Wenn es hier keine Hebammen mehr gibt

… dann mach ich es eben alleine!

sagte sich die Mutter und Medizinstudentin, die im Folgenden von der Alleingeburt ihres dritten Kindes berichtet. 

Nach einer Krankenhausgeburt, die ganz ok, aber doch auch mit einigen negativen Erlebnissen verlaufen ist und einer Hausgeburt mit einer wundervollen Hebamme, denen jeweils unkomplizierte, tolle Schwangerschaften vorausgegangen sind, kam für mich eine anonyme Krankenhausgeburt so gar nicht mehr in Frage. Vor allem hier nicht, da wir gerade in Frankreich leben, wo die Geburtshilfe noch deutlich interventionsreicher ist als in Deutschland schon. PDA=Standard (über 90%), sehr sehr viele Dammschnitte, vorgeschriebene Geburtsposition (liegen und in Beinhaltern festgeschnallt), Beschleunigung, grelles Licht, keine Privatsphäre und Stress… nein danke! Da kann man sich zwar bestimmt auch gegen wehren, aber Angst, Abwehr und Aggression sind einfach nicht das, was man für eine entspannte Geburt braucht.

Aber Hausgeburt, so ländlich, eine halbe Stunde bis zum nächsten Krankenhaus? Dann kamen noch zwei sehr starke Blutungen in der 11. und 13. Woche hinzu, die meinem ausgeprägten Urvertrauen in meinen schwangeren Körper einen leichten Knick gaben … Na gut, immerhin gibt es noch eine Hebamme, die Beleggeburten macht. Also dann halt so, das wäre doch auch noch mal ne neue Erfahrung.

So ging also die Hälfte der Schwangerschaft rum. Das Vertrauen kam zurück und gleichzeitig die Nachricht, dass die Belegklinik wahrscheinlich schließen wird und es keine andere mehr gibt. Außerdem wollte die Hebamme am 15.8. in den Urlaub. Mein Termin war der 16. … Zwar hatte ich schon lange das Gefühl, dass das Kleine sich schneller auf den Weg machen würde, aber man weiß es ja doch nicht … Und irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich auf etwas einzustellen und nicht diese ganze Ungewissheit zu haben, in welchem Krankenhaus mit wem ich das Kind bekommen würde. Außerdem ist über eine Stunde Fahrtzeit in die Belegklinik mit Wehen auch ganz schön viel …

Und da war sie wieder, die Idee, das Kind doch alleine zuhause mit meinem Partner zu bekommen, wenn das die einzige Alternative zum Krankenhaus ist. Witzigerweise kam sie von ihm selber  (der der Hausgeburt (meine 2.Geburt) noch kritisch gegenübergestanden hatte),  als ich in der Unsicherheitsphase mit den Blutungen die Idee total absurd fand. Als ich sie jetzt wieder aufgriff, war er erst skeptisch, aber mit den Wochen reifte der Entschluss und schließlich stand es fest. Ich teilte es der Hebamme mit (die ihren Urlaubsbeginn übrigens doch noch auf den 8.8. vorverlegt hatte …), kaufte mir ein Doppler-Gerät, besorgte einen kleinen Absaugschlauch, verschlang Bücher (v.a. „Geburtshilfliche Notfälle“ von Hildebrandt, „Die Selbstbestimmte Geburt“ von Gaskin und „Hypnobirthing“ von Mongan) und machte mir positive Gedanken. Als kleines Backup hatte ich außerdem noch meine deutsche Hebamme, die mir telefonisch und sogar per Skype mit Rat und Tat zur Seite stehen wollte, falls ich sie brauche, aus gutem Herzen, Überzeugung und Liebe für ihren Beruf heraus. Toll, solche Menschen müsste es mehr geben!!!

Ich hatte ein gutes Gefühl und Vertrauen in meinen Körper. Freute mich auf das Kind und auch darauf, endlich diese Rippen- und Symphysenschmerzen loszuwerden.

Am 5.8. der blutige Schleimpfropf, den Muttermund fand ich schon etwa 2 cm weit offen, am 6. noch eine geplante CTG-Kontrolle bei der Hebamme (die meine Entscheidung nicht so toll fand und sogar – pflichtmäßig – die Behörden informierte, um sich abzusichern). Am 7. morgens drei kleine Wehen im Abstand von etwa 5 min, aber dann wieder Ruhe, komplett. Also noch nicht heute … Mein Partner wollte mit der 5-jährigen auf den Berg klettern gehen und ich fragte ihn, ob er die 3-jährige nicht mitnehmen wolle, damit ich noch etwas in Ruhe am PC arbeiten könnte, denn dazu würde ja bald erstmal die Zeit fehlen … Ja, aber wie soll er dann den Berg schaffen, mit beiden Kindern plus Klettersachen? Immerhin 550 Höhenmeter von zuhause aus … Gut, dann komme ich die ersten 20 Minuten mit, trage die 3-jährige ein Stück und er die Große, damit sie nicht den ganzen Berg laufen muss. Gesagt, getan. Aber ich war so fit, also kam ich noch 10 min weiter mit. Trug ein Stück die Große, damit die Kleine (Mittlere …) bei Papa im Rucksack einschlafen konnte. Dann lief die Große. Ich ging doch noch mit bis zum nächsten Aussichtspunkt. Gut, noch bis zum Anfang des steilen Anstiegs … Nur noch ein Stück hinauf … Als wir fast oben waren, zog es ein bisschen im Bauch. Und es wurde regelmäßiger, alle 4 bis 6 Minuten. Sind das etwa Wehen? Sie taten kaum weh, wenn ich gut in den Bauch geatmet habe, nur ein leichtes Ziehen. Und jetzt verbot mein Partner mir, allein den Berg wieder runterzugehen und ich verbot ihm, jetzt umzukehren, wo wir es fast geschafft hatten. Außerdem, es ist ja noch gar nicht eilig … Also rauf, die Kinder sind geklettert, ich hab mich an einen Felsen gelehnt und zugeschaut und pausiert. Dann irgendwann sind wir schnellen Schrittes runter, weil wir ja noch unsere Obst-Abokiste abholen mussten. Das Ziehen blieb regelmäßig. Runter brauchten wir nur eine Dreiviertelstunde. Zuhause Muttermund getastet, da war kein Muttermund zu tasten, also verstrichen, aber die Weite der Öffnung konnte ich nicht ertasten … hab mich ausgeruht, er hat die Kiste geholt und Essen gekocht. Wir haben gegessen (besser, ich hätte mir nicht noch mal nachgefüllt) und ich hab den Kindern zum Schlafengehen war vorgelesen. „Mama, lies doch endlich weiter!“ – ich versuche ruhig zu atmen – „Warum liest du denn nicht???“ – aua, die tat weh, weil ich ärgerlich und unkonzentriert war. Endlich schlafen die beiden Großen. Ich leg mich ins andere Zimmer, und es drückt. Ich mache intuitiv bei 1-2 Wehen ein paar tiefe Töne, das tut gut.

Ich denke, ich brauche gleich eine Schüssel, nein, zwei! Eine zum Reinspucken und eine für das Fruchtwasser, das gleich bestimmt kommt … Die erste benutze ich auch gleich … Nein, die Kinder sollen doch in dieses Zimmer, ich will ins andere. Mein Partner trägt die Kinder also rüber, geht sich in aller Seelenruhe die Hände waschen, während ich vor dem Bett knie, die Schüssel fürs Fruchtwasser zwischen den Beinen, damit nicht alles überschwemmt wird. „Komm, ich brauch dich!“, rufe ich hektisch. Er kommt rein: „Ist das der Kopf???“ „Nein, die Fruchtblase.“ Tatsächlich hat sie sich, flüssigkeitsgefüllt, mehrere Zentimeter herausgestülpt. Was soll ich jetzt machen, so kann mein Kind doch nicht kommen? Aber aufmachen schaffe ich mit den Fingern nicht, ist viel zu glitschig und fest. Zum Glück aber auch gar nicht nötig. Habe nur einmal kurz das Gefühl, pressen zu müssen, aber dann atme ich wieder gut, so wie ich es im Hypnobirthing-Buch gelesen und auf dem Klo ausprobiert habe. Mein Oberkörper geht automatisch hoch, ein kurzer Urschrei, meine Hände sind zwischen den Beinen und mit einem Schwupps läuft das Wasser aus der Fruchtblase heraus und das ganze Kind kommt hervorgeschossen! Gut, dass wir gemeinsam unsere Hände da hatten! Mir kam es vor, als hätte ich das Kind fallen gelassen. Ich hätte sie niemals allein auffangen können, bei der Geschwindigkeit … mit der ich gar nicht gerechnet hatte!

Schnell, das Hemd aus, Kind in den Arm und ins Bett kuscheln. Ach nee, vorher Tücher aufs Bett … und … schnell, guck auf die Uhr! – gut, 22:55 und ein paar Minuten noch abziehen … 53 ist doch eine schöne Zahl … hach, was ein süßes Kind! Und sie riecht so gut!!! Einmal kurz geschrien und schon schläft sie wieder, wie auch im Bauch die meiste Zeit.

Manche Leute sprechen von der „Vertreibung aus dem Paradies“, aber dieses Kind sieht so zufrieden und ruhig aus, schläft erstmal direkt weiter und will auch gar nicht trinken die ersten paar Minuten. Rosig, atmet gut, zufrieden … Jetzt kann ich erstmal eine Weile ruhig durchatmen. Was ist es eigentlich? Ach, ein drittes Mädchen!

Aber die Plazenta, die muss ja auch noch raus! Nach einer Weile trinkt die Kleine doch und als ich nach einer Dreiviertelstunde nach der Schüssel frage, hocke ich mich mit dem Kind im Arm darüber – und schwupps, flutscht die Plazenta heraus, mit einem gehörigen Schall Blut hinterher. Dann schlafe ich erstmal eine Weile und irgendwann kommt mein Partner mit Schere und Faden, wir binden die Nabelschnur ab und schneiden sie durch. Ich hatte erst über Lotusgeburt nachgedacht, aber dann war es mir doch zu umständlich und ich wollte mich lieber freier bewegen können mit der Kleinen. Dann ist es Schlafenszeit, glücklich, erschöpft, mit dem Kind im Arm!

Übrigens hat auch dieses Kind wieder, wie die zwei anderen davor, die 4-Kilo-Marke geknackt. Aber weit entfernt von Schulterdystokie und co … und für das Hören mit dem Doppler hatten wir gar keine Zeit, kein einziges Mal, weil die ganze Zeit was zu tun war. Was auch nicht schlimm war, es hat sich alles die ganze Zeit gut angefühlt für mich.

Am nächsten Morgen kommt die Mittlere kuscheln, legt sich in meinen Arm und schläft weiter. Als sie schließlich aufwacht, sage ich: „Wer liegt denn hier im Bett?“ – „Ich und Mama.“ – „Und wer noch?“ – „Ich.“ – „Und wer noch?“ – „Mama.“ – „Ja und schau mal hier, neben mir!“ Sie guckt. „Und das Baby.“ Fertig mit der Sache, klar ist unser Baby da. Herrlich!

Das liebe ich auch so an Hausgeburten, wie selbstverständlich das neue Kind im Familienkreis aufgenommen wird, ohne dass die Geschwister einen großen Bruch empfinden, wenn sie aufwachen und Mama und Papa sind weg …

Am Nachmittag kam dann noch der Hausarzt, den ich vorgewarnt hatte, und schaute sich das Kindlein und die Plazenta kurz an.

Was für ein tolles Gefühl, die Geburt komplett in der eigenen Hand zu haben, keine Verantwortung abzugeben, sondern für jedes Handeln, alle Verantwortung selber zu tragen und es zu schaffen! Für mich war diese ganze Situation rückblickend ein Segen. Dennoch wünsche ich mir, dass jede Frau eine Hebamme an ihrer Seite haben KANN, wenn sie es wünscht und dass sie noch Hausgeburten und Beleggeburten und die ganze Palette haben kann. Ohne meine zweite Geburt und meine tolle Hebamme, die damals mein Urvertrauen in meinen gebärenden Körper so gestärkt hat, wäre diese wunderbare dritte Geburt in dieser Welt mir wohl schwerer möglich gewesen.

Ein großes Dankeschön an meine tolle Hebamme und an alle tollen Hebammen in dieser Welt! Und meinen Partner, der mich mit seinem Vertrauen so unterstützt hat. Und an Mutter Natur, die uns Frauen genau so gemacht hat, wie wir sein müssen, um wundervolle Kinder zu gebären! Nicht zuletzt natürlich danke für dieses Geschenk, ein so wundervoll friedliches Kind, wie ich noch keines erlebt habe!

3 Gedanken zu „Wenn es hier keine Hebammen mehr gibt“

  1. Hallo, liebe Sarah.

    Ich finde es großartig, dass Du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt und ich wünsche Dir alles Gute für Deine Schwangerschaft. <3
    Hat die Vorsorgehebamme aus Frankreich denn Dich "verpetzt" beim Amt ,weil Du eine Alleingeburt in Erwägung gezogen hast? Gab es dadurch irgendwelche Folgen?
    Viele Grüße, Cerstin

    1. Liebe Cerstin,
      Der Bericht ist von einer anderen Frau, die auch in Frankreich lebt, deren Bericht ich teilen durfte. Am besten, sie meldet sich dazu selbst zu Wort. Ich selbst hatte während meiner letzten Schwangerschaft hier in Frankreich keine Hebamme und auch während dieser werde ich wohl keine nehmen.
      Viele Grüße, Sarah

  2. Herzlichen Glückwunsch! und danke für deinen Bericht! Hat mir sehr aus dem Herzen gesprochen und Erinnerungen geweckt 😉
    So ähnlich hab ich es vor 1 Jahr auch empfunden…

    Alles Gute euch!

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