Vom Kasierschnitt zur Alleingeburt

Die fünffache Mutter im folgenden Bericht erzählt von ihren Geburten und lässt uns ausführlich an ihren letzten beiden Geburten teilhaben, die sie nur mit ihrem Mann zusammen erlebt hat.

Vorgeschichte

Wir, bisher sechs, leben Patchwork. Meine drei „großen“ Kinder zogen mit mir in die zweite Ehe, aus der nun auch Kindchen vier und fünf entstanden sind. Von meinem ersten Sohn wurde ich 2003 per Sectio entbunden. 2005 folgte mein zweiter Sohn auf natürlichem Weg, jedoch mit allen Schikanen, die ein Krankenhaus zu bieten hat. Im Jahr 2009 ein Sternenkind und 2010 durfte ich mich über meinen dritte Sohn freuen. Eine vaginale Geburt, die mithilfe des Wehentropfes eingeleitet wurde. Woraus sich eine sehr schmerzhafte „MaikäferaufdemRücken“ – Geburt ergab.

Die Schwangerschaften waren allesamt unauffällig und ohne Komplikationen. Ich lief brav, wie vom Gesundheitssystem empfohlen, regelmäßig zu allen Vorsorgeuntersuchungen und ließ, ohne zu hinterfragen, alles über mich ergehen. Eine Hebamme sah ich erst zur Geburt, zuvor nur meinen Frauenarzt.

Schon in der dritten Schwangerschaft hielt ich das Buch „Die Hebammensprechstunde“ jeden Abend in meinen Händen und lass, bewundernd und staunend, die Berichte von Ingeborg Stadelmann. Eine Hausgeburt – wie schön diese Vorstellung war. Aber die Angst und fehlendes Wissen sowie Vertrauen in meine Fähigkeiten waren viel zu groß. Zudem hatte mein damaliger Partner absolutes Vertrauen in Krankenhäuser.

Viertes Kind, erste Alleingeburt

Nun fünf Jahre später, 2015, war es endlich soweit. Mein jetziger Mann und ich hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben. Ich war endlich schwanger und schnell waren wir uns einig: Dieses Baby empfangen wir Zuhause, in Liebe und Würde. Eine von den wenigen Hausgeburtshebammen war schnell gefunden und meine ersten Termine zur Vorsorge wahrgenommen. Ich wollte diesmal so wenig wie notwendig Ärzte aufsuchen.

Ab der 20. Schwangerschaftswoche suchte mich ein fieser Dauerdurchfall auf. Dieser blieb fast 11 Wochen, bei Tag und  auch bei Nacht. Homöopathisch hat meine Hebamme nichts unversucht gelassen. Zum Ende bin ich dann doch dehydriert, freiwillig, in ein Krankenhaus gegangen. Jedoch nur um mich zu regenerieren und mir bestätigen zu lassen, dass es meinem Baby an nichts fehlt. Die mehrfach angeratene Darmspiegelung habe ich abgelehnt. Meinem Baby ging es gut und ich wollte nichts riskieren. Jedoch gefiel dies meiner Hebamme nicht sonderlich. Der Durchfall hielt an und war auch alternativ-medizinisch nicht zu stoppen. In der 33. Schwangerschaftswoche verabschiedete ich mich von meiner Hebamme. In mir wuchs der Gedanke einer Alleingeburt. Bestärkt durch gleichnamiges Buch und Facebookgruppen. Dennoch wollte ich eine Hebamme  finden, die bereit ist mich zu unterstützen, falls ich sie brauche. Das Glück war auf meiner Seite und ich hatte schnell eine Hebamme gefunden. Den Durchfall haben wir in kurzer Zeit homöopathisch auflösen können. Heute bin ich mir sicher, dass die Ursache rein psychisch war.

Die letzten Wochen vergingen ohne Auffälligkeiten und mein Wunsch nach einer Alleingeburt wuchs. Ich war völlig frei von Ängsten und Sorgen und vertraute auf mich und meine Fähigkeit dieses Baby allein zu gebären. Meinem Mann gegenüber erwähnte ich es immer nur beiläufig.

In der Nacht, 5.8., wurde ich gegen 0.15 Uhr von leichten Wellen geweckt. Liegen bleiben wollte ich nicht und beschloss  nach unten ins Wohnzimmer zu gehen, um zu sehen wie sich die Wellen entwickeln.

Noch schnell eine Wehenapp installiert und das Wohnzimmer hergerichtet. Kerzen erleuchteten fast weihnachtlich das Wohnzimmer. Zur Musik kreiste ich mein Becken und merkte, dass die Wellen regelmäßig und in immer kürzeren Abständen kamen.

Ich weckte meinen Mann. Es war ca. 1.15 Uhr. Zeit für ihn den Pool aufzubauen. Er war aber noch völlig schlaftrunken und sagte mir: „ Das schaffe ich jetzt nicht mehr“. „Gut, dann geh ich erst mal in die Badewanne“, erwiderte ich. Ich war schon völlig im Flow, voller Vorfreude auf die kommende Geburt.

In der Wanne wurden die Wellen stärker und die Abstände verkürzten sich wieder. Ich wollte laufen, mich bewegen. Also stieg ich aus und mich ereilte eine Welle, die mich in die Knie zwang. Ich stützte mich am Wannenrand, bejahend die Welle veratmend. Ja, ich lasse los. Im Wohnzimmer angekommen, sah ich das mein bisher entspannter Mann langsam nervös wurde. Ich schickte ihn auf die Terrasse, wo er seinen xten Kaffee trank.

Ich lief weiterhin durch das Wohnzimmer und bejahte jede Welle. Zu keiner Zeit waren die Wellen schmerzhaft und ich fühlte mich wirklich wohl in meinem Zustand. Die nächste Welle kündigte sich an, sie kam voller Kraft, eine Urgewalt. So dass ich noch heute keine richtigen Worte finde. Es war eine Urkraft, die mich dazu bewog, das erste Mal nach meinem Muttermund zu fühlen. Prima, vollständig geöffnet und ich spürte das Köpfchen bereits. Es brannte und ich wusste, dass unsere Tochter nicht mehr lange auf sich warten lässt. Jetzt durfte mein Mann die Hebamme anrufen, welche sich gleich auf den Weg machte.

Meine Beine begannen zu zittern und ich musste mich seitlich auf unser Sofa legen. Kaum lag ich  spürte ich die erste „Presswehe“ und schob, atmend das Köpfchen vorwärts. Nach nur zwei „Presswehen“ war das Köpfchen  geboren und ich wartete auf die nächste Welle. Meine, Mann kniete vor dem Sofa und hielt das Köpfchen, während ich spürte, dass sich die Schultern drehten. Mit der nächsten Welle war sie dann geboren, 4.24 Uhr.

Kurz darauf kam unsere Hebamme, völlig erstaunt, dass unser Baby schon da ist. Sie untersuchte unsere Kleine, die mit 4700 Gramm und 54 cm gar nicht so klein war. Die Nabelschnur war bereits auspulsiert und wurde von meinem Mann durchtrennt. Meine Plazenta folgte, nachdem die Hebamme am herausragenden Rest der Nabelschnur zog. Ich war viel zu sehr im Hormonrausch, so dass ich dies über mich ergehen ließ.

Fünftes Kind, zweite Alleingeburt

Im Dezember 2017 freuten wir uns noch einmal, denn ich hielt einen positiven Test in der Hand. In dieser Schwangerschaft sollten es nur drei Termine bei meiner Ärztin werden. Ich nahm nur die Screenings wahr und lehnte sowohl vaginale als auch alle anderen unnötigen Untersuchungen wie z.B. CTG ab.

Wir hatten uns wieder für die Hebamme entschieden, die uns auch in der letzten Schwangerschaft  begleitete. Allerdings hat auch sie das Handtuch in der Hausgeburtshilfe geschmissen. Auch ihr waren die Versicherungsbeiträge zu hoch. Daher war schnell klar, dass es wieder eine Alleingeburt wird.

Die Wochen der Schwangerschaft vergingen rasend schnell und ich genoss jeden Tag mit meinem Baby im Bauch. Ich wollte diese letzte Schwangerschaft so bewusst wie möglich wahrnehmen. Jeder Tag war ein Geschenk und mir ging es unheimlich gut. Der Kontakt zu meinem Baby bestätigte mir, dass es ihm auch gut ging. Meiner Hebamme habe ich ab der 37. Schwangerschaftswoche alle Termine abgesagt. Denn sie bekam es mit der Angst zu tun, da sie wusste, ich würde in kein Krankenhaus gehen. Ich wollte frei sein von den Ängsten aus meinem Umfeld und blieb die letzten Wochen daheim und bereitete mich mental auf die Geburt vor. Ich visionierte eine Geburt im Garten. Dafür hatten wir extra umgestaltet und diesen Platz als den meinigen erklärt.

Am 25.7., es war wieder so ein heißer Tag, den wir abwechselnd  im kühlen Haus als auch im erfrischenden Pool verbrachten. An diesem Abend, es waren alle Kinder daheim, zog es uns wieder in den Garten. Vom angrenzenden Feld wehten frische Brisen und wir spielten ausgelassen miteinander. Mich zog es dann zu meinem „Platz“, ich hatte das Bedürfnis  mich zu erden. Also legte ich mich auf meine Wiese,  genoss die kühlere Luft und die Wärme der Wiese.

Ich bemerkte nun, dass ich wieder Kontraktionen hatte. Schenkte ihnen aber keine große Beachtung und fuhr im Alltagsgeschehen fort. Als dann unsere Jüngste im Bett war, setzte ich mich gemütlich auf unsere Terrasse und entspannte mich. Meinen Mann verabschiedete ich, als er zum Gassigehen mit dem Hund loszog mit folgenden Worten: „Mausel, geh net so lange. Unser Baby macht sich auf den Weg.“ Ich war selbst ganz erstaunt über meine Worte, denn sie kamen mir einfach so über die Lippen.

Gegen 21.30 Uhr wurde mir bewusst, dass es Geburtswellen sind. Zwar sehr unregelmäßig aber deutlich. Nach einer Stunde war dann auch mein Mann wieder zurückgekehrt. Wir machten es uns auf der Terrasse gemütlich. Zündeten Teelichter an, stellten Musik bereit und auch mein „heiliger“ Platz wurde mit der Feuerschale und reichlich Brennholz bestückt. Die Wellen kamen nun alle 7 Minuten. Ich bejahte jede Welle und „schwamm“ mit ihnen.

Es war nun schon dunkel und kühler geworden. Und ich genoss die Wärme, welche von der Feuerschale erstrahlte, lief durch das feuchte Gras im Garten und veratmete jede Welle. Mein Gefühl sagte mir immer wieder: Bleib in Bewegung und hilf dem kleinen tiefer ins Becken einzutreten. Die Zeit verging rasant und die Uhr zeigte nun Mitternacht. Die Straßenbeleuchtung erlosch und der Mond stand direkt über uns, während nun die Wellen alle 5 Minuten kamen. Der Druck im Rücken nahm mit jeder Welle zu und mein Mann massierte mich fleißig. Durch das viele Laufen waren meine Beine sehr angespannt und auch hier durfte mein Mann Abhilfe schaffen. Ich bat ihn jedes Bein „auszuschütteln“ und fühlte auch gleich Besserung.

Am liebsten hätte ich mich hingelegt, um mich auszuruhen, aber instinktiv blieb ich in Bewegung und kreiste meine Becken. Irgendwie wurde ich ungeduldig, denn meine letzte Geburt ging deutlich schneller voran. Ich tastete nach meinem Muttermund und freute mich über 5cm. Mein Mann wurde ungeduldig und ich bot ihm an, sich doch noch kurz hinzulegen. Wir gingen ins Wohnzimmer. Kerzenschein und Duftlampe sorgten auch hier für eine schöne Atmosphäre. Da das Sofa schon „geburtsbereit“ war, legte mein Mann sich kurzerhand auf das Kindersofa. Ich musste schmunzeln, denn es sah schon witzig aus. Ein 1,80 m-Mann zusammengerollt auf einem 1,00 m-Kleinkindersofa liegend.

Die Wellen und auch der Druck im Kreuzbein wurden nun wesentlich stärker und die Abstände sehr kurz. Ich kniete vor dem Sofa und stützte mich in den Pausen auf dem Sofa liegend ab. Die Wellen waren gewaltig, so auch der enorme Druck hinten. Ich versuchte weiterhin jede Welle zu bejahen und ging hinüber in eine sehr tiefe Tonlage. 2.00 Uhr, platsch – „Mausel das war die Fruchtblase“.  „ Hab es gehört.“ Und schon legte mein Mann neue Unterlagen aus. Ich war nun vollständig geöffnet und es folgten sogleich die „Presswehen“. Ich schob mit den langen Wellen das Köpfchen voran und konnte ihn auch gut fühlen. Während der gesamten „Pressphase“ hielt ich meine Hand am Kopf des Kleinen. Der Kopf war noch nicht vollständig geboren und es folgte die letzte Welle. Der Kleine „rutschte“ in die Hände des stolzen Papas. Da war er nun. Ich kniete noch vor dem Sofa, als mein Mann mir den Kleinen durch meine Beine reichte. Ich nahm ihn und begann erst einmal zu schluchzen und zu weinen. Völlig überwältigt im Gefühlsrausch.

Da ich wirklich geschafft war, versuchte ich mich auf das Sofa zu legen. Leichter gesagt als getan. Mein Hinterteil schmerzte und bewegen war nur mit aller größter Anstrengung möglich. Selbst ohne Bewegung tat es unheimlich weh. Da lag ich nun. Die Nachwehen waren auszuhalten und wir warteten auf das Auspulsieren der Nabelschnur sowie auf die Geburt der Plazenta. Ich stillte unseren Sohn zum ersten Mal. 3.05 Uhr haben wir abgenabelt und die Plazenta gebar ich hockend in die dafür vorgesehenen Schüssel um 3.33 Uhr. Geschafft. Wir waren müde. Mein Mann wusch mich und den Kleinen, er räumte auf,  entsorgte die Unterlagen und stellte meine Plazenta in den Kühlschrank. Wir zogen 4.15 Uhr nach oben ins Bett, wo auch unsere jüngste Tochter schlief. Die großen Brüder haben alles verschlafen und wollten auch nicht geweckt werden. Die Überraschung war am nächsten morgen umso schöner. Kuschelzeit im Familienbett.

8.30 Uhr kam schon unsere Hebamme zur Nachsorge. Dass ich keine Geburtsverletzungen hatte, wusste ich bereits und auch sonst war alles gut. Der Kleine wurde gewogen und gemessen. 4650 Gramm und 54 cm lang.

Wir sind überglücklich, dass wir uns wieder für den Weg der Alleingeburt entschieden haben. Für uns war es genau die richtige Entscheidung. Es gibt aber auch die andere Seite. Das Umfeld, Außenstehende. Bereits in der Schwangerschaft haben wir es vermieden über den geplanten Geburtsort zu reden. Unverständnis, Kopfschütteln bis hin zu Debatten über Risiken und Verantwortungsbewusstsein.

Beide Geburten werden immer zu unseren intimsten und schönsten Ereignissen im Leben zählen. Momente, die wir nicht geteilt haben, die allein uns gehören. Dennoch bedauerte ich die ersten Tage nach der Geburt, dass ich mit niemandem über diese Geburt reden konnte. Zu gern hätte ich einfach nur erzählt bzw. geredet. Im frischen Gefühlsrausch, stolz und glücklich erzählen zu können, einen lieben und verständnisvollen Zuhörer zu finden. Denn die Geburt meines fünften Kindes war ein ganz anderes Erlebnis als die Geburt meiner Tochter. Er war ein Sternengucker, die Atmosphäre berauschend lieblich und dennoch nicht ohne diese intensiven, gewaltigen Urkräfte, die anders waren als bei meiner Tochter.

Ihr lieben Frauen und Leser/innen, traut euch. Es ist euer Körper und allein eure Verantwortung. Jeder Frau kann gebären, wir konnten es schon immer. Unsere wunderbaren Körper sind dazu geschaffen. Selbstbestimmend und würdevoll gebären zu können ist möglich, sofern ihr dafür einsteht. Für euch und eure Kinder.

Herzlichst

Daniela und Uwe

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