der Tag neigt sich dem Ende. Ich stille Mika und wir gehen geschafft ins Bett. Als es zuhause still wird, wird Mika unruhig. Die ersten Nächte waren furchtbar. Er schrie aus dem Schlaf heraus sehr oft auf und weinte fürchterlich. Er muss schlimme Albträume gehabt haben. Auch entwickelte er sich nach einigen Wochen zum Schrei-Baby. Ich telefonierte mit der Vorsitzenden von Greenbirth.e.V., die mir erklärte, dass auch er, der noch nicht sprechen kann, seine Gefühle und Ängste mitteilen will. Das leuchtete ein. Ich solle ihm sagen, dass es mir leid tut, dass er alleine solche Dinge durchstehen musste und dann solle ich es zulassen, dass er schreit, ihm zuhören. Das tat ich und jedes Mal versicherte ich ihm, dass ich ihn nie wieder so allein lassen werde. Es wurde besser bei ihm, bei mir wurde es schlimmer! Jeden Abend, wenn er schlief und ich ihn ansah, bekam ich das große Heulen. Ich konnte nicht an mich halten! Jeden, wirklich jeden Abend lag ich weinend im Bett neben meinem Kind und flüsterte ihm zu, wie leid mir alles tut.
Bis er 4 Monate alt war, schlief Mika nur auf meinem Arm ein. Bis heute, 9 Monate später, ist er sehr viel anhänglicher, als meine beiden Töchter es waren. Ich darf den Raum nicht ohne ihn verlassen, sonst weint er sofort dicke Tränen. Ich stille ihn jeden Abend in den Schlaf. Er braucht das.

Wäre er ein anderes Kind, wenn alles etwas anders verlaufen wäre? Ich weiß es nicht! Ich weiß aber, dass es mich verändert hat! Als meine Hebamme ihn zum ersten Mal sah, sagte sie sofort, dass er ein gesundes Kind ist. Er bekam weder Gelbsucht, noch Krampfanfälle oder eine Infektion. Hätte er eine bekommen, dann ganz sicher nicht durch die „Hausgeburts-Keime“, sondern weil man ihn auskühlen lassen hat und alle 4 Gliedmaßen zerstochen hat, bis sie grün-blau-lila leuchteten.

Folgend noch der versprochene Entlassungsbrief, mit dem ich nach Hause fuhr. Er lässt nur erahnen, was für eine egoistische Rabenmutter ich war und bin. Die U2 war ein Spießrutenlauf sondergleichen und nochmals schwer und sehr erniedrigend für mich. Danach waren wir nicht mehr beim Arzt und es geht uns blendend … endlich geht es uns blendend!

Hauptdiagnose: Hypertrophes, reifes Neugeborenes
Respiratorische Anpassungsstörung
V.a. (Verdacht auf) NG-Infektion
V.a. IVH I-II rechts (intraventrikuläre Hirnblutung rechts)

Anamnese:

Um 7 Uhr Ungeplante Hausgeburt (LÜGE!!). Rasche Entwicklung des hypertrophen Kindes in 20 Min. FW klar. Kind postnatal wenig geschrien und schlaff, Schaum vorm Mund (??? Ich erzählte, das Fruchtwasser schaumig aus dem Mund trat) Nach Stimulation unregelmäßiges Schreien und livide Verfärbung. Ruf des Notarztes. Abnabelung nach 20 Minuten durch den Sanitäter. Bei Eintreffen des Notarztes schlappes, livide verfärbtes Kind, nach Stimulation jedoch kräftiges Schreien bei weiter anhaltender zyanotischer Hautverfärbung. Sättigung nicht ableitbar wegen mangelndem Kindersensor. Unbefriedigende Beatmung mit Beutel (???) mit O2 Zufuhr. Kontaktaufnahme mit unserem neonatologischen Team. Vereinbarung Anlage eines Rachen-CPAP und ggf. Bebeutelung über CPAP, Transport ins naheliegende Krankenhaus Schwedt zur weiteren Versorgung, sowie dortige Übernahme durch uns.
Bei Aufnahme in der Klinik gestresstes Kind mit kühler Peripherie. Temperatur 35,4° ( :'( ) Blutentnahme, dabei pH 7,13, pCO2 82,7, BE – 7,3 , BZ 4,1, Sao2

Mikas Geburt oder : Wie ein Traum zum Albtraum wurde… Teil 2

Im Folgenden Teil 2 von Nancys Geburtsbericht:

Keiner sieht nach mir … alle sind bereits im Rettungswagen. Ich eile hinterher, soweit mir das eben möglich ist. Ich bin blutverschmiert an den Beinen und ich blute natürlich noch immer. Ich greife mir eine Unterlage und benutze sie als Vorlage. Die Nabelschnur hängt aus mir heraus … sie hängt zwischen meinen Beinen. Ich gehe vor die Tür. Wie ich in meinen Bademantel gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich wollte nur noch meinem Baby hinterher. Also schleppte ich mich mit aus mir hängender Nabelschnur allein zum Rettungswagen. Die Nachbarn standen am Fenster. Das Blut lief meine Beine runter und ich versuchte krampfhaft, meine Vorlage festzuhalten, den Bademantel zuzuhalten. Es war so demütigend, mich so da hinterher hinken zu lassen. Endlich komme ich an. Ich steige mühsam ein, keiner hilft mir, und erhalte die Anweisung, mich auf die Trage zu legen. Ich brülle Sven zu, dass er zusehen soll, dass er in den Rettungswagen kommt, damit er mitfahren kann. Dann versuche ich, auf die Trage zu kommen. Der Fahrer hilft mir dann – kein Sani oder Arzt – der Fahrer!

Sie schnallen mich fest. Der Arzt hantiert mit meinem nackten Mika umher. Ich erlebe alles, als würde ein ganz schlechter Film vor mir ablaufen. Ich versuche, mein immer kälter werdendes Baby mit dem Moltontuch, das an seinem Rücken liegt, zuzudecken. Der Arzt dreht sich weiter weg. Ich komme nicht mehr dran. Wir fahren los. Im Fenster des Sani-Wagens sehe ich meine gesamte Nachbarschaft an den Fenstern und Türen stehen. Meine Gedanken spielen verrückt: „Wie demütigend … sie haben mich halbnackt … mit Nabelschnur zwischen den Beinen … egal! Hauptsache Mika geht’s gut … Sie werden dafür sorgen, dass es ihm gut geht!“ Ich versuche, mir das einzureden. Wieder und wieder versuche ich, an mein Kind zu kommen. Der Arzt telefoniert mit dem Kinderarzt aus Eberswalde. In Schwedt hatte die Kinderklinik gerade geschlossen, so musste ein „Spezialist“ von woanders anrücken. Der Arzt ordert also Hilfe an. Ich bekomme mit, dass sich die Ärztin auf den Weg macht.

Der Arzt benötigt dann wohl beide Hände. Endlich gibt er mir meinen Sohn. Er ist erschreckend kalt! Ich lege ihn auf meine Brust unter meinen Bademantel und umfasse seine eiskalten Füße mit meinen Händen. Er liegt ganz ruhig … kein Mucks, nur seine Füße kreisen in meinen Händen. Der Arzt telefoniert noch immer. Die Sanitäterin deckt uns endlich mit der Silber-Decke zu. Mein armes Kind … ich will ihn wärmen. Der Arzt sagt mir, ich müsse ihn ruckeln und animieren. Ich sage ihm, dass ich doch die Bewegungen spüre und dass ich merke, das mein Sohn da ist. Er sieht mich an und ermahnt mich, sofort Bescheid zu geben, wenn er sich nicht mehr rührt. Dann telefoniert er weiter. Ich soll Mika Sauerstoff vor die Nase halten. Ich tue es … in meinem Kopf rattert es. Sauerstoff – das ist doch eigentlich nicht gut, wenn jemand selbstständig atmet?! Aber mein Kopf schaltet erneut ab. Ich tue, was mir gesagt wird – mit einem miserablen Gefühl, verurteilt zu werden, wenn ich es nicht tue. Es wird weiter telefoniert. Ich konzentriere mich aber auf Mika. Nur beiläufig höre ich Worte wie „levide Verfärbungen im Gesicht und an den Gliedmaßen“ und plötzlich fällt das Wort TUBUS! Ich erschrecke, sehe den Arzt an. Er sucht den von der Ärztin beschriebenen Kindertubus. Ich halte Mika fest … ganz fest! Der Arzt sieht mich an und sagt: „Ich werde ihr Kind NICHT intubieren! Der Tubus ist aber kleiner und wir können ihn direkter in die Nase halten. Hören Sie, ich werde ihr Kind nicht intubieren!“ Ich bin erleichtert … wenn mir auch dieser Sauerstoff nicht geheuer ist.

Wir fahren eine Strecke von 20km. Ich habe Schmerzen, immer mal wieder. Es werden die Nachwehen sein. Keiner fragt nach mir. Kurz vor Schwedt werden die Schmerzen sehr sehr heftig. Ich muss mich zusammen reißen! Ich darf nicht jammern! Ich will doch nicht, dass sie mir Mika wieder weg nehmen. Ich versuche, mich unauffällig zu krümmen, presse die Lippen zusammen. Es tut so weh. Ich kann nicht anders, ich muss es rauslassen. Mein leises, unterdrücktes Schmerzstöhnen überhört der Arzt (zum Glück?!). Er ist mit dem Telefon beschäftigt.

Wir kommen in der Klinik an. Der Rettungswagen öffnet sich. Wir werden mit der Trage rausgezogen und in die Rettungsstelle gefahren. Ich sehe viele Gesichter. Haufenweise Klinikpersonal hat sich versammelt. Sie entreißen mir mein Baby. Ich versuche, ihn festzuhalten, aber sie nehmen ihn mit Gewalt an sich. Sofort werde ich weiter geschoben, erhalte während dessen die Info, dass ich auf die Gyn muss und mein Baby gleich hier unten versorgt würde. Auch die Eberswalder werden gleich da sein. Ich suche Sven in den Menschenmassen. Ich brülle ihm zu, dass er bei Mika bleiben soll! „Egal, was passiert – du bleibt bei ihm! Pass auf ihn auf!“ Dann fahren sie mich weg. Ich höre beim Wegschieben „Och, der is doch nur’n bissl gestaut!“ Und die Kinderärztin, die brüllt, dass sie einen Inkubator haben will … SOFORT!

Twei männliche Ärzte schieben mich auf die Gyn in den Kreißsaal. Sie reißen die Decke weg und fummeln zwischen meinen Beinen umher. „Wann war die Geburt?“ „Um Sieben“, antworte ich. „Legen sie sich bitte auf das Bett.“ Ich tue, was sie sagen. Das Liegen ist sehr unangenehm. Ich möchte nicht liegen, ich möchte aufstehen, hocken … irgendwas. Ich darf nicht. Ein Arzt drückt auf meinen Bauch, der andere zieht an der Nabelschnur. Sie entreißen mir die Plazenta. Es tut höllisch weh! Ich weine. So kannte ich das nicht … das war doch immer schmerzlos?! Anschließend stecken beide Ärzte ihre Finger in mich. Ich weine, schreie laut „AUUAAA!“ Es interessiert keinen. Ich fühle mich ausgeliefert, hilflos.

Plötzlich habe ich eine Spritze im Arm. „Was ist das?“, frage ich. „Das ist, damit sich die Gebärmutter ordentlich zurückbildet.“ Ich sehe auf den Boden und sage: „Das tut sie aber auch ohne das Zeug…“ Nochmals werde ich, ohne Einwilligung, vaginal untersucht. Sie wischen an meiner Scheide umher. Es brennt, es tut höllisch weh. Dann, nochmals, stecken sie Finger und „Werkzeuge“ in mich. Ich kneife die Augen zu … es hilft nicht. Ich schreie. „Auuuuahahahaha…“ „Wir müssen schauen, ob Sie Verletzungen haben!“ Ich weine, drehe den Kopf zur Seite. Resignation. Ich merke, wie mein Körper versucht, dem zu entgehen, er „schaltet ab“. Ich bekomme nicht mehr viel mit bis es vorbei ist. Sie geben mir ein rosa Krankenhaushemdchen. Ich ziehe es über und falle zurück ins Bett.

Die Hebamme, die mit bei Mika war als wir ankamen, kommt in den Kreißsaal. Ich frage, wie es dem Kleinen geht. Sie sieht mich an und sagt: „Wie soll’s ihm schon gehen? Soweit erstmal ganz gut.“ Sie sagt mir, dass sie jetzt mit mir den Papierkram ausfüllen muss. Sie stellt mir Fragen, viele Fragen. Ich antworte. Dann fragt sie, ob ich eine Hebamme hätte. Ich sage ihr den Namen. Da sieht sie mich vorwurfsvoll an und sagte: „Eine geplante Hausgeburt?“ „Ja!“ „Na ja … ich sag dazu nichts! Das hätte die Kollegin ja wissen müssen, dass bei einer Drittgebährenden die Sache schneller gehen kann!“ Ich erwidere: „Ja, das wusste sie auch! Deswegen gab sie mir gute Anweisungen, was wann zutun ist und wie ich mein Kind sicher bekommen kann. Wir hätten nur nicht den Notarzt rufen dürfen…“ Sie schüttelte den Kopf.

Einer der Ärzte kommt wieder. Er sagt mir, dass ich nun einen Zugang gelegt bekomme, weil die Plazenta „so lange“ nicht gekommen ist. Ich lehne ab. „Sie möchten das also nicht?“ Ich schüttele den Kopf. „Gut, dann notiere ich das so!“ Er geht zu der Hebamme und sagt: „Sie möchte das nicht – notieren Sie das bitte. Ich übernehme dafür keine Verantwortung!“ Der andere Arzt rennt umher. Ich sage ihm, dass ich die Plazenta mitnehmen möchte. Er schaut mich verdutzt an. Dann sieht er zur Hebamme. Die nickt und sagt in abwertendem Ton: „Ja, kann se mitnehmen!“

Dann werde ich allein gelassen. Lange kümmert sich keiner um mich. Ich bin allein – gefühlt eine Ewigkeit. Ich will zu meinem Baby! Ich weine und sehe auf die Uhr. Es ist fast Neun! Ich fange an, wie ein Kind zu heulen und wiederhole immer wieder den Satz: „Das ist nur ein Traum, Nancy, das ist nur ein Traum. Ein ganz schrecklicher Traum!“ Doch es ist keiner. Eine Schwesternschülerin, die auch bei meiner Aufnahme dabei war, kommt herein und fragt, wie es mir geht. „Ich will zu meinem Baby!“ Sie sagt nichts, versichert mir nur, dass sich um Mika gekümmert wird und geht wieder.

Ich sitze auf dem Kreisbett. Ich kann nicht liegen. Ich sehe meine Beine an. All das Blut ist fest angetrocknet. Ich sehe aus, wie einer dieser Zombies aus den Hollywood-Filmen. Tränen laufen, es folgt weiteres Warten … allein.

Die Kinderärztin kommt! Ich kenne Sie. Gott sei Dank, ein vertrautes Gesicht. Ich frage sie, wie es Mika geht. Sie sagt, dass er erstmal wohlauf ist. Sie fragt mich nach der Geburt. Ich schildere ihr alles und sie notiert. Kurzer Smalltalk, weil wir uns von früher kennen. Dann zurück zum Thema. Sie sagt, dass die Werte erstmal stabil sind und dass nun das Team aus Eberwalde da ist und übernommen hat. Sie wollen den Kleinen mitnehmen und seine Werte kontrollieren. Ich löchere sie, wie denn die Werte sind. Sie druckst umher: „Na ja, eigentlich ganz gut, aber eine Überwachung wäre wohl angebracht!“ Dann erzählt sie mir, dass der Kleine, bevor er nach Eberswalde gebracht wird, noch mal hoch kommt zu mir. Die Ärztin aus EW wolle das so. Ich bin überglücklich und warte ab da sehnsüchtig darauf, dass man mir mein Baby bringt.

Dann kommt Sven. Er wirkt erleichtert. Er erzählt mir, dass die Ärztin aus Eberswalde gleich gesagt hat, dass er sich keine Sorgen machen braucht. Das der Kleine nur gestaut sei und das sie ihn nur zu Überwachung und Kontrolle mitnehmen wollen. Ich verstumme. Ich will das nicht! Mir ist übel und mein Mund ist so trocken. Ich bitte Sven, mir Wasser zu holen. Er schaut erstaunt, als ich ihm mitteile, dass ich noch keines bekommen habe. Also holt er Wasser, erzählt mir, dass der Kleine ganz kräftig geschrien hat und das ihn das sehr beruhigte. Mich beruhigt das überhaupt nicht. In meinem Kopf versuche ich, mir nicht vorzustellen, was sie mit ihm gemacht haben, dass er so losgebrüllt hat. Dann regt sich Sven über andere Patienten in der Rettungsstelle auf, die sich beschwerten, dass sie nicht vor uns dran gekommen sind … und er erzählt freudestrahlend, dass er die Nabelschnur noch mal ordentlich abschneiden durfte. Ich kann mich kaum konzentrieren, will zu meinem Kind.

Die Hebamme kommt und fragt, wie wir es machen wollen. Es wäre kein Platz, mich gleich mitzunehmen. Ich müsste entweder warten, bis die nächste Fahrt geht, oder ich entlasse mich selbst und fahre privat hinterher. Ich entscheide mich selbstverständlich für Zweiteres!

Sven telefoniert mit meinem Dad. Er erklärt kurz, was passiert ist. Er müsse ihn abholen, damit Sven ein Auto holen kann. Er ist ja schließlich mit dem Rettungswagen mitgefahren. „Alles geklärt, Dirk kommt und holt mich ab!“

Wir warten. Die Hebamme kommt mit der Plazenta – eingepackt in mein Moltontuch, in dem Mika eingewickelt war. Sie knallt sie vor uns auf den Tisch. „Hier! Das ist dann noch Eure!“, sagt sie und geht wieder. Ich frage, wann meine Entlassungspapiere fertig sind. „Tja, das kann dauern!“

Es klingelt am Kreißsaal. Die Hebi kommt und fragt: “ Da steht ein Mann und will zu dir! Kennst du den?“ Ich antworte, dass es wohl mein Papa sein wird, der uns ja abholen muss. Dann lässt sie ihn rein. Als er mich sieht, wirkt er sichtlich schockiert. Wen wundert’s, bin ich doch blutverschmiert. Er versucht aber, es mit Lockerheit zu überspielen.

Wir beschließen, dass wir alle zusammen nach Hause fahren und Sven und ich dann eben von dort aus nach Eberswalde starten. So sagen wir es auch der Hebamme. Ich sage meinem Dad, dass der Kleine gleich noch hochgeschoben wird. Er freut sich und ist gespannt.

Endlich ist es soweit! Es ist mittlerweile nach 10Uhr. Sie schieben mein Baby im Inkubator in den Kreißsaal. Ich beginne lauthals zu weinen. „Mein Baby! Es tut mir so leid … es tut mir sooo leid“, sage ich und schaue ihn durch die Glasscheiben an. Er ist gewaschen, ganz sauber! Er öffnet sein linkes Auge und sieht mich an – es ist rot um die Pupille – dann schließt er es wieder. Ich weine und heule und schluchze vor mich in. Die Sanitäter haben mitleid mit mir, öffnen den Deckel vom Inkubator und erlauben mir, mein Baby zu streicheln. Ich sehe nichts mehr. Tränen trüben meine Sicht. Sie tropfen auf dieses schreckliche Krankenhaus-Hemdchen. Es ist ein Albtraum!

Mein Dad und Sven schießen Fotos und geben Schätzungen ab, wie groß der Kleine wohl ist. „Der hat aber bestimmt 54cm!“ Mir ist alles egal. Ich höre nur beiläufig zu und betrachte mein Kind. Er liegt ganz ruhig, angeschlossen an die Überwachung. Sonst aber nichts weiter. Die Kinderärztin kommt, erklärt mir, dass sie nur noch mal kontrollieren wollen, ob es ihm auch wirklich gut geht, aber dass ich mir keine Sorgen machen muss.

Dann fahren sie mit meinem Kind los. Ich bleibe zurück. Noch immer keine fertigen Entlassungspapiere. Ich realisiere gar nicht, dass die kein Mensch braucht. Die Schwester meint, wenn ich in Eberswalde bei Mika bleiben möchte, dann brauche ich den Papierkram. Ich höre es, ich nicke, ich grübel, warum er da bleiben müsse … reagieren tue ich nicht! Warum nicht? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte „dicht“ gemacht.

Irgendwann ist es dann doch soweit und ich kann entlassen werden. Keiner kümmert sich um mich. Mein Dad fragt, ob ich denn nicht gewaschen werde. Ich sage, ich könne es selbst und will zum Waschbecken. Plötzlich werde ich angeschrien. Die Hebamme fährt mich an: „Du bleibst da! Du saust mir hier sonst alles voll!!!“ Ich bin perplex. Dann sagt sie, ich müsse mich nochmals hinlegen. Ich tue es. Dann drückt sie, mit wirklich all ihrer Kraft, auf meine Gebärmutter! Ich schreie, sage, dass sie weggehen soll. Sie hört nicht auf mich. Stattdessen bekomme ich gesagt, ich solle mich nicht so haben. „Vertraust du mir gar nicht?“ Nein, das tue ich nicht! Sie will nochmals drücken. Ich schreie „Nein!“, halte ihren Arm fest und versuche, sie beiseite zu drücken. Es gelingt mir nicht. Sie stemmt sich auf mich und ich erleide die schlimmsten Schmerzen, die ich je in meinem Leben erlebt habe. Meine Tränen habe ich nicht mehr unter Kontrolle. Sie laufen von allein. Ich schreie und schaue zu meinem Mann und meinem Vater, die an der Tür standen und alles mit ansahen. Ich weine, fühle mich hilflos … erniedrigt … vergewaltigt! (Warum mir keiner geholfen hat, ist mir bis heute unerklärlich. Ich schätze aber, dass meine Männer dem Fachpersonal vertrauten und dachten, dass es so sein müsse.)

Als ich mich davon erholt habe, schleppe ich mich zum Waschbecken. Mein Papa kommt, um mich zu stützen. Am Waschbecken angekommen, versuche ich mich zu waschen. Es geht schwer, das Blut ist schon so angetrocknet. Ich muss schrubben. Erst als mein Dad ihm die Anweisung gibt, kommt mein Mann, um mir zu helfen. Er probiert, so gut er kann, mich sauber zu bekommen. Die Hebamme fragt, ob ich Sachen dabei habe. Außer meinem Bademantel habe ich nichts. Ich erbettele mir das Krankenhaus-Hemdchen, eine Fleece-Unterlage und ziehe den Bademantel über. Dann laufen wir zum Auto. Die Nachwehen lasse ich mir nicht anmerken. Im Auto breiten wir das Fleece aus und fahren nach Hause.

Dort angekommen schlägt Sven vor, ich solle schnell duschen und essen, dann fahren wir. Mittlerweile muss es wohl gegen 12 gewesen sein. Hunger habe ich kaum, aber ich schlinge eine Banane herunter. Dann ziehe ich mich um und gehe wieder heraus zu Sven. Er fragt erstaunt, ob ich schon fertig sei. „Ja, ich will jetzt los! Waschen tu ich mich heute Abend!“
Ich packe Babysachen, die Papiere und die Babyschale ins Auto. Sven sieht mich verdutzt an. Ich sage ihm, dass ich den Kleinen mitnehme, wenn alles in Ordnung ist. Da dachte ich tatsächlich noch, dass mein Kind nur Kontrollen per Ultraschall bekommen würde, um Blutungen im Kopf auszuschließen.
Wir fahren los. Die Fahrt kommt mir ewig vor. Wie genau wir fuhren und über was wir redeten – ich weiß es nicht mehr. Als wir endlich da sind, folgt ein Marsch durch einen Irrgarten von langen Fluren, Treppen und Fahrstühlen. Auf der Neo angekommen, erkläre ich, wer ich bin, und werde zu dem Zimmer gebracht, in dem mein Sohn liegt.

Was ich dann sah, zog mir den Boden komplett unter den Füssen weg…

Mikas Geburt oder : Wie ein Traum zum Albtraum wurde… Teil 1

Auch Alleingeburten sind nicht ohne Risiken, wenn auch Risiken ganz anderer Art, als die meisten ahnen. Im Folgenden möchte ich einen Geburtsbericht mit euch teilen, der es in sich hat. Er ist aufgrund der Ereignisse recht lang, weshalb ich ihn euch in drei Teilen zu lesen gebe. Trotzdem lohnt es sich ganz besonders, ihn zu lesen und aus ihm zu lernen. Dabei möchte ich, um Missverständnisse zu umgehen, klarstellen, dass es sich nicht um meine Geburt handelt, sondern die einer Frau, die den Mut hat, dieses Erlebnis mit euch zu teilen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Nancy!

Endlich habe ich es geschafft. Nach über 9 Monaten habe ich den Geburtsbericht von Mika geschrieben. Es hat 4 Tage gedauert. Ich brauchte mehrere Pausen und es hat mich erneut viele Tränen gekostet. Aber: Es hat mir wieder ein Stück mehr geholfen, unser Trauma zu verarbeiten. Das Niederschreiben, während es in meinem Kopf ablief, war absolut therapeutisch wertvoll und eine Wohltat für meine Seele. Lange wollte ich es tun … lange konnte ich es einfach nicht. Zu schmerzvoll sind die Erinnerungen, zu hart die nochmalige Auseinandersetzung mit all den Fehlern, die geschehen sind. Heute ist es geschafft.

Gleich voran will ich sagen, dass es ein äußerst langer, sehr detaillierter Bericht ist. Vielleicht für manch Einen zu detailliert. Für mich war es wichtig, jedes Detail festzuhalten, es mir von der Seele zu schreiben. Schreibfehler bitte ich, zu entschuldigen. Am Ende hänge ich noch den Entlassungsbrief, der noch heute wie Hohn für mich klingt, mit an. So, dann wollen wir mal:

Am Abend des 18.08.2012 war alles normal. Laut erratenem Geburtstermin bin ich 40+1. Alles ist super. Mein Baby bewegt sich, ich fühle mich den Umständen entsprechend wohl. Wie die Abende vorher wehe ich leicht vor mich hin. Teilweise schon stärker, aber nichts, was mich nervös machen würde. Meine kleine Tochter schläft diese Nacht bei mir im Schlafzimmer, weil die große Schwester bei Oma schläft. Sie mag nicht allein sein. Irgendwann gegen 22 Uhr gehe ich ins Bett. Alle Wehen sind verschwunden. Mein Mann liegt wegen seiner nächtlichen Hustenanfälle im Wohnzimmer.

19.08.2012

04.28Uhr – Ich werde wach … Wow, was war denn das jetzt? Nicht wie üblich reißt mich der nächtliche Harndrang aus dem Schlaf, sondern eine Wehe. Und was für eine!!! Ich denke mir, dass es vielleicht ja nur eine der üblichen, kräftigeren Übungswehen war und versuche wieder einzuschlafen. Ich wage nicht zu hoffen, dass es doch losgehen könnte. Zu oft hat mein Körper mir mit Übungswehen Streiche gespielt. Ich versuche zu schlafen. Meine Tochter schläft seelenruhig neben mir. 4.35 Uhr … die nächste Wehe rollt an. Sie ist mächtig! Ich gehe aus meiner liegenden Position in den Vierfüßler. Liegend ist die Wehe schon jetzt nicht auszuhalten. Da meine Tochter neben mir schlummert, versuche ich, das tönen zu unterdrücken. Es fällt mir sehr schwer, doch ich schaffe es. Die Wehe ist vorüber. Langsam dämmert mir, dass es ernst werden könnte. Trotzdem lege ich mich aus dem Vierfüßler wieder hin. Ich will keinen falschen Alarm. Also bleibe ich misstrauisch. 4.40 Uhr … WOW! Schnell wieder in den Vierfüßler. Die Wehe ist kräftig, lang und ich schaffe es kaum noch, leise zu bleiben. Ich stöhne deutlich hörbar. Mein Mäuschen bekommt nichts mit … schlummert friedlich weiter. Nach dieser Wehe beschließe ich aufzustehen.

Ich gehe ins Wohnzimmer, habe mir bereits mein rotes Geburts-Shirt /Kleid übergeworfen. Mein Mann schläft im Halbsitzen auf der Couch. Als ich die Türe schließe, wird er wach. Er schaut mich zerknautscht an. „Watt denn nu?“ fragt er. Ich antworte: „Es geht los!“ Sofort ist er hellwach und freut sich wie ein Schneekönig. 40+2 – Mein Baby möchte zu uns kommen. Ich rede mit ihm, sage ihm, als ich allein im Zimmer bin, dass er ruhig kommen kann. „Wir freuen uns auf dich, kleiner Mann! Endlich können wir dich bekuscheln…“ Wie sehr ich bereuen werde, ihm das gesagt zu haben, wird sich erst später zeigen.

Sven ist wieder im Zimmer. Er glaubt noch nicht so recht, dass es losgeht. Die nächste Wehe kommt. Ich kann nicht mehr leise sein … muss tönen … schon ziemlich laut. Sven versucht mit mir zu Scherzen und sagt: „Ey, sei nich so laut! Kiara wird wach!“ Mir ist nicht nach dieser Art von Spaß! Ich will mich auf mich und mein Baby konzentrieren und kann diese Art Scherz nicht vertragen. Ich sage ihm, er soll seine Klappe halten. Ich muss mich ziemlich biestig angehört haben, denn nach einem kurzen Grinsen sagt er: „Ok, ich wollte nur wissen, obs ernst is diesmal…und es IST ernst!“

Ich habe eine „To-Do-List“ für die Geburt vorbereitet. Alles soll perfekt werden! Sven sucht sie sich sofort, während ich am Schrank stehend im Wohnzimmer meine Wehen veratme. Er legt meine Entspannungsmusik auf und zündet Kerzen an. Er legt die Moltontücher, Handtücher und Stoffwindeln bei 60Grad in den Ofen, damit sie für unser Würmchen schön vorgewärmt sind. Mein Baby soll es warm und kuschelig haben, wenn er da ist. Sven legt die ausgezogene Couch und den Boden davor mit Vorlagen aus Fleece aus. Diese hatte ich in ausreichender Menge extra besorgt. Er legt die Kuscheldecken und die weichen Kissen auf der Couch aus. Er bereitet uns ein warmes Nest vor. Zum Schluss zieht er die Rollläden zu. Es ist wunderschön … im Kerzenschein und Kuschelatmosphäre hat unser Wohnzimmer etwas Magisches an sich.

Ich habe schon sehr mit den Wehen zutun. Meine Tochter ist noch immer nicht aufgewacht. Da ich irgendwie nichts mehr an meinem Körper haben will, ziehe ich mein Kleid aus. Die Wehen sind heftig. Ich bin ganz bei mir. Ich versuche, mich etwas hinzulegen, in der Hoffnung, die Wehen ließen sich so besser aushalten. Dem ist nicht so! Schnell wieder hoch…am besten geht’s mir im Stehen. Plötzlich Toilettendrang. Oh Gott, wie soll ich den Weg ins Bad bloß schaffen? Es tut sooo weh … Dennoch mache ich mich in halbgebückter Haltung, meinen Bauch festhaltend, auf den Weg. Eine Pause in der Küche … dann schnell weiter. Mein Mann ist derweil auf dem Hof und raucht. Er ist wahnsinnig nervös … läuft auf und ab. Ich kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Auf der Toilette angekommen, habe ich das Gefühl, dass es mich zerreißen würde. Mein Darm entleert sich … ganz auf natürlichem Wege. Wo ich schon mal im Bad bin, lasse ich mir Wasser in die Wanne. Ich will probieren, ob es hilft. Es ist so angenehm kühl im Bad … hier will ich erstmal bleiben. Die Wärme der Kerzen im Wohnzimmer halte ich nur schlecht aus.

Das Wasser plätschert. Ich glaube, Sven ist wieder im Haus. Genau mitbekommen habe ich jedoch nichts. Ich stehe auf den Wannenrand gestützt im Bad. Ich taste meinen Muttermund. Genau identifizieren kann ich nicht, wie weit ich wohl eröffnet bin. Aber es fühlt sich anders an als die letzten Tage … und: Das Köpfchen liegt ganz tief! Ich berühre ihn … bald ist er da. Es hat begonnen … die letzten Zweifel sind verflogen. An meinen Fingern hängt viel zäher Schleim – der Rest vom Schleimpfropf. Ich freue mich …

Ich steige in die Wanne. Es ist, entgegen meiner Erwartungen, sehr angenehm im Wasser. Ich beriesele meinen Bauch mit dem warmen Wasser, veratme Wehen – wie viele weiß ich nicht. Plötzlich wieder der Drang, auf Toilette zu gehen. Zu Spät! Das Maleur ist ohne Kontrolle meinerseits ins Wasser gegangen. Peinlich! Ich beschließe, die Wanne zu verlassen und das Missgeschick zu beseitigen. Es war nicht viel … nur minimal. Dennoch wollte ich raus.

Ich bekomme beiläufig mit, dass meine Tochter aufgewacht ist und mich verschlafen und misstrauisch anschaut. Sven kommt und sagt zu mir, dass er sie nun schnell zu meinen Eltern bringt. Zum Antworten bin ich nicht in der Lage. Es tropft aus mir heraus, schleimig … zähflüssig. Der Rest vom Schleimpfropf verabschiedet sich gerade. Die Wehen werden heftig. Ich gehe in den Vierfüßler auf den Boden und starre auf die kleinen, viereckigen Löcher, die in unserer Badmatte eingestanzt sind. Ich bin wie in Trance … bei jeder Wehe töne ich laut. Wie befreiend es sich anfühlte, dass nun gerade NIEMAND da war. Ich ließ mich vollends gehen. War laut, ungehemmt, ganz bei mir! Der Schmerz war da … aber es war auszuhalten, dadurch, dass ich mich mit dieser Badmatte selbst in Trance versetzte.

Einige Wehen später war Sven wieder da. Ich sah seine Füße und dachte noch: Bitte, quatsch mich jetzt nicht an!!! Aber er tat es! „Ich bin wieder da, Nancy … soll ich irgendwas machen?“ Ich war zum sprechen nicht in der Lage. Ich reagierte einfach gar nicht. „Willst du nicht lieber ins Wohnzimmer?“ Wieder reagierte ich nicht, schüttelte den Kopf nur leicht und dachte: „Ich gehe nirgends mehr hin! Hier bleib ich, hier ist es so schön kühl!“ Es funktionierte. Er ließ mich in Ruhe. Aber er blieb bei mir. Irgendwann stand ich wieder auf … der Schmerz war unerträglich und ich hoffte, dass nun bald die Übergangsphase einsetzt. Ich ahnte nicht, dass ich bereits mittendrin war! Zwischen Waschbecken und Badewanne stützte ich mich ab. Bei jeder Wehe stand ich auf den äußersten Zehenspitzen und drückte mich hoch. In den Wehenpausen instinktives Beckenkreisen. Es tropft immer mehr aus mir heraus. Sven legt das Bad mit Unterlagen aus. Braver Kerl! Und angenehm unter den Füßen. Die nächste Wehe … ich drücke mich hoch … aua… Und plötzlich am Ende der Wehe: PRESSDRANG! Nur leicht, aber doch spürbar! Nein, das kann nicht sein! Noch nicht!!!

Pause … diesmal gefühlt etwas länger. Ich kann Sven ansehen. Hatte ich doch sonst nur den Fußboden fixiert! Die nächste Wehe … oh man. Ich drücke mich hoch … Gut, das ein Waschbecken keinen Schmerz empfinden kann!!! Und da kommt er wieder der Pressrang am Ende der Wehe: leichtes Mitdrücken … PLATSCH!!!!! Die Fruchtblase springt. Erleichtert und erschöpft schaue ich Sven an. Dem steht der Schreck ins Gesicht geschrieben. „Soll ich jetzt die Hebamme rufen?“ Ich bin nicht in der Lage zu sprechen, denke nur: „Is der blöd? Ich hab ihm doch gesagt, wir rufen sie spät dazu!“ Keine Reaktion meinerseits. Er ruft auch nicht an. Hätte er es nur getan! Hätte er es doch nur getan…!!!

Zwei weitere Wehen vergehen. Beide mit dem Gefühl, etwas mitschieben zu müssen. Aber immer erst eher zum Ende der Wehe hin. Plötzlich ein urgewaltiges Gefühl! Ich spüre klar und deutlich, wie mein Körper sich öffnet. Ich werde weit untenherum. Sven steht im Flur und meint ganz erschrocken: „Er kommt, Nancy, er kommt!“ Ich sage erschöpft und vielleicht etwas schnippisch: „Ja Sven … ich merke es!“ Die nächste Wehe … das Köpfchen drückt enorm, aber ich schiebe, ganz instinktiv, nur leicht mit. Ich bin ganz ruhig! Während ich in den Eröffnungswehen laut tönen musste, war ich nun ganz still. Auch in den Pausen … kein lautes Stöhnen oder Hecheln mehr so wie bisher. Alles war still. Ich gehe in die Hocke und fasse mit der rechten Hand zwischen meine Beine. Der Kopf will nun raus. Ich stoße einen lauten, langen, kraftvollen Schrei aus und gebäre das Köpfchen. Dann folgt eine gefühlt etwas länger Pause. Ich atme ruhig. Meine Hebi hatte mir erklärt, dass nach der Geburt des Kopfes eine Pause normal ist. Auch dass diese dann etwas länger ist. Ich spüre deutlich, wie sich die Schultern einstellen. Die nächste Wehe. Ich gehe in die Knie. Ruhig und fast ohne Laut gebäre ich meinen Sohn in meine Hände.

Ich halte ihn. Er hat die Nabelschnur einmal um den Körper und halb um den Hals. Ich entwirre ihn und schließe ihn in meine Arme. Während dessen steht mein Mann im Flur, filmt und sagt die ganze Zeit: „Schrei Kleiner! Komm, schrei … schrei … schrei…!“ Ich versuche, dieses kleine Menschlein irgendwie in meine Arme zu legen, aber er ist so glitschig. Ich halte ihn vor mir. Er versucht, den ersten Schrei von sich zu geben. Dabei höre ich, dass er viel Fruchtwasser in den Atemwegen haben muss. Ich sauge ihm, ohne zu überlegen, die Nase frei. Ich freue mich kurz über meinen Sohn … sage, das er doch gar nicht groß ist. Mein Mann widerspricht mir. Mika wirkt komisch. Am Körper bläulich-blass. Ein paar mal streckt er die Arme wild in die Luft und reißt dabei die Augen weit auf. Er ist blau … sehr blau! Wirklich fast Lila im Gesicht. Plötzlich sackt er in sich zusammen, die Augen verdrehen sich nach hinten. Keinerlei Spannung oder Muskeltonus mehr in dem kleinen Körper. Ich sage zu meinem Mann, dass er anrufen soll. Ich meine die Hebamme. Er ruft den Rettungsdienst!

Während er telefoniert (anfangs ruft er die Polizei an, weil er die 110 wählt) folge ich meinem Instinkt. Ich rubbele Mika die Käseschmiere aus dem Gesicht, animiere ihn um Mund und Nase. Ich fühle die Nabelschnur. Sie pulsiert noch! Sehr gut … kein Grund zu Panik! Dennoch öffne ich den Wasserhahn, nehme einen Schluck kaltes Wasser und gieße es über seinen Rücken. Da ist er wieder!!! Die Spannung kehrt zurück in den kleinen Körper, jedoch nicht lange. Ich beginne erneut ihn abzusaugen. Auch durch den Mund. Es kommt nicht viel. Mein Mann kommt ins Bad, sieht das reglose Wesen in meinem Arm, das so lila-blau verfärbt ist. Er bricht in Tränen aus, heult wie ein kleines Kind und übergibt sich ins Waschbecken in der Küche. Er bricht zusammen. Ich bekomme das alles nur in Trance mit, kümmere mich um mein Kind. Ich beginne mit der Beatmung. Mika immer noch schlaff … Es tritt weißer Schaum aus der Nase aus. Sehr gut! Das Fruchtwasser wird von meiner Beatmung verdrängt und tritt durch die Nase aus. 2 weitere Mal beatme ich den Kleinen … Und da ist er! Endlich! Und diesmal bleibt er bei mir. Das Telefon klingelt. Der Rettungsdienst gibt Anweisungen, was ich mit dem Kind machen soll. Ich reagiere nicht. Mein Kind ist da! Sven heult noch immer. Ich schleppe mich, das Kind immer noch mit der Nabelschnur verbunden, mit Mika ins Wohnzimmer auf unsere Kuschelcouch. Ich decke uns zu. Sven holt die vorgewärmten Tücher. Ich wickle Mika ein und halte ihn dicht bei mir. Er weint nicht, er bewegt sich nicht, aber er ist da! Sein Körper wird rosig, der Kopf ist noch immer dunkelblau. Ich merke die Muskelspannung. Ich halte ihn in Wiegenhaltung auf meinem Arm, bis die Sanitäter eintreffen. Meine Unruhe ist völlig verschwunden. Ich bin ganz ruhig, ganz bei mir und meinem Kind.

Der Rettungswagen ist da. Es sind gerade 10 Minuten seit der Geburt vergangen … 10 Minuten! Sven eilt zur Tür. Ein Mann und eine Frau kommen mit großem Koffer bepackt ins Wohnzimmer. Sie fragen, was passiert sei. Ich schildere kurz die Lage. Die erste Frage: „Wurde schon abgenabelt?“ Ich antworte ruhig und mit leichtem Lächeln: „Nein, ich möchte gern warten, bis die Plazenta geboren ist.“ Verdutzte Blicke auf mich und mein Baby. „Na, wir nabeln jetzt erstmal ab!“ Und das taten sie … mit einem Skalpell wurde unser Band lieblos durchtrennt.

(Warum? Das wüsste ich heute noch gern! Sie gehen von Sauerstoffmangel-Situation aus und durchtrennen das, was das Baby noch mitversorgen würde, als Erstes! Das lässt doch schon die Unfähigkeit erahnen!)

Ich war sehr traurig, spürte aber, dass die Nabelschnur bereits auspulsiert war. Das nahm mir in dem ersten Moment die Enttäuschung ein wenig, auch wenn der Wunsch, selbst abzunabeln zerstört war. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das meine geringste Sorge sein würde! Nachdem abgenabelt war, nahm ich Mika wieder zu mir. Sein Körper war schön rosig, sein Kopf noch immer blau.

Ich teilte mit, dass ich auf meine Hebamme warten will und nicht mitfahren möchte. Wieder schauten mich die Beiden ganz verdutzt an. Sie fragten, ob sie ihn denn mal absaugen sollen. Ich bejahte dies und dachte mir, dass es ja nicht schaden kann. So versuchten sie, etwas abzusaugen. Es gab jedoch nichts mehr. Die Atemwege waren schön frei. Ich wiederholte meinen Wunsch, zu warten. Die Sanitäter warteten auf den Notarzt, der auch sogleich eintraf und teilten ihm mit, dass ich nicht mit in die Klinik möchte.

Er sah mich entgeistert und vorwurfsvoll an. Er wirkt sehr sehr nervös, dennoch bevormundend. Ich kannte ihn noch aus meiner Ausbildung. Ich habe Krankenschwester gelernt. Er ist Chirurg … hat also ganz bestimmt keine große Ahnung von Geburten, Geburtskomplikationen, und von dem, was eben normal ist oder nicht. Sicher hatte ich in den vergangenen Monaten/Jahren mehr Bücher über Geburten gelesen, Filme gesehen, Clips studiert, als er in seiner gesamten Ausbildung … Er fragte mich, ob dies mein erstes Kind wäre. Ich verneinte. Er sah Mika an, dann mich und sagte, dass ich doch wissen müsse, dass das gefährlich ist! „Sie sind doch Krankenschwester!! Das ist verantwortungslos! Ich warte hier auf Niemanden!!“ Dieses Wort … verantwortungslos … sollte an diesem Tag nicht zum letzten Mal gefallen sein! Er fragte, wer meine Hebamme ist und von wo sie kommt. Ich beantworte seine Frage. Er wird laut, fragt warum nicht Frau P. meine Hebi ist. Ich bin verdutzt … und erstmals eingeschüchtert vom Tonfall des Arztes. Ich erkläre ihm, dass Frau P. nicht mehr als Hebamme arbeitet. Er wiederholt, dass ER hier auf Niemanden warten wird!

Der Notarzt versucht, Mika nochmals abzusaugen. Es kommt nichts. Danach reibt er den kleinen Babyrücken feste … sehr feste. Mika schreit … zum ersten Mal richtig laut! Ich freue mich und will mein armes, nacktes Baby wieder haben. Er gibt es mir nicht. Ich betone nochmals, dass ich auf meine Hebamme warten werde. Der Arzt zottelt an Mika umher … er gibt ihn mir nicht. Mika ist nackt … und mittlerweile beginnt er auszukühlen. Seine Hände und Füße werden blau. Er hält ihm aus einem Gerät Sauerstoff vor die Nase und versucht, mit einem Oximeter für Erwachsene! (Kinderkoffer nicht dabei!) Mikas Sauerstoffsättigung zu messen. Das funktioniert natürlich nicht. Er brubbelt etwas von 88% O2-Sättigung und das ihm das zu wenig sei! (Man beachte: Mika war vor knapp 20 Minuten geboren und das Oximeter saß nicht richtig! Es war ja für Erwachsene!) „ICH NEHME IHR BABY JETZT MIT!“

Ich schaue Sven verzweifelt an und wiederhole immer wieder, dass er bloß nicht hätte anrufen dürfen. Tränen füllen meine Augen … Ich merke, dass ich aus dieser Situation nicht mehr heraus komme und es beginnt der Albtraum. Ich resigniere … nicht zum letzten Mal an diesem Tag! Ab da lief alles wie ein schlechter Film ab und ich sah die Situationen, als stünde ich neben mir.

Arzt und Sanitäter beraten sich, meinen einstimmig, dass der Kleine sehr schlecht aussieht, dass da bestimmt bleibende Schäden entstanden sind. Die Sanitäterin schlägt vor, Mika doch mal an den Füßen kopfüber zu halten. Ich bin schockiert, beginne zu zittern. Der Arzt verneint. So viel Unwissen!! Ich war fassungslos! Ich kann es nicht glauben. Wie im Film läuft alles vor mir ab und ich fühle mich völlig unfähig, zu handeln … ich fühle mich gelähmt. Hilfesuchend sehe ich meinen Mann an, der in der Ecke des Zimmers steht, wie ein Haufen Elend. Sven kommt zu mir und meint: „Er sieht doch wirklich sehr blau aus! Willst du nicht zur Sicherheit mitfahren?“ Ich verneine … schüttele den Kopf.

Der Arzt ruft die Leitstelle an und sagt Ihnen, dass ich unkooperativ bin und nicht mit möchte. „Die Mutter weigert sich mitzugehen. Sie will auf die Hebamme warten!“ Die Leitstelle erwidert, dass der Arzt sich mal „durchsetzen“ müsse und dass ich keine Wahl habe.

Darauf hin wiederholt der Arzt seinen berühmten Satz: „Ich warte hier auf Niemanden und ich nehme ihr Kind jetzt mit!“

Ich war perplex! Darf er das denn überhaupt? (Heute weiß ich, er hätte es nicht gedurft.) Ich werde gemeinsam von Arzt und Sanitäter als verantwortungslos beschimpft. Sie nehmen mein Baby und verschwinden zur Tür raus. Mich lassen sie liegen!

Zur Situation in deutschen Kreißsälen

Hausgeburt ist so gefährlich? Oder sollte man doch eher Angst vor der Geburt im Krankenhaus haben?
Hier mal ein interessanter Artikel über die Realität in deutschen Kreißsälen.

Krise im Kreißsaal

Eine gute Freundin arbeitet seit ein paar Wochen in einem Kleinstadtkrankenhaus als Ärztin auf der Kinderstation. Es ist ihre erste Stelle nach dem Medizinstudium, das sich in Deutschland nicht gerade durch einen hohen praktischen Anteil auszeichnet.

Nach einer Einarbeitungszeit von zwei Wochen hatte sie bereits ihren ersten Dienst zu leisten. Das heißt, sie steht ab nachmittags bis zum nächsten Morgen erst einmal alleine für alles da, was da kommt: für die Betreuung des Neugeborenen-Notfalls im Kreißsaal ebenso wie für alle anderen mehr oder weniger akuten und vielleicht sogar lebensbedrohlichen Situationen in der Kinderheilkunde. Und als sie mir auf dem Spielplatz davon erzählt, ist es auf einmal wieder da – diese mulmige Gefühl, dass auch ich als „Junghebamme“ kurz nach dem Examen hatte, als ich nach nur drei Wochen Einarbeitungszeit nachts alleine im Kreißsaal eines kleinen Berliner Krankenhauses stand. Die Anwesenheitszahl der Hebammen in einem Kreißsaal berechnet sich nach der Geburtenzahl. Babys kommen aber nicht in gleicher „Stückzahl“ täglich zur Welt, sondern an manchen Tagen werden ganz viele geboren und manche Kreißsaaltage sind eher ruhig.

Mein erster Dienst allein als frische Hebamme war aber eher alles andere als ruhig – so waren zwei Frauen gleichzeitig unter der Geburt. Zwar in verschiedenen Stadien – eine gute, kontinuierliche Begleitung hätte ich aber gerne beiden Frauen ermöglicht. Aber neben der Arbeit in der gynäkologischen Ambulanz, die auch noch durch mich als anwesende Hebamme mit versorgt wurde, bleib da wirklich nur noch Zeit für das Allernötigste. Und das war, darauf zu schauen, dass den Kindern und Frauen nichts passiert. Und nein, eine hektische, zwischen zwei Kreißssälen hin und her laufende Hebamme vermittelt sicherlich nicht die Ruhe, die es für eine Geburt braucht. Dazu kam, dass die für diese Nacht eingeteilte Ärztin zwar schon viele Jahre Berufserfahrung hatte, aber durch eine mehrjährige Pause aufgrund eigener Kinder auch gerade wieder ein bisschen von vorne anfing.

Keine Zeit für Geburtshilfe

Und natürlich entwickelte sich ausgerechnet eine der beiden Geburten komplizierter als gedacht. Der von uns bald dazu gerufene Oberarzt brauchte eine gute halbe Stunde, um die Klinik zu erreichen, um danach die Geburt durch einen operativen Eingriff zu beenden. Mutter und Kind sind unversehrt aus dieser Geburt hervor gegangen, aber rückblickend war das mehr Glück als alles andere.

Denn eine kaum eingearbeitete Berufsanfängerin, die gleichzeitig zwei Geburten betreut sowie eine unsichere diensthabende Ärztin sind eine denkbar ungünstige Situation. Aber durch den großen Personalmangel an allen Ecken und Enden sieht es genauso in vielen Krankenhäusern in Deutschland aus. Auch meine damaligen Kolleginnen hätten mir sicher gerne eine längere Einarbeitungszeit ermöglicht, aber der knapp besetzte Dienstplan und das völlig übergelaufene Überstundenkonto gaben das einfach nicht her.

Warum ich das schreibe? Weil ich neulich mal wieder gefragt wurde, ob ich nicht Angst hatte, mein Kind zu Hause Welt zur bringen. Nein, ich habe ehrlich gesagt immer ein bisschen Angst gehabt, ins Krankenhaus zu müssen, weil es dort von so vielen externen Faktoren abhängt, wie die Geburt verläuft. Wenn man nicht gerade eine Beleghebamme hat, die ja zunehmend mehr und mehr aus der Gebärlandschaft verschwinden, weiß man nicht, wie viel Zeit die Klinikhebamme für einen haben wird. Wie viele Geburten wird sie parallel betreuen? Wie viel Andrang herrscht in der Schwangeren- bzw. der gynäkologischen Ambulanz? Wie viele CTGs, Einleitungen oder postoperative Überwachungen sind neben der eigentlichen Geburtshilfe noch abzuarbeiten an diesem Tag oder in dieser Nacht?

Selbstbestimmte Geburt?

Ich weiß, dass die Kolleginnen sich in der Klinik die Hacken abrennen. Ich weiß, dass sie sich mehr Zeit für die eigentliche Geburtsbegleitung wünschen, als stundenlang Daten in den Computer zu hacken. Die zunehmend höheren Auflagen in puncto Qualitätsmanagement sind sicher sinnvoll, wenn sie aber nur dazu führen, dass Klinikmitarbeiter zehn Seiten Papierkram mehr pro Patient ausfüllen müssen, ist damit am Ende sicher nicht den Patienten gedient. Dazu kommt die permanente Angst, rechtlich belangt zu werden, wenn man nicht dieses und jenes tut und alles entsprechend ausführlich dokumentiert. Während in der außerklinischen Geburtshilfe die Geburt auch einfach mal ein Weilchen „stagnieren“ darf (und die Frau neue Kraft schöpfen kann), wird man in der Klinik doch schon nervös, wenn sich zwei Stunden lang am Muttermund nichts tut. Und wenn sich von alleine nichts tut, muss man halt was tun… und eine Intervention bewirkt meist die nächste. Der PDA folgt meist der Wehentropf, dem Wehentropf die Saugglocke und so weiter…

Diese Kette hat meine in der Klinik arbeitende Kollegin Jana sehr eindrücklich beschrieben. Von der erwünschten selbstbestimmten Geburt bleibt da manchmal nicht mehr viel übrig. Zu Hause hatte ich den Luxus, dass sich eine Hebamme ganz exklusiv nur um mich und mein Baby gekümmert hat, in den letzten zwei Stunden vor der Geburt sowie danach war sogar eine zweite Hebamme zusätzlich vor Ort. Luxus für mich, aber finanziell sicher nicht für die Hebamme. 694,58 Euro brutto bekommt die Hebamme für eine Hausgeburt. Damit ist die Geburtshilfe acht Stunden vor und drei Stunden nach der Geburt beglichen einschließlich aller damit verbundenen Leistungen und der Dokumentation, die natürlich gerade in dem Bereich ein ordentlicher Zeitfresser ist. Davon gehen Steuern, Krankenversicherung, Rentenversicherung sowie sämtliche berufsbezogene Ausgaben ab. Und das ist nicht wenig, allein was die geburtshilfliche Haftpflichversicherung angeht. 4480 Euro im Jahr muss eine Hebamme dafür bezahlen.

Ab Juli 2014 ist mit einer weiteren Erhöhung im zweistelligen Prozentbereich zu rechnen. Ja, da darf eine Hebamme erst mal eine Menge Geburten begleiten, nur um die Haftpflicht bezahlen zu können. Eine Beleghebamme bekommt bei gleichen Konditionen für die Begleitung einer Geburt in der Klinik sogar nur ganze 273,22 Euro. Hinzu kommt, dass sich diese wertvolle Arbeit nun mal nicht Montags bis Freitags von 8 bis 18 Uhr erledigen lässt oder gar zu Zeiten, wo die Betreuung der eigenen Kinder durch Kita und Schule organisiert ist. Mehr muss man wohl zum zunehmenden Mangel an Beleghebammen und außerklinischer Geburtshilfe leistenden Hebamme nicht sagen…

Luxus Hebammenbetreuung

Ich bin dankbar, den Luxus einer „exklusiven“ Hebammenbetreuung während der Geburt des Babysohnes gehabt haben zu dürfen. Beide anwesenden Hebammen (die zweite Hebamme hat einen noch wesentlich geringeren Stundenlohn bei gleicher Haftpflichtprämie) hatten nur Zeit für mich – keine Kreißsaalklingel holte sie aus unserem Wohnzimmer, keine gynäkologischen „Notfälle“ hielten sie davon ab, mich in der anstrengenden Endphase zu unterstützen. Wie gerne hätte ich den Frauen in meinen Klinikzeiten auch so eine Betreuung ermöglicht, denn letztendlich ist nicht der Geburtsort allentscheidend, sondern die Qualität der Betreuung, die eine wehende Frau dort erfährt.

Ich behaupte mal, dass die meisten Klinikkolleginnen den Frauen kraftvolle, interventionsarme und selbstbestimmte Geburten wünschen, aber in der Klinik sind einem als Hebamme so oft die Hände gebunden, dies zu ermöglichen. Mit Zeit, mit Ruhe zum Gebären – und das nicht nur als Glücksfall, wenn der Kreißsaal gerade nicht übervoll ist. Die positiven Aspekte einer kontinuierlichen 1:1-Betreuung sind ausreichend belegt. Genug Zeit und Aufmerksamkeit für den Geburtsverlauf ist die beste Prophylaxe vor unerwünschten Interventionen, da eine Geburt nun mal nicht immer nach Leitlinien verläuft, sondern den individuellen Blick erfordert. Auch die Sicherheit für Frauen und Kinder steigt nicht durch eine hohe Anzahl möglicher Eingriffe in den Geburtsverlauf, sondern mit der Aufmerksamkeit und Zeit, die jeder Geburtshelfer der einzelnen Frau widmen kann.

Es braucht genug Personal, um den Stress in einem Kreißsaal nicht bei den Müttern ankommen zu lassen. Stress und Unruhe wirken sich nachweislich negativ auf den Geburtsverlauf aus. Die für die Geburt erforderlichen Hormone fließen nun mal am besten, wenn Intimität, Ruhe und Geborgenheit am Geburtsort herrschen. Das ist zu Hause in der Regel der Fall, sollte es aber auch an jedem anderen Ort gegeben sein, an dem Frauen ihre Kinder zur Welt bringen. Zumal durch die zunehmend weniger werdenden Kolleginnen, die noch außerklinische Geburtshilfe anbieten, faktisch schon längst keine Wahlfreiheit mehr gegeben ist. In manchen Regionen gibt es dieses Angebot überhaupt nicht mehr und in den Ballungszentren muss man sich eigentlich direkt nach der Befruchtung um eine außerklinisch oder in der Beleggeburtshilfe arbeitende Hebamme bemühen, weil diese chronisch überlaufen sind.

Ausreichend ist nicht gut

Aus Krankenkassensicht ist das Angebot für Gebärende aber ausreichend. Ausreichend ist aber nun mal nicht gut. Und genau das sollte es doch sein, wenn es um den Lebensbeginn unserer Kinder geht. Trotz Petitionen zum Thema, trotz guter Pressearbeit, trotz Lippenbekenntnissen kurz vor großen Wahlen scheint sich absehbar nicht wirklich etwas in der deutschen Geburtslandschaft zu verändern. Wahrscheinlich wird es Zeit, dass die „Krankenkassenkunden“ sich bei ihren Versicherern beschweren. Nämlich dann, wenn sie keine Hebamme finden oder wenn sie unter der Geburt nicht die Betreuung bekamen, die sie sich gewünscht haben und die der Klinikinfoabend (der natürlich immer das Idealszenario schildert) versprochen hatte. Denn wahrscheinlich kann nur eine anhaltende „Kundenunzufriedenheit“ nachhaltig etwas an der chronischen Unterbesetzung in den Kreißsäälen oder am beständigen Aussterben der Beleg-, Geburtshaus- oder Hausgeburtshebammen ändern.

Natürlich haben die meisten Eltern erst mal anderes nach der Geburt zu tun, als ihrer Krankenkasse oder den Gesundheitspolitikern zu schreiben. Aber wenn wir ein bisschen weiter denken, werden auch unsere Kinder irgendwann Eltern werden. Was für eine Begleitung für den Lebensbeginn unserer Enkel wünschen wir ihnen dann?

Übrigens hatte meine Freundin zum Glück in ihrem ersten Dienst nur zwei Scharlachfälle und eine allergische Hautreaktion zu behandeln…

Quelle: http://www.zockt.com/vonguteneltern/?p=1001

So kam es zur Alleingeburt im Wald

Ich habe meine Geschichte an verschiedenen Stellen zwar schon erzählt (und alle, die sie kennen, können hier einfach drüber springen), aber auf meinem Blog findet sie sich noch nicht, worauf ich von einer Leserin berechtigter Weise hingewiesen wurde. Hier also noch mal von Anfang an:

Alles begann noch bevor ich das erste Mal schwanger wurde. Im Medizinstudium galt es, diverse Famulaturen und später das Praktische Jahr zu absolvieren. Da ich später einmal Kinder wollte, nutzte ich die Gelegenheit, und famulierte vier Wochen lang in der Gynäkologie/Geburtshilfe eines kirchlichen Krankenhauses. Ich war unvoreingenommen und neugierig. Wartete mit Spannung auf jede Geburt, bei der ich dabei sein durfte. Einmal sogar eine Zwillingsgeburt! Und einmal, aber auch nur einmal, war ich bei einer Geburt dabei, die aufrecht und nicht in Rückenlage stattfand. Ich sah mir an, wie die Säuglingsstation organisiert ist und assistierte bei ein paar Kaiserschnitten. Das waren Highlights! Ich musste mit dem Sauger das Fruchtwasser auffangen, wenn die Fruchtblase kaputtgemacht wurde. Die Ärzte waren nett. Unter den Hebammen gab es ganz unterschiedliche Typen. Eine junge ist mir bis heute im Gedächtnis (bei ihr fand übrigens auch die Geburt im Knien statt, bei der ich dabei sein durfte!). Sie bekam immer ganz rote Wangen, wenn die Geburt kurz bevorstand. Sie musste quasi gar nicht den Muttermund tasten, um zu wissen, dass die Frau vollständig eröffnet war. Das hat mir inmitten aller Technik und Überwachung imponiert.

Meine nächste Begegnung mit der Geburtshilfe bekam ich im Praktischen Jahr. Ich war inzwischen verheiratet und frisch schwanger mit unserem ersten Kind. Ich durfte jetzt so ziemlich nichts Praktisches mehr machen (wie Blut abnehmen etc.), sondern war aus Sicherheit vorwiegend zum Zugucken und Papier hüten verdammt. Aber zugeguckt habe ich dafür um so genauer. Diesmal war ich im größten Krankenhaus der Stadt zwei Monate lang auf der Geburtsstation, auf der ich selbst einmal geboren worden war. Die Hebammen waren solche vom alten DDR-Schlag. Im Kreißsaal herrschte nicht selten Feldwebelton. Die Frauen wurden angeschrien und beleidigt, wenn sie nicht so taten, wie die Hebammen verlangten. Ein ordentlicher Dammschnitt war Routine und oft sehr wohl schmerzhaft, obwohl den Frauen vorher was anders erzählt wurde. Die Hebammenschülerinnen ubertrumpften sich damit, wer von ihnen schon die meisten Dammschnitte gemacht hatte. Ich habe vergessen, wie viele sie gemacht haben mussten, aber es waren nicht wenige. Es gab einige Szenen, die ich ganz schrecklich fand. Als hätte ich ein Verbrechen beobachtete, ohne etwas tun zu können, um das Opfer zu schützen. Die Entscheidung zur Hausgeburt fiel mir da nicht mehr schwer. Das Risiko, so gebären zu müssen, wollte ich nicht eingehen. Und mein Mann war mit meiner Entscheidung zufrieden, da besagte Klinik von unserem Haus nur fünf Minuten mit den Auto entfernt lag. Im Notfall war der „sichere“ Hafen ja nicht weit.

Ich fand auf Empfehlung eine ältere, erfahrene Hebamme. Ich hatte mit ihr ein gutes Gefühl und dachte, dass nun ja nichts mehr schief gehen könne. In dieser Zeit wohnten wir am Waldrand. Das PJ war stressig. Mein erstes Tertial (das PJ ist in drei Abschnitte a 4 Monate unterteilt, die Tertiale genannt werden) absolvierte ich in der Notaufnahme. Es verlief zwar spannend und lehrreich … aber ich konnte kaum aufs Klo gehen. Es gab dafür zum Glück ein wunderbares Heilmittel und das wirkte zuverlässig und oft schon nach einer Viertelstunde: Der Wald. Sobald ich dort spazieren ging, kam sozusagen alles in Bewegung. Und während ich durch den Wald streifte und sich in mir Entspannung breit machte, dachte ich immer wieder: Hier müsstest du gebären. Du verkriechst dich einfach, ohne dass einer weiß wo du bist, und dann kommst du mit dem Baby zurück. Kein Trubel, kein Stress, keiner, der etwas von dir erwartet, verlangt oder auf die Uhr guckt. Das muss doch herrlich sein! Wenn ich hier so schön meine Verstopfung lösen kann, muss das doch ein hervorrangender Ort sein, um auch die ganz große Verstopfung, also das Baby, herauszubekommen.
In diesem Wald war das allerdings nicht machbar. Zu viele Jogger und Hundegänger. Es gab da kein mit Sicherheit ruhiges, ungestörtes Örtchen. Trotzdem war der Gedanke so schön, dass ich ihm gern nachhing.

Unser erstes Kind kam dann in unserer Mietswohnung zur Welt. Ich dachte, ich hätte alles für eine sichere Geburt getan und war guter Dinge. Als ich über Termin ging, weigerte ich mich standhaft, alle zwei Tage zum CTG aufzukreuzen. Meine Hebamme meinte, ich wär der Typ, dem sie zutraut, die Geburt auch allein durchzuziehen und sie spät zu rufen. Und ich hatte mir insgeheim auch offen gehalten, genau das zu tun. Aber weil wir nett sein wollten, riefen wir am Morgen, als die Wehen begannen, schon mal an, um Bescheid zu sagen, dass es heute was werden würde. Dann trafen zwei Dinge ein, die sich nicht im Voraus hatten berechnen lassen: Meine Hebamme war just zu diesem Moment bei einer anderen Geburt. Und: Eine Vertretungshebamme aus dem Geburtshaus kam vorbei, obwohl wir gesagt hatten, dass noch keiner zu kommen bräuchte, sondern wir nur Bescheid sagen. Da war sie also, die Vertretungshebamme. Ich fühlte mich nicht wohl mit ihr und wollte eigentlich, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwindet. Sie war schon auf dem Weg nach draußen, wir hatten ihre Nummer, unter der wir sie erreichen konnten und … plötzlich setzten bei mir die Wehen heftig ein. Sie blieb. Ich hatte nicht den Mut und die Nerven, sie herauszuschmeißen. Ich dachte: Augen zu und durch. Aber diese Rechnung ging nicht auf, wie sich schnell herausstellte. Ich war zwar bald vollständig eröffnet, eine zweite Hebamme wurde dazu gerufen, wie das so üblich ist, wenn die Geburt kurz bevorsteht. Aber dann ging stundenlang nichts vorwärts. Nur Wehen und Schmerzen. SCHMERZEN! Dann irgendwann die Erkenntnis: hoher Geradstand!
Nun schwebte also auch noch das Damoklesschwert Krankenkenhaus und Kaiserschnitt über mir. Dabei hatte ich die Geburt innerlich an die Hebammen abgegeben. Erst als ich merkte, dass sie auch nicht weiterwussten und ICH hier was tun muss, wenn ich nicht im Krankenhaus auf dem OP-Tisch landen wollte, nahm ich die Geburt wieder an mich. Wenn mein Körper wusste, wie er das Kind herausbekommen kann, dann musste ich auf ihn hören und nicht auf die Hebammen mit ihren sich so wirkungslos anfühlenden Schaukellagerungen. Das tat ich und fand es ganz angenehm, stehend das Becken hin und her zu bewegen und dabei meine Tochter aufzufordern, dich zu drehen. Glücklicherweise kam dann auch endlich MEINE Hebamme. Sie massierte eine angeschwollene Muttermundskante weg (sehr schmerzhaft, aber effektiv). Der Kopf des Babys hatte sich nun gedreht und kurze Zeit später hielt ich sie im Arm. Völlig fertig aber sehr sehr froh!

Nach dem ersten Glücksrausch begann ich, die Geburt zu analysieren. Was war schief gelaufen? Wie hätte ich die vielen schmerzhaften Stunden vemeiden können? Woran lag es, dass das, was bis zum Eintreffen der Hebamme so unspektakulär verlaufen war, danach so kompliziert wurde?

Ich las mich durch das Internet, las über Alleingeburt und das Aha ließ nicht lange auf sich warten. Ich war nicht die einzige, die sich von der Anwesenheit bestimmter Leute so aus dem Takt bringen ließ. Fremde Leute zu seiner Geburt einzuladen ist nicht selten ein Risiko an sich. Aber wenn ich noch ein Kind bekäme, wie konnte ich meine Geburt wirklich sicher machen? Wie konnte ich sicher sein, niemanden einzuladen, der mich hemmte, der meinem Körper nicht vertraute und mir mit seiner Angst die emotionale Kraft aussaugte, die ich zum Gebären brauchte? So wuchs in mir der Entschluss, dass das nächste Kind nur in Anwesenheit von Menschen kommen sollte, die keine Angst vor dem Ereignis Geburt hatten. Ob ich so jemanden finden würde?

Kurz nach der Geburt der Großen zogen wir nach Schweden um. Der Wald begann nun direkt hinter unserem Haus. Ich brauchte nur aus der Haustür zu fallen. Ein kurzer Weg, um jede Verstopfung aufzulösen. Und eines Tages, bei einem meiner Spaziergänge quer waldein, fand ich ihn, den Platz, an dem unser Sohn später geboren wurde. Weiches Moos, das von umgefallenen Fichten wie mit Wänden umgeben wurde. Daneben ein plätscherndes Bächlein. Hier war der Wald wild, ungepflegt und kein Wanderer, kein Pilzsammler oder Jogger würde sich jemals hierher verirren. Ich war begeistert. Von nun an pilgerte ich immer öfter zu diesem Platz. Plante, malte mir aus, wie es sein würde, hier zu gebären … und als mein Mann endlich überzeugt war, weihte ich auch ihn ein. Na klar, es war verrückt. Oder war es das? Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, ist diese Art zu gebären durchaus üblich gewesen. Nur, weil etwas anderes heute Mode ist, muss das andere ja nicht gleich undenkbar sein.
Wie anders war diese Schwangerschaft als meine erste! Ich war einfach nur schwanger. Die Vorsorgeuntersuchungen bei der Großen hatten mich immer verunsichert und irritiert. Jetzt war ich frei. Ein unglaubliches, wenn auch manchmal beängstigendes Gefühl. Aber mir ging es gut, mein Baby bewegte sich in mir … alles war gut. Zuerst dachte ich: Gehst du ab der und der Woche zur Vorsorge. Das reicht auch noch. Aber dann kam die besagte Woche und in mir sträubte sich alles. Ich hatte das Gefühl, es würde meine selige Blase der guten Hoffnung zerstören, wenn ich mich von jemandem Frenden vermessen und beurteilen lassen würde. Irgendwann ließ ich den Plan fallen und war glücklich, dass ich den Vorsorgestress einfach boykotierte. Eine Hebamme zu suchen hatte ich noch früher aufgegeben. Erstens gibt es in Schweden fast keine Hausgeburtshebammen. Aus diesem Grund hätte sie sehr weit anreisen müssen. Zweitens hätte ich die 2000 Euro als Kosten für die Geburt selbst tragen müssen. Aber das auf die Gefahr hin, dass die Hebamme es zur Geburt gar nicht rechtzeitig schaffte. Das schien mir das viele Geld dann doch nicht wert zu sein. Und drittens: wie hätte ich die Hebamme von meinen Waldplänen überzeugen sollen?

Natürlich hätte es sein können, dass es regnet oder ein anderer Umstand mir den Wald vegrault. Ich war nicht stur darauf festgelegt, dass es unter allen Umständen der Wald werden musste. Aber alles passte am Schluss und der Rest ist Geschichte. Seitdem habe ich noch zwei weiteren Kindern im Alleingang auf die Welt geholfen. Der Wald hat sich aus verschiedenen Gründen nicht noch einmal als Geburtsort ergeben. Dafür einmal die Wiese und einmal das Wohnzimmer. So hat jedes Kind seinen ganz eigenen, besonderen Geburtsplatz.

Meine Ausbildung hat bei meiner Entscheidung eine untergeordnete Rolle gespielt. Vorallem hat sie mir geholfen, die Geburtsmedizin in ihren Begrenzungen zu sehen und keine falschen oder überhöhten Erwartungen an sie zu haben. Sicher, ein Arzt kann ein Baby auf die Welt holen. Das geschieht heute ja immer öfter, am liebsten per Bauchschnitt. Aber ein Kind zu gebären, über sich selbst hinauswachsen und im hormonalen Freudenfeuer das Fest des Lebens feiern, das kann nur die Frau selbst. Und dafür verdient sie die beste und demütigste Behandlung durch alle, denen sie die Ehre erweist, sie dabei begleiten zu dürfen. Wir Menschen mit all unsere angehäuften Wissen sind viel weniger schlau als wir denken. Wir haben viel weniger in der Hand, als wir uns gern vormachen. So vieles wird verkompliziert, nicht weil es gefährlich ist, sondern weil wir Angst haben und mit unserem Einmischen den natürlichen Prozess erschweren oder verhindern. Es erscheint mir sicherer, mich zuerst auf mich selbst, meinen Körper und meinen Schöpfer zu verlassen. Ich will nicht, dass Fremde für mich zweitklassige Entscheidungen treffen, wenn ich selbst eine bessere Entscheidung treffen kann.

Diese Jahr wird unser Waldvöglein schon fünf. Sich für die Geburt zu entscheiden, die zu einem passt, ist nur eine von vielen Entscheidungen, die man im Leben mit Kindern treffen muss. In einem Monat ziehen wir ins Elsass (Frankreich) um, weil Kinder dort die Freiheit haben zu lernen, ohne dafür jeden Tag in ein Schulgebäude eingesperrt zu werden.

Mysterium Nabelschnur

„Und wie habt ihr das mit der Nabelschnur gemacht?“

Das ist die häufigste Frage, die ich bekommen, wenn ich jemandem über unsere Art zu gebären erzähle. Meist wird sie in einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen vorgebracht. Wenn ich dann antworte: „Wir haben sie einfach durchgeschnitten“, folgt meist ein ungläubiger Blick und der alles erklärende Satz für diese von uns vollbrachte Meisterleistung:
„Na, ihr seid ja Ärzte!“, was mich wiederum irritiert zurücklässt, weil ich den simple Vorgang des Durchschneidens noch nie im Licht meiner medizinischen Ausbildung betrachtet habe. Durchschneiden kann schließlich jeder, der eine Schere und die motorischen Fähigkeiten, sie zu bedienen, besitzt – sprich ein Kind im Kindergartenalter. Na gut, eine Nabelschnur ist derberes Material, etwas Kraft braucht man also auch. Sagen wir ab Schulkindalter sollte man in der Lage sein, eine Nabelschnur zu durchtrennen. Was ist also so kompliziert daran, das man dazu meint, dringend ein Krankenhaus und Ärzte zu brauchen?

Betrachtet man das Tierreich, wird generell ziemlich achtlos mit der Nabelschnur umgegangen. Als ich einmal der Geburt eines Kälbchens zuschaute, riss die Nabelschnur einfach durch, als Mama Kuh sich hinstellte, um ihren Nachwuchs abzuschlecken. Das eine Ende baumelte dort, wo das Kalb gerade herausgekommen war. Das andere (wobei da kaum mehr etwas hing) hing als blutiger Stummel am Kälbchen, das im nicht gerade sterilen Stroh liegend das herzhafte Abschlecken seiner Mutter über sich ergehen ließ. Nabelklemme? Sterile Schere und Umgebung? Fehlanzeige. Mama Kuh und ihr Kind schien das nicht zu stören und soweit mir bekannt ist, hat der Nachwuchs unbeschadet überlebt.
Tatsächlich geschieht es ja dauernd. Katzen, Hunde, Kaninchen, Rehe… kurz alle Tiere, die im Bauch ihrer Mutter mit einer Nabelschnur versehen sind, pfeifen bei der Geburt auf die Profis und eine professionelle Abnabelung. Keiner schreit nach einem Arzt oder einer Nabelklemme. Da geht es eher sehr beherzt und mitunter rau zur Sache. Da wird wahlweise gekaut, gebissen oder gerissen. Hauptsache ab, egal wie, aber auf jeden Fall unsteril.
Warum machen wir Menschen es eigentlich so kompliziert? Brauchen wir Profis und Rituale, um das Überleben unseres Nachwuchses als gesichert anzusehen? Wenn ich sage: „Wir haben sie einfach durchgeschnitten.“ habe ich oft das Gefühl, mir wird nicht geglaubt. Dabei haben wir genau das getan: sobald die Nabelschnur auspulsiert war, Küchenschere her und durchgeschnitten. Na gut, bei unserer ersten Geburt im Alleingang fühlte mein Mann sich wohler, als er einen kleinen Bindfaden um das Ende der durchgeschnittenen Schnur gebunden hatte. Aber wenn man einmal angefangen hat, gesellschaftliche Konventionen und Ängste in Frage zu stellen und stattdessen selbst zu denken, geht einem schnell der Sinn für die der Gesellschaft eigenen, angstdänpfenden Rituale abhanden. Stattdessen kann man in Erfahrung bringen, dass die Nabelschnur eine feine Sache ist. Sie versorgt nicht nur das heranwachsende Kind neun Monate lang zuverlässig mit allem, was es braucht, um heranzuwachsen, nein, sie verklebt und verschließt sich von innen, sobald ihre Funktion nicht mehr benötigt wird. Wenige Minuten nach der Geburt hört der Blutfluss auf und die Gefäßwände kollabieren. Hier und da mögen sich ein paar Blutklumpen verfangen und ein bißchen feucht ist es innen drin auch noch, was dazu führt, dass das durchtrennte Nabelschnurende in den ersten Stunden ein bißchen Restblut an Windel oder Kleidung schmiert – aber es fließt nichts mehr.

Worauf sind dann unsere Ängste begründet? Glauben wir, das Kind könnte plötzlich ausbluten und dann plötzlich ohne Blut dastehen? Haben wir Angst vor den bösen Bakterien überall? Hat man diese Angst, ist es sicherlich sinnvoll, entweder ein paar Stunden mit der Durchtrennung der Nabelschnur zu warten, oder ein langes Stück stehen zu lassen (und später zu kürzen). Neulich las ich einen interessanten Bericht über den Neugeborenen-Tetanus in manchen Teilen der Welt. Dort ist es vielfach üblich, zur Nabelpflege getrockneten Kuhdung aufzulegen. Klar, sagen wir gebildeten Westler, so was Dummes muss ja Folgen haben. Mit etwas mehr Hintergrundwissen ergibt sich ein differenzierteres Bild: In diesen Teilen der Welt war dieses Vorgehen schon immer üblich. Zu vermehrten Tetanusfällen kam es erst, als die Hebammen eine westlich geprägte Ausbildung erhielten, die vorsieht, die Nabelschnur recht nah am Kind zu durchtrennen. Traditionell war es bis dahin üblich, die Nabelschnur nahe der Plazenta zu durchtrennen. Welche Bakterie mag diesen langen Weg klettern? Hier vermischen sich also westliche und überlieferte Traditionen zu einer unguten Mischung. Aber anstatt das zu erkennen, pocht man auf noch mehr westliche Traditionen: die Impfung muss es richten. Kauf P*mpers und du tust was Gutes!

Stimmt es nun, dass nur ein Profi in einem Krankenhaus eine Nabelschnur durchtrennen kann? Nein, außer man will die Nabelschnur bereits vor dem Auspulsieren, ein paar Sekunden nach der Geburt, durchgeschnitten haben. Dann fließt darin tatsächlich noch Blut, und will man kein Blutbad anrichten, braucht man natürlich Klemmen und Co.. Dieses Vorgehen war bis vor Kurzem allgemein in Krankenhäusen Gang und Gäbe. In Schweden wurden diesbezüglich letztes Jahr die Richtlinien geändert. Wie es in Deutschland derzeit aussieht, weiß ich nicht. Ich kenne es jedenfalls noch so, dass nach der Geburt sofort die Klemme gesetzt wurde, um Blut zu entnehmen – man braucht ja das Nabelschnurblut für die ph-Messung und die Qualitätssicherung. Und dann durfte der meist zögerlich dreinblickende Papa feierlich durchschneiden – oder das Ganze dankend dem Personal überlassen. „Ach, machen Sie das mal.“ Ist doch besser, man lässt die Profis ran. Oder?

Wie man sich selbst verlieren kann

Diesen Bericht bekam ich heute von einer Frau zugeschickt:

Eine Geburt wie sie so gar nicht sein sollten und die Folgen daraus… für mich jeden Tag noch schmerzlich, obwohl 1,5 Jahre vergangen sind.

Als ich noch ein Teenie war, wusste ich schon: Ich will Kinder. Und wenn ich mir damals darüber Gedanken machte, dann wusste ich auch immer das ich meine Kinder am liebsten geboren zu Hause oder alleine auf die Welt bringen möchte.
Damals in den 90iger Jahren waren vermutlich sogar noch Geburtshäuser exotisch und eine Geburt in mitten von Ärzten und fremden Leuten der Standard. Und selbst wenn ich das nicht wusste, so dachte ich mir das es das natürlichste der Welt ist, und ich keine fremden Leute dabei haben möchte und meine ruhe haben will.
Jahre zogen ins Land. Ich wurde erwachsen, stolperte in meinem leben, raffte mich wieder auf aber damals verlor ich nie wirklich mich selbst und mein Kinderwunsch und auch die Art und Weise wie sie zur Welt kommen sollten waren immer noch da und immer noch dieselbe Vorstellung.
Mit dem „richtigen“ Partner startete 2009 dann die Planung des Kinderwunsches die recht schnell von Erfolg gekrönt war. Ich war schwanger.. und keine 2 Monate später war ich nicht nur schwanger sondern auch wieder Single. Und zwar so dermaßen Single das nach der Trennung und vor allen den Gründen klar war das weder die Schwangerschaft, noch die Geburt gemeinsam erlebt werden.
Ich war gestolpert.. aber im nachhinein betrachtet habe ich dabei mich selbst verloren.
Meinen kleinen Wurm im Bauch liebte ich vom ersten Moment und mit dieser Erkentniss wuchs die Angst… die Angst das ich es verliere, das ihm was zustößt das etwas nicht normal verläuft. Geschürt wurde diese gleich bei der ersten Untersuchung von der Ärztin die mir teure weitergehende Untersuchungen anschwatzen wollte – grundlos, wohlgemerkt. Als „Grund“ nannte sie Statistiken in die ich nicht reinpasste, weder vom Alter noch von der familiären Vorbelastung etc. Da konnte ich noch ablehnen.
Die Schwangerschaft, obwohl sie eigentlich völlig problemlos verlief, war für mich seelisch anstrengend weil immer die angst mitlief es könnte etwas passieren. Der Herzschlag meines Babys könnte stehenbleiben. Vor lauter Sorge war ich deutlich häufiger beim Frauenarzt als vorgesehen und immer hieß es, es ist alles ok.. Keine Auffälligkeiten zu sehen.
Ich glaube es war ca in der 25. Schwangerschaftswoche. Nun hätte es eine Chance wenn es zu früh käme, und mit dieser Gewissheit die von Woche zu Woche wuchs und der Chance die von Woche zu Woche größer wurde, wurde ich etwas ruhiger und begann den Bauchzwerg zu genießen während die Vorfreude auf meine Tochter, wie ich zwischenzeitlich wusste, ins unermessliche wuchs.
Wie schon gesagt, ich war gestolpert und ich habe mich selbst verloren und ich fand mich nicht mehr. Der Gedanke an eine geborgene Hausgeburt, ich glaube der kam mir seit der Trennung nicht mehr. Ging auch gar nicht, musste ich mir ja eine eigene Wohnung suchen und die war dafür absolut nicht geeignet. Geburtshaus? Gab es, aber 30 km entfernt und unter wehen autofahren? Geburtstermin war mitten im Winter und die Winter hier sind hart und streng – mit viel Eis und Schnee… Nein… zu gefährlich.
Also war klar das nur die Geburt in der nächstgelegenen Klinik übrigblieb. Ich freundete mich mit dem Gedanken an. Kaiserschnitt, nein danke. Ich wohne alleine und habe einige Haustiere zu versorgen, das kommt nicht in Grage. Ausserdem WILL ich diese Geburt erleben, das ist was einmaliges. Nein ich will keinen Kaiserschnitt um keinen Preis.
Es gingen die Wochen dahin, ich glaube ca in der 35 Woche ging es los. Alle „Mitschwangeren“ bekamen ihre Babys. Zeitgleich wurde bei den US festgestellt, dass meine Tochter enorm gewachsen war und ziemlich groß würde. Ich hatte, was vermutlich fast jede Schwangere tut, Geburtsberichte gelesen. Möglicherweise die falschen, denn meine Angst wuchs mit jeder Woche in der meine Tochter in meinem Bauch wuchs… Angst vor einem Kaiserschnitt. Ich bekam wirklich fiese Beckenschmerzen mit denen Schritte, aufstehen, ja selbst das ruhige Liegen einfach nur noch eine Qual war und hörte dann mal das Wörtchen: Symphysenlockerung. *schreck*
Ich wollte, dass sie da rauskommt, jetzt sofort, bevor sie noch größer wird und die Gefahr eines Kaiserschnittes steigt, weil sie nicht durchs Becken passt… ich will diese Beckenschmerzen nicht mehr. Ich war am Ende, kein Gedanke mehr an geduldig sein… sich freuen, ruhig bleiben… die Geburt erleben, sie genießen. Ich will das es losgeht und dann auch damit vorbei ist wenn sie in meinen Armen liegt, diese nervenaufreibende Schwangerschaft.
Ich war völlig uneins mit mir, mit meinem Körper.. nichts merkte ich mehr. Senkwehen? Was ist das? Ein Zipen hier, ist das ne wehe, ne es sind nur Blähungen. Ich war abhängig, völlig abhängig von der Meinung meines Frauenarztes und des ctg-Gerätes. Am Termin angekommen. Keine Wehen, Muttermund noch da und zu. Ernüchterung, Verzweiflung! Kind? Groß, geschätzte 4100 Gramm.
Eine Einweisung in die Klinik zur Einleitung. Einer meiner eigentlichen Alpträume und doch nahm ich sie mit Kusshand. Immer noch besser als zu warten bis sie noch größer wird und es dann in einem Kaiserschnitt endet.
3 Tage Einleitung, 3 Tage leichte Wehen und keine Veränderung. Ein paar Tage zuhause… hoffen das es losgeht. Keine Veränderung. Wieder 3 Tage Einleitung, keine Veränderung… ich kann nicht mehr. Gebt mir den Kaiserschnitt. Und sie gaben ihn mir.
Sie hätten ihn mir schon viel früher gegeben. Damals, nach den ersten 3 Tagen Einleitung. Als ich völlig fertig vor der Ärztin im Krankenhaus weinte, dass ich nicht mehr kann aber keinen Kaiserschnitt will. Das ich Angst habe wg. einer übermäßigen Symphysenlockerung, als von ihr kam, ja das könnte schon sein das das dann den Symphysenring sprengt, wenn das Kind so groß ist. Da muss man mit rechnen. Ich bat darum ein anderes Mittel (ich hatte die Tabletten bekommen) zu versuchen. „das würde nichts bringen“… aber einen Kaiserschnitt, wenn ich den wollte könnte ich den haben.
Ich erklärte, dass ich keinen Kaiserschnitt will, dass ich sie so bekommen möchte aus vielen Gründen. Aber ein Wort der Aufmunterung, jemand der mich zur Seite nahm und versuchte in diesem Gebilde aus Angst und Verzweiflung MICH herauszulocken, mich zu beruhigen und mir die Angst zu nehmen – oder es zumindest zu versuchen? Fehlanzeige.
Ich „nahm“ den Kaiserschnitt. Die ersten Wochen danach redete ich mir wohl selbst auch ein, dass es das beste war. Aber dann begann die Fassade zu bröckeln und es wurmt mich bis heute. Es schmerzt. Es schmerzt so sehr das ich das Gefühl habe, mich immer weiter von mir zu entfernen als ich es damals war. Ich liebe meine Kleine abgöttisch, aber ihre Geburt wird immer einen faden Beigeschmack mit Selbstzweifel haben. Mit der Frage warum ich es nicht geschafft habe auf meine innere Stimme zu hören, mich selbst zu finden.
Anstatt dessen habe ich mir möglicherweise die Chance darauf eine weitere Geburt so zu erleben wie ich sie eigentlich haben wollen würde vertan. Denn nach einem Kaiserschnitt, ist eine Heimgeburt angeblich zu riskant. Keine Hebamme würde sie wohl begleiten und auch viele Geburtshäuser lehnen ab – und es wird einen von vornherein wieder Angst gemacht.
Ich las auf Ihren Seiten „jede Geburt würde uns stark machen“. Das denke ich auch, aber wenn sie nicht so geschieht wie man es selbst, ganz tief drinnen haben möchte, dann kann sie einen kaputt machen. Wie bei mir.
Es steht in den Sternen, ob ich überhaupt jemals noch ein Kind bekommen werde. Es fehlt der Partner und die Angst vor einer Enttäuschung ist noch zu groß. Alles was bleibt ist ein Traum, der Traum von einer selbstbestimmten Geburt, in Frieden, im Geborgenen ohne angstmachende Technik, verunsichernde Ärzte und Meldungen.
Ein Traum – der hoffentlich keiner bleiben wird.

Was wollen wir weitergeben?

Bei den Kindersprüchen in der letzten Eltern war unter anderem dieser zu lesen:

Eine Zweijährige, deren Mutter wieder schwanger ist, sagt zu ihrer Kita-Betreuerin: „Bald geht Mama ins Krankenhaus. Dann kommt der Arzt, holt das Baby aus dem Bauch, und dann sagt Mama danke.“

Ist es das, was unsere Kinder von uns über Geburt lernen? Der Arzt holt das Kind aus dem Bauch und das einzige, was die Frau macht, ist brav „danke“ sagen?
Wo sind wir hingekommen? Muß es dieses verzerrte Bild sein, mit dem die Mädchen heute aufwachsen und irgendwann ihre eigenen Kinder aus dem Bauch geholt bekommen?
Meine Tochter weiß, daß ich keinem Arzt höflich „danke“ gesagt habe. Niemand hat sie aus meinem Bauch geholt. Sie ist auf die Welt gekommen, weil sie es wollte. Ich habe sie geboren, unter Schmerzen und Gebrüll aus meiner eigenen Kraft. Und mein Dank galt allein meinem Schöpfer, der meinen Körper so wunderbar gemacht hat.

Schwanger in Deutschland: Über Termin wird bestraft

Eine Freundin von mir erwartete ihr erstes Kind. Sie hatte Angst vor der Geburt, wollte zuerst einen Wunsch-KS. Wir redeten viel, ich schenkte ihr ein gutes Buch und schließlich sah sie der Geburt doch recht optimistisch entgegen. Aber dann kam und ging der Termin und kein Baby kam. Das beunruhigte sie auch nicht weiter, sie war gern schwanger. Allerdings mußte sie nun alle 2 Tage zum CTG. Auch das war zunächst nicht weiter schlimm. Eine Woche verging, immer noch kein Baby. Jetzt sollte sie jeden Tag zum CTG erscheinen. Als der Termin um 8 oder 9 Tage überschritten war, erwähnte der Arzt im Nebensatz, daß man doch morgen die Sache ein bißchen anstupsen wollte. Meine Freundin horchte auf. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie rief mich an und mit allem was mir an Fakten und Ermunterung einfiel, ermutigte ich sie, die Sache abzulehnen. Was sie auch tat. Der Arzt war natürlich nicht begeistert, das Wochenende stand bevor und schon sein letztes war schlecht gewesen. Er meinte, er akzeptiere natürlich ihre Meinung, müsse aber darauf hinweisen, daß die Plazenta schon ein bißchen verkalkt sein und man nie wisse, wie lange die noch richtig arbeite. Die Herztöne seien ja auch gut, also solle man doch die Geburt beginnen, bevor sich das ändert. Von nun an ging meine Freundin jeden Tag zum CTG und jeden Tag wurden die Drohungen der Ärzte etwas schärfer. Sie traf gleichzeitig auch Hebammen, die sie ermutigten, zu warten, aber die verschwanden, sobald der Arzt auftauchte. Schließlich war sie mit den Nerven so fertig, daß sie auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus in Tränen ausbrach. Aber ihr Glaube an die Ärzte und das CTG (das immer gut war), war stärker als alle widerstrebenden Gefühle und so ging sie weiter brav hin, hörte sich jeden Tag von neuem an, wie verantwortungslos es wäre, zu warten und das Leben des Kindes zu gefährden, bis sie am 14. Tag nach Termin der Einleitung zustimmte („Die Geburt nur ein bißchen anstupsen!“). Es wurde Gel gelegt, früh und nachmittags. Leichtes Ziehen für 2 Stunden, sonst nichts. Nächster Tag: Gel früh und nachmittags. So wie am Tag vorher: Etwas Ziehen kurz danach, sonst nichts. Dritter Tag: Gel früh und nachmittags. Leichtes Ziehen, unreifer Muttermundbefund. Nichts passierte! Gar nichts. Es gab hitzige Diskussionen über das weitere Vorgehen zwischen dem Oberarzt und meiner Freundin, während sie mit ausgebreitetem Unterleib auf dem Gynstuhl lag. Es gab nämlich zwei Ärzte und die waren sich nicht einig, was man jetzt tun sollte und meine Freundin vertraute dem einen, der aber nicht für sie zuständig war. Der hielt den Tropf für die letzte Möglichkeit, bevor man einen Kaiserschnitt machen müßte, der andere wollte einfach mit dem bisherigen Schema des Einleitens weitermachen und ein dritter hatte eher am Tag geäußert, daß der Tropf bei dem unreifen Muttermundbefund Quatsch sei.
Nach 3 Tagen zermürbendem Hoffen und Warten und unzähligen vaginalen Untersuchungen, war meine Freundin schließlich am Ende. Da der Oxytocintropf die einzige Alternative war, die ihr angeboten wurde, verlangte sie den Kaiserschnitt. Das würde wenigstens die Quälerei endlich beenden. Der Arzt meinte, die Herztöne seien gut, es gäbe keinen Grund zur Eile, aber wenn sie darauf bestehe….
Dann aber siegte die Natur in letzter Stunde doch noch. Meine Freundin bekam am selben Abend einen Blasensprung und Wehen und in der Nacht wurde ihr Mädchen geboren, gesund, mit nur leichten Übertragunszeichen. Unter Anwendung von PDA, Wehentropf, Kristellern, Dammschnitt und in Rückenlage, aber es wurde wenigstens kein Kaiserschnitt!

Ich bin erleichtert, aber es tut mir weh, solche Geschichten zu hören. In welcher Erinnerung wird sie diese Geburt behalten? Wie wird sie das Trauma verarbeiten? Warum hat man ihr nicht die Traumgeburt gelassen, die ihr zugestanden hätte? Warum hat sie sich nicht die Bedingungen geschaffen, die ihre Traumgeburt möglich gemacht hätten?

Übrigens: Hier in Schweden darf man völlig unbehelligt 14 Tage über Termin gehen. Ohne CTG-Termin, ohne überhaupt irgendeine Kontrolle. Bis vor kurzem war es noch so, daß man nach 14 Tagen wieder hinging und dann wurde weiter gesehen. Weil die Frauen aber so ungeduldig sind, wird jetzt nach Punkt 14 Tagen eingeleitet. Ein Drama ist über den Termin gehen trotzdem nicht. Vielleicht liegt es daran, daß Ärzte mit der Schwangerenbetreuung nichts zu tun haben, solange alles normal läuft. Dafür sind hier ganz allein die Hebammen zuständig. Mit einer enstprechend niedrigen Kaiserschnittrate von immerhin nur 18%. (Deutschland inzwischen:30%)