Eine ganz gewöhnliche Geburt…?

Eine Frau kommt ins Krankenhaus. Sie ist hochschwanger mit ihrem ersten Kind und hat nun regelmäßige Wehen alle 5 Minuten. Die 9 Monate ihrer Schwangerschaft sind bilderbuchmäßig verlaufen, abgesehen von ein bißchen Übelkeit am Anfang, ein bißchen Wasser in den Beinen zum Schluß und dem einen oder anderen Wehwehchen, die Schwangere so plagen. Nun sieht sie mit freudiger Erwartung dem Moment entgegen, in dem sie ihr Baby in die Arme schließen kann. Sie wird von der Hebamme aufgenommen, liegt eine halbe Stunde am Wehenschreiber, der schöne Wehen zeigt und rege kindliche Herztöne. Alles ist in Ordnung, die Untersuchung der Ärztin zeigt, daß der Muttermund bei 4 Zentimetern ist. Jetzt darf Frau spazieren gehen und zusammen mit ihrem aufgeregten und ein bißchen eingeschüchterten Ehemann spaziert sie wehend durch die Korridore und im kleinen Park des Krankenhauses herum. Nach einer Weile kommt sie wieder, die Wehen sind stärker geworden. Kontrolle des Muttermundes: 4 Zentimeter. Frau begibt sich wieder auf Wanderschaft, kehrt wenig später mit starken Wehen zurück. Eine weitere halbe Stunde am CTG zeigt kräftige Wehen und gute kindliche Herztöne. Da der Muttermund immer noch bei 4 Zentimetern ist, schlägt man der Schwangeren eine PDA vor, die sie dankend annimmt. Auch wenn sie sich vorgenommen hatte, es ohne zu versuchen, jetzt ist sie sicher, daß ihr das helfen wird. Es dauert ein bißchen, aber dann kommt der Anästhesist, sie muß den Rücken krumm machen, was bei den schmerzhaften Wehen nicht so einfach ist, er versticht sich einmal, aber dann klappt es. Der Wehenschmerz verschwindet und die Frau ist erleichtert und froh um ein bißchen Erholung. Es macht ihr auch nicht so viel aus, von nun an die ganze Zeit am CTG zu liegen. Eine Wehe nach der anderen kommt, aber sie spürt nur das regelmäßige Hartwerden des Bauches. Der Muttermund öffnet sich nun. 6 Zentimeter, 8 Zentimeter, 9 Zentimeter. Nur die Wehen werden schwach. Man beschließt, die Sache mit einem wehenbeschleunigenden Tropf anzuschieben. Es wirkt, die Wehen werden wieder stärker. Die Frau ist nun fast vollständig eröffnet, sie beginnt die Wehen wieder zu spüren und atmet schwer. Der Schmerz ist kaum auszuhalten, sie schreit und bettelt, daß man etwas tut. Die Hebamme bemerkt, daß die Herztöne des Kindes absacken. Der Wehentropf wird höher gedreht. Die Herztöne werden schlechter. Die Fruchtblase wird gesprengt. Grünes Fruchtwasser ergießt sich. Der Arzt entnimmt eine Blutprobe aus dem Kopf des Kindes, die sofort ausgewertet wird. Der ph-Wert ist schlecht, das Kind also mit Sauerstoff unterversorgt. Hektik beginnt. Der Arzt erklärt der Frau, daß man einen Kaiserschnitt machen muß, wenn das Kind nicht in den nächsten Minuten kommt. Das OP-Team wird zusammengerufen, die Frau willigt in den Eingriff ein. Sie wollte eigentlich auf normalem Weg entbinden, aber sie will auch das Leben ihres Kindes nicht gefährden. Die Herztöne sind weiter schlecht, aber die Wehen ineffektiv. Steckt das Kind fest? Und schon ist sie auf dem Weg in den OP. Jetzt verläuft wieder alles nach Plan. Wenige Minuten später heben die Ärzte ein blutverschmiertes, schreiendes Bündel aus ihrem Bauch. Sie darf es kurz sehen, bevor es verschwindet, um von den Kinderärzten untersucht zu werden. Ein paar Stunden später liegt die Frischentbundene auf der Wöchnerinnenstation, ihr Baby im Arm. Vielleicht schafft sie es zu stillen, trotz der Schmerzen von der Operation. Alles ist noch einmal gut gegangen.
Oder?
Hat der Körper der Frau 9 Monate alles richtig gemacht, um in den letzten Stunden zu versagen?
Im Gespräch mit den Ärzten erfährt sie, daß ihr Kleines die Nabelschnur zweimal um den Hals hatte. Warum mußte ein Kaiserschnitt gemacht werden? Wehenschwäche. Das kommt vor. Eine knappe Woche später wird sie entlassen und ist sicher: Wäre sie nicht im Krankenhaus gewesen, wäre ihr Kind sicherlich gestorben oder ernsthaft zu Schaden gekommen. Sie hat zwar das Gefühl, versagt zu haben, aber sie tröstet sich damit, daß das Wichtigste ein gesundes Kind ist. Und das nächste Mal wird sie sich um so bereitwilliger in die Arme der Ärzte begeben, die ihr bewiesen haben, daß sie es nicht allein kann.
Solche und ähnliche Geschichten passieren jeden Tag. Sie sind heutzutage ganz gewöhnlich. Was wäre passiert, wenn diese Frau zu Hause geblieben wäre? Wäre ihr Kind gestorben oder ernsthaft geschädigt? Kaum.
Ich glaube, ihr Körper hätte mit Bravour beendet, was er angefangen hat, sie hätte mit großer Wahrscheinlichkeit auf ganz normalem Weg ein gesundes Kind bekommen. Aber ob sie das je erfahren wird?

2 Gedanken zu „Eine ganz gewöhnliche Geburt…?“

  1. Ich habe mir eure Seite angesehen und möchte eines vorweg schreiben: Ich werde mir nicht anmassen über euch zu urteilen (deinen Mann und dich), aber ich möchte gerne meine Meinung schreiben.

    Zum Thema Kaiserschnitt:

    Ich selbst bin Mutter von 2 gesünden Söhnen, die BEIDE per Kaiserschnitt entbunden werden mussten. Der Erste weil es um SEIN Leben ging und der Zweite weil es um mein Leben ging. Ich danke den Ärzten, dass Beide heute bei mir sind (13 Jahre und 18 Monate alt).

    Waldgeburt:

    Wir als Familie leben auch sehr naturverbunden und versuchen unseren Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Das was du dort getan hast war deine/eure Entscheidung, aber … du solltest dich deswegen bitte nicht als Heilige feiern lassen! Ich kann dieses „Früher ging es auch ohne KH, Arzt …etc.“ nicht mehr lesen.

    Früher lag die Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen auch noch bei 25%. Heute bei unter 2%.

    Früher gab es auch kein Handy und kein Strom – wie man am ersten Bild deines Sohnes sieht verzichtest du auf Ersteres auch nicht und auf das Zweite sicher auch nicht!

    Ihr möchtet zurück zur Natur, DANN BITTE, ABER MIT ALLEN KOSEQUENZEN! Haus im Wald, kochen über Feuer und der Supermarkt ist auch TABU. Wenn ihr so leben würdet wäre eine Waldgeburt verständlich … Ansonsten NEIN!

    Stell dir vor, es wären Komplikationen aufgetreten und dein süßer Sohn wäre jetzt nicht bei dir …. Du hast Glück gehabt, … aber eine Heldentat war das sicher nicht!

    Viele Grüße von einer Mutter die dankbar für Ärzte und Krankenhäuser ist (wenn sie dann nötig sind!)

    Carmen mit Maximilian & Jan-Kilian

    1. Nein, gebären ist keine Heldentat. Aber ja, ich hatte Glück. Glück, daß ich alle Intervetionen und Störungen eines KH umgehe konnte und ganz ungestört gebären konnte. Das nämlich macht eine Geburt sicher. Ich bin nicht in den Wald gegangen, weil ich ach-so-zurück-zur-Natur bin oder mir die Steinzeit zurück wünsche. Aber ich hatte verstanden, daß eine Geburt sicher wird, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind. Für mich waren das: keine wie auch immer geartete Störung von außen. Entspannen und sich hingeben können, ohne beobachtet zu werden. Laut sein können ohne gehört zu werden. Dafür war der Wald einfach der beste Platz. Gib mir einen anderen Ort mit denselben Bedingungen, dann krieg ich ein Kind auch da.
      Aber ich verstehe, daß deine Geburten traumatisch für dich waren und hoffe, daß du mit der Zeit deinen Frieden damit findest.

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