Mysterium Nabelschnur

„Und wie habt ihr das mit der Nabelschnur gemacht?“

Das ist die häufigste Frage, die ich bekommen, wenn ich jemandem über unsere Art zu gebären erzähle. Meist wird sie in einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen vorgebracht. Wenn ich dann antworte: „Wir haben sie einfach durchgeschnitten“, folgt meist ein ungläubiger Blick und der alles erklärende Satz für diese von uns vollbrachte Meisterleistung:
„Na, ihr seid ja Ärzte!“, was mich wiederum irritiert zurücklässt, weil ich den simple Vorgang des Durchschneidens noch nie im Licht meiner medizinischen Ausbildung betrachtet habe. Durchschneiden kann schließlich jeder, der eine Schere und die motorischen Fähigkeiten, sie zu bedienen, besitzt – sprich ein Kind im Kindergartenalter. Na gut, eine Nabelschnur ist derberes Material, etwas Kraft braucht man also auch. Sagen wir ab Schulkindalter sollte man in der Lage sein, eine Nabelschnur zu durchtrennen. Was ist also so kompliziert daran, das man dazu meint, dringend ein Krankenhaus und Ärzte zu brauchen?

Betrachtet man das Tierreich, wird generell ziemlich achtlos mit der Nabelschnur umgegangen. Als ich einmal der Geburt eines Kälbchens zuschaute, riss die Nabelschnur einfach durch, als Mama Kuh sich hinstellte, um ihren Nachwuchs abzuschlecken. Das eine Ende baumelte dort, wo das Kalb gerade herausgekommen war. Das andere (wobei da kaum mehr etwas hing) hing als blutiger Stummel am Kälbchen, das im nicht gerade sterilen Stroh liegend das herzhafte Abschlecken seiner Mutter über sich ergehen ließ. Nabelklemme? Sterile Schere und Umgebung? Fehlanzeige. Mama Kuh und ihr Kind schien das nicht zu stören und soweit mir bekannt ist, hat der Nachwuchs unbeschadet überlebt.
Tatsächlich geschieht es ja dauernd. Katzen, Hunde, Kaninchen, Rehe… kurz alle Tiere, die im Bauch ihrer Mutter mit einer Nabelschnur versehen sind, pfeifen bei der Geburt auf die Profis und eine professionelle Abnabelung. Keiner schreit nach einem Arzt oder einer Nabelklemme. Da geht es eher sehr beherzt und mitunter rau zur Sache. Da wird wahlweise gekaut, gebissen oder gerissen. Hauptsache ab, egal wie, aber auf jeden Fall unsteril.
Warum machen wir Menschen es eigentlich so kompliziert? Brauchen wir Profis und Rituale, um das Überleben unseres Nachwuchses als gesichert anzusehen? Wenn ich sage: „Wir haben sie einfach durchgeschnitten.“ habe ich oft das Gefühl, mir wird nicht geglaubt. Dabei haben wir genau das getan: sobald die Nabelschnur auspulsiert war, Küchenschere her und durchgeschnitten. Na gut, bei unserer ersten Geburt im Alleingang fühlte mein Mann sich wohler, als er einen kleinen Bindfaden um das Ende der durchgeschnittenen Schnur gebunden hatte. Aber wenn man einmal angefangen hat, gesellschaftliche Konventionen und Ängste in Frage zu stellen und stattdessen selbst zu denken, geht einem schnell der Sinn für die der Gesellschaft eigenen, angstdänpfenden Rituale abhanden. Stattdessen kann man in Erfahrung bringen, dass die Nabelschnur eine feine Sache ist. Sie versorgt nicht nur das heranwachsende Kind neun Monate lang zuverlässig mit allem, was es braucht, um heranzuwachsen, nein, sie verklebt und verschließt sich von innen, sobald ihre Funktion nicht mehr benötigt wird. Wenige Minuten nach der Geburt hört der Blutfluss auf und die Gefäßwände kollabieren. Hier und da mögen sich ein paar Blutklumpen verfangen und ein bißchen feucht ist es innen drin auch noch, was dazu führt, dass das durchtrennte Nabelschnurende in den ersten Stunden ein bißchen Restblut an Windel oder Kleidung schmiert – aber es fließt nichts mehr.

Worauf sind dann unsere Ängste begründet? Glauben wir, das Kind könnte plötzlich ausbluten und dann plötzlich ohne Blut dastehen? Haben wir Angst vor den bösen Bakterien überall? Hat man diese Angst, ist es sicherlich sinnvoll, entweder ein paar Stunden mit der Durchtrennung der Nabelschnur zu warten, oder ein langes Stück stehen zu lassen (und später zu kürzen). Neulich las ich einen interessanten Bericht über den Neugeborenen-Tetanus in manchen Teilen der Welt. Dort ist es vielfach üblich, zur Nabelpflege getrockneten Kuhdung aufzulegen. Klar, sagen wir gebildeten Westler, so was Dummes muss ja Folgen haben. Mit etwas mehr Hintergrundwissen ergibt sich ein differenzierteres Bild: In diesen Teilen der Welt war dieses Vorgehen schon immer üblich. Zu vermehrten Tetanusfällen kam es erst, als die Hebammen eine westlich geprägte Ausbildung erhielten, die vorsieht, die Nabelschnur recht nah am Kind zu durchtrennen. Traditionell war es bis dahin üblich, die Nabelschnur nahe der Plazenta zu durchtrennen. Welche Bakterie mag diesen langen Weg klettern? Hier vermischen sich also westliche und überlieferte Traditionen zu einer unguten Mischung. Aber anstatt das zu erkennen, pocht man auf noch mehr westliche Traditionen: die Impfung muss es richten. Kauf P*mpers und du tust was Gutes!

Stimmt es nun, dass nur ein Profi in einem Krankenhaus eine Nabelschnur durchtrennen kann? Nein, außer man will die Nabelschnur bereits vor dem Auspulsieren, ein paar Sekunden nach der Geburt, durchgeschnitten haben. Dann fließt darin tatsächlich noch Blut, und will man kein Blutbad anrichten, braucht man natürlich Klemmen und Co.. Dieses Vorgehen war bis vor Kurzem allgemein in Krankenhäusen Gang und Gäbe. In Schweden wurden diesbezüglich letztes Jahr die Richtlinien geändert. Wie es in Deutschland derzeit aussieht, weiß ich nicht. Ich kenne es jedenfalls noch so, dass nach der Geburt sofort die Klemme gesetzt wurde, um Blut zu entnehmen – man braucht ja das Nabelschnurblut für die ph-Messung und die Qualitätssicherung. Und dann durfte der meist zögerlich dreinblickende Papa feierlich durchschneiden – oder das Ganze dankend dem Personal überlassen. „Ach, machen Sie das mal.“ Ist doch besser, man lässt die Profis ran. Oder?

15 Gedanken zu „Mysterium Nabelschnur“

  1. Danke.

    Ich las ja kürzlich das erste Mal von einer Lotusgeburt bei der die Nabelschnur gar nicht durchtrennt wird und die Plazenta mit dem Baby verbunden bleibt, bis sie sich selbst löst. Das kann wohl mehrere Tage dauern.

    Fand ich auch sehr schön 🙂

  2. Ja, das ist auch eine (allerdings selten gewählte) Option. Mich störte die Plazenta noch einer gewissen Weile immer, weshalb ich sie ab haben wollte, aber hier und da habe ich auch von Familien gelesen, die das mit der Lotusgeburt durchgezogen haben.

  3. Hallo Ihr Lieben –
    was für ein hübscher, herzerfrischender Text!!! Am liebsten würde ich ihn ausdrucken und bei mir im Kreißsaal aufhängen – ich bin nämlich tatsächlich Klinikhebamme, war aber selber nicht so wahnsinnig, zur Geburt ein solches Etablissement aufzusuchen 🙂
    Seither habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Klinikgeburtshilfe etwas menschlicher zu gestalten, da ich mir Hausgeburtshilfe nicht leisten kann, obwohl ich diesen Ort grundsätzlich für völlig ungeeignet zum Gebären finde.
    Und wenn man sich etwas Mühe gibt, kann man auch dort sehr schön heimlich unter dem Laken die Nabelschnur auspulsieren lassen und den pH später aus der Plazenta abnehmen, ohne dass ein Weißkittel etwas merkt…
    Wer derartige Regeln und Standards entwickelt, der möchte doch beschissen werden! Also tu ich’s… Es passiert mir auch ziemlich häufig, dass die von mir betreuten Frauen plötzlich so krassen Pressdrang kriegen, dass ich es einfach nicht mehr schaffe, den Arzt rechtzeitig zur Geburt zu holen – naja, ich kann wohl manche Situationen nicht ganz korrekt einschätzen… 🙂
    Grüße an Euch alle von einer Guerilla-Hebamme: macht weiter so und lasst Euch nicht verunsichern!!! Ich weiß – auch ich bin entbehrlich…

  4. Bei meiner dritten Geburt hat meine damals knapp 4jährige Tochter die Nabelschnur durchgeschnitten (allerdings nach Anweisung der Hebamme). Ist also echt „kinderleicht.“

  5. Hallo Familie Schmidt,

    ich bin hier gelandet, weil ich mich heute abend über Nabelschnurblut informiere. Ich finde ihre Erfahrungen einzigartig und hervorragend. Mein Mann könnte niemals die Nabelschnur zertrennen. Der würde garantiert umfallen.

    Haben Sie sich auch schon einmal überlegt, ob Sie das Nabelschnurblut nicht aufbewahren lassen wollten? Ich habe jetzt schon einiges darüber gesehen, zum Beispiel http://www.nabelschnurblut.de und http://www.nabelschnurblut-einlagern.org, aber mir fehlt noch immer der Zugang zu Leuten, die das schon gemacht haben. Es hört sich auf der einen Seite vielversprechend an, auf dere anderen Seite denke ich dann aber auch, ob das wirklich so funktionieren kann.

    Alles Gute wünscht Ihnen Tanita

  6. Hallo Tanita,
    ich habe mich damit auch mal befasst und halte es für Geldschneiderei. Ich stecke mein Geld und meine Energie lieber in eine natürliche Gesunderhaltung meiner Kinder (was auch nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint), anstatt auf etwas zu hoffen, das eventuell in der Zukunft mal helfen könnte, aber sicher weiß es keiner. Denn wenn mein Kind wirklich irgendeine Krankheit entwickelt, die Stammzelltherapie notwendig macht, dann haben seine Stammzellen doch wahrscheinlich schon das Problem in sich. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass man sein Geld besser anlegen kann und mit vielen anderen Maßnahmen sehr viel eher die Gesundheit des eigenen Kindes sichern kann.
    Alles Gute für euch!
    Sarah

  7. Hallo Familie Schmid, habe ich es so richtig verstanden?
    Das Kind wird auf die Welt gebracht und ihr lasst es zunächst mit der Plazenta (die ja noch in dir ist) verbunden. Ihr wartet ab, bis die Plazenta dann als Nachgeburt kommt und dann schneidet ihr erst die Nabelschnur, nah am Bauchnabel des Babys durch? Ohne dabei abzuklemmen?

    Vielen Dank und Liebe Grüße
    Tina Romaysa

  8. Hallo Tina,
    ja, genau. Wir warten die Plazentageburt ab. Bis dahin ist die Nabelschnur auspulsiert und blutleer (bis auf etwas Schmiere hier und da). Dann kannst du einfach durchschneiden ohne Abzuklemmen. Das Abklemmen macht man im KH ja, weil vor Auspulsieren abgenabelt wird, also wenn noch Blut fließt und sonst Blut überall wäre. Du siehst das auch an einer auspulsierten Nabelschnur sehr deutlich. Sie ist, bevor sie später anfängt, einzutrocknen, schlaff, gummiartig und gelblich. Am Kind ca. 10 cm stehen lassen, viele lassen auch zunächst mehr stehen und kürzen dann. Sicherheitshalber wegen evt. aufsteigender Bakterien. Wenn die Schmierei aus dem Nabelschnurende am ersten Tag nervt, kann man auch mit einem Bändchen abbinden.
    Liebe Grüße, Sarah

  9. Hallo Sarah, herzlichen Dank für deine Antwort. Eine Frage habe ich aber doch noch. Wenn man jetzt, nach der Geburt handelsübliche Windeln verwendet, sollte man dann den 10 cm Stummel mit in die Windel stecken? Oder ist es besser ihn rausschauen zu lassen, bis er von alleine abfällt?

    LG Tina Romaysa

    1. Hallo Tina,
      damit der Nabel gut verheilt, sollte er trocken gehalten werden und deshalb auch nicht in eine (Wegwerf-)Windel eingeschlossen werden. Da drin ist es nämlich gern feucht-warm. Deshalb besser rausschauen lassen. Dazu kann man einfach die obere Windelkante umfalten. Es kommt vor, dass der Nabel mit dem Nabelschnurrest trotzdem irgendwann mal ein bisschen nässt und auch unangenehm riecht. Solange der Nabel-Bereich aber sonst normal aussieht, also nicht rot und geschwollen, ist das ok.
      LG, Sarah

  10. Sarah…
    Danke, dass du dir wirklich die Zeit genommen hast und mir so promt und informationsreich geantwortet hast. Jetzt habe ich mir auch tatsächlich dein Buch gekauft. Online als eBook bei derclub.de. Das Buch bestellen, zusenden oder gar im Geschäft kaufen, geht leider nicht mehr (was mir natürlich lieber gewesen wäre). Aber da ich nicht mehr in Deutschland lebe, war das eine gute Alternative. Hab auch direkt schon angefangen zu lesen und mag schon sehr.

    Ich strebe auch eine Alleingeburt an, was viele verschiedene Gründe hat. Bin jetzt 28 Jahre alt und zum 1. Mal schwanger. Bin nun fast in der 31. Woche und wenn du magst, schreib ich dir im Anschluss auch einen Geburtsbericht.

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