Alleingeburt beim zweiten Kind

Die Mutter im folgenden Bericht erzählt von der geplanten Alleingeburt bei ihrem zweiten Kind. Als Bonus am Ende findet ihr auch auch noch den Bericht ihrer ersten Geburt im Krankenhaus.

Vorwort: 

Die Schwangerschaft habe ich in Eigenregie verbracht, bis auf zwei Arzttermine. Dabei verfasste ich ein eigenes Gravidogramm, in das ich gewissenhaft und engmaschig meine Daten eintrug. 

Gravidogramm Vordruck 

An sich empfand ich die Eigenvorsorge als stressig, besonders, da ich oft nicht zu 100% wusste, wie das Kind liegt. Es befand sich bis zur Geburt in der 2. vo. HHL, was ich als problematisch empfand (https://www.spinningbabies.com/pregnancy-birth/baby-position/other-fetal-positions/right-occiput-anterior/), aus der er schließlich jedoch problemlos geboren wurde. Für Komplikationen oder Panik unter der Geburt erstellte ich einen 4-Stufen-Rescue-Plan und verfasste außerdem eine Patientenverfügung und Vollmacht für eine Geburt im Krankenhaus (http://www.fachpraxis-doris-lenhard.de/geburt-ohne-gewalt-bonn-patientenverfuegung/). 

Des Weiteren festigte ich mein Wissen, das ich durch 3 Jahre in Sarahs Community schon vor der Schwangerschaft gesammelt hatte, durch Bücher wie „Geburtsarbeit“, „Geburtshilfliche Notfälle“, „Gebären ohne Aberglauben“, „die Hebammensprechstunde“, „10 Moons“ und Lektüre von Michel Odent („Geburt und Stillen“, „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“). Als ich bei Sarah zu Besuch war, las ich außerdem diverse Bücher an („die selbstbestimmte Geburt“, „Luxus Privatgeburt“, „unassisted childbirth“) und „Praktisch bewährte Hebammenkniffe“ durch. Ich bereitete mich Wochen vor der Geburt mit Hypnobirthing vor, übte die Wellenatmung (einatmen – schnell bis 12 zählen, ausatmen – schnell bis 12 zählen), die Ruheatmung (bis 4 ein, bis 8 zählen – aus) und die J-Atmung (Austreiben nur mit Atmen) und erstellte eine Playlist für die Geburt.

Meine Geburtsaffirmation, die ich unbewusst schon in dem Zimmer aufgehangen hatte, in dem das Baby geboren wurde. https://www.youtube.com/watch?v=KTcrX17joIE 

Die Geburtsgeschichte: 

Am Morgen des 4.2.2021 begannen die ersten Wehen um 6 Uhr morgens, als ich noch am schlafen war. Die gesamte Nacht war ruhig gewesen. Da ich wusste, der Geburtsbeginn wäre sicher, wenn ich noch sexuelle Handlungen vollziehen würde, weckte ich meinen Freund, der später aber direkt wieder einschlief. Ich ging ins andere Schlafzimmer, schlief dort noch einige Stunden, bis unser großer Sohn nach mir rief „Mama, warum bist du hoch gegangen?“, um mich dann wieder zu den Beiden zu legen. Um 8 Uhr oder so standen wir beide auf und wir frühstückten Eier. Wir versuchten wieder, den Papa zu wecken, aber bis 10 Uhr war das vergebens. Da ich merkte, dass sich durch den Alltag mit dem Kleinkind die Wehenabstände auf 15 Minuten vergrößerten und ich das verhindern wollte, weckte ich meinen Freund mit den Worten „willst du heute noch einen zweiten Sohn haben oder nicht!“, woraufhin er auch aufstand und ich mich wieder ins Bett legen konnte. Ich hörte mir zum zweiten Mal die Hypnobirthing-Regenbogenentspannung auf Youtube an, die zuvor (in der Nacht) einfach mittendrin ausgegangen war, weil der Akku meines Laptops alle war (https://www.youtube.com/watch?v=YGIdjx7I174) . Danach öffnete ich das Schlafzimmerfenster, legte mich davor und schaute einfach so raus.

Die beiden anderen verließen so gegen 11 Uhr das Haus, um Feuerholz zu machen und ich konnte ein bisschen allein sein. In dieser frühen Eröffnungsphase handle ich immer sehr impulsiv und mir kommen Ideen, was ich alles machen könnte, auf die ich dann urplötzlich richtig Lust habe. Zum Einen habe ich ein Mandala ! gemalt mit sich öffnenden Blüten und dabei den 2-Stunden-Entspannungs-Remix gehört. Während des Malens hatte ich gehofft, die Musik würde niemals enden. 

Als ich das Mandala fertig hatte, hatte ich das Bedürfnis, an der frischen Luft spazieren zu gehen und ging auf dem Balkon auf und ab. Dabei machte ich erstmals meine Geburtsplaylist an, die ich über Laptop laufen ließ, weil ich mein Handy ja bei meiner Freundin vergessen hatte (was ein Glück). Ich fing an, im Wohnzimmer aufzuräumen. Die beiden kamen wieder und mein Freund kochte was. Ich verhielt mich wohl ziemlich normal, zog mich aber, nachdem ich Krabben und Tomaten gegessen hatte, wieder ins Schlafzimmer zurück und wollte endlich mal den Film („Jenseits der Stille“, https://www.youtube.com/watch?v=M4UDvFTvcuc) gucken. Ich schickte die beiden wieder weg und sie gingen weiterarbeiten. 

Letztes Bauchbild, schon unter der Geburt

Während des Films merkte ich, dass mein Neokortex durch die Handlung des Films aktiviert wurde und hörte ab dem Zeitpunkt, wo das Mädchen die Transformation zur jungen Frau vollzieht, auf, zu gucken. Stattdessen machte ich mir nochmal die Hypnobirthing-Regenbogenentspannung an, denn die chillte immer so und ließ das Gehirn anders arbeiten. Ich dachte mir zu diesem Zeitpunkt: „Oh Mann, das kann ja noch ewig dauern.“ Die Wehen waren ab 6 Uhr stets im 10-Minuten-Takt gewesen (man konnte die Uhr danach stellen), wurden nicht näher zusammenliegend und schienen zwar manchmal effektiv, aber manchmal auch echt schnöde. Als ich mal wieder auf dem Weg zum Klo hochging, platzte dann endlich meine Fruchtblase (Ich wusste vorher schon, dass die Blase gerissen war, weil ich ein wenig Fruchtwasser verlor. Ich hatte das auch meinem Freund mitgeteilt, der es einfach so zur Kenntnis nahm und wieder fuhr.) und ich sagte zum Kind: „Ach, willst du doch schon heute kommen“. Ich zog meine Hosen aus und schmiss sie direkt in die Waschmaschine. 

Danach lümmelte ich oben im Badezimmer rum und bereitete den Boden und das Fenster ein bisschen vor, hatte über Bluetooth-Box meine Itunes-Playlist laufen. Im anliegenden Schlafzimmer war es auch schön dunkel und ich wechselte die Räume, bereitete die Böden vor (deckte sie ein bisschen ab mit Folie und auch einen Teil vom Bett), solange ich noch konnte und lümmelte dann auf dem Bett rum. Ich merkte, wie wenig später meine Beine begannen zu zittern und ich war etwas aufgeregter als vorher. Es war ungewohnt, so zittrig zu sein und ich denke, die Wehen kamen jetzt in engeren, aber immer noch erträglichen Abständen. Irgendwann merkte ich, dass ich wohl in der Übergangsphase sei und verspürte das Bedürfnis, dass jemand bei mir ist. Ich rief vom Haustelefon meinen Freund auf dem Handy an und er ging siebenmal nicht ran. Ich wollte, solange ich noch konnte, abklären, dass er auf KEINEN FALL unseren Großen mit nach Hause bringen sollte, weil der die Situation nicht verstehen würde und eine einzige Frage von ihm mich schon komplett aus dem Konzept gebracht hätte. Ich wies meinen Freund an, ihn zu meinen Eltern zu bringen, was er nicht für so eine gute Idee hielt, weil er nicht wusste, was er „ihnen erzählen soll“. Aber ich überredete ihn und machte ihm klar, dass ich ihn bei mir haben wollte (und zwar allein). 

Er brachte unseren Sohn also zu ihnen und kam dann zu mir, als ich mich schon entschlossen hatte zu duschen. Mittlerweile hatten meine „Presswehen“ auch schon angefangen und der bekannte Druck aufs Kreuzbein fing an. Ich ließ immer Wasser auf das Kreuzbein laufen, presste aber nicht mit. Das mit den Presswehen hatte ich gemerkt, als ich mal wieder aufs Klo ging und plötzlich wieder dachte, „ach, kackste mal“, aber nichts kam. Da wusste ich eigentlich schon, was Tango war. Ich wollte aber, wie immer, Kräfte sparen, und es ärgerte mich tierisch, dass ich mich nicht einfach hinlegen konnte, sondern mich selbst nötigte, in aufrechten Positionen zu bleiben. So stand ich dann in der Dusche, befand mich auf allen Vieren im Bad auf die Kissen gelehnt, oder stand am Geländer oberhalb der Wendeltreppe. Mein Freund war ja dann da und konnte mich am Kreuzbein streicheln. Wir standen ein bisschen zusammen rum und auch im Schlafzimmer (wo ich es komplett dunkel haben wollte bis auf drei Kerzen) stand er mir einfach nur zur Seite. Ich gab ihm Anweisungen, was ich wollte und was nicht und sagte manchmal zwischendurch, „das ist super“. Ich versuchte ihm zu erklären, wie sich die Presswehen anfühlten (sie waren auch in großen Abständen, 15 Minuten oder so) und bewirkten bloß ein starkes Hartwerden des Bauches und zwangen mich, eine Spannung im Körper zu halten. Dafür musste ich mich dann im Vierfüßler vorne abstützen und die Hände zu Fäusten ballen. Es wurde ihm irgendwann zu langweilig, er ging wieder runter, Küche aufräumen. 

Me, being boring. Wortlaut: „Passiert ja eh nichts.“

Ich lümmelte weiter im Bett, meist Vierfüßlerstand (wie gesagt, ich machte mir ständig Vorwürfe, wenn ich mich hinlegen wollte, um auszuruhen) und überlegte, dass es, wenn ich weiter meinen Presswehen aus dem Weg gehen würde, sich noch stundenlang weiterziehen würde. Ich ging also ins Bad, wollte aufs Klo gehen, kniete mich stattdessen aber in die Ecke und presste mal mit. Ich merkte, anders als zuvor, der Kopf kam tiefer (im Bett war er einmal wieder zurückgerutscht). Er kam richtig, richtig tief. Ich war verwundert, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er schon so tief wäre! Ich stieß so einen komischen Stöhner aus und mein Freund kam hoch. Ich sagte ihm, „guck mal“ und er machte meinen Arsch sauber. Er versuchte, mir mit dem Spiegel das Köpfchen zu zeigen, weil ich es schon spürte, wie es von innen die Vulva dick rausdrückte und es gerne gesehen hätte. Als der Kopf kurz vorm Rauskommen war, bat ich meinen Freund, überall um das Köpfchen herum Wasser auf die Vulva und den Damm zu tröpfeln und sagte: „Oh ja, das ist super“. Dann trat das Kind einmal und ich wusste, jetzt drücke ich, da war der Kopf draußen, der Körper steckte noch in mir drin. Wieder wartete ich und irgendwann trat er mich wieder und ich drückte nochmal, sodass er rauskam. Mein Freund fing ihn auf und das Baby war hinter mir. Ich drehte mich um und natürlich hatten wir dann die erste Schrecksekunde: Wie kriegen wir das Baby zum Atmen? Wir rubbelten einfach mit einem Handtuch, das wir fanden und als er schrie, wussten wir, er atmet. Er war auch noch ganz schwabbelig, das waren wir nicht gewohnt (der Kopf hängt ja immer durch). Ich schaute auf den Laptop nach der Uhrzeit und mein Freund holte die APGAR-Karten und wir kreuzten direkt die ersten Werte an. 

APGAR-Karte zum Selbst-Ankreuzen. Auch noch Mal für 5 und 10 Minuten

Natürlich hatte ich es mit der Plazenta wieder sehr eilig. Nach fünf Minuten und zwei Lösungsblutungen platschte sie in die Wanne unter mir. Wir machten sie transportfertig, da wir sie erst am nächsten Tag abtrennen wollten. Dann sind wir vors Bett umgezogen und haben unser Erlebnis erstmal sacken lassen. Das Baby habe ich meinem Freund gegeben und bin unter die Dusche gegangen, um meine Beine sauber zu machen. Das Badezimmer war wie ein Schlachthof und mein Freund begann bald, auch das sauber zu machen und weiter aufzuräumen. Ich zog mich an und wir holten die Schwiegereltern, um ihnen den Neuankömmling zu zeigen. Sie waren über die Hausgeburt sehr positiv überrascht. Sie versorgten mich mit Essen, Trinken und einem Zopfgummi (ich wollte unbedingt Zartbitterschokolade essen), informierten alle ihre Freunde und Verwandte über die Geburt und bondeten auch schon Mal mit dem Baby. Später wurde unser großer Sohn von meinen Eltern wieder zurück nach Hause gebracht. Danach gingen wir alle gemeinsam ins Bett und schauten noch ein bisschen „der kleine Maulwurf“.

Erstes Anlegen nach einer Stunde

Fazit: 

Ich hätte nie gedacht, dass die äußeren Umstände so wenig ausmachen bei meinen Geburten. An sich ist diese Geburt zeitlich genauso abgelaufen wie die erste (siehe Bericht weiter unten). Mein großes Ziel, eine Alleingeburt zu Hause zu haben, habe ich erreicht und frage mich bis heute, ob es das – insbesondere den Stress in der Schwangerschaft und den Stress mit dem Erkennen der Kindslage –  wert war. Denn letztlich ist eine Geburt eine Geburt, ganz egal wo, und nie besonders schön (für mich zumindest). Besonders das Pressen (zumal ich ja fast nie mitpressen wollte) und den Austritt habe ich als sehr störendes Gefühl empfunden. Dieses Mal ist die Geburt natürlich abgelaufen, weshalb ich eine echte Übergangs- und Pressphase erlebt habe, die ich bei der ersten Geburt nicht hatte. Dieses Mal war ich komplett auf mich selbst gestellt, was einerseits für die Selbstbestimmung optimal war und es auch noch friedlicher und sanfter hat ablaufen lassen als die erste. Aber das Ende hätte deutlich verkürzt werden können, wenn mich jemand – wie ich es von der ersten Geburt her kannte – zum Pressen angestiftet hätte. An „sanftes Herunteratmen“ statt „Powerpressen“ glaube ich seitdem nicht mehr, obwohl auch diese Geburt wieder von vorne bis hinten eine Hypno-Geburt war. Durch meinen Glauben an ein „sanftes Herunteratmen“ zog sich die Pressphase bis zu 2 ½ Stunden, obwohl mir die ganze Zeit klar war, dass, wenn ich feste mitpressen würde, ich alles binnen weniger Minuten beenden konnte. 

Direkt im Anschluss an die Geburt war ich mir sicher, dass es keine Zufälle gibt. Dass das Kind tatsächlich an dem Ort, an dem ich das unbedingt wollte, zur Welt kam, war eine Entscheidung meines Unterbewusstseins in Abstimmung mit mir selbst. Ich wusste, zu welcher Tageszeit es besonders günstig für eine Geburt wäre und hatte diese Geburt, bevor sie stattfand, bereits so aufgeschrieben, wie sie dann passiert ist. Ich hatte während der gesamten Geburt stets das Gefühl, die Kontrolle zu haben und dachte nie: „Ich lasse meinen Körper machen“. Im Gegenteil, ich hatte sogar den Eindruck, den Wehenabstand sowie die Zeit, die es insgesamt dauert, beeinflussen zu können durch meine Tätigkeiten. Auch den Austritt habe ich bewusst entschieden und den Abschluss der Geburt gemeinsam mit dem Kind orchestriert. 

Meine erste Geburt: Eine Krankenhausgeburt mit Musik 


Am 12.5. gegen 12:48 beginnen die ersten Wehen. Zuvor hatte ich noch Kartoffelpuffer mit Lauchzwiebeln gemacht und gegessen. Im Bett wollte ich dann eine Hypnose-Session beginnen mit einem Youtube-Video. Das gelang mir aber nicht so gut. Beim „entspanne deine Beine“ oder „entspanne deine Arme“ kamen mir immer wieder die Schmerzen in meinem Bauch in die Quere. Ich dachte, „na, nu reiß dich doch mal zusammen, Hypnose soll doch gut sein“. Ich fasste mir nach 20 Minuten ein Herz und ließ es bleiben – auf dem Rücken liegend war es eh nicht so gemütlich. Ich ging ins Bad und tat erstmal gar nichts. Ich holte meine Musik und taperte ins Bad zurück, Mario war gerade von der Uni wiedergekommen und aß in der Küche. Er merkte nix, und ich wollte mir erstmal nichts anmerken lassen. Er fragte mich, ob ich baden wollte, also ließ ich Badewasser ein. 

Währenddessen entschied ich mich für Neon Bible – Arcade Fire (https://www.youtube.com/watch?v=pHnccD_ft68&list=PLEhPbIBKqZIrM8q6kVlA2swVbeFHT_Gc_), schaute in den Spiegel und sang. Ich wollte noch nicht so recht in die Wanne, legte Handtücher überall auf den Boden, taperte ins Schlafzimmer (wo Mario im Bett saß und Fight Club guckte), holte einen Bademantel und ging ins rote Schlafzimmer, wo ich ein paar Wehen im Hocken auf dem Bett verbrachte. Wann genau ich auf die Idee mit dem Singen unter den Wehen gekommen bin, weiß ich nicht mehr, aber es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Singen! Ich hatte schon immer gesungen, wenn ich unter Stress stand (als kleines Kind im überfüllten Zug) & es ist irgendwie meine Art. Es passt zu mir. Erleichtert und gerührt verdrückte ich ein paar Tränen. 

Ich begab mich in die Badewanne und Mario machte U2 – The Joshua Tree (https://www.youtube.com/watch?v=3FsrPEUt2Dg&list=PLIHqGfTiPiMWRadWXFtaSLGUI953vOTrt) an. Ich weihte ihn so langsam mal ein, er sollte aber schön den Film weitergucken und ich würde ihn anrufen, wenn ich Hilfe bräuchte. Da ich ja vorher schon gekackt hatte (weiß nicht mehr wann, aber doch recht zu Anfang, und ab da wusste ich es geht los!), wollte ich eigentlich nix essen & im Internet hatte ja auch gestanden, wenn die Frau Hunger hat, ist es noch lange. 

Ich gab irgendwann dem Hunger nach, rief Mario an und er machte mir den Reis warm, den ich in der Badewanne aß. Ich blieb lange da sitzen und hörte Musik, sang unter den Wehen, ließ warmes Wasser nachlaufen und schaute den Dreck in den Badezimmerfugen an. Ich erinnere mich, dass ich auch das Fenster aufgemacht hatte um raus zu schauen. Ich dachte, na gut, wenn de nicht aus’m Wasser raus willst, willste eben nicht und musste ja auch nicht. Abtrocknen – hatte ich auch lange keinen Bock drauf. 

Irgendwann kam Mario wieder und ich verließ die Wanne. Ich zog mir wieder das Kleid an und wir gingen erstmal ins Wwohnzimmer. Ich lümmelte auf dem Fußboden rum und legte eine Decke auf den Boden. Ich betrachtete meine alten CDs und schaute mir die Booklets von Pink, Gwen Stefani & Juli an. Währenddessen lief der 2-Stunden-Remix alle farben – winterheart und ich versang die Wehen (https://www.youtube.com/watch?v=oo8kRQi-bTk&list=OLAK5uy_k1erGZ-qA8-ep0fo2iJJF1kSVR4FbWxz4) . Zwischendrin laberten Mario und ich. 


Später gingen wir ins Bett und ich zockte 2048 & schrieb Florian und Kirsten in den Wehenpausen. Irgendwann, so gegen 5 oder so, spekulierten wir, ob ich wohl schon Fruchtwasser verlöre, das Zeug roch anders als Pipi und kam aus der Vagina, aber tröpfchenweise.

Rückenlage, bevor die Fruchtblase geplatzt ist

Außerdem wollten wir mal die Wehenlänge und die Länge der Wehenpausen messen, was wir gewissenhaft in mein Tagebuch schrieben. Mario sollte sich noch was zu Essen machen, bevor wir in die Klinik fuhren und so ging er in die Küche. Ich hatte lange auf dem Rücken gelegen/halb gelehnt und stand mal auf. Just in dem Moment platze meine Fruchtblase. Batsch! Ins Bett! Ich schrie und hielt ein Handtuch drunter und ließ das Wasser in den blauen Eimer fließen. Da waren weiße Zellreste drin und das Wasser war so durchsichtig. Mario kam angerannt und ich sagte, ruf mal im Kreißsaal an und frag, wieviel los ist. 

Er das also getan und dann ging alles sehr schnell, er sehr gestresst und hibbelig. Ich ging nochmal aufs Klo und verlor weiter Wasser. Er wollte das Auto holen und dass ich dann sofort mit ihm runtergehe. Ich ging ins rote Schlafzimmer und versang weiter Wehen, mittlerweile unter Volker Friedel/Walter Kiewitt – Kinder kommen zur Ruhe. Er kam gestresst wieder hoch, ich zog mir die Schuhe an und wir gingen die Treppe runter mit der Musikbox hinten in der Kapuze. Unten trafen wir Fatima und sie fragte, was ist und wünschte viel Glück. Bevor wir losfahren konnten, wurde Mario nochmal angerufen und er musste die Route zur Klinik ins Handy eingeben, weil er meinte, er wüsste den Weg nicht mehr, ich sagte, bis zum Edeka und dann links hoch. Wir fuhren unsere Seitenstraße runter und ich schloss mal die Augen wegen der vielen Eindrücke, versang die Wehen und bei jedem Ruckeln und Geschwindigkeiten über 30 km/h wurde mir ganz anders, besonders unter Wehen. Ich sagte, fahr bitte langsamer, fahr bitte langsamer, fahr bitte langsamer. Oben beim Klinikum sagte ich halt an, weil es mir zu viel war und ein Arschloch hinter uns hupte. Mario wollte mich vorne an der Pforte rauslassen, aber ich wollte nicht allein sein und bestand darauf, mit ins Parkhaus rein zu fahren. Dort wollte Mario auf den Behindertenparkplätzen parken, aber wir fanden ein Stockwerk höher doch noch einen normalen Parkplatz. Ich wollte noch im Auto bleiben, aber wir stiegen recht schnell aus. 

Auf dem Weg zur Klinik hatte ich die Augen zu (und Mario führte mich) und sang unter Wehen. Eine Familie kam uns entgegen und die Mutter wünschte mir viel Spaß. Bei den Wehen sagte ich Mario er solle sich verteidigend vor mich stellen aber er wollte sich immer mir zuwenden und mich streicheln oder sonst was. Ich sagte das mehrmals und verkroch mich hinter seinem Rücken. Wir fuhren Rolltreppe und gingen zum Kreißsaal. Dort saß ein liebes Mädchen namens Kira hinterm Tresen und ich dachte, so, Mario regelt das mit der Anmeldung und ich setz mich jetzt hier in den Wartebereich. Ne, weit gefehlt. Ob ich wohl ein bisschen Urin da lassen könnte!? Okay, hm, also aufs Klo. Immer mit Musik. Ich geb den Urin draußen ab, will mich wieder in den Wartebereich chillen, ne, es geht gleich weiter in die Überwachung, das liebe Mädchen erklärt mir das weitere vorgehen: halbe stunde CTG, dann Blutabnahme und Ultraschall. Ich setz mich auf die Pritsche und sie tastet den Muttermund. 4 cm. Ich soll auch noch ne Wehe kriegen, damit sie gucken kann, was das Köpfchen macht bei ner Wehe. Sie sagt auch so Sachen wie „ich führe jetzt den Finger ein“ und ich sagte nur so „ja okay“ und just kam keine Wehe. Das liebe Mädchen sagt dann auch noch, dass ja jetzt keine Wehe käme, weil sie da sitzt und wartet und schließlich gibt sie auf. Ich wünsche mir eine Decke, weil es doch recht kalt und ungemütlich ist (und Kerzen darf man auch keine anmachen, weil dann „sofort der Feuermelder losgeht“) im Überwachungsraum. Brav lasse ich mir das CTG umschnallen und bin fortan an das seitliche Liegen gebunden, denn sonst verrutscht die Sonde und das Gerät kann die Herztöne nicht richtig aufzeichnen. 

Symbol für mein größtes Geburtshindernis, das CTG.

Als die Hebamme weg ist, fange ich an verzweifelt zu werden und flehe Mario an: „Halt die mir vom Hals!“ Er meint nur, es sei doch ganz schön hier und die Kira sei nett. Er will auch neben mir am Kopfende sitzen und mich streicheln. Ich verbanne ihn auf den Sessel, sage ihm, dass es mich beruhigt, wenn er einfach da sitzt und Flugsimulator spielt. Wir hören derweil Kings of Convenience und dies ist mitunter der schlimmste Teil der Geburt (https://www.youtube.com/watch?v=lZqUeNbg8SQ&list=RDlZqUeNbg8SQ&start_radio=1). Immer, wenn die Sonde abgeht, kommt diese Kira wieder rein und ich kriege Schmerzen, heftige Wehen oder soetwas. Auf dem Papier, das aus dem CTG rauskommt, markiert sie jedes Mal die Stelle, die nicht richtig aufgezeichnet wurde und geht wieder. Ich darf erst von dem Gerät ab, wenn die Herztöne wirklich 30 Minuten am Stück aufgezeichnet worden sind und das heißt, ich darf mich nicht bewegen. Ich schaffe es aber nicht, lager mich immer wieder um und die Sonde zeichnet nicht richtig auf. So geht das 1 Stunde, 10 Minuten (statt der versprochenen 30 Minuten!). Ich leide. Am Ende darf ich dann sitzen und mehr schlecht als recht putschelt mir diese Kira ein Tüchlein zwischen Sonde und Kabel, das dann aber letztendlich doch abfällt. 

Irgendwann darf ich dann zum Ultraschall, die Ärztin ist sehr gestresst und ich habe sehr schmerzhafte Wehen, die ich nicht wirklich voneinander abgrenzen kann. Mein Körperbewusstsein ist mir – bis auf die kleinen Pausen, die ich auf der Toilette sitze – abhanden gekommen. Beim Ultraschall pladdert mir die Ärztin Gel auf meine Armbanduhr, durchleuchtet nochmal alles von allen Seiten und befragt mich dann nochmal zu Vorerkrankungen und Schwangerschaft. Als sie mir die Kanüle legt, soll ich eine Faust machen, damit sie die Vene gut findet und endlich habe ich das Gefühl, in guten Händen zu sein und etwas Nützliches zu tun (also eine Faust machen). Danach geht es wieder in die Überwachung, den ich schon als meinen Raum akzeptiert habe und wo auch die Decke wartet. Das liebe Mädchen sagt, wenn ich nochmal aufs Klo gehe, kann sie aufschreiben, dass ich erst 10 Minuten später wieder ans CTG konnte. Auf dem Klo gewinne ich wieder Sicherheit und spüre die Wehen kommen und gehen. Ich singe natürlich weiterhin. Nach einiger Zeit weiteres CTG-Schreiben kommt das kleine Mädchen wieder rein und ich kriege eine heftige Wehe oder irgendwelche Schmerzen. Sie bleibt mit den Worten „ich warte noch eben die Wehe ab“ in der Tür stehen und verkündet, dass wir in den Kreißsaal umzögen. Mario schon ganz enthusiastisch, packt die Taschen und will losstiefeln. Ich sage, dass es mir noch ein bisschen zu schnell geht und die beiden gehen schon mal vor. Mario holt mich ab und zeigt mir, in welchen Kreißsaal wir gehen. Dort angekommen, gehe ich erstmal nochmal aufs Klo und singe Herr der Ringe. (Ich dachte auf dem Klo, irgendwann, weiß nicht mehr genau wann: Anno, sei kein Feigling, du kannst dich nicht auf dem Klo einschließen!) Ich wurde von einer Hebammenschülerin ans CTG angeschlossen, die irgendwas davon erzählte, dass sie gerne Ludovico Einaudi hört, selbst kein Instrument spielt, aber sich wünscht, dass ihr Sohn Klavier lernt. Ihre Frage war, welche Instrumente ich könne, weil ich so schön gesungen hätte. Ich bemerkte auch dann, dass der Schmerz besser wird, je höher ich singe. Auf Wunsch wird das Gewupper wieder leise gestellt und ich sitze in dem Gebärbett und singe. Das Zimmer ist recht dunkel und Mario sitzt mir gegenüber auf so nem Sessel und zockt und döst (?). 

Ich bin ziemlich erleichtert, dass diese Kira nicht mehr da ist und just um 9 oder halb 9 kommt eine neue Hebamme namens Sibel und verkündet, dass Schichtwechsel sei. Ich noch erleichterter, frage ob ich in die Wanne könne (Antwort weiß ich nicht mehr, war aber wohl nein – wegen dem CTG) und ob wir uns duzen sollen (hatte diese Kira ja auch sofort gefragt). Nein, hier werde gesiezt. Auch gut. Mario gibt mir ein Heft mit „natürlichen Geburtspositionen“, das da rumliegt und ich pfeffere es ihm um die Ohren. Sehr witzig, mit CTG ja alles nicht möglich. Dann vergeht einige Zeit, an die ich mich nicht mehr so gut erinnern kann. Jedenfalls verließ Sibel den Raum und Mario, ich und die Herr der Ringe Musik waren für uns (https://www.youtube.com/watch?v=cHjt9Q00sp4). Ich drehte mich auch ab und zu mal in den Vierfüßler-Stand (und legte meinen Kopf in die Kissen), und wenn mein Kreuzbein zu sehr weh tat, setze ich mich halt mit dem Rücken angelehnt aufs Bett. Mario musste auch erstmal rausfinden, wie sich diese Rückenlehne verstellen ließ, bei der ich ständig verlangte, dass sie verstellt wird. Einmal zwischendrin ging ich auch nochmal aufs Klo, weil ich den Eindruck hatte, kacken zu müssen. Ich kam wieder und setzte mich auf den Ball, haha, mit nackter Vagina und wenn’s keiner gemerkt hat, hatten die dann das ganze Fruchtwasser von mir da drauf. Ich hatte schon wieder das Gefühl kacken zu müssen und dachte, was soll’s, scheiße ich halt in den Eimer, den wir mitgebracht hatten. Ich stand, auf den Badewannenrand gelehnt, und Mario durfte mir den Topf unter den Arsch halten. Trotzdem hatte ich irgendwie Hemmungen, richtig zu pressen und krabbelte zurück aufs Bett. Ich dachte mir, naja, das kann ja noch ewig dauern (geht man ja immer von aus), und chillte erstmal, Wehen waren auch nicht mehr richtig schmerzhaft. Ich dümpelte nur so rum und es war ganz entspannt. Mario hatte Hunger und plünderte alle Müsliriegel-Vorräte (ich hatte ja doch recht gehabt, er hätte sich eine Pizza holen sollen). Ich hatte nur Durst (ich kam nicht selbst an die Flasche ran, weil es keinen Beistelltisch gab), Mario musste mir immer das Wasser reichen. 

Irgendwann kam Sibel wieder rein und tastete nach dem Muttermund. Vollständig eröffnet, sie können jetzt pressen. Ach, so weit also doch schon? Krass. In Rückenlage. Und zwar, tief einatmen, Luft anhalten, mit aller Kraft schieben. Aha. Bei der nächsten Wehe. Okay. Dumm nur, dass ich keine Wehen spürte. Wirklich, nix Schmerzhaftes und auch keinen Pressdrang. Jetzt war diese Hebamme aber schon da und hatte das mit dem Muttermund herausgefunden. Also rechnete sie jeden Moment mit dem Kind und war auch recht ungeduldig. Ich sagte, dass ich keinen Pressdrang verspüre, aber das CTG zeigte wohl Wehen an. Also presste ich einfach so ein bisschen rum, wenn ich gerade Lust hatte. Aber ich war ein bisschen faul und dachte, ach, kannst dir ja Zeit lassen. Ich spürte die Ungeduld von der Sibel und sie sagte ja auch immer wieder „und jetzt pressen pressen pressen“. Was ich aber nicht immer tat, weil es mir zu anstrengend war. Ich fragte, ob wir es eilig hätten oder ob wir Zeit haben, aber was soll ich sagen, wir wurden sie ja nicht wieder los, sie wanderte vom Tisch zum Bett und ich schloss mal die Augen. Ich sang auch nicht mehr, waren ja keine Wehen mehr da. Ich wusste, ich muss da jetzt durch, diese Sibel lässt uns erst in Frieden, wenn ich das Kind „rausgepresst“ hatte. Aber Tobias chillte und ich chillte auch. Also fuhr ich so ein bisschen ein Zwischending, ich presste willentlich und wechselte auch mal die Positionen, ich sollte mich vor allem an dem Seil festhalten. An Aufstehen war wegen des CTGs nicht zu denken, also blieb mir Vierfüßler im Bett (was aber unangenehm war wegen den Rückenschmerzen), Rückenlage und Hocke im Bett. In Rückenlage sollte ich auch meine Beine ranziehen und kurzerhand fuhr Sibel so Fußstützen raus, auf die ich meine Füße legte. Das war ganz angenehm. Ich sollte also immer weiter und wieder pressen und ehrlich gesagt wartete ich immer noch auf den körpereigenen Pressdrang. Aber der kam nicht wieder und also presste ich manuell mit Anfeuerung von Sibel und Mario (der mit ins Anspornen gekommen war, als er das Köpfchen gesehen hatte). Ich wollte von ihm wissen, wie das aussähe und er war ganz aufgebracht und sagte weiße Schmiere und schwarze Haare. Ich presste noch ein bisschen fester als vorher und schrie auch dabei, weil man wohl immer ein bisschen über die eigentliche Kraft hinaus gehen muss. Das Köpfchen kam wohl auch immer tiefer und letztendlich spürte ich es im Geburtskanal sitzen, wegen dem Brennen. Ich beeilte mich nicht und dachte, den 13.5. warten wir jetzt noch ab (es war kurz vor Mitternacht). Ich drückte noch ein paar mal – wohl ziemlich stark – und Sibel sagte immer wieder „pressen pressen pressen, sehr gut machen Sie das“ und Mario feuerte mit an und sagte „jetzt ist nicht mehr viel“ oder „gleich ist’s geschafft“. Als das Köpfchen rauskam, stabilisierten die Hebamme und die Ärztin den Damm mit einem trockenen Tuch (was hätte ich für ein feuchtes Tuch getan!!! Aber dafür war keine Zeit). Wenig später kam der Körper hinterher und Tobias lag unten auf dem Bett und war geboren. Die Nabelschnur spürte ich zwischen meinen Beinen. Ich konnte ja gar nix sehen und sie packten ihn in Handtücher und ich musste mich schnell daran machen, mein Oberteil loszuwerden, weil man ja sagt: nackte Haut auf nackte Haut. Die Ärztin und Hebamme gaben mir Tobias auf den Arm und wir sangen ein Herr der Ringe Lied. Mario sagte auch sofort, dass er aussähe wie er. Die beiden Frauen rubbelten Tobias überall ganz kräftig und von allen Seiten (mit vier Händen). Ich fragte, was sie da machten und sie sagten „wir stimulieren ihn nur ein bisschen“, bis er schrie und sie zufrieden waren, dass er schrie. Dann setze sich Mario neben mich aufs Bett und wir versuchten, den kleinen durch Singen wieder zu beruhigen. 

Sie klemmten die Nabelschnur ab und Mario durfte sie durchschneiden und die Schere behalten (eins der vielen Relikte, die wir aus dem Krankenhaus haben mitgehen lassen). Die Ärztin ging wieder weg und Sibel holte den Tropf mit dem künstlichen Oxytocin, gegen den wir uns höflich, aber bestimmt wehrten. Da ich glaubte, die Nachgeburt müsse nun schnell raus, da sie sonst doch noch den Tropf anschließen würden, versuchte ich, Tobias an die Brust anzulegen. Sibel bemerkte das und wollte helfen, ihn anzulegen, indem sie mit ihren Plastikhandschuhfingern meine Brustwarze griff und ihm in den Mund schob. Tobias wollte nicht, oder wusste nicht wie’s geht, aber die Plazenta kam trotzdem. Weich und blaatsch. Ich durfte sie glaube ich nur kurz sehen, dann haben sie sie weggeschmissen. Nach diesen Geschehnissen wurde es wieder ruhiger und das Personal ließ uns in Ruhe kuscheln. Tobias war immer noch nackt und lag auf meiner Brust. Wir unterhielten uns leise und es war einfach nur schön. Wir haben auch ein Foto gemacht. 

Später ging es dann an die Untersuchungen, die alle Sibel machte und Mario musste zugucken. Die Ärztin kam auch rein und mit so einer Gyn-Lampe stellten sie sich unten vors Bett und beschlossen, meine inneren Schamlippen zu nähen. Die eine Seite schaffte sie auch, dann gab es anderswo eine Geburt und die Ärztin musste dorthin stürmen. Sie kam später wieder und nähte weiter, die Betäubung hielt auch noch an. Während wir noch chillten auf dem Bett und glücklich waren, schrie eine Frau im Nebenkreißsaal wie am Spieß, als wenn sie geschlachtet würde, und wir waren ehrlich erschrocken. Ich erkundigte mich später, parallel waren wohl noch sechs, sieben andere Geburten gelaufen und die Frauen hatten im Laufe der Nacht wohl auch irgendwann ihre Kinder geboren.
Gegen 4 Uhr oder so sollte ich mal aufstehen, ich hatte unterdessen schon so ein Netzhöschen und zwei Vorlagen angezogen bekommen, gucken wies kreislaufmäßig so läuft und ging aufs Klo. Ich blutete da was voll (was mir voll peinlich war) und wischte den Fußboden mit Klopapier sauber. Dann zogen wir um auf Station, ich willigte ein, die Nacht zu bleiben und wollte, dass Mario sich bei der Nachgeburtshebamme meldet, damit sie zu hause Fersenblutabnahme machen kann (was wir vorher hätten absprechen müssen). Ich wurde in einem Ohrensessel nach oben geschoben und erzählte noch im Aufzug was vom Altenheim. Auf dem Zimmer angekommen, war da eine andere Frau und Sibel verabschiedete sich mit den Worten, ich sei tiefenentspannt gewesen und mein Mann hätte mich ja so super unterstützt (woraufhin ich erwiderte, ich weiß ja nicht, was sie sonst noch so für Geburten erleben), von mir und ich lernte noch kurz die Nachtschwester kennen, Mario saß kurz bei uns rum und dann war Nacht.

Alles in allem habe ich unter der Geburt gedacht, dass es doch unspektakulärer ist, als es viele Leute immer darstellen. Man sollte nicht so ein großes Ding daraus machen und sich einbilden, die Geburt sei eine Möglichkeit, ins Sein zu kommen (entweder man ist schon vorher im SEIN, oder eben nicht, aber eine Geburt als Mittel zum Zweck nehmen, ist Blödsinn).
Die Krankenhausinterventionen sind KEIN Mythos und ich habe am eigenen Leib erfahren, was die Aufgabe der Selbstbestimmung unter der Geburt bedeutet. Zwar in abgemilderter Form, aber die Eingriffe des KH-Personals haben mich schon aus der Bahn geworfen und am liebsten wäre ich wirklich wirklich allein gewesen. Beim nächsten Mal brauche ich auf jeden Fall Geburtsbegleiter, die Zurückhaltung praktizieren und auch mal auf gesundheitliche Vorkehrungen verzichten können zum Wohle der Frau und dem Geburtsverlauf. Ich finde es im Nachhinein schade, dass mich das CTG-Gerät so behindert hat und ich mich in einer Zwickmühle befand (Gerät verweigern würde bedeuten, Probleme beim Kind nicht feststellen zu können, Gerät bedeutet längere und fremdbestimmte Geburt). Ich hätte nach eigenem Ermessen handeln können, aber dann nur in meinem sicheren Raum, der Toilette.
Zu Hause hätte ich die Geburt nicht gepackt, weil es wirklich eine HEIDEN Sauerei war und wir übelst viel hätten putzen müssen – und so haben die das alles für uns gemacht und wir mussten auch die Untersuchungen nicht nachmachen lassen oder uns mit der blöden Bürokratie rumschlagen.
Das nächste Mal wünsche ich mir auf jeden Fall eine Geburt, bei der es möglich ist, frei zu entscheiden und wo man nicht von der Gunst eines elektronischen Geräts abhängig ist. Gerne eine Hausgeburt.

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