Die Kunst des Stillens

das erste Mal stillen
das erste Mal stillen

Stillen ist die natürlichste Sache der Welt. Und doch sehen sich die meisten Mütter gewissen Schwierigkeiten gegenüber, sobald es mit dem Stillen ernst wird. Im Normfall hat jede Frau zwar zwei anstandslos geschaffene Brüste, nur wurde irgendwie vergessen, die Bedienungsanleitung dafür beizulegen. Stattdessen gibt es häufig Ratschläge von allen Seiten, die sich inhaltlich nicht stärker widersprechen könnten.
„Lass das Baby an deine Brust, wann immer und wie lange es will!“
„Gewöhne ihm bloß einen festen Rhythmus an!“, „Eine Nachtpause ist wichtig!“, „Schone deine Brustwarzen, nicht zu lange anlegen und immer nur eine Seite!“, „Wenn die Milch nicht reicht, musst du halt zufüttern!“ usw.
Dabei könnte Stillen doch in fast allen Fällen und nach Überwindung eventueller Anfangsschwierigkeiten so einfach sein. Doch bis dahin haben viele Mütter schon aufgegeben. Weil sie entmutigt wurden, die falschen Ratschläge befolgten oder nicht unterstützt wurden.
Wenn du stillen willst und Probleme mit dem Stillen hast, dann gib nicht so schnell auf! Wende dich an eine Fachfrau für’s Stillen, z.B. von der La Leche Liga.
Einfach Tricks können besonders die erste Zeit des Stillens so viel leichter machen:
Gegen wunde Brustwarzen hilft beispielsweise eine Lanolin-haltige Creme, die vor und nach dem Stillen aufgetragen wird und auch nicht abgewaschen werden muss. Das war mein Wundermittel zu Beginn meiner ersten Stillzeit.
Gegen „zu wenig“ Milch hilft viel anlegen, da bei der Milch Angebot und Nachfrage untrennbar miteinander verbunden sind. Vorschnelles Zufüttern erreicht das Gegenteil, denn wenn das Baby anderweitig satt wird, bestellt es weniger an der Brust. Häufig wird von Hebammen Druck gemacht, wenn das Baby nach der Geburt in einer bestimmten Zeit nicht ein bestimmtes Gewicht erreicht hat. Davon sollte man sich primär aber wirklich nicht verrückt machen lassen. Sieht das Baby gesund aus, macht es regelmäßig Pipi und trinkt es gut, besteht erst einmal kein Anlass zur Sorge.
Auch in Zeiten eines Wachstumsschubs (und solche gibt es in den ersten Monaten viele), verlangen Babys manchmal ständig nach der Brust. Das wird oft als Zeichen gedeutet, die Milch reiche nicht. Für gewöhnlich bestellt das Baby aber nur mehr, weil sein Bedarf gestiegen ist. Die Brust reagiert und produziert innerhalb von ein paar Tagen mehr. Mit einer reichhaltigen Ernährung musst du nur alle notwendigen Bestandteile liefern. Den Rest machen deine Brüste dann von selbst. Dabei helfen Ruhe und Entspannung und viel Hautkontakt mit deinem Baby. Lass dich bekochen und pflegen, solange ihr das Stillen noch übt oder wenn ihr in einer schwierigen Phase seid.
Prophylaktisches Abpumpen der Milch, wie es meine Mutter zu ihrer Zeit noch eingetrichtert bekommen hat, ist nicht nötig. So kann man sich höchstens ein Zuviel an Milch bestellen. Harte Stellen in der Brust oder übervolle Brüste kann man vorsichtig mit der Hand ausstreichen – am besten unter der warmen Dusche oder nach warmen Auflagen. Da entspannen die kleinen Milchgänge besser und geben die Milch leichter her. Ein Überangebot an Milch ist meisten nur ein Problem der ersten Tage nach dem Milcheinschuss und pegelt sich sehr schnell auf den aktuellen Bedarf ein.
Auf leichten Stress kann der Frauenkörper besonders zu Anfang der Stillzeit empfindlich reagieren und ein Milchstau kann die Folge sein. Man fühlt sich matt, vielleicht fiebrig, und in der Brust finden sich harte, rote, schmerzhafte Stellen. Dann am besten nichts wie ins Bett mit Mama und Baby, ausruhen, stillen, kühlen und evt. harte Stellen ausstreichen.
Nach ein paar Wochen sind die anfänglichen Schwierigkeiten in der Regel überwunden und du kannst das Stillen ganz genießen.
Aber halt, ist es nicht bald schon wieder Zeit zum Abstillen?
Mit ca. sechs Monaten interessieren sich die meisten Babys zwar für feste Nahrung, allerdings darf und kann die Muttermilch noch bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr und darüber hinaus als wertvolle Ergänzung zum Einsatz kommen. Ihr dürft das Stillen also noch lange genießen, wenn ihr das wollt – sowie seine Vorzüge als Beruhigung, Schmerzlinderung und Einschlafhilfe bei einem den Schlaf verweigernden Kleinkind. Das alles ist erlaubt, in den meisten nicht westlichen Kulturen üblich und völlig unschädlich.
Egal was irgendwelche Ratgeber festlegen: Das Baby muss nicht auf Listen und Regeln, die irgendjemand aufgestellt hat, abgestimmt werden. Hauptsache ist nur, du und dein Baby, ihr seid auf einander eingestimmt.
Die Vorzüge des Stillens sind inzwischen ja hinreichend bekannt und erforscht. Dabei beeinflusst das Stillen nicht nur die emotionale Entwicklung des Kindes, sondern kann auch das Immunsystem stärken. Eine Studie (National Survey of Children’s Health 2003), für die Eltern zum Stillen ihrer Babys interviewt wurden, zeigt, dass bei gestillten Kindern im Grundschulalter und in der Pubertät verhältnismäßig seltener Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten auftraten. Auch, dass Stillen das Immunsysstem stärkt, ist ausführlich untersucht worden. (McJackson 2006)
Aber nicht nur für das Kind hat das Stillen gesundheitliche Vorteile. Auch die Mutter profitiert. Das Stillen schafft in vielen Fällen einen natürlichen Abstand zur nächsten Schwangerschaft und zum nächsten Kind, der dem mütterlichen Körper eine Pause gönnt und ihr Zeit gibt, sich ganz auf dieses eine Kind zu konzentrieren, solange es noch die volle, mütterliche Aufmerksamkeit braucht. Nebenbei senkt eine Mutter, je länger sie stillt, umso deutlicher ihr Brustkrebsrisiko.
In manchen Fällen kann es vorkommen, dass eine Mutter wirklich zu wenig Milch hat und nicht (ausschließlich) stillen kann. Die Ursache dafür kann in verschiedenen Hormonstörungen (z.B. Schilddrüsenunterfunktion, Insulinresistenz) liegen. Eine gesunde Lebens- und Ernährungsweise ist hier vorbeugend von entscheidender Bedeutung.
Emotionale Aspekte und traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit können zu Grunde liegen, wenn eine Mutter eine Abneigung gegenüber dem Stillen hat. Diese kann sich auch auf das Baby übertragen und dazu führen, dass es die Brust schon früh verweigert. Hier sollte man sich Hilfe suchen und darf die Situation als gute Gelegenheit betrachten, mit altem, unliebsamem Ballast endlich ins Reine zu kommen.

Klar ist: Zwei Brüste hat eigentlich jede Frau. Aber Stillen ist eine Kunst. Und es lohnt sich, diese Kunst zu beherrschen.

Ein Gedanke zu „Die Kunst des Stillens“

  1. Ich stille fast voll meine 14-monatige Tochter (sie verweigert fast alle feste Nahrung). Jedenfalls bin ich die einzige von allen Bekannten und Familien Mitglieder, die ohne Probleme gestillt haben. Ohne Entzündungen, Fieber, Blutigen Brustwarzen, Milchmangel usw. Es scheint eine Epidemie zu sein, fast keine Frau kann diese natürlichste Sache beherrschen und ihre Kinder ernähren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.